Gutes Kino | Die Egoisten
Michael Eggert: Gutes Kino


Es war nur etwas ruhig geworden in letzter Zeit (Januar 2013) um Judith von Halle. Offensichtlich hat das auch seinen Grund- sie ist, wie auf Facebook mitgeteilt wurde, schwer erkrankt, so dass alle Veranstaltungen bis Ende Januar 2013 ausfallen werden. Alle- bis auf eine. Am 8.12.2012 werden Wolfgang Gutberlet, Judith von Halle, Benediktus Hardorp, Wolf-Ulrich Klünker, Hartwig Schiller und Justus Wittich über das Thema "Erkennen und Erleben an der Schwelle - Geistige Erfahrung in der Gegenwart" diskutieren, als offizielle und, wie man sieht, sehr prominent besetzte Veranstaltung der Anthroposophischen Gesellschaft in Deutschland. Es ist nur zu verständlich, dass Judith von Halle diese Veranstaltung trotz ihrer Erkrankung unbedingt besuchen möchte, denn sie ist damit ja nun endlich ganz auf Augenhöhe zu den Führungsteams der Gesellschaft angekommen, ganz offiziell und in in voller Öffentlichkeit.

Gleichzeitig kommt auch ein neuer Quotenkiller von ihr heraus, nämlich der erste Band von ihr über Die Templer. Eines der Lieblingsthemen nicht nur vieler Anthroposophen, sondern auch Inhalt von im Internet geradezu überschwappenden Denunziationen dieses Ordens (und meist schon von Philip dem Schönen selbst in die Welt gesetzt wurden). So etwas ist von Frau von Halle nun wirklich nicht zu erwarten, im Gegenteil, sie hat, wie immer, Einblicke, die sonst offenbar niemandem gegeben sind und berichtet daher über den intimen Initiationsweg und die Riten: "Gerade in Bezug auf die Initiationsrituale des Templerordens ist dieses Buch ein einmaliges Werk, weil es bis zum heutigen Tage unbekannt gebliebene Details und Hintergründe der Rituale enthüllt, deren Kenntnis für ein stimmiges Geschichtsbild in der Gegenwart notwendig ist, weil die für ihre Zeit so einzigartige Einweihung der Templer erst die Motive ihres Handelns und das ihrer Gegenspieler verständlich macht.
Mittels reicher sprachlicher wie zeichnerischer Bilder werden in diesem ersten Band zwei Abschnitte der Einweihung in den höchsten Grad des Bundes geschildert, das Morgen- und das Abendritual, so wie sie sich zwischen dem Ende des dreizehnten und Anfang des vierzehnten Jahrhunderts konkret vollzogen haben."
So der etwas schwärmerische Werbetext des Verlags, der im Folgesatz auch das Problem beschreibt, das ich mit diesen Texten habe. Der Verlag schreibt: "Dadurch fühlt sich der Leser wie mitgenommen auf jene innere Reise, auf die sich die Templer-Adepten damals begaben, und wird dabei – weil diese aus der Perspektive der Einzuweihenden geschildert wird – zu eigenen seelisch-geistigen Erlebnissen jenseits der Schwelle angeregt."

"Wie mitgenommen" fühle ich persönlich mich im Kino und in Filmen überhaupt, und so schreibt ja auch Frau von Halle- ganz konkret, oft bis in extreme Details genau, in der Zeit ablaufend, den Fokus schwenkend- eben mit filmischen Mitteln. Etwas, was mich mitnimmt, ist aber nichts, was zu "eigenen seelisch-geistigen Erlebnissen ... anregt", ganz im Gegenteil. Dann erlebe ich Frau von Halle, wenn ich sie denn lese, trotz ihrer Konkretheit im Detail immer nur schwummerig, häufig mit drastischen Szenen und ungeheuerlichen Enthüllungen. Für mich ist sie daher eher eine Schriftstellerin, die die Bedürfnisse ihrer Leser stillt. Aber Stillen ist in meinen Augen etwas, was satt macht und die tatsächliche eigenen, kleinen, mühseligen Bemühungen untergraben kann. Frau von Halle ist einfach gutes Kino.