Edith Maryon | Die Egoisten
Judith von Halle, Edith Maryon und der Golden Dawn

Edith Maryon war eine englische Bildhauerin, die zeitgleich mit der Gründung der Anthroposophischen Gesellschaft „mit entschiedener innerer Sicherheit“ (Rudolf Steiner, GA 263/1, S. 238) „sich mit dieser Bewegung“ verband. Sie war auf besonders enge Weise Steiners enge Vertraute, da sie nach seinen exakten Angaben in seiner Werkstatt arbeitete, und vor allem an der Realisation des „Menschheitsrepräsentanten“ mitwirkte. Judith von Halle nimmt immer wieder Bezug auf Maryon, durchaus nicht nur in Form von Zitaten, sondern auch so, dass sie mit Entschiedenheit Stellung zu Fragen des inneren Lebens Maryons beantwortet, die eine sehr enge Beziehung nahe legen. Ein Beispiel wird im weiteren Verlauf dieser Betrachtung aufgeführt werden. Aus dem näheren Umkreis von von Halle kursiert deshalb die Vermutung, von Halle sei die Reinkarnation Maryons. Eine explizite Bestätigung dieser Annahme ist mir nicht bekannt.

Es liegen am Verlag am Goetheanum die Biografien von Rex Raab und die von Peter Selg (1) vor, wobei sich die zweite als aktualisierte Neufassung der ersten versteht.

Aktuell geht Junko Althaus in ihrem Blog auf gewisse Besonderheiten und Unstimmigkeiten dieser engen Mitarbeiterin ein. In der Untersuchung des intensiven Briefwechsels zwischen Maryon und Steiner entdeckt sie z.B., dass Steiner entgegen seinen sonstigen Gewohnheiten jegliche persönliche Anrede Maryon gegenüber vermied: „Man merkt rasch eine Besonderheit in den Briefen Steiners an Edith Maryon, die sonst im Briefverkehr mit einer anderen Person nicht auftaucht: Steiner spricht Maryon in seinen Briefen an sie überhaupt nie persönlich an. Jegliches Du oder Sie ist in den Briefen an sie nicht zu finden. Das ist für den Leser irritierend. Es sind nicht nur drei, vier Briefe, die in jenem GA abgedruckt sind. In der Fülle der Briefe Steiners an Maryon, durch die er die Briefe von ihr an ihn beantwortet, taucht abgesehen der ersten Anrede, "Meine liebe Edith Maryon", weder Du, Dein.. noch Sie, Ihr...u.s.w. auf.“
Dieses im Vergleich zu anderen vorliegenden Briefwechseln merkwürdige Verhalten Rudolf Steiners interpretiert Frau Althaus in ihrem Artikel u.a. so: „Steiner schien stets auszuweichen, um nicht von den Kräften, die von Maryon ausgingen, zu sehr vereinnahmt zu werden.“

Frau von Halle hat demgegenüber, wie sie Wolfgang Stadler schrieb, eine andere Erklärung, von der man sich tatsächlich fragt, woher sie das wissen kann: „Edith Maryon hatte so einen hohen Respekt vor ihrem Lehrer und Meister, daß sie das "Du", das ihr Rudolf Steiner anbot, ablehnte! Sie dachte, es sei nicht passend, wenn ein so hoher Geist wie R.Steiner sozusagen sich "auf Augenhöhe" mit ihr unterhalten würde. An diesen Wunsch E. Maryons hielt sich Rudolf Steiner - und er sagte nie "Du" oder "Dein" o.ä. Auf der anderen Seite wollte er nicht das "Sie" ihr gegenüber verwenden - und umging deshalb die Anrede immer."

Frau Althaus entdeckt noch andere Merkwürdigkeiten, die sie in einem weiteren Artikel darlegt: Rudolf Steiner legte eine ungewöhnliche Strenge Maryon gegenüber an den Tag. Während er sonst auf die innere Freiheit und Eigeninitiative seiner Mitarbeiter primären Wert legte, lobte er selbst bei der Beisetzung der früh verstorbenen Maryon („Gedenkworte für Charlotte Ferreri und Edith Maryon“, 3. Mai 1924, (GA 261)) deren Bruch mit ihrem vorherigen Leben, ihre eiserne Disziplin und „Folgsamkeit“ in der Arbeit Rudolf Steiner gegenüber: „Man kann in einer gewissen Beziehung in die anthroposophische Bewegung nichts hineintragen, sondern man muß eigentlich zunächst das liegen lassen, was man vorher hat, wenn man aktiv mitarbeiten will. (…) Es konnte sich nicht darum handeln, etwa so zusammenzuwirken, daß irgend eine Resultante des Zusammenwirkens entstanden wäre, sondern es konnte sich nur darum handeln, daß die Arbeit so geleistet wurde, wie ich es haben mußte, wie sie geleistet werden mußte nach den Intentionen des Goetheanums, die ich zu vertreten hatte. (…) Ob man einverstanden ist miteinander oder nicht, die Arbeit muß zu standekommen, die Arbeit muß möglich sein.

Das ist tatsächlich, zumal bei einer Beisetzung, eine höchst merkwürdige Charakterisierung eines Verhältnisses. Es wird ganz deutlich, dass es ein erhebliches Problem in diesem „Einverstanden- Sein“ bei Edith Maryon gegeben haben muss, dass Rudolf Steiner ihr eine derartige Disziplin abverlangte. Und das, obwohl Maryon sehr früh nach ihrem Eintritt auch in die Esoterischen Klasse der Anthroposophischen Gesellschaft aufgenommen worden war und offensichtlich und explizit erhebliche esoterische Kompetenz mitgebracht hatte. Der Zusammenhang wird vielleicht deutlich, wenn ein weiterer Ausschnitt dieser Rede zur Gedenken an Maryon betrachtet wird: „Edith Maryon hat das, was in der anthroposophischen Bewegung zu finden ist, dadurch gesucht, daß sie zunächst innerhalb einer anderen esoterischen Gruppe Mitglied war und an den verschiedensten Arbeiten dieser Gruppe als ein sehr tätiges Mitglied teilgenommen hatte.“

Was ist unter „sehr tätig“ in diesem Zusammenhang zu verstehen? Peter Selg schreibt in der genannten Biografie, dass Maryon ab 1910 publizierte Aufsätze Steiners zur geistigen Schulung gelesen und 1912 zweimal vergeblich versucht hatte, Kontakt zu ihm aufzunehmen. Erst der Bittbrief eines Freundes, in der dieser schrieb „As she is in urgent need of advice and help, she can wait no longer..“, reagierte Steiner. Vielleicht schon in Berlin, spätestens am 31. Dezember in Köln fand eine Unterhaltung statt, die auch einen merkwürdigen Charakter gehabt haben muss, denn Maryon schrieb ihm schon am 1. Januar: „Sie sagten gestern dass ich viel mehr okkult entwickelt bin als ich in dieser Inkarnation zur Geltung bringen kann- ist das die Folge eines Fehlers, den ich begangen habe, oder weil ich eine andere Art von Arbeit zu vollbringen habe?“ (Selg, S. 32)

Maryon selbst, die „geschulte Okkultistin“ (Selg, S. 35) schrieb, sie sei bislang dem Meister Abdul Baha, dem Leiter der Bahai- Gemeinde gefolgt, aber das erklärt Rudolf Steiners strenge Betreuung und Auflagen ihr gegenüber nicht. Vielmehr war Maryon seit 1909, mit 37 Jahren, Mitglied des „esoterischen Ordens - der „Hermetic Students of the Golden Dawn“„ (Selg, S. 17), genauer gesagt deren Nachfolge- Orden „Stella Matutina“. Selg nennt diese Mysterienrichtung höflich „eleusinisch“. Genauer ausgedrückt handelte es sich um einen bedeutenden magischen Zirkel: „Der Hermetic Order of the Golden Dawn (hermetischer Orden der goldenen Morgendämmerung, kurz: Golden Dawn) war eine magische diskrete Gesellschaft. Er wurde um 1887/1888 in London von William Robert Woodman, Samuel Liddell MacGregor Mathers und William Wynn Westcott gegründet. Der Orden bestand bis 1903 und zerfiel dann wegen innerer Streitigkeiten in diverse Nachfolgeorganisationen.“
Berühmtestes Mitglied war der Schwarzmagier Aleister Crowley (hier ein biografischer Abriss bei den Egoisten). Maryon wurde offensichtlich nicht direkt Mitglied dieses Kreises, aber des Ablegers Stella Matutina, dem die meisten Gründungsmitglieder des Golden Dawn gefolgt waren. Maryons Interesse an Rudolf Steiner entsprang wohl einer Gruppe innerhalb dieses Ordens, der sich speziell als „Rosenkreuzer- Gruppe“ betrachtete. Allerdings arbeitete diese Splittergruppe auf eine „magische“ Art, nämlich durch Channeling, Beschwörung, Mediumismus und Besessenheit: „Die "Rosenkreuzer"-Gruppe, die von sich behauptete, sie könne durch Geisterbeschwörungen ein Medium in einen Zustand der Besessenheit versetzen, der es ermögliche, als Kontrollgeist niemand geringeren als die fiktive, legendäre Romanfigur des Christian Rosencreutz zu channeln.“ (Wikipedia, dito) Nach dem Weggang Maryon gab es Skandale, Veröffentlichungen und Schließungen dieser Zirkel, weil behauptet wurde, „dass es sich bei dem Orden um eine satanistische Organisation handele und verurteilte als konservativ gewordene Christin öffentlich die Machenschaften, später auch in zwei Büchern, in denen sie ihrem Eindruck Raum gab, dass die Stella Matutina eine satanistisch- kommunistisch-zionistische Konspiration sei, welche mittels sexueller Energien die Weltherrschaft erlangen wolle.“ (Wikipedia, dito) In jedem Fall war der höchst dubiose Orden ein exklusiver Zirkel, der zur Zeit von Maryons Eintritt seinen Höhepunkt hatte: „In seiner Blütezeit zwischen 1904 und 1910 wurden hier allein 72 Männer und Frauen initiiert.

So wird es verständlich, dass Rudolf Steiner Maryon mit äußerster Konkretheit eine streng überwachte Arbeit zuwies und ihr eine stetige Distanz und Strenge auferlegte, trotz der langjährigen intensiven Zusammenarbeit. Er selbst charakterisierte ihr Mitwirken in diesen schwarzmagischen Kreisen als „sehr tätiges Mitglied“. Gerade das giftige Arbeiten in mediumistischen Besessenheitszuständen am angeblichen Christian Rosenkreutz muss ihre esoterische Arbeit auf das Schwerste korrumpiert haben- so sehr, dass Rudolf Steiner aussagte, sie werde ihre (konstruktive) Aufgabe in einer Inkarnation nicht bewältigen können.

Es ist nun merkwürdig, dass sich Frau von Halle so nachhaltig und umfassend auf diese Person konzentriert und dass ihr nachgesagt wird, sie sei die Reinkarnation von dieser, ohne dass sie dies nachhaltig dementieren würde. Wenn sie es tatsächlich wäre, würde sie zumindest Relikte dieser geistigen Korruption in ihr heutiges Betätigungsfeld tragen können- vielleicht nicht einmal mit Vorsatz, sondern unter Einfluss von Leuten eines Schlages wie Aleister Crowley, der gern mit Sexualmagie agierte. Heute allerdings ist kein Rudolf Steiner mehr da, der eine solche Beeinflussung mediumistischer Art mehr im Schach halten könnte.


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