Eine Lanze brechen | Die Egoisten
Eine Lanze für Judith von Halle brechen


Immer noch arbeiten wir uns stur, aber sehr beschaulich durch das Gesamtwerk von Judith von Halle, der wunderwirkenden anthroposophischen Vortragsreisenden, deren Auftritte - auch dieses Jahr zum Weihnachtsvortrag in Berlin- ein magnetischer Anziehungspunkt für - naja- den typischen anthroposophischen Konsumenten sind. Judith von Halle bringt einen unwiderstehlichen Mix zwischen mysteriösem Auftreten (zart, jung, stigmatisiert, nahrungslos), einem visuellen Sehertum, das sie zu einer Art Zeitreisenden macht, Offenbarungen krachender esoterischer Erkenntnisse und solidem Know-How, was okkulte Techniken und Kenntnisse betrifft.
Ich arbeite mich mit zeitlicher Verzögerung durch dieses Werk durch, weil es mich teilweise auch abstösst und häufig nur als Phänomen interessiert und weil mich jede Ausgabe für die Bücher auch reut - was hätte man nicht stattdessen an guter Literatur kaufen können? Es ist also mehr die Selbstverpflichtung, als anthroposophischer Chronist Zeiterscheinungen zu erfassen als tatsächliches Interesse an den häufig doch sehr plakativ vorgebrachten geistigen Forschungsergebnisse Frau von Halles. Denn eigentlich habe ich mit undurchschaubarem Sehertum und einer Art „neuer Offenbarung“ wenig zu schaffen.

Das mir vorliegende Bändchen (Judith von Halle, Vom Leben in der Zeitenwende und seinen spirituellen Hintergründen) bringt nun einen typischen von-Halle-Mix, angereichert mit für mich neuen methodischen Hinweisen. Zum einen sind da die seit 2004 bekannten „Zeitreise“- Phänomene, d.h. ein „wie sinnliches Miterleben der historischen Ereignisse der Zeitenwende“ (S. 10). Dabei sind „sämtliche Sinneseindrücke“ involviert, also eine Art quasi-reales „Durchleben des tatsächlich auf der Erde Geschehenen“, keine bloßen „Visionen oder reine Schauungen“. Auf der anderen Seite bekennt sich Frau von Halle zu Erfahrungen traditionell- meditativer Art, d.h. „Intuitionen (..), wenn sich sein Ich jenseits der Schwelle gänzlich aus dem Astralischen“ heraus löst und in eine „Objektivität“ hinein kommt. (S. 11) So kommt Frau von Halle neben ihren Schauungen zu „authentische(n), eigenständige(n) spirituelle(n) Ergebnissen“ (S. 13) - nämlich vor allem dann, wenn die quasi- sinnliche Erkenntnismethode sie nicht mehr weiter führt. Frau von Halle ist sehr bemüht, darzustellen, dass dieses letztgenannte Einweihungsgeschehen, das sie zu einer „Kontinuität des Bewusstseins“ jenseits der Schwelle geführt habe, das ursprüngliche sei, während das quasi- visuelle Anschauen bei ihr erst mit der Stigmatisierung eingesetzt habe.

Mittels dieses Erkenntnismixes möchte Frau von Halle die Zeitverhältnisse um die Zeitenwende herum darstellen und bezieht sich dabei vor allem auf herrschende, einflussreiche politische und religiöse Gruppen. Sie beschreibt Landschaft und Bewirtschaftung der damaligen Zeit, aber auch Bewusstseinsfragen- etwa die trotz niedriger Lebenserwartung ausgeprägte Geduld der damaligen Menschen, die noch über keine nennenswerten Fortbewegungsmöglichkeiten verfügten und sich in allem, was sie taten, Zeit nahmen. Frau von Halle bleibt bei diesen konkreten Schilderungen - etwa der Ernährungsgewohnheiten- allerdings nicht konsequent, sondern baut sehr schnell und unvermittelt okkulte Details ein - etwa über den menschlichen „Urleib“ im Verhältnis zum „Auferstehungsleib“ Christi. Dann wendet sie sich wieder Banalem wie der baulichen Anlage damaliger Siedlungen zu. Einige Details - etwa zu den Vermögensverhältnissen der Familie des Lazarus- mögen an dieser Stelle erstaunen, gehen aber nahtlos über in eine Geschichte der Stämme des Volkes Israel. Neben einigen Ausführungen über Steiners Monumentalplastik „Der Menschheitsrepräsentant“ geht Frau von Halle auf die Unmöglichkeit ein, den historischen Jesus Christus in seinen letzten drei Jahren „anzuschauen“, da er stets die ihn Umgebenden gespiegelt habe, da „Christus Jesus immer ganz und gar auf denjenigen einging der vor Ihm stand“ (S. 59).So kommt sie zu einer Absage an die Erwartung, hier Näheres zu schildern, da „das „Aussehen“ des Christus Jesus so stark mit dem Ich-Impuls zusammenhing, dass sich über Sein tatsächliches Aussehen keine allgemein gültige Aussage machen lässt“. (S. 61)

Im weiteren Verlauf geht Frau von Halle auf verschiedene religiöse Gruppierungen wie die Sadduzäer, die Chassidim und die Pharisäer ein- insbesondere auch auf deren Normen und deren „zwanghafte Befolgung zu einem Selbstzweck“. Sie arbeitet die Kernstücke des religiösen Kontextes heraus, die zwangsläufig determinierend wirken- wenn etwa das „wie erstorbene innere Leben (..) immer mehr zu veräußerlichen“ (S. 98) beginnt.

Man wartet natürlich wie gewohnt in Büchern von Frau von Halle auf den Kracher, der die atemlos lauschende Anthroposophenschar in entzückte, spitze Schreie ausbrechen lässt (Verzeihung für die ironische Distanzierung), und das Kapitel kommt natürlich auch erwartungsgemäß- so wie das zu erwartende übertriebene Blutbad im neuen Quentin- Tarantino- Thriller. In diesem Fall geht es um einen - neben den geschilderten Gruppen bestehenden- „schwarzen Geheimbund“, der sein Unwesen zu dieser Zeit getrieben haben soll, nämlich im Dienste von Menschen, „die sich zum Ziel gesetzt hatte(n), den Blick des jüdischen Volkes ganz hinzulenken auf die Erfassung der sinnlichen Welt, doch bei gleichzeitigem Abschneiden aller Bestrebungen, sich dadurch einst mit vollem Bewusstsein wieder mit der Gottheit vereinigen zu können.“ (S. 105). Diese Sekte hatte in der Zeit der Regentschaft des Herodes die Funktion eines „Geheimdienstes“. Zugleich waren auch bei Herodes selbst „unsittliche Exzesse“ wirksam, wodurch Herodes auch in Abhängigkeit zu der benannten Sekte stand, die andererseits sowohl eigene spirituelle wie machtpolitische Ambitionen pflegte. Die Ermordung von Johannes dem Täufer stünde in diesem Zusammenhang, aber auch der Kindermord von Bethlehem. Der Nachwuchs für diese Sekte, deren Methoden im Einzelnen ausgeführt werden, wurde aus dem Pool der Pharisäer rekrutiert. Allerdings ist dieser Geheimbund nach Judith von Halle „letztlich nicht aufgelöst worden“, sondern hat sein antichristliches Anliegen bis in die Gegenwart fortgeführt- insbesondere in der Zeit neuerlicher christlicher Entfaltung, nämlich „mit dem Anbruch des 20. Jahrhunderts“ (S. 115).

An dieser Stelle schaltet Frau von Halle wiederum neue methodische Überlegungen ein, die auf eine innere Entwicklung zu tiefer geistiger Ruhe hinzielen, bei der man auch „überrascht“ werden kann „von einer Intuition bezüglich eines bestimmten karmischen Zusammenhanges, obwohl er sich gerade mit einem geisteswissenschaftlichen Inhalt beschäftigt, der nicht unmittelbar die Erforschung jenes karmischen Zusammenhanges zum Ziel hatte" (S. 117). Diese Schilderung gehört zu dem Eindringlichsten, was ich von Frau von Halle bislang gelesen habe. Sie wirkt nachvollziehbar, ehrlich, bescheiden und - Verzeihung- angemessen. Was nun allerdings dabei bei Frau von Halle heraus kommt, wirkt auch auf sie selbst wie ein „heikles Unterfangen“ (S. 123), denn sie schildert erstmals (nach meiner Kenntnis) einen karmischen Zusammenhang, nämlich zwischen einem Novizen der genannten Sekte der Zeitenwende zu einem der zentralen Führerpersönlichkeiten des 20. Jahrhunderts, nämlich Josef Stalin. Die hervorragenden Eigenschaften dieser Persönlichkeit waren Argwohn, tiefer Aberglauben und die gänzliche „Undurchschaubarkeit anderer Mitmenschen“ (S. 131). Die „totale (n) Ich- Losigkeit“ führte auch bei Stalin - als „eindeutige soratische „Gabe““(S. 133) zur Entfaltung des „auftragsmäßige(n) Massenmorden(s)“ (dito).

Das Buch endet mit einer umfassenden Darstellung des Essäerordens und der Beziehungen von Jesus dazu. Einige Landschaftsfotos- darunter private- ergänzen das Buch.

Was soll man davon halten? Bestimmte Strickmuster wie der von-Halle-übliche Spannungsbogen, der stets einem Roman- Aufbau gleicht und sich allmählich steigernde Highlights verspricht, findet man in diesem Buch auch. Irgendwie steuert diese Dame immer auf blutrünstige, finstere Geheimnisse hin. Sie nährt damit den Verdacht, sensationelle Bedürfnisse und Erwartungen der Zuhörer und Leser zu bedienen. Gleichzeitig trägt Frau von Halle zunehmend durch ihre immer detaillierteren methodischen Hinweise zu einer Transparenz in Bezug auf ihre Arbeitsweise bei. Letzteres ist sehr begrüssenswert, weil es einer „Gläubigkeit“ der Leser entgegen wirkt. Ich wünsche mir mehr davon und weniger „Enthüllungen“.