Katholizierung | Die Egoisten
Michael Eggert: Die Katholizierung der anthroposophischen Bewegung
Zu Judith von Halles „Das Abendmahl“



Die In Amsterdam geborene Ex- Anthroposophin Mieke Mosmuller, deren Gralsbuch wir hier vor kurzem besprochen haben, nimmt sich in „Stigmata und Geisterkenntnis“ die stigmatisierte Berlinerin Judith von Halle (hier ein Aufsatz bei den Egoisten) vor. Mosmullers Methode ist die eines Textvergleichs zwischen Fragmenten von von Halles erstem Buch und allerlei Textstellen Rudolf Steiners. Mosmuller bezeichnet sich selbst als „unbefangen“, stolpert aber schon am Anfang des Buchs über die Beschreibung der - wie soll man es nennen?- Visionen von Halles wie „Christus, ein scharfes Messer in der Hand, fügt dem Opfertier eine tödliche Wunde am Hals zu“. Derlei, empfindet Mosmuller, ist für sie bei Christus ebenso unvorstellbar wie bei Gautama Buddha. Sie findet derlei Bilder „der Wirklichkeit unangemessen“ und geht in ihrem Buch vielen der Bilder von Halles kritisch nach.

Trotz der Stigmata entdeckt sie dabei in den Schilderungen von Halles eine „Verworrenheit im Denken“, da sich in deren Buch spirituelle Erfahrungen heillos mit „eigenen subjektiven Erkenntnisse(n)“ vermischen. So verwechselt von Halle nach Mosmuller immer wieder metaphorische Aussagen Rudolf Steiners, nimmt sie wortwörtlich und meint sie dann als reales, konkretes Bild „zu schauen“, verwendet aber auch manches aus katholischen Brevieren für Kinder, was sie dann unbewusst in ihre Schauungen hinein webt. Die unglaubliche Menge von Details, die von Halle dabei wie in einem Film hervorbringt, erstickt allerdings nahezu jede Kritik, da das Meiste ja absolut nicht widerlegbar ist.

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Als Probe aufs Exempel habe ich jetzt einmal Judith von Halles „Das Abendmahl. Vom vorchristlichen Kultus zur Transsubstantiation“ vorgenommen. In ihrem Vorwort betont J. von Halle zunächst, dass sie ihr „Werkzeug“ im Sinne ihrer übersinnlichen „Erkenntniskraft“ bereits vor ihrer „Stigmatisation“ (Ostern 2004) besessen habe. Die Qualifikation, die „historischen Ereignisse“ im Leben Christi zu schauen, habe sie also schon lange. Dann schildert sie die konkreten Vorgänge um das historische Abendmahl ganz unsensationell und plastisch, bis in die konkreten Gegenstände und Räumlichkeiten hinein. Das Abendmahlhaus war allerdings ein „heiliger Ort“, eine alte Kultstätte, die in Jerusalem über Jahrtausende überbaut worden war. Zu Zeiten Christi hatte das Haus einen umgebenden Vorhof, der durch griechische Säulen getragen war. Von Halle fertigt sogar über das Äußere und Innere dieses Hauses Zeichnungen an. Im Nachwort geht sie gegen Plagiats- Vorwürfe an, da diese Zeichnungen und Schilderungen z.T. bis ins Detail denen Katharina von Emmerichs gleichen. Leider habe ich deren Bücher einem Pfarrer der Christengemeinschaft geliehen und nicht zurück bekommen. Von Halle sieht in den „Übereinstimmungen“ jedenfalls kein Plagiat, sondern einen Beweis für ihre geisteswissenschaftlichen Forschungsergebnisse.

Auch im vorliegenden Buch schildert von Halle wieder die Schächtung eines Lammes durch Christus. Seltsamerweise besteht sie darauf, dass Christus und die Jünger am Abendmahltisch keinesfalls gesessen hätten, sondern in der Art der Römer auf Liegen gelegen. Zum Lamm gab es „Bitterkräuter, Sellerie, Lauch, eine Art Chicoree, salzige Brühe und Brot.“ So knabberte man auf kleinen „Kanapees“ liegend und plauderte über den „Auszug aus der ägyptischen Gefangenschaft“, und zwar in bester Laune, nämlich „reich an Freude und Ausgelassenheit“.
Dann aber wurde es ungemütlicher und ernst. Für die Fusswaschung nimmt sich von Halle wieder viel Zeit und spart nicht an Details. Die Schilderungen der historischen Party nehmen Platz ein, wir sind auf Seite 80. Vieles, was von Halle wie in einem Film schildert, sind nachvollziehbare historische Tatsachen.

Nun geht es aber los. Joseph von Arimathia und Nikodemus waren nicht zugegen, sondern weilten in einer Krypta unter dem Haus, die angeblich ein Heiligtum des Melchisedek darstellte. Sie vollzogen das, was sich „oben“ abspielte mit und sorgten als Eingeweihte dafür, dass „der Kräftestrom des geweihten Ortes erneuert und belebt wurde“. Nun wird es immer abenteuerlicher. Der „Gralskelch“, den Jesus bei der Transsubstantiation verwendet, ist aus einer nicht- irdischen Metalllegierung. Beim Abendmahl wird die „lebendige Materie“ des Kelches wundersamerweise „durchscheinend klar“ und der Leib des Herrn wird wie in einem katholischen Wunder ebenfalls „durchscheinend hell. Sein Haupt erstrahlte wie das Licht der Sonne, und das Opferblut im Innern des Kelches leuchtete auf im aurischen Rot der Liebe, als das Licht Seines Hauptes den Kelch durchdrang“. Oh, was für ein Kitsch und was für platte Metaphern! „Mächtig tönend“ brummelt die Stimme des Herrn „Mein Blut erwecket euch!“.

Ja, da hat Judith von Halle mächtig in die Kiste gegriffen. Die vielen konkreten Details des Buches haben es einigermaßen seriös erscheinen lassen. Nun, beim Finale, finden New- Age- Kitschbilder von „Meister Jesus“ und braver katholischer Wunderglaube auf wahrhaft wunderliche Art zusammen.
jesus
(dieser gut aussehende Herr spendet Christusenergie!)

„Der Wirklichkeit unangemessen“, meinte Mieke Mosmuller. Teils, teils, denke ich. Von Halle entspricht den Erwartungen der Wundergläubigen einerseits, unterläuft aber auch die rationalen Bedenken durch ihre konkreten Schilderungen der Umstände und durch allerlei historische Exkurse. Sie schafft sich so ein gläubiges Publikum. Ein wunderbares Buch für Anhänger des Opus Dei und für Gläubige, die an unbefleckte Empfängnis und an die Unfehlbarkeit des Papstes glauben. Nach Tomberg schreitet die Katholizierung der anthroposophischen Bewegung weiter voran.