Renate Riemeck | Die Egoisten
Renate Riemeck - ein weiterer "Fall"?
von Hans-Jürgen Bracker


Renate Riemeck; Fotoausschnitt: www.netzeitung.de

Es tut weh - wieder einmal: Allem Anschein nach muss das Bild einer weiteren anthroposophischen Persönlichkeit hinsichtlich ihrer Biografie während der NS-Zeit revidiert werden: In ihrem Buch "Ulrike Meinhof. Die Biografie." (Ullstein Verlag, Berlin 2007, 478 Seiten, 22,90 Euro) befasst sich Jutta Ditfurth u.a. mit Ulrike Meinhofs Zieh- bzw. Pflegemutter Renate Riemeck (1920-2003). Bislang galt die Historikerin Riemeck, einst jüngste Professorin an einer deutschen Hochschule, als linke Friedensaktivistin in den 50er und frühen 60er Jahren, die auch noch Anthroposophin war. In ihrer Autobiografie (die ich nicht gelesen habe) hat sie sich und Ulrike Meinhofs Eltern wohl als Gegner des Nationalsozialismus dargestellt. - Ditfurth hingegen, seit langem als vehemente Anthroposophiekritikerin bekannt, schildert Riemeck als verlogen.


Ulrike Meinhof

Die folgenden Zitate entstammen diversen Interviews bzw. Rezensionen des Buches. (Die meisten davon sind auf Jutta Ditfurths homepage http://www.jutta-ditfurth.de/ulrike-meinhof/Reaktionen.htm nachzulesen.)

(Interviewer:) "... dass Ulrike Meinhofs Vater kein christlicher Widerständler war, sondern ein leidenschaftlicher Nazi, dass ihre Pflegemutter, Renate Riemeck, früher mal eine Leitfigur der westdeutschen Friedensbewegung, dass sie im Nazi-Regime eine stramme Universitätskarriere gemacht hat."
(O-Ton Ditfurth:) "Und dann gibt es diese Renate Riemeck, die die eigene Vergangenheit leugnet, ihre Entnazifizierungsunterlagen fälscht und der Transmissionsriemen zur Familie Meinhof ist. Das heißt, der jungen Ulrike Meinhof die Legenden, die Mythen vermittelt, sie stamme aus einer antifaschistischen, christlichen Familie. Das klärt sich erst in den 60er Jahren auf, als Ulrike Meinhof auch schon längst aus vielen anderen Gründen getrennt ist von dieser tyrannischen Pflegemutter, die fälschlicherweise den Ruf hatte, ganz besonders fortschrittlich und eine ganz besonders tapfere Frau gewesen zu sein, sondern die oft in ihrem Leben gelogen hat." (dlf-Interview mit Jürgen König, 29.11.2007)

(O-Ton Ditfurth) "Nehmen Sie mal Renate Riemeck, Ulrike Meinhofs Pflegemutter. Ihre eigene Nazi- Vergangenheit hat sie geleugnet, allen Biografen hat sie stets erzählt, die Meinhofs seien christliche Widerstandskämpfer gewesen, Ulrikes Vater habe sich den Faschisten verweigert. Falsch. Werner Meinhof war eifriges Mitglied der NSDAP, als Museumsdirektor in Jena hat er 1937 über 270 Kunstwerke für die Ausstellung "Entartete Kunst" ausgeliefert, darunter fast das gesamte grafische Werk Ernst Ludwig Kirchners. Zeitzeugen müssen oft ihr eigenes Handeln besser darstellen, sich für die Nachwelt selbst rechtfertigen." (Interview im Stern, 8.11.2007)


Jutta Ditfurths aktuelles Buch zum Thema


"Nach dem Tod von Ulrikes Mutter 1949 übernahm sie die Mutterrolle für die Schwestern Wienke und Ulrike, obwohl Herzenswärme keine ihrer Stärken war. In der Nazi-Zeit hatte die ehrgeizige Frau sich als Mitglied der Arbeitsgemeinschaft Nationalsozialistischer Studentinnen profiliert, und sie bewährte sich als rechte Hand des Direktors vom Historischen Seminar Jena: des antisemitischen Rassenhygienikers und
Obersturmbannführers Johann von Leers." (Tagesanzeiger 28.12.2007)

"Entgegen ihrer sehr vagen Autobiographie "Ich bin ein Mensch für mich" (1992), war Riemeck nicht sehr widerständig, sondern sogar Mitglied der NSDAP. Sie studierte bei den Rasseforschern Karl Astel und F. K. Günther und arbeitete als Assistentin bei Johann von Leers, der nicht bloß SS-Obersturmbannführer war, sondern als Professor den Antisemitismus auch noch wissenschaftlich begründen wollte. [...] Inwieweit Riemeck in ihrer Oppositionspolitik von Ostberlin beeinflusst oder gar gelenkt war, ist nach wie vor unklar.
So wie Riemeck den Widerstand nachholte, den sie in der Nazizeit unterlassen hatte, holte Meinhof erst als Journalistin und dann als Terroristin die Revolte gegen ihre Ziehmutter nach. Die mochte Pädagogikprofessorin sein und sich heldenmütig gegen den übermächtigen CDU-Staat Konrad Adenauers erhoben haben, zu Hause war sie tyrannisch, untersagte der Ziehtochter Liebesbeziehungen und gab später gerne deren Mann Klaus Röhl das letzte Wort." (Südd. Ztg. 25.11.2007)

"Riemeck leugnete, dass sie jemals ein Nazi gewesen war, aber Ditfurth hat in den Archiven nachgeforscht und herausgefunden, das Riemeck einen Antrag auf Mitgliedschaft in der Partei 1941 gestellt hat. Ihre Mitgliedsnummer war 8915151." (Göteborgs Posten, 10.11.2007)

"Renate Riemeck übernimmt dann für Ulrike und ihre Schwester die Pflegschaft. Diese couragierte Frau, Deutschlands jüngste Professorin, in der SPD gegen die Wiederbewaffnung engagiert und später in der Friedensbewegung aktiv, habe ihre eigenen Entnazifizierungs-Unterlagen gefälscht, so Ditfurth. Sie sei ebenfalls NSDAP-Mitglied gewesen - dass sie Juden geholfen habe, sei nirgends nachzuweisen." (ZDF, Aspekte v. 16.11.2007)

Riemeck "habe als ehemaliges NSDAP-Mitglied «gleich zweimal ihre Entnazifizierungsunterlagen gefälscht», sagt die Biografin Ditfurth. - Und zu Hause hätten Anstand und Ordnung geherrscht. So habe Riemeck den ersten Freund von Ulrike Meinhof nicht geduldet, weil der nur Steinmetzlehrling war." (ddp, 23.11.2007)

"Da habe sich in den 50er und 60er Jahren die Legende von der NS-Gegnerin Riemeck verfestigt - die einstmals jüdischen Opfern geholfen habe. "Meine Recherchen sagen: Davon ist kein einziger Fall wahr." Die Riemeck habe in Jena zwischen 1940 und 1945 die ehrgeizige Historikerin gegeben, die die "Nähe zu den faschistischsten Lehrmeistern" gesucht habe; ja, sie sei 1943 für hohe Positionen im besetzten Ausland vorgeschlagen worden.
Auch gebe es Belege, dass sie beim Nahen der Roten Armee ihre Entnazifizierungsunterlagen gefälscht habe. Wiederum sei die Riemeck für Ulrike (Jahrgang 1934) eine "enorm ehrgeizige, tyrannische Pädagogin" gewesen. "Sie hat 1949 bis 1955 unter der Fuchtel von Renate Riemeck furchtbar gelitten." Auch habe sie Ulrike in punkto Familie "die Hucke vollgelogen und ihr Mythen über die tollen Meinhofs erzählt"." (Thüringische Landeszeitung 25.11.2007)

(O-Ton Ditfurth:) "Renate Riemeck hat ihr Leben lang soviel gelogen, daß sie als Zeugin auch hier [nicht durchdachte Konsequenzen der Baader-Befreiung, hjb] ausfällt. Bis ans Ende ihres Lebens hat sie ihre NS-Vergangenheit verschwiegen und die Lüge verbreitet, sie habe Juden geholfen. Ihre Biographie mußte ich auch erst einmal neu recherchieren, immer hat man ihr geglaubt." (taz, 4.12.2007)

"Manchen mag erstaunen, dass sogar bei der Pflegemutter Renate Riemeck ihr Leben eingeschränkt war. Erste Liebeserfahrungen wurden von der Pflegemutter, wenn dies nicht in ihr Welt- und Sittenbild passte, rigoros durch strikte Verbote beendet. Viele die bisher sehr wenig über die DFU-Frau Renate Riemeck wussten bekommen hier ein erschreckendes Bild einer Frau geboten, die sehr zielbewusst nur das eigene Erfolgsprojekt namens Riemeck vorantreibt, ohne Rücksicht auf Verluste." (www.scharf-links.de 20.11.2007)

Inwiefern Jutta Ditfurth einseitig Quellen interpretiert und Renate Riemeck über Gebühr negativ darstellt, kann ich nicht beurteilen. Aber die recherchierten Fakten muss man wohl nicht anzweifeln. Ich habe das Buch selber noch nicht gelesen, werde es aber wohl bei Gelegenheit machen.

Tja! Wat nu?