Zombies und Demenz | Die Egoisten
Michael Eggert: Zombies & Demenz
-Ein weiteres Buch Judith von Halles*-




zombies

In einem neuen Buch - „Die Demenzerkrankung. Anthroposophische Gesichtspunkte“*- geht Judith von Halle, die wir an dieser Stelle schon mehrfach angesprochen haben, über ihre bisherigen thematischen Bezüge wie das Leben Jesu hinaus und widmet sich einem konkreten menschlichen Problem- eben der Demenz. Vielleicht stellt das ja, nachdem Frau von Halle nun auch im Goetheanum auftreten und vortragen darf, auch einen Schritt dar von der Wundererscheinung zur ernsthaften anthroposophischen Autorin. Natürlich ist das reine Spekulation.

Jedenfalls hat das Büchlein auch ein Geleitwort von Michaela Glöckler erhalten und darf somit mit einem gewissen wachsenden Wohlwollen rechnen- auch bei denen, die nicht unbedingt Freunde von Lichtnahrung und Stigmata sind.
Der eigentliche Anlass für Frau von Halles Betrachtungen waren Anfragen bezüglich einer speziellen architektonischen Gestaltung der Umgebung Demenzkranker. Leider geht die Autorin darauf nur kurz am Ende des Buches ein. Praktisch umsetzbar sind ihre diesbezüglichen Anregungen kaum, wünscht sie sich doch runde oder spiralige Räume, die von sehr wenigen Bewohnern in kleinen Wohngemeinschaften bewohnt werden sollen. Die Pfleger sollen nicht im Schichtbetrieb wechseln, sondern kontinuierlich für die Kranken da sein und mit ihnen leben. Das müsste dann wohl eine Art Ordensgemeinschaft sein, die sich nicht nur als medizinisches Personal versteht, sondern bereit ist, ihr eigenes Leben faktisch für die Aufgabe der Betreuung aufzugeben. Frau von Halle weiss sehr wohl, dass das idealistische Utopien sind.

Ihr Buch beginnt sie mit einer sachlichen Unterscheidung von Kurz- und Langzeitgedächtnis, wobei sie die beschriebenen Phänomene stets den anthroposophischen Begrifflichkeiten einzuordnen bemüht ist, allerdings in teilweise unreflektiert bildhafter Art und Weise (das Absinken von Erinnerungsbildern in „untere Schichten des Ätherleibes“). Sie tangiert kurz in diesem Zusammenhang interessante Themen wie das Erinnern von meditativen Erfahrungen oder das Entstehen von Traumata durch nicht bewusst gewordene, „rumorende“ Erinnerungen in der Kindheit. Aber das wird kaum ausgeführt, nur berührt. Bis zu diesem Punkt sind die Beschreibungen und Zuordnungen durchaus sachlich und sachdienlich, wenn auch eher aphoristisch und kurzatmig gehalten.

Sie kommt dann auf die merkwürdige Formulierung, durch Meditation „profitierte“ man „von seinem hygienisch behandelten Ätherleib und Astralleib“ und gelange so auch zu „besonderen spirituellen Erlebnissen“ (S. 15). Diese seltsame „hygienische“ Sichtweise führt dann unmittelbar zum eigentlichen Thema Demenz - als Gegensatz zur beschriebenen „Hygiene“ -, und zur sofort eindeutigen Beurteilung, die sich „zersetzenden Gehirnzellen“ seien „durch ahrimanische Mächte krankhaft“ verursacht. Dabei beschleunige die Demenz nur im Individuum, was eine allgemeine sich „zersetzende Stoffnatur“ mitsamt ihrer „Menschenleiber“ anrichten würde. Der allgemeine physische Niedergang könne nur durch „spirituelles Denken“ ersetzt werden- aufgehalten werden könne er nicht. Der Menschheit drohe also - so Frau von Halles apokalyptische Trommeln- eine flächendeckende Dekadenz und eine kollektive Demenz.

Ursächlich für die totale „Fehlentwicklung unserer westlichen Kultur“ (S. 18) sei, dass der „Materialismus“ bewirke, dass Menschen nur ihre „unteren der zwölf Sinne“ gebrauchten. Zu den von Rudolf Steiner in diesem Zusammenhang gemeinten „oberen Sinnen“ gehören z.B. Gedankensinn und Ichsinn. Er bezeichnete damit die Möglichkeit, Gedanken Anderer aufzufassen, auch in dem Sinne, dass die darin mitschwingenden Intentionen wahrgenommen werden. Ähnlich nimmt der Ichsinn die Intentionen Anderer- den Willen, die Gefühle und die Gedanken- auf. Der Ichsinn ermöglicht es, den Anderen als diesen Anderen zu begreifen. Es ist Frau von Halle, die der westlichen Zivilisation die Fähigkeit dazu- und damit jede Kommunikation und Sozialfähigkeit- generell abspricht. Sie spekuliert stattdessen vage von „ahrimanischer Wirksamkeit“ (S. 19) in der westlichen Kultur und Zivilisation. Es handelt sich um blosse Behauptungen und verurteilende Zuschreibungen, nicht um sachliche oder sachdienliche anthroposophische Arbeit. Man merkt, Frau von Halle bedient eine zivilisationsmüde und arrogante Klientel, der bei ihren leeren Vokabeln offenbar warm ums Herz wird. In diesem Sinne versteht Frau von Halle Demenz „auch als eine Art Seuche“: Die unfähigen Materialisten, die nicht anthroposophisch meditieren wollen, bekommen damit quasi ihre verdiente Packung.

Aber das kann sie noch steigern. Auf Seite 21 behauptet sie, der Materialismus (und damit angeblich die Entstehung der Demenz) stamme aus der „Kultur Nordamerikas“ und sei lediglich auf Europa, das „seine geistige Aufgabe“ nicht ergriffen habe, übergesprungen wie ein Virus. Es handelt sich also - so dieser blühende Unsinn- um eine amerikanische Epidemie.

So handelt es sich bei der Demenz in dieser seltsamen Darstellung um eine „ahrimanische Erkrankung“, die auf einer „Verhärtung des Ätherleibs“ beruhe. Der Mensch sammle durch „totes“ Denken im Kopf „Materie an“- der „Überschuss an Verhärtung, an Materialisation zerstört aber die Gehirnfunktion“. Daraufhin würden „Partien des Gehirns“ absterben. Diese platten Zuschreibungen von anthroposophischen Begriffen mit laienhaft aufgefassten medizinischen Prozessen sind nicht nur entsetzlich schlicht, sondern eben auch von dieser zermürbend simplen zivilisationsmüden Schuldzuschreibung durchzogen, die offenbar bestimmte Kreise für chic halten. Daran ändern auch ein paar folgende Steiner- Zitate nichts mehr. Auch dass Frau von Halle noch schnell und zusammenhanglos die ADHS- Erkrankung erklären möchte, verbessert die Tendenz des Buches keinesfalls. Offenbar sieht sie sich umgeben von einer untergehenden Zombie- Kultur, die sie, unfähig zu lebendigem Denken und Wahrnehmen oder gar Kommunikation und Dialog, samt und sonders der Demenz entgegen torkeln sieht. Schuld daran sind Ahriman und die Amerikaner.

Das einzige Rätsel an diesem Machwerk bleibt für mich, wie Frau Glöckler im Namen der Anthroposophischen Gesellschaft darauf ihren Stempel setzen konnte. Aber, wer weiss, vielleicht ist das ja eine Popvariante der Anthroposophie- Subkultur. Ich denke, es ist ein echter Tiefpunkt.

___________