Esoterischer Darwinismus | Die Egoisten
Abschied von Kreuzfahrtschiff Anthroposophie
zu Ansgar Martins "Rassismus und Geschichtsmetaphysik. Esoterischer Darwinismus und Freiheitsphilosophie bei Rudolf Steiner"
von Michael Eggert

Auf hoher See

Der viel zu früh verstorbene amerikanische Romancier David Foster Wallace hat in "Schrecklich amüsant- aber in Zukunft ohne mich" seine persönlichen Schrecken auf einer eine Woche währenden Luxuskreuzfahrt in der Karibik beschrieben. Er ist als Stranger in a strange land inmitten einer Gesellschaft auf hoher See gelandet, der er nicht entfliehen, deren Verhaltenskodex er aus Unkenntnis, Verweigerung und Verstörtheit er aber auch nicht entsprechen kann. Das beginnt beim Ententanz-Kurs für 500 erwachsene Männer und endet keinesfalls bei eleganten Dinners. Eigentlich ist schon die Grundfrage, warum er sich freiwillig auf eine solche Unternehmung einlassen hat, nicht einsichtig, wenn jeder ihm erklärt, diese Zeit an Bord werde benötigt als "wohlverdiente und längst überfällige Belohnung für irgendwelche Belastungen der vergangenen Wochen/Monate/Jahre oder aber als letzte Chance zum Aufladen irgendwelcher psychovegetativer Batterien oder gar beides zusammen." (S. 45)

Während Wallaces Buch zu einem urkomischen Bericht zwischen inkompatiblen Lebensentwürfen wird, positioniert sich Ansgar Martins - durchaus ernsthaft und ironiefrei, aber auch als Stranger in a strange land - als Betrachter einer Anthroposophischen Gesellschaft, die ihren Kapitän Rudolf Steiner auch 100 Jahre nach dessen Wirken als sakrosankt und unfehlbar ansehen möchte, ungeachtet der zahllosen, Jahrzehnte andauernden Diskussionen etwa über dessen rassistische Bemerkungen. Martins geht das Kreuzfahrtschiff einmal der Länge nach ab - entlang der Entwicklungs- und Deutungsphasen ihres Kapitäns- und entfaltet dabei seine These, dass die "gewissen Stellen" im Werk Steiners keine einzelnen populistischen Entgleisungen gewesen sein können, sondern mit einer sich wandelnden, aber doch zentralen Teleologie im Werk Steiners zusammen hängen- der Weiter- und Höherentwicklung des Individuums im Sinne eines "esoterischen Darwinismus".


Der deutsche sittliche Hochsinn

Martins berichtet zunächst den Forschungsstand in Bezug auf rassentheoretische Aussagen Rudolf Steiners, d.h. Rassismus „aufgrund der Abwertung von Rassen und Völkern und der Überhöhung der weißen Rasse, namentlich der Deutschen". Dabei spielen der hier zitierte Zander und der amerikanische Historiker Staudenmaier eine zentrale Rolle. Auch Staudenmaier vereinfacht die Rolle der Rezeption Steiners im Nationalsozialismus nicht- es habe sowohl „folgenschwere Feindschaft", „Distanz und Resonanz" gegeben „und eine vereinfachende Deutung verkennt leicht die Spannungen zwischen beiden Polen".
Ähnlich differenziert geht Martins in seinem Buch vor.

So greift er auf die Biografie Steiners zurück, vor allem auf „seine intellektuelle Sozialisation im Vielvölkerstaat Habsburg" (S. 22). Während des Studiums bezeichnete sich Steiner in seinem Selbstbild selbst als Teil „der deutsch- nationalen Bewegung" und sah für die Deutschen eine „“geistige" Aufgabe und „Kulturmission"" (GA 30, 1884, Martins S. 24).
Als Redakteur der Deutschen Wochenschrift (1888) häufte Steiner „offenherzig Stereotyp um Stereotyp" (S. 25) an und schrieb vom Deutschen als „von sittlichem Hochsinn" durchtränkt, während er den Franzosen mit ihrer „Frivolität" und „Liberalität" nichts als „klügelnde(n) Verstand" unterstellte. In einer Rezension entglitten Steiner trotz seiner Ablehnung des Antisemitismus und jedes „Rassenkampfes" dennoch Äußerungen wie die, „Das Judentum als solches" habe „keine Berechtigung innerhalb des modernen Völkerlebens". (S. 28) Die peinlichen Belehrungen des jüdischen Hausherrn Ladislaus Spechts durch den jungen Steiner, der im Haus ein und aus ging, hat Steiner in seiner Autobiografie ganz unbefangen wiedergegeben: „Aber es war bei dem Hausherrn, dem ich sehr zugetan war, eine gewisse Empfindlichkeit vorhanden gegen alle Äußerungen, die von einem Nicht-Juden über Juden getan wurden (S. 29)“. Was nur zu verständlich war.


Der unbedingte Individualist

In seiner Weimarer Zeit wandelte sich Steiner zwischenzeitlich zum „atheistischen Anarchisten", beschäftigte sich mit Haeckel und Nietzsche und begann, seine „Philosophie der Freiheit" zu konzipieren. Darin bejahte er einerseits die Möglichkeit eines „unbedingten Individualismus", sah den Menschen andererseits auch als ein Gattungswesen mit „Charaktereigentümlichkeiten der Gemeinschaft". Steiners Haltung ist nach Martins Meinung demnach ambivalent: „Tatsächlich postulierte Steiner (..) die Koexistenz beider Kategorien" (S. 32 ff), nämlich einer biologistisch determinierten und einer individualistischen, die sich aus rassischen und nationalen Festlegungen befreit.

In der Folge geht Martins auf die Entwicklung der Theosophischen Gesellschaft und auf den Begriff der Esoterik im allgemeinen ein, vor allem aber auf Blavatsky. Denn hier wurden seit 1875 ideologische Bausteine formuliert, die auch zur Lehre von den "Wurzelrassen" führten: "Die Wurzelrassenlehre stellte letztlich Ernst Haeckels Sozialdarwinismus „vom Kopf auf die Füße" (..)- nicht das „Höhere" entwickelte sich aus dem „Niedrigen", sondern das „Niedrige" entstehe als Degeneration einstmals höherentwickelter „Rassen"" (S. 45). Blavatsky hatte keinerlei Probleme, daraus eine Rechtfertigung für den „Dezimierungsvorgang" abzuleiten „unter jenen Rassen, deren "Zeit um ist". Sie rechtfertigte damit vor allem die Exzesse der damaligen Kolonialisten.


Der Theosoph

Nach der Jahrhundertwende fand Steiners viel diskutierte Wendung zu den Theosophen statt. Steiner übernahm die theosophische Wurzelrassenlehre teilweise und inkongruent. Er verwendete den Rassebegriff in der Folge mal mehr biologistisch, mal eher im Sinne von Kulturepochen. Er konzipierte die Lehre Blavatskys im Sinne von Fortschreibungen um, was Martins in Details ausführt. Vor allem verknüpft er den Reinkarnationsgedanken mit der Wurzelrassenlehre in dem Sinne, dass der Mensch „so alle Stufen menschheitlicher Entwicklung durchleben" (Steiner nach Martins, S. 55) könne.
In den folgenden Jahren, in denen Steiner allmählich seine kosmologische "Geheimwissenschaft" ausarbeitete, hat sich an dem Gedanken einer Befreiung von determinierenden rassischen, sprachlichen und nationalen Eigenschaften durch einen individuellen Entwicklungsprozess im Sinne einer esoterischen Schulung nichts geändert. Man kann diese Haltung wie Peter Staudenmaier als „Zukunftsvision jenseits der Rassenunterschiede mit einem evolutionären Rassismus verknüpft" (Staudenmaier nach Martins, S. 59) verstehen. Es gibt zu dieser Zeit eine Fülle meist sehr bedenklicher ähnlicher Konstrukte bei anderen Autoren. Ab 1904 kam zu diesem Modell noch Steiners Lehre der Herkunft der Rassen aus der untergegangenen Atlantis hinzu. Die verschiedenen Ur- Rassen lebten nebeneinander, entwicklungsfähige Eliten neben „verkümmerten Menschen" (S. 61). 1905 führte Steiner diese Idee immer weiter aus, wobei er bedauerlicherweise auch die Hautfarbe aus der Wurzelrassenlehre ableitete. In einem Vortrag 1904 rechtfertigte Steiner sogar die indische Kastengesellschaft. Die nach- atlantische Entwicklung lief in Steiners Augen eurozentrisch auf die „germanisch- englische Unterrasse" zu. Im Gegensatz zu den „fortgeschrittenen" ließ Steiner (GA 54, 154) den Begriff der „untergeordneten Rassen" fallen, in denen man „Stufen früheren Menschendaseins" zu erkennen habe. Die kaukasische (weiße) Rasse sei diejenige, die zur Ausbildung „des logischen Denkens" befähigt sei, während insbesondere Indianer, "Neger" und Malaien zurück blieben. Zwar betonte Steiner, dass man aufgrund der wiederholten Erdenleben diese Phasen durchlaufen würde („wie nicht der eine verurteilt ist, bloß in einer primitiven Rasse zu leben.." Steiner nach Martins, S. 73), was aber an der Diskrimierung an sich natürlich nichts ändert. Ab 1906 begann Steiner, das bisherige Schema der Entwicklung der Rassen zu relativieren; nicht jede der gegenwärtigen und zukünftigen Wurzelrassen sei „eine „Rasse" im "eigentlichen" Sinne" (Martins. S. 77):
„Die Menschheit wird in der Zukunft in Teile gegliedert sein, die man nicht mehr wird als „Rassen" bezeichnen können" (Steiner nach Martins, S. 77). Aber dennoch entglitten ihm wenig später Äußerungen über die „degenerierten Astralleiber der asiatischen Stämme", nämlich der Hunnen, die in Mitteleuropa den „Aussatz" hervorgerufen hätten. 1907 beschreibt er Afrikaner, die „kupferroten Indianer" und Asiaten als entwicklungsunfähig" (Martins, S. 79), und belegt sie gleichzeitig mit angeblichen seelischen Eigenschaften. Die esoterische Evolutionslinie läuft eindeutig auf die weiße, mitteleuropäische Bevölkerung zu: „Den Teil der Menschen, der anfängt, das Prinzip des Mannas auszubilden, finden Sie bei der kaukasischen Rasse." (GA 101, nach Martins, S. 81).


Des weiteren

Ab 1908 rückt Steiner diesen elitär- esoterischen Entwicklungsgedanken wieder in eine andere Richtung und betont nun, er spräche von "Kulturentwicklungsperioden", das eigentliche Rassische sei überlebt. Trotz aller Relativierung und trotz Einbezug des Reinkarnations- und Entwicklungsgedankens ändert sich an Steiners Stigmatisierung der bis heute in "zurückgebliebenen Rassen" inkarnierten Menschen nichts: "Keine Seele ist an einen zurückgebliebenen Leib gebunden, wenn sie sich nicht selber bindet" (GA 104, 89, nach Martins, S. 86).
In der Vortragsreihe "Die Mission einzelner Volksseelen…" (1910) verknüpft Steiner seine Entwicklungslehre mit Engelshierarchien, bindet aber nun auch planetarische Aspekte ein. 1912 bezeichnet Steiner den Rassentheoretiker Gobineau als „großen, genialen Mann" (Steiner, nach Martins, S. 107). Wiederholt schreibt er Luzifer „die Differenzierung des Menschen in Rassen" (Steiner nach Martins, S. 108) zu. 1914, zu Kriegsbeginn, sieht er den Krieg als Verschwörung gegen den deutschen Geist, den „spirituellen Leitstern Europas" (Martins, S. 112). Um 1916 intensivierte sich Steiners Kontakt zum Verschwörungstheoretiker Karl Heise, der an das Wirken „geheimer okkulter Logen" glaubte, die von Amerika aus „die Weltherrschaft anstrebten" (Martins, S. 114). Heises nach dem Krieg publiziertes und mit einem Vorwort Steiners geadeltes Buch enthielt eindeutig antisemitische Spekulationen. Steiner dagegen unternahm nach dem 1. Weltkrieg wieder eine Kehrtwendung, indem er den Nationalismus verurteilte- als „Opposition gegen das Geistig- Seelische" (Steiner nach Martins, S. 118). 1919 wurden Weltgegenden, geographische Orte, zum Ziel der Inkarnation von Individuen, denn die Seelen richteten sich "nicht mehr nach Rasseneigentümlichkeiten" (Steiner nach Martins, S. 119).


Der Ältere

In den 20ern finden sich einerseits Bemerkungen Steiners über intelligente Blonde und angeblich senile Asiaten, andererseits betonte Steiner gegenüber Hans Büchenbacher, dass es in der anthroposophischen Gesellschaft keinen Antisemitismus gäbe- obwohl Büchenbacher genau das beklagt hatte. Aber 1922, nach alledem, ließ sich Steiner dennoch in haarsträubender Weise über „Neger" aus („..wie überhaupt jetzt die Neger in die Zivilisation von Europa hereinkommen", Steiner GA 348, 189). Eine weit verbreitete Lachnummer ist der Einfluss der „Negerromane" auf schwangere Frauen („..da entsteht durch rein geistiges Lesen von Negerromanen eine ganze Anzahl von Kindern in Europa, die ganz grau sind, Mulattenhaare haben werden.." dito). Steiner legte dann in den nächsten Monaten in den Arbeitervorträgen kräftig nach in Bezug auf von Trieben beherrschte Neger und träumende Asiaten, aber auch kindliche Amerikaner. Dann fiel auch der heute so oft zitierte Satz (GA 349, 62 nach Martins, S. 133): „Die weiße Rasse ist die zukünftige, die am Geist schaffende Rasse."
Steiner blieb sich in dieser Hinsicht bis zum Schluss treu. 1924 betonte er wieder einmal, dass die „Mission des Judentums" erfüllt sei, agitierte gegen jüdische Ärzte und wünschte, dass „die Juden durch Vermischung mit den anderen Völkern in den anderen Völkern aufgehen" (Steiner nach Martins, S. 135).

Im weiteren geht Martins auf die Rezeption Steiners nach dessen Tod ein, streift die nationalsozialistische Zeit und beklagt die Verdrängung der rassistischen Ideen Steiners in der Nachkriegszeit bis zu den Arbeiten von Arfst Wagner und Uwe Werner. Dank deren Arbeiten wird heute allmählich die teleologische Entwicklungstheorie Steiners mit ihren angeblichen geistigen Eliten infrage gestellt. Der sich vielfach wandelnde Steiner hat - wie die genaue, zeitlich schrittweise Darstellung Martins belegt- bestimmte rassistische Stereotypen manchmal revidiert, meist aber nur mit immer neuen Aspekten angereichert. Martins nennt das die „ambivalenten Züge seines Denkens". Heute ist es überfällig, in der Rezeption Steiners diesen nicht als Säulenheiligen zu überhöhen, sondern die Elemente seines Weltanschauungskosmos, die nicht nur überlebt, sondern von vornherein inakzeptabel waren, kritisch zu sichten. Dazu gehören, wie Martins zum Schluss ausführt, Steiners Deutschtümelei, seine Sicht auf das Judentum als rückständige Kulturerscheinung, die Rassentheorien mit ihrer weißen Elite, die biologistischen und seelisch- geistigen Zuschreibungen, die angeblichen Rassen- und Völkermissionen. Martins betont, dass Steiner wegen seiner oft gerade in heiklen Fragen äußerst widersprüchlichen Äußerungen von allen möglichen Interessengruppen vereinnahmt werden kann- auch von „Anthroposophiekritikern, die Steiner auf seine rassistischen Äußerungen reduzieren" (Martins, S. 143).


Resumee

Man muss Ansgar Martins für diese glasklar geschriebene, harte, aber sehr kluge Arbeit danken, die zweifellos Maßstäbe setzt. Man muss auch danken, dass er eine mit etwa 150 Seiten gut lesbare Arbeit über das Thema liefert. Mir persönlich ist bislang nicht deutlich gewesen, dass die geschilderte Problematik tatsächlich alle Schaffensphasen Steiners durchzieht. Der emanzipierte Anthroposoph wird damit umgehen lernen müssen. Hundert Jahre danach ist es wohl dringend an der Zeit. Die Logbücher des Kapitäns müssen neu durch gesehen werden, das Schiff ist auf Grund gelaufen, die Passagiere sollten sich an den angebotenen Menüs nicht ohne Umsicht den Bauch voll schlagen. Rudolf Steiner ist aus mehreren Gründen kein Konsumgut: Nicht wegen seiner tatsächlichen Tiefen, und auch wegen der spezifischen Untiefen. Sonst geht es den Lesern wie den Kreuzfahrern auf David Foster Wallaces Schiff:
"Für richtigen Hunger gibt es auf einer Luxus- Kreuzfahrt eigentlich keinen Anlass, aber sobald man sich einmal an sieben, acht Mahlzeiten pro Tag gewöhnt hat, mahnt auch der Magen pünktlich und mit dem demselben schaumigen Leeregefühl Nachschub an."