Der Graf von Saint-Germain | Die Egoisten
Michael Eggert: Der Graf von Saint-Germain
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saintgermain

Strawberry fields forever



Manche Dinge mag man schon deshalb nicht anfassen, weil sie durch so viele Hände gegangen sind; andere, weil die Hände sie so zerknüllt und bekleckert haben. So ist es mit dem Thema "Der Graf von Saint-Germain", ist er doch nicht nur unter die Theosophen, sondern auch unter ihre spekulativen Nachfolger, die New Age- Anhänger, gefallen. Heute findet man im Internet "gechannelte" Briefe von Saint-Germain, in denen er in Trance oder Hypnose befindlichen Jüngern des Wassermannzeitalters angeblich dermaßen grobe und platte Friedensbotschaften zukommen lässt, dass die Allgemeinplätze auch des geistlosesten Politikers unserer Tage dadurch übertroffen werden.

Auch Peter Krassa, Autor des neuesten Buchs über Saint-Germain, katapultiert sich mit seinen belanglosen Spekulationen über einen angeblichen "Zeitreisenden" zunächst aus dem Kreis derer, denen man einen Hauch seriöser Recherche zutrauen möchte. Offensichtlich biedert sich Peter Krassa damit eben bei den New-Age-Jüngern, Erich-von-Däniken-Anhängern, Ufologen und selbsternannten Okkultisten an und versucht mit dem Thema Kasse zu machen.

Dennoch entsteht zwischen den Spekulationen, den Missverständnissen und dem "esoterischen" Gestammel Peter Krassas etwas wie eine Spur des Grafen; an manchen Stellen tritt er aus dem Dickicht hervor und wird in seinen Intentionen, seinem Humor und in seiner Größe plastisch. Und an manchen Stellen bringt Krassa neues Material, das wichtig, ja unersetzlich zum Verständnis wird. Für die Mystifikationen des Grafen kann Krassa nichts; dazu hat der Graf schließlich schon selbst, wenn auch oft ironisch, beigetragen. Man kennt ja bis heute seinen Namen nicht mit Sicherheit; lediglich eine ganze Reihe von angenommenen, oft sinnbildlichen Namen und eine Reihe von Doppelgängern, die zum Teil bewusst eingesetzt worden sind, um Saint-Germain zu kompromittieren. Im folgenden möchte ich versuchen, durch das spekulative Dickicht eine halbwegs gangbare Schneise zu schlagen, um den Intentionen des Grafen von Saint-Germain und seinen geistigen Hintergründen ein Stück näher zu kommen.

"Man sagt, dass das Geheimnis des Friedens nur von einem gewissen
Herrn von Saint-Germain gekannt werde
" (Voltaire)

Saint-Germain wurde – wahrscheinlich - 1698 als ältester Sohn des ungarischen Fürsten Franz N. Rakoczy als Leopold Georg Rakoczy in Siebenbürgen geboren. Mit 33 Jahren erschien er am Hofe Ludwigs XV, wo er diesen und dessen Mätresse Madame Pompadour mit alchemistischen und chemischen Kenntnissen, vor allem aber mit der Herstellung synthetischer beeindruckte und bald zu einem unersetzlichen politischen Ratgeber und Diplomaten wurde. Er beteiligte sich angeblich an der Planung des Suez-Kanals und war Abgesandter des Königs bei Freimaurerkongressen.

Er war zeit seines Lebens hoch geachtetes Mitglied zahlreicher Freimaurervereinigungen und hat dort anscheinend großen politischen Einfluss im Sinne einer Liberalisierung und der Überwindung autokratischer Herrschaftssysteme ausgeübt.

Ab 1737 lebte er anscheinend als Gast des Schahs in Persien und wirkte auch hier als Ratgeber und Alchimist. Seine Reisen führten ihn bis nach China und Indien, wo er unter wechselnden Pseudonymen wirkte. Er war französischer Geheimdiplomat und beriet Elisabeth I bei deren Staatsstreich, in dessen Verlauf sie in St. Petersburg zur Zarin wurde. Auch hier hatte er weitreichenden Einfluss, vordergründig als persönlicher Arzt der Zarin, aber auch als politische graue Eminenz. Seine ärztlichen Fähigkeiten gingen so weit, dass er sie, aber auch Ludwig XV. vor Giftanschlägen schützen konnte. 1744 rettete er Ludwig anscheinend sogar das Leben.

In diesem Jahr wurde er auf einer diplomatischen Mission in England verhaftet. Hier lernte er Prinz Ferdinand von Lobkowitz kennen, der ihn für zwei Jahre nach Wien einlud. Er war hier Mittelpunkt diverser esoterischer Kreise, in denen er wie auf dem politischen Parkett "witzig und hochbegabt" brillierte.

1747 verhandelte er im Auftrag der Kaiserin Maria Theresia erfolgreich mit dem Herzog von Cumberland, um die kriegerischen Auseinandersetzungen zu beenden. Weitere Friedensverhandlungen folgten. 1749 wurde er Groß-Hospitalit des Malteser-Ordens. Nach weiteren Missionen und einer erneuten Zeit als populärer Alchimist am Hofe Ludwigs XV. nahm er Kontakt zu König Friedrich II von Preußen auf, der ihn wohl einlud, aber auf Distanz hielt.

1760 verhandelte er als Unterhändler im Krieg zwischen England und Frankreich. Aufgrund einer massiven Intrige durch Herzog de Choiseul wurde er fast verhaftet. Aber er konnte sich durch Flucht nach England entziehen. In London brillierte er als Violinvirtuose. Seine zahllosen Ortswechsel und Pseudonyme erschweren aber eindeutige Zuordnungen. Er soll ab 1762 beim Sturz des russischen Zaren Peter III mitgewirkt haben und wurde daraufhin von Katharina der Großen zum General ernannt.

Ab 1765 reiste er wahrscheinlich erneut nach Indien und durch den fernen Osten. Nach seiner Rückkehr 1773 beschäftigte er sich bis an sein Lebensende mit der Veredelung von Textilien und mit Farbstoffen.

In seiner letzten – und einflussreichsten - französischen Zeit warnte er ab 1774 den Hof, insbesondere Ludwig XVI. und Marie Antoinette vor der kommenden "Verschwörung", die ihnen den Tod bringen würde. Der König ignorierte seine Warnungen, was Marie Antoinette vor ihrem Tod 1788 in ihren Tagebüchern sehr bereute. Unter dem Anagramm Tzarogy (nach "Rakoczy") lebte er am Hof von Ansbach in Deutschland, pflegte seine politischen, aber auch freimaurerischen, rosenkreuzerischen und alchemistischen Kontakte. Er experimentierte von nun an, je mehr er sich aus der aktiven Diplomatie zurückzog, in immer intensiverer Weise, unterstützt von guten Freunden wie dem Landgrafen Karl von Hessen-Kassel. In dessen Haus verstarb er am 27. 2. 1784 in Eckernförde.

Rätsel gab er allerdings selbst bei seinem Ableben auf, da der Leichnam bei einer baldigen Obduktion nicht mehr auffindbar war - und da er angeblich ein Jahr später bei verschiedenen Gelegenheiten wieder gesehen worden sein soll.



Zeugnisse von Zeitgenossen


Voltaire meinte in einem Brief an Friedrich den Großen 1760: "Man sagt, dass das Geheimnis des Friedens nur von einem gewissen Herrn von Saint-Germain gekannt werde, welcher ehemals mit den Vätern des Konzils soupiert habe. Er ist ein Mann, der alles weiß und niemals stirbt". Friedrich antwortete, Germain sei für ihn "ein zweites Phänomen und ein Mann, welchen man nicht enträtseln könne".

Der österreichische Gesandte in Belgien, Graf Philipp Cobenzl schrieb in einem Brief "Saint-Germain ist Dichter, Musiker, Schriftsteller, Arzt, Physiker, Chemiker, Mechaniker und ein gründlicher Kenner der Materie. Kurz, er hat eine universelle Bildung, wie ich sie noch bei keinem Menschen fand."

Vielleicht deutet Cobenzl in der Formulierung –übrigens an einen erklärten Gegner Saint-Germains gerichtet- dessen geistigen Hintergrund in der Formulierung "gründlicher Kenner der Materie" an, der durch die alchimistischen Versuche hindurch deutlich an die eigentlich rosenkreuzerischen Impulse anknüpft. Bei anderer Gelegenheit sagte Cobenzl: "Er ist der außergewöhnlichste Mensch, den ich jemals gesehen habe".

Geschickt lässt Giacomo Casanova - sicherlich kein Freund von Saint-Germain, eher ein politischer Gegenspieler - in seinen Memoiren auch seine klaren Vorbehalte anklingen, wenn er schreibt: "Saint-Germain gab sich für einen Wundermann aus; er wollte verblüffen, und oft gelang ihm dies. Er sprach in bestimmten Ton, aber so sorgfältig, dass er nicht missfiel. Er war gelehrt, sprach tadellos die meisten Sprachen; er war ein großer Musiker und Chemiker; hatte ein angenehmes Gesicht und wusste alle Frauen gefügig zu machen, denn er gab ihnen Schminken und Schönheitsmittel und erweckte in ihnen die Hoffnung, nicht etwa sie jünger zu machen –denn so bescheiden war er doch, dass er gestand, dies wäre ihm unmöglich -, wohl aber sie in dem Zustande zu erhalten, in dem er sie vorfand, und zwar mittels eines Wassers, das ihn nach seiner Behauptung viel Geld kostete, trotzdem aber von ihm verschenkt wurde..".

Montesquieu schätzte Saint-Germain dagegen sehr. Er schrieb an ihn 1753: "Ihre Titel nehmen derart zu, dass ich sie nicht mehr behalten kann: Graf von Clavieres, Domherr von Dornik, Ritter eines kaiserlichen Kreuzes, Mitglied der Academie des Inscritions, derjenigen von London, von Berlin und so vielen andren bis zu derjenigen von Bordeaux. Sie verdienen wohl all die Ehre und noch recht viele andre dazu".

Karl von Hessen schrieb: "Was Saint-Germain betrifft, war dieser der größte Geist, den ich jemals kannte". Die Pompadour war zunächst wohl eher an den fabulösen Wassern interessiert, die die Schönheit erhalten sollten. Über den "Jungbrunnen", eine arg materialistische Ver-deutung der Kräfte Saint-Germains, von denen die Rede am Hofe ging, sie ließen ihn niemals altern, hat er sich verschiedentlich lustig gemacht. Sie lernte aber offensichtlich auch seine politischen und menschlichen Fähigkeiten schätzen. Saint-Germain gehörte auch zu ihren persönlichen Beratern.

Die Gräfin von Genlis beschrieb Saint-Germain in ihren Memoiren folgendermaßen: "Er sah damals höchstens wie ein Fünfundvierziger aus, aber nach dem Zeugnis von Leuten, die ihn 30 bis 35 Jahre vorher gesehen, war er sicherlich weit älter. Er war nicht ganz mittelgroß, gut gewachsen und hatte einen sehr leichten Gang. Seine Haare waren schwarz, seine Haut stark gebräunt, sein Gesichtsausdruck sehr geistreich, seine Züge ziemlich regelmäßig. Er sprach fließend Französisch, ohne eine Spur von Akzent, ebenso Englisch, Italienisch, Spanisch und Portugiesisch".



Fallen, Intrigen und Doppelgänger


Schon die Pompadour hat in einem - belauschten – Gespräch versucht, Saint-Germain eine Falle zu stellen, indem sie ihn nach dem Aussehen historischer Personen befragte. Sie wollte hinter Saint-Germains vorgebliches außergewöhnliches Alter kommen. Dieser schilderte ihr die befragten Personen bis in Details des Lebens am Hofe und charakterlicher Eigenheiten. "Wie es scheint, haben Sie das alles mit eigenen Augen gesehen", neckte sie ihn. Saint-Germain antwortete: "Madame, mein Gedächtnis ist stark und funktioniert immer noch gut". Nach einer Pause setzte er lächelnd hinzu: "Zudem habe ich die französische Geschichte eingehend studiert".

Auf diese Weise begegnete Saint-Germain oft den um ihn herum wogenden Gerüchten um den angeblichen "Wundermann". Er wich zunächst aber nicht schroff aus, sondern pflegte auch, zumindest in seinen jüngeren Jahren, diesen Nimbus. Erst als ihm die Pompadour mit dem missverstandenen "ewigen Leben" seiner Person zu nahe rückte, sprach er von dem "dummen Gerede der Leute". Dieser Nimbus, der reichlich Tratsch beinhaltete, der ihm am Hofe die Türen auch zunächst geöffnet hatte, wurde aber auch zu einer Waffe, die man erfolgreich gegen Saint-Germain in Form von Intrigen verwenden konnte. Und dieser gereichte Saint-Germain auch in der Historie zum Nachteil, denn eben diese Geschichtchen sind der Stoff, aus dem "Channeler", Theosophen und selbsternannte Okkultisten bis heute ihre Träume ziehen.

Zunächst traten in Saint-Germains Umkreis angebliche "Wundermänner" und Betrüger auf, die eben das Feld bearbeiteten und die Sehnsüchte bedienten, die niemals Saint-Germain Thema gewesen sind. Dazu gehört der von Saint-Germain scharf verurteilte Cagliostro, der später im Gefängnis endete.

Dann wurde das Gerücht gestreut, Saint-Germain habe persönlich mit Jesus, Caesar und Cleopatra Umgang gehabt und habe längst das Alter eines Methusalem erreicht. Saint-Germain selbst soll nur geäußert haben: "Ach, die Pariser Schafköpfe glauben, ich sei bereits fünfhundert Jahre alt, und ich bestärke sie in dieser Meinung, weil ich sehe, dass sie ihnen so viel Vergnügen macht". Dennoch dementierte er die diesbezüglichen Gerüchte aufs schärfste. Das nutzte aber nichts.

Bereits Casanova wurde nicht müde, Saint-Germain als einen gewieften Hochstapler darzustellen, auch wenn er ihm vordergründig stets einen gewissen Respekt zollte. Casanova war eben ein geschickter Denunziant.

Saint-Germains Ruf wurde aber erst durch einen Gegner und geschickten Intriganten an Ludwigs XV. Hof untergraben, dem Herzog von Choiseul, der für die Außenpolitik zuständig war. Dieser hintertrieb nicht nur die diplomatischen Bemühungen Saint-Germains, er installierte auch in dessen Abwesenheit –Saint-Germain musste nach einer Intrige von Choiseuls nach England fliehen – einen Doppelgänger. Dieser war der Schauspieler und Spion Milord Gower, der Saint-Germain außerordentlich ähnlich sah. Die in Kleidung, Schminke und Aussehen exakte Kopie Saint-Germains trat in der Folgezeit (um 1759) in der Öffentlichkeit auf und erzählte genau die dreisten Lügengeschichten, die die Gerüchte um Saint-Germain scheinbar bestätigten: Er habe Jesus und Pontius Pilatus gekannt, sei Tausende von Jahren alt, sei schon eine Frau gewesen, usw. Die grotesken Prahlereien dieses Hanswurst haben dann Nahrung dazu gegeben, Saint-Germain entweder für einen Betrüger zu halten oder aber für einen esoterischen Supermann.

Diese den Ruf schädigende Inszenierung hatte deshalb so großen Erfolg, da Saint-Germain nicht nur nie seinen wahren Namen offenbart hat, sondern selbst, auf diplomatischen Missionen, auf Reisen, aber wohl auch zum Vergnügen, seine Identität gewechselt hat. Oft waren seine Namen ja im Grunde Sinnbilder –verborgene Hinweise. So deutet "Saint-Germain" vielleicht auf seine inspirierende Quelle des deutschen Volksgeistes, der Name "Welldone" auf seine politische Intention, "Bailli de Solar" auf den Sonnengeist selbst.


Saint-Germains Lebensart und Vermächtnis


Mit zu den Gerüchten um Saint-Germains Person hat auch beigetragen, dass man ihn niemals essen sah. Casanova machte daraus wieder ein Mysterium, wenn er schreibt, Saint-Germain habe ihm mitgeteilt, seine Nahrung sei "für keinen Menschen geeignet". Tatsächlich lebte Saint-Germain in strenger Diät, nahm nur eine kleine Mahlzeit am Tage ein und trank vorrangig von ihm selbst zusammengestellte Kräutertees, die er bei Gelegenheit Anderen wärmstens empfahl. Seine finanziellen Verhältnisse waren meist ausgezeichnet für die damaligen Verhältnisse, obwohl er sich niemals an seinen chemischen und alchemistischen Produkten bereichert hat, geschweige denn an angeblichen "Wundermitteln". Erst im hohen Alter begründete er in Venedig eine florierende Textilfabrik. Seine persönlichen Bedürfnisse wurden stets als ausgesprochen bescheiden geschildert.

Es gibt wenige Schriftstücke von ihm, die er hinterlassen hat, darunter das folgende:

"Den wachsamen Blick auf die Natur gerichtet,
erkannte ich Wesen und Ende der Einheit.
Ich sah im Erze das goldene Licht,
ich erfasste den Stoff und entdeckte den Keim
".

Zugeschrieben wird ihm die Bemerkung: "Ich habe viele Namen, ich habe diese Welt besucht vor der atlantischen Katastrophe, die ihr die Sintflut nennt. Ich lehrte Salomo die Weisheit, diskutierte mit Sokrates und besuchte Pythagoras. Ich habe kein Alter". Saint-Germain verweist mit diesen Worten offensichtlich auf seine geistige Entität und seine spirituelle Kompetenz. Nur eine materialistische Verballhornung kann aus solchen Worten schließen, er habe gemeint, als Person Tausende von Jahren alt zu sein.

In der Bibliothek von Troyes (Nr.2400 des Bibliothekkataloges) findet sich ein Schriftstück, das ebenfalls Saint-Germain zugeschrieben werden kann: "Die Geschwindigkeit, mit der wir durch den Raum jagen, lässt sich mit nichts anderem als sich selber vergleichen. In einem Augenblick hatte ich die Sicht auf die unten liegenden Ebenen vollkommen verloren. Die Erde erschien mir nur noch wie eine verschwommene Wolke. Man hatte mich zu riesiger Höhe emporgehoben. Eine ganze Weile zog ich durch den Wolken dahin. Ich sah Himmelskörper um mich herum drehen und Erdkugeln zu meinen Füßen versinken".


Schüler und Gegner

Saint-Germains Intentionen waren, wie aus seinen Aktivitäten ersichtlich wird, vielfältig. Seine Bewunderer wie seine Feinde kamen aus zahlreichen Lagern. Peter Krassa zitiert aus einem Brief von Voltaire an Saint-Germain –den Krassa allerdings wiederum auf wirre und spekulative Art interpretiert – in dem aber doch deutlich wird, dass Saint-Germain auch für Voltaire ein ganz außerordentlicher spiritueller Lehrer gewesen sein muss: "Ich beantworte Ihren Brief, Monsieur, den Sie mir im April geschrieben haben, worin Sie schreckliche Geheimnisse offenbaren, einschließlich des schlimmsten aller Geheimnisse, das es für einen alten Mann, wie mich, geben kann – die Stunde des Todes. Danke, Germain, Ihre lange Reise durch die Zeit wird von meiner Freundschaft für Sie erhellt werden, bis zum Moment, wenn sich ihre Offenbarungen um die Mitte des 20. Jahrhunderts erfüllen werden. Die sprechenden Bilder sind ein Geschenk für die mir noch verbleibende Zeit, darüber hinaus könnte doch Euer wunderbares mechanisches Fluggerät Euch zu mir zurückführen. Adieu, mein Freund. Voltaire, Edelmann des Königs."

Innerhalb der Freimaurerschaft muss Saint-Germain aber nicht nur als großer und geachteter Lehrer gewirkt haben, sondern auch in dem Sinne, dass sich die "mitgliedstarken Geheimbünde" wie die Templer und die Freimaurergruppierungen vereinheitlichten und von nun an zusammenwirkten. Die "neuen Ideen", von denen Irene Tetzlaff spricht, die er einbrachte, bezogen sich wohl auch auf die Vorbereitung auf neue politische und staatliche Strukturen im Sinne einer Liberalisierung. Europa im Sinne einer liberalen Mitte zu einen und zu befrieden und moderne gesellschaftliche Strukturen vorzubereiten, was er mit seinem letzten französischen Engagement mit aller Kraft versuchte, scheiterte am Starrsinn des Königshofs. Dieser wurde in der zunehmend chaotisierten französischen Revolution in Stücke gesprengt.


Lobkowitz

Das Scheitern der französischen Revolution im blanken Terror bereitete aber den Boden für einen neuen reaktionären Usurpatoren, Napoleon. Peter Tradowsky schreibt dazu: "Das Wirken eines bedeutenden Menschen für eine größere Menschengruppe hängt nicht nur von diesem, sondern auch davon ab, was ihm aus dem Umkreis entgegengebracht wird. Besonders bei einer spirituellen Mission (...) ist das von entscheidender Bedeutung. (...) So hatte der Graf von Saint-Germain alles daran gesetzt, Ludwig XVI. Anregungen zu vermitteln, die die notwendige Umwandlung der sozialen Verhältnisse in gesunder Weise herbeiführen konnten. Dies Wirken des Grafen von Saint-Germain führte aber tragischerweise nicht zu einem geschichtswirksamen Einschlag. Die Französische Revolution mit ihren Idealen der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit ließ diese tieferen Zukunftskräfte nur chaotisch zum Vorschein kommen. Unverstanden gewannen sie nicht die Kraft, gestaltend in die soziale Wirklichkeit einzugreifen. So trat schließlich konsequenterweise das Wirken Napoleons an die Stelle dieser Impulse"



Die spirituellen Impulse Saint-Germains


Der rosenkreuzerische Impuls Saint-Germains wurde bereits – nicht nur im Sinne einer Mitgliedschaft in einer freimaurerischen Rosenkreuzervereinigung und im Wirken als deren Lehrer - , sondern auch in seinem spirituellen alchemistischen Impuls deutlich. Von vielen Seiten wird bezeugt, in welchem Maße Saint-Germain geistig und wissenschaftlich über jeden Zweifel erhaben war. Besonders seine Kenntnisse in Chemie haben immer wieder Bewunderung hervorgerufen. In seinen alchemistischen Bemühungen arbeitete er an einer Durchgeistung der Natur und gleichzeitig an einem spirituellen Übungsweg.

In welchem Sinne dies gemeint sein kann, schildert Rudolf Steiner: "Der mittelalterliche Rosenkreuzer nahm selber in seinem Laboratorium diese Prozesse vor, und dann ergab sich der Experimentierende der Betrachtung dieser Bildungen von Salz, der Auflösungen und der Verbrennungen, bei denen er sich stets tief religiösen Empfindungen hingab, und er fühlte den Zusammenhang mit allen Kräften im Makrokosmos. Diese Seelenvorgänge reifen bei ihm hervor: erstens Göttergedanken, zweitens Götterliebe, drittens Götteropferdienst. Und dann entdeckte dieser mittelalterliche Rosenkreuzer, dass, wenn er einen Salzbildungsprozess vornahm, in ihm selber solche reinen, läuternden Gedanken aufstiegen. Bei einem Auflösungsprozess fühlte er sich angeregt zur Liebe, wurde er von der göttlichen Liebe durchdrungen, im Verbrennungsprozess fühlte er sich entfacht zum Opferdienst, dazu gedrängt, sich auf dem Altar der Welt zu opfern. Das war es, was der Experimentierende erlebte. (...) Und die Folge war, dass derjenige, der so etwas durchgemacht hatte, der ein solches Experiment wirklich erlebte, von göttlicher Liebe ganz durchdrungen wurde. Also ein von Reinheit, Liebe und Opferwille durchdrungener Mensch kam dabei heraus, und durch diesen Opferdienst bereiteten die mittelalterlichen Theosophen ein gewisses Hellsehen vor".

Offensichtlich stellten diese spirituellen "Experimente" und Schulungen, wie sie Graf von Saint-Germain auch mit vielen Gästen durchführte - auch am französischen Hof in Anwesenheit des Königs - ein "offenes Geheimnis" dar. Denn die, die von der eigenen Gier befangen waren, konnten zum inneren Kern des Tuns nicht innerlich durchdringen. Sie hofften nur auf die Herstellung künstlicher Diamanten, Perlen oder anderer Pretiosen. Immer wieder wurde kolportiert, der Graf habe das Geheimnis gelüftet, Blei in Gold zu verwandeln. Für andere aber, wie etwa den tiefsinnigen Prinzen Ferdinand von Lobkowitz, der ab 1745 Premierminister der österreichisch-ungarischen Monarchie war, stellten diese Versuche wahrscheinlich Wege zur inneren Reife in dem von Rudolf Steiner geschilderten Sinne dar.


Der karmische Hintergrund des Grafen von Saint-Germain


Aus den Umständen des Lebens von Saint-Germain, seinen Äußerungen, seiner unerschöpflichen und umfassenden Wirkenskraft und seiner - in Sinne der Alchemie – spirituellen Lehrerschaft gegenüber Einzelnen, aber auch großen Teilen der damaligen Freimaurer wird deutlich, dass er eine ganz außerordentliche Persönlichkeit gewesen sein muss, ein "Eingeweihter", der in ganz exoterischer Weise wirkte – auch um konkret politische Anstöße zu geben. Rudolf Steiner geht hier aber sehr viel weiter, indem er konkret sagt: "Der Graf von Saint-Germain ist im achtzehnten Jahrhundert die exoterische Wiederverkörperung von Christian Rosenkreutz gewesen". Rudolf Steiner erklärt und bestätigt dabei auch die Vermutung, verschiedene Doppelgänger müssten dabei – wie wir wissen, in förderlicher wie in gegnerischer Absicht – am Werk gewesen sein, denn anders ließen sich biografische Widersprüche überhaupt nicht aufklären: "Nur wurde dieser Name auch andern Personen beigelegt, so dass nicht alles, was in der äußeren Welt da oder dort über den Grafen von Saint-Germain gesagt wird, auch für den wirklichen Christian Rosenkreutz gelten kann". Übrigens sagt Rudolf Steiner in diesem Zusammenhang auch, 1911, "heute ist Christian Rosenkreutz wiederverkörpert".

Ein weiteres Rätsel ergibt sich, wenn man immer wieder von Auftritten und Erklärungen des Grafen von Saint-Germain hört und liest, die dieser erst nach seinem Ableben getan haben kann. So ist er 1784 und 1785 angeblich unter dem Namen Chef de Bien in Paris bei der Vorbereitung und Durchführung eines Freimaurerkongresses gesehen worden. Eine viel zitierte Äußerung von ihm stammt aus dem Jahr 1790 (in Wien), wobei er gesagt haben soll: "Ich werde gegen Ende des Jahrhunderts aus Europa verschwinden und mich in die Regionen des Himalaja begeben. Ich werde mich ausruhen, ich muss ruhen. Man wird mich in 85 Jahren Tag für Tag sehen"

Man muss sehen, in wie tiefem und ergriffenem Sinne Rudolf Steiner in diesen Tagen von Christian Rosenkreutz spricht, wenn er etwa sagt, dass man sich bewusst werden müsse, dass "der Geist des Christian Rosenkreutz fort und fort besteht. Und je mehr wir uns diesem großen Geist nähern, desto mehr Kraft wird uns zukommen". Er stellt auch vielleicht die angebliche Äußerung des Grafen von Saint-Germain in anderen Zusammenhang, wenn er sagt, dass bei den Rosenkreuzern festgesetzt war, "dass alle Entdeckungen, die sie machten, hundert Jahre lang als Geheimnis bei den Rosenkreuzern bleiben müssten und dass erst dann, nach hundert Jahren, diese Rosenkreuzer- Offenbarungen der Welt gebracht werden dürften. Erst nachdem hundert Jahre darüber gearbeitet worden war, durfte in entsprechender Weise darüber gesprochen werden". Allerdings bestätigt er im Vortrag vom 27. September 1911 auch, dass "in jedem Jahrhundert die rosenkreuzerische Inspiration so gegeben wird, dass niemals der Träger der Inspiration bezeichnet wurde" – aus Gründen, keinen Autoritätsglauben heranzuzüchten, aber auch spirituellen Gegnern keinen Angriffspunkt ihrer "okkulten astralen Attacken" zu bieten.



Zum Buch von Peter Krassa


Dieses Buch stellt einen Wust von Spekulationen und Mutmaßungen dar, wobei Peter Krassa den umgehenden New-Age-Fantasien noch seine eigenen, durch nichts als durch Assoziation und Suggestion begründeten Theorien noch beimengt. Das macht die Mischung nicht bekömmlicher. Seine Bekanntschaft mit Herrn von Däniken, aber auch die spekulative Verkaufsabsicht trugen wohl ihren Teil dazu bei, dass Peter Krassa einerseits die üblen Machenschaften intriganter Kräfte am französischen Hofe aufdeckt, vieles klarstellt, aber andererseits den verrücktesten Äußerungen eine Seite später hinterjagt, weil sie so sensationell klingen. Das ist bedauerlich, denn das Leben des Grafen von Saint-Germain ist sensationell genug. Man muss sich durch das Buch eine Schneise schlagen, aber es bietet auch genügend Material, das neu ist, gut recherchiert erscheint und einen Grundton wiedergibt, der mit diesem großen Mann Saint-Germain kongruent geht.

Peter Krassas Äußerungen muss man manchmal einfach übersetzen, weil er im Sinne treuer Ufologen alle Phänomene platt materialistisch interpretiert. So kommt er zu einer grotesken Vorstellung, der Graf sei ein "Zeitreisender" gewesen. Dennoch bleibt bei der Fülle von geschichtlichen Daten aufgrund der häufigen Identitätswechsel des Grafen selbst bei nachgewiesenen Ereignissen der Zweifel, ob er selbst dabei war oder ob es sich dabei um einen der Doppelgänger gehandelt haben könnte.