Der schwarze Hund | Die Egoisten
Michael Eggert: Den schwarzen Hund besuchen.
Meditationen über den Doppelgänger
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doppelgaenger


Erstens.

Natürlich, solche Träume hat man: Die vom Fallen, Schweben, ins Bodenlose stürzen. Meistens sind es Aufwachträume, womöglich hat man den Schrecken noch in den Gliedern, vielleicht ist man sogar nass geschwitzt. Wenn es Kinder über lange Zeit träumen - das Balancieren auf der Mauer, dann eine Lücke, in die es hinein stürzt, in einen Sack, der sich über dem Kopf schließt - handelt es sich vielleicht um etwas Grundsätzlicheres, vor allem, wenn diese Art von Träumen endemisch wird, zu einem Schrecken Nacht für Nacht. Dann handelt es sich vielleicht um einen Ausdruck dieser schwierigen Zeit um das neunte Lebensjahr, wenn der Zweifel erwacht- der tiefe, ganz grundsätzliche Zweifel, das Gefühl, vielleicht nicht Kind dieser Eltern zu sein, das Erschrecken, ein auch einsames Ich zu sein, ein Selbst, das ein eigenes Schicksal zu leben hat. Die Vorpubertät klopft erstmals an die Tür, und es schließt sich etwas ab. Das familiäre Nest löst sich auf, die Orientierung an den Bezugspersonen verliert sich zusehends. Die Träume vom Stürzen und Verschließen sind ein Zeichen für die frühzeitige Abnabelung, während ein innerer gewachsener Halt noch lange nicht zu finden ist. Stattdessen mag die Einsamkeit ein ständiger Begleiter werden, bis Cliquen von Gleichaltrigen einen neuen Orientierungspunkt bieten.

Ich- Werdung ist ein schmerzhafter Prozess, der durch das Leben hindurch in immer neuen Varianten auftreten kann- je nachdem, ob man Häutung nach Häutung zulassen kann oder ob man sich an irgend einem Punkt verhärtet. Zu den besonderen Merkwürdigkeiten gehört die Begegnung mit dem Schatten oder Doppelgänger, über den Rudolf Steiner mehrfach etwas mitgeteilt hat:

"Der Mensch kommt recht sehr mit seinem Organismus, mit dem er sich bekleidet, in diese Welt herein, ohne dass er mit seiner Seele hinunter langt in diesen Organismus. Dafür ist aber auch Gelegenheit vorhanden, dass kurze Zeit bevor wir geboren werden, außer unserer Seele noch ein anderes geistiges Wesen Besitz ergreift von unserem Leib, von dem unterbewussten Teil unseres Leibes. Ein ahrimanisches Geistwesen ist ebenso in uns wie unsere eigene Seele. Diese Wesenheiten, welche ihr Leben gerade dadurch zubringen, dass sie die Menschen selber dazu benützen, um da sein zu können in der Sphäre (der Menschen), haben eine außerordentlich hohe Intelligenz und einen ganz bedeutsam entwickelten Willen, aber gar kein Gemüt. Und wir schreiten schon so durch unser Leben, dass wir unsere Seele haben und einen solchen Doppelgänger, der viel gescheiter ist als wir, aber eine mephistophelische Intelligenz hat, eine ahrimanische Intelligenz hat, und dazu einen ahrimanischen Willen, einen sehr starken Willen, der den Naturkräften viel näher steht als unser menschlicher Wille, der durch das Gemüt reguliert wird. Im 19. Jahrhundert hat die Naturwissenschaft entdeckt, dass das Nervensystem von elektrischen Kräften durchsetzt ist. Wenn die Naturforscher glauben, dass die Nervenkraft, die zu uns gehört, die für unser Vorstellungsleben die Grundlage ist, irgendwie mit elektrischen Strömen zu tun hat, welche durch unsere Nerven gehen, so haben sie eben unrecht. Denn die elektrischen Ströme, das sind diejenigen Kräfte, die von dem Doppelgänger in unser Wesen hineingelegt werden, die gehören unserem Wesen gar nicht an.

Diese Wesen haben einmal aus ihrem eigenen Willen heraus beschlossen, nicht in jener Welt leben zu wollen, in der sie durch die weisheitsvollen Götter der oberen Hierarchien zu leben bestimmt waren. Sie wollten die Erde erobern, sie brauchen Leiber; eigene Leiber haben sie nicht: sie benützen so viel von den menschlichen Leibern, als sie benützen können, weil die menschliche Seele eben nicht ganz den menschlichen Leib ausfüllen kann; unter der Schwelle unseres Bewusstseins begleiten sie uns. Sie können nur eines im menschlichen Leben absolut nicht vertragen: den Tod. Daher müssen sie diesen menschlichen Leib, in dem sie sich festsetzen, immer auch, bevor er vom Tode befallen wird, verlassen. Das ist eine sehr herbe Enttäuschung immer wiederum, denn sie wollen gerade das sich erobern: in den menschlichen Leibern zu bleiben über den Tod hinaus. Wäre das Mysterium von Golgatha nicht geschehen, wäre der Christus nicht durch das Mysterium von Golgatha gegangen, so wäre es längst so auf der Erde, dass diese Wesenheiten sich die Möglichkeit erobert hätten, im Menschen auch drinnen zu bleiben, wenn dem Menschen der Tod karmisch vorbestimmt ist. Dann hätten sie überhaupt über die menschliche Entwickelung den Sieg davongetragen, und sie wären Herren der menschlichen Entwickelung auf der Erde geworden. Heute müssen sie sich noch hüten, das Leben dieses Leibes über die Todesstunde hinaus zu verlängern." (GA 178, Seite 58ff)

Zweitens.

"Schatten" ist für dieses Phänomen ein euphemistischer Begriff, da ein Schatten etwas ist, auf den der eigene Blick vielleicht gelegentlich fällt. Aber die Doppelgänger- Begegnung verläuft doch dramatischer, da diese Gestalt den Blick erwidert. Zu der Erfahrung gelangt man wie durch einen Betriebsunfall, da sie unter mehreren Schichten gespiegelter Oberflächen verborgen ist; man ist im Normalfall davor behütet. Der Blick ist - wie zahlreiche Märchen und Legenden bekunden - auch deshalb furchtbar, weil er sprechend ist; er drückt etwas aus. Es liegt eine überlegende Intelligenz in ihm, die keinesfalls nur amüsierte Häme in sich trägt- diese ganze Gestalt ist ganz auf uns bezogen und ist diese Häme. Ihr Spott gießt sich über uns als Person aus und besteht - so realisiert man nach anfänglichem Erschrecken - darin, dass sie ausdrückt: Ich bin du. Das, was wir an uns für personhaft halten, wird vom hämischen Kommentar dieses Widersachers karikiert. Er ist zugleich das Andere wie auch ein Wiedergänger des konstruierten Selbst. Dass wir das als Menschen nicht wissen, das ruft eigentlich den Spott hervor. Daher tragen wir diesen Blick auch alle vermutlich irgendwo in uns selbst. Er ist einfach nicht auszuhalten- daher wird er so sorgfältig verborgen. Alle Rede vom "Unbewussten" geht letztlich auf diesen hämischen Blick zurück, ebenso wie die universelle und abgrundtiefe Angst davor, nicht zu existieren.

Freilich, wir überleben diesen Blick. Etwas in uns ist mehr als geliehende und gespiegelte Existenz- etwas besteht aus sich selbst, macht seine Erfahrungen, aber erfährt sich selbst noch lange nicht. Etwas wird durch den Blick gekränkt, versteht aber auch seine Berechtigung.

Man steht ihm nicht auf Augenhöhe gegenüber, man blickt erstaunt auf ihn herab; er kauert und blickt auf. Er sitzt in den Kellergeschossen, in der Abgeschnürtheit. Er weist nirgendwohin außer auf einen selbst, seine Substanz ist ein Teil der eigenen Lebenskräfte- etwas, was einem menschlich abgenommen und verkapselt wurde:

"Wenn der Mensch diesen Gedanken als Gedankenlebewesen gegenübertritt, wenn dann Ahriman die Gelegenheit hat, einen solchen Teil der menschlichen Seele zu verselbständigen, ihm die menschliche Form zu geben, und man lebt sich in die elementarische Welt hinein, dann steht man diesem verselbständigten Teil seiner Wesenheit als seinem Doppelgänger gegenüber. Es ist immer ein Teil der menschlichen Seele, dem Ahriman die Form der menschlichen Gestalt gibt. Wenn man in seinem physischen Leibe darinnen steckt, so kann man sich nicht gegenübertreten; wenn man aber in seinem ätherischen Leibe den Astralplan betritt, so kann man in ihm stecken und ihn dennoch von außen sehen, wie man den Doppelgänger sieht.

Dies ist mit dem Doppelgänger gemeint. Er ist im Grunde genommen, wenn man substantiell spricht, ein großer Teil des ätherischen Leibes selber. Während man einen Teil desselben zurück behält, sondert sich ein Teil ab, wird objektiv. Man schaut ihn an, es ist ein Teil der eigenen Wesenheit, dem Ahriman die Gestalt gegeben hat, die man selber hat. Denn Ahriman versucht alles sozusagen hereinzudrängen in die Gesetze der physischen Welt. In der physischen Welt herrschen die Geister der Form, die Exusiai, und sie teilen diese Herrschaft mit Ahriman, so dass Ahriman das durchaus ausführen kann mit einem Teil der menschlichen Wesenheit.
Es ist verhältnismäßig eine elementare Erscheinung, diese Begegnung mit dem Doppelgänger, und sie kann auftreten durch besondere unterbewusste Eindrücke und Impulse der menschlichen Seele, auch wenn der Mensch nicht hellsichtig ist.
" (GA 147. Seite 118f)


Drittens.

Falls man in die unangenehme Lage kommt, unversehens in eine umgebende Natur zu blicken, so wie sie aus dem Blickwinkel der ahrimanischen Realität vernehmbar ist, dann ist dies eine von allem entleerte Welt von dem, was sprechend ist. Tatsächlich spricht sich fast alles, was man sieht, aus. Wir haben nicht nur Formen um uns, sondern ein Ganzes, was in zahllosen vegetativen Bezügen Ausdruck von einem Sinngebenden ist. In den Wolkenformen, der Luft und dem Licht spiegelt sich das, was natürlich gedeiht, in den Blüten die Wärme, in den Jahreszeiten die Konstellationen der Planeten. Zieht man das alles ab, bleibt eine graue Wüste, erfüllt vom sägend- metallischen Geräusch eines Amselrufs. Die sinnentleerte Welt ist ohne Leben- etwa so erfrischend wie der Tiefseeboden in fünf Kilometer Tiefe. Falls es hier doch Leben und Regung geben sollte, bleibt ein mechanisch Messbares, woraus womöglich ein gespenstisches Flimmern entströmen mag, ein Sandsturm oder das Ächzen eines fallenden toten Astes. Es ist ein Rudiment, die Fratze des belebten und belebenden Kosmos, den wir kennen.

Blickt man in dieser Situation in sich selbst, nimmt man eine flirrende Unruhe in den Unterschichten des Vegetativen wahr, eine unentwegte, wirre, peitschende und zersetzende Ungeduld, die zehrt. Die nervöse Spannung, in die man gerät, wird diktiert vom pausenlosen Schlagen, wie das mechanische Hin- und Herpfeifen der Schwanzenden eines Drachen, den man nicht sieht. Es ist dieselbe zersetzende Leere wie in dem Blick auf eine sinnentleerte Natur. Der schwarze Hund schlägt an und zerrt an seiner Kette. Hier ist man als Mensch nicht zuhause.