Maharishi Steiner | Die Egoisten
Michael Eggert: Maharishi Steiner und seine falsche Prophetin
Über Judith von Halles "Rudolf Steiner. Meister der weissen Loge. zur okkulten Biographie"

Zu dem Befremdenden, was man in den letzten Jahren über Rudolf Steiner lesen konnte, gehörten keinesfalls nur einige seiner Kritiker, sondern angebliche Verehrerinnen wie Judith von Halle, die in Rudolf Steiner Meister der Weissen Loge Zur okkulten Biografie so etwas wie eine frömmelnde New- Age- Version dieses vielschichtigen Mannes vorlegt, die schon vom Titelbild her (glubschäugige Meisterfotos und der bärtige Kitschjesus) an Heiligenbroschüren a la Maharishi erinnern.

Natürlich geht es von Halle nicht vorrangig um die Person Rudolf Steiner, nicht um seine vielfältigen Beziehungen, seine biografischen Brüche, seine inneren Kämpfe. Es geht vor allem um das Nichtgreifbare, das behauptete "Geistige", eine Individualität (wie sie schon im zweiten Satz proklamiert), "die sich von allem, was sonst im Zwischenmenschlichen erfahren werden kann, auf so eindrückliche und nachhaltige Weise unterschied, dass sich die Frage nach dem Wesen und Urständen dieser Individualität für viele (..) Menschen wie von selbst stellt." Das Ausklammern des Biografischen in einem Porträt hat einerseits für die Autorin den Vorteil, dass nichts von ihren Behauptungen überprüft werden, und dass, andererseits, damit die Behauptung für ihre Anhänger untermauert werden kann, nur sie habe exklusiven "esoterischen" Zugang zu diesen Aspekten.

Das bestätigt sie auch schon auf Seite 8, wo sie erklärt, sie habe Zugang zu den "Archive(n) der geistigen Welt"- die denn auch "verlässlicher" seien als die "exoterischen". Sie spricht sich damit von vornherein frei von für sie vordergründiger Recherche- Arbeit und verlässt sich ganz auf ihre "geistige(n) Augen und Ohren". Damit macht sie sich auf zu der "Sphärenhöhe dieses Wesens"(S. 9). Im Grunde interessiert sie nicht einmal die proklamierte Meister - Höhe dieses Wesens, sondern hauptsächlich dies als "Behausung für ein noch höheres Wesen" (S. 9). Dies könne sie im vorliegenden Band nur "fragmentarisch" ausführen. Man kann aber daraus schließen, dass sie zu Diesem, was auch immer den Meister Steiner "behause", selbst Zugang habe, ja dass dieses Behausende das sie selbst Inspirierende selbst ist, da sie es sonst kaum "erkennen" könnte. Mit anderen Worten - Steiner als Person, ja selbst als "Meister" interessiert sie individuell gar nicht, sondern das, was sie selbst hört und sieht. Sie sieht also den Steiner, den sie sehen möchte. Das einer biografischen Arbeit vorweg zu schicken, bedeutet, dass man sich ihr und diesem Buch nur glaubend anvertrauen kann. Ihre inspirierenden Geister kennen wir nicht, können wir nicht kennen, denn sie schweben in scheinbar unerreichbaren Fernen und Höhen. Ganz offensichtlich ist das Steinerbild, das ihr vorschwebt, ausschließlich ein Spiegel ihrer wie auch immer gearteten "Schauungen". Im übrigen entspringt diesem (für uns durchaus trüben Quell) auch der von ihr so verstandene "Lebensauftrag (..) und -werk (..) dieser Individualität: die Anthroposophie." (S. 11) Das steht im deutlichen, ja grellen Widerspruch zum Anspruch der "Geisteswissenschaft" Rudolf Steiners, die ja nachvollziehbar und transparent auftritt, vor allem im denkend erkennenden Ansatz der "Philosophie der Freiheit" Rudolf Steiners.

Im weiteren folgt bei von Halle die übliche Klage über eine "derart unspirituelle Zeit" (S. 14), in der sie die Fokussierung auf den allgemeinen Wunsch, "Rudolf Steiner auch als Mitmenschen zu verstehen und kennenzulernen" zwar verstehen könne, wobei nicht dessen Menschlichkeit, sondern das "allzu Menschliche" häufig im Mittelpunkt stehe. Steiner werde als Person dargestellt "mit vermeintlichen Schwächen und Fehlern" (S. 16), und die Biografen und Leser verfielen einer kollektiven "Hybris". Sie selbst wolle sich ganz dem "Nicht- Durchschnittsmenschen Rudolf Steiner" (S. 22) widmen. Dass das nun wiederum im verstärkten Maß einen Anspruch formuliert, den man durchaus als Hybris verstehen kann, bemerkt sie dabei natürlich nicht.

Judith von Halle bringt eine Reihe von Zitaten Steiners ein, die das im Titel angesteuerte Thema "Weiße Loge" anstossen. Sie kennt offenbar den "Plan der Meister der Weißen Loge", worunter das "Herausfließen" der bislang unter Mysteriengeheimnis stehenden "Geheimwissenschaft" durch Steiner gehört. Trotz aller Widerstände könnten gewisse Menschen diesen "Meister- Plan auffinden" (S. 38). Es ist interessant, dass von Halle diesen ihren offensichtlichen Anspruch in solchen Zusammenhängen ("Menschenherzen und - Häupter entzündet..") gern ungekennzeichnet aus Steiner- Worten entlehnt, wie etwa dem Grundsteinspruch. So ist z.B. die Charakterisierung eines Christian Rosenkreutz und des Rosenkreuzertums generell identisch mit Aussagen Steiners und wirkt unverfälscht. An diesen Punkten spricht sie - sich selbst zurück nehmend und praktisch ausschließlich referierend - von einem notwendigen individuellen Tor zur Erkenntnis und davon, dass "Anthroposophie niemals etwas sein (könne), das sich einfach über die Menschen stülpt und die verkündet wird wie eine Volksdoktrin". (S. 48) Der christlich- rosenkreuzerische (..) Freiheitsgrundsatz" wird - wie vieles Andere - von ihr vorgetragen, der da lautet: "Gib nur Auskunft, wenn du gefragt wirst." (S. 49) So wird bis Seite 61 Steiner referiert. An dieser Stelle möchte Judith von Halle etwas "ergänzen" und kommt dann auf ihre Interpretation des Auferstehungsleibes Christi, der ein zu vervielfältigen(der) Keim (..) des Abbildes von Christi "physischer" Leiblichkeit" (S. 63) sei. Von Halle verwendet einige Mühe, Auferstehung und Himmelfahrt in diesem merkwürdigen, ausdrücklich nicht- ätherischen Konzept einer Massen- Kopie durch den so genannten Phantomleib auszuführen, den man sich bei geeigneten Voraussetzungen "anziehen" könne. So sei es auch "alles andere als unwahrscheinlich", dass "Meister" wie Rosenkreutz, Steiner und andere, sich ein solches "Abbild" des Leibes Christi "einverwoben" hätten.

Mit dem ersten wirklich eigenständigen Gedanken von Halles bekommt die von ihr verbreitete Esoterik den seltsamen Beigeschmack einer in Fließband- Produktion entstandenen Anzahl von Christus- Leib- Kopien- etwas, was etwas abstoßend Mechanisches beinhaltet: Bereitmachen, Anziehen, Kopie erhalten. Jedes gesunde Empfinden widerspricht einer solchen Mechanik, die von Halle dann auch noch deklariert als unumstößliche Zukunft aller Menschen. Später würden entsprechend entwickelte Menschen selbst auch die "eigenen Seelenglieder" in diesem Produktionsbetrieb Anderen zur Verfügung stellen, was angeblich einen "vollkommenen Bruderbund der Menschenseelen und Menschen- Iche" (S. 65) "hervorbringen" würde, und zwar "durch Einverleiben von Wesensglieder- Anteilen anderer Individualitäten" (S. 65). Dieser geistige Kannibalismus käme zustande (ausgerechnet), je "Ich- hafter der Mensch wird". Er sei dann praktisch, da er sie sich ja einverleibt hätte, "durchwirkt" mit den "Abdrücken anderer Individualitäten" (S. 65)- etwas, was deutlich mehr von archaischen, ja atavistischen Konzepten als von Erkenntnisschritten in voller Bewusstheit und Selbständigkeit als „Ich- haft“ suggeriert. Dieses seltsame Potpourri von Identitätsfragmenten ist nun auch alles andere als etwas, was man als ausgehend von einem Verfasser der "Philosophie der Freiheit" vermuten würde. Statt einer Spiritualisierung des individuellen Denkens bekommt man hier etwas serviert, was Anklänge wie an die animistische Bön- Religion zeigt, mit deutlichen Anteilen von Mediumismus. Der erste eigenständige Gedankenzug von Halles implantiert einen deutlich mechanistisches, fremdes Animismus- Element im Gewand von Christentum und Anthroposophie. Aber vermutlich ist von Halles persönlicher Erfahrungs- und Einweihungshintergrund eben so. Was sie da präsentiert, macht den Eindruck eines umgedrehten, entstellten sakralen Geschehens.

Nachdem sie das in ihren Text implantiert hat, fährt von Halle wiederum mit dem Rezitieren und Interpretieren von Steiner fort. Das Thema einer speziellen Einverleibung des Phantomleibes - so wie sie ihn begreift und als einzig geltendes Einweihungsprinzip postuliert - wird aber mit besonderer Betonung immer weiter ausgeführt, als wäre dies ein Teil normaler anthroposophischer Darstellung. Sie unterstellt, genau diese Tatsache gehöre zur geisteswissenschaftlichen Entwicklung schlechthin, solche Dinge könne der Mensch in Zukunft "wirklich wissen: Er muss sie nicht mehr als schiere Wunder hinnehmen." (S. 75) Falls man diese Darstellung nicht akzeptiere, müsse man hinnehmen, dass Leben und Sterben Christi vergeblich gewesen seien, denn dann seien die "Taten Christi" nichtig, und würden auch "nie wieder auftreten". Statt auch nur einen Hauch der Auferstehung zu realisieren, geht sie sogleich über in neue absurde Verknüpfungen: Nur durch die Aufnahme von mechanischen Kopien dieses Phantomleibes seien Wunder wie die erklärbar, dass ein Meister zugleich an zwei verschiedenen Orten auftreten könne, wofür es ja auch bei Steiner selbst Beispiele gäbe. Steiner selbst sei also auch ein Beispiel von ihrer Theorie einverleibter Phantomleiber. Hier denunziert von Halle Steiner also auch selbst als durchdrungen von dieser spezifischen Art Wunder- und Magiertums, das sie hier ein- und ausführt. Sie behauptet, nur so könnten überhaupt "wirklichkeitsgemäße Gedanken und Empfindungen (..) gegenüber der großen Individualität Rudolf Steiners" entwickelt werden. Ich würde dagegen sagen: Das Gegenteil ist der Fall. Die Verballhornung der Auferstehung und Himmelfahrt Christi wird fortgesetzt zur Darstellung eines mechanischen Erkenntnisweges und Rudolf Steiners als magisch Wirkender.

Die Dringlichkeit, innerhalb der anthroposophischen Gesellschaft solche angeblichen wichtigen Erkenntnisse über die geistige Wesensart Rudolf Steiners zu akzeptieren, sei auch durch die kurz bevorstehende Inkarnation Ahrimans gegeben. Falls man ihre Interpretation nicht übernähme, erzeuge man eine "okkulte Gefangenschaft" (S. 91) für Rudolf Steiner. Im weiteren spinnt von Halle wieder ein sensationelles Garn über die angebliche Fälschung von Rudolf Steiners Geburtsdatum durch schwarze Magier. Das gibt dann noch Gelegenheit, ein bisschen Hitler und Holocaust einzuflechten in das inzwischen vollkommen wirre Konzept. Selbstverständlich wird auch Kaspar Hauser in die trübe Soße hinein gemischt- tatsächlich, wie sie scheinheilig fragt, nicht nur eine "an den Haaren herbeigezogene Gedankenkonstruktion?" (S. 115), sondern vor allem ein aufgehitztes Ablenkungsmanöver von den noch problematischeren Kernaussagen des Buches. Auch wenn von Halle zwischendurch mal wieder das geforderte "Hervorbringen eigenständiger Erkenntnisse" durch esoterische Schüler einfordert, kommen in der Folge wieder Aussagen über den Meisternamen Rudolf Steiners, die man glauben kann oder nicht, die auch keine erkennbare Relevanz haben, außer den Anspruch von Halles, Sensationen und Exklusives an ihre Anhänger zu verteilen, was mit dazu beiträgt, dass diese an ihren Lippen hängen und alles andere als "eigenständige Erkenntnis" gewinnen. Das Füttern mit angeblich exklusiven Informationsbrocken ist offenkundig die Methode, um hungrige Gläubige zu füttern und ihnen dabei im Kern eine entstellte und verdorbene Esoterik mit in den Brei zu mischen. Es ist eine Mimikry, die sich des christlich- esoterischen und anthroposophischen Sprachgewandes bedient, um zu blenden und genau davon abzulenken, was es vorgibt zu beinhalten: Den individuellen Zugang zum lebendigen Geist.