Das Rätsel Tomberg | Die Egoisten

Das Rätsel Tomberg bleibt ungelöst

siehe auch in unserem Blog „Die innere Leuchtkraft seines Wesens“


Der Fall Tomberg

Schon der Titel von S.O. Prokofieffs und C. Lazarides Buch „Der Fall Tomberg“ (Dornach 1995) weist deutlich darauf hin, dass es in den Augen der Autoren um etwas quasi Kriminologisches, Pathologisches oder sonstwie Abwegiges geht. Der Untertitel „Anthroposophie oder Jesuitismus“ nimmt die Beurteilung des „Falles“ ebenfalls vorweg. Prokofieff schreibt wie gewohnt, also im Modus einer Oper - mit einem Spannungsbogen, kleinen Highlights und einem furiosen Ende. Zwischendurch erlaubt er sich zahlreiche Nadelstiche unter der Gürtellinie, um den Gegenstand seiner Betrachtung ohne nähere Spezifizierung zu demontieren. Überhaupt scheint die Choreografie seines Schriftstücks so angelegt, dass alle Quellenangaben sich dem angestrebten Ergebnis nicht nur unterordnen, sondern darauf zulaufen. Auch der vorangestellte kleinere Artikel von C. Lazarides spielt auf dem gleichen Instrument- ein Präludium also. Machen wir es kurz und gehen wir gleich zum Resumee: Es „weist (alles) darauf hin, dass Tomberg in die okkulte Gefangenschaft der Jesuiten geraten ist und infolge dessen dem jesuitischen Impuls in der römisch- katholischen Kirche alle seine okkulten Fähigkeiten und Kenntnisse zur Verfügung stelle.“ (S. 113)
Fürsprecher von Tomberg heute wie M. Kriele, der zu der Zeit der Niederschrift auch noch „Mitglied der Ersten Klasse der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft“ war, werden sogar mit Gerüchten (aus DIE ZEIT) abgefertigt: „In Tübingen wird gemunkelt, hinter Kriele stehe das erzkonservative Opus Dei…“ Außerdem sei Kriele mit Ratzinger „persönlich bekannt“. Somit verhält sich Prokofieff nicht wesentlich anders, als er Tomberg quer durch dessen gesamtes Werk vorwirft: Das verbindende Element bei Tomberg sei „seine nicht freilassende, suggestive und fanatisierende Wirkung.“ (S. 122)


Karmische Denunziationen

Dabei wäre dieser Kanonendonner Prokofieffs durchaus nicht nötig gewesen. Jeder, der das Spätwerk Tombergs unvoreingenommen ansieht, wird die tiefe und durch nichts zu überwindende Kluft zu seiner anthroposophischen Ära der 30er Jahre sofort erkennen. Sein letztes -postum zusammen gestelltes- Buch „Lazarus, komm heraus“ (Basel 1985) hat den Charakter einer Anhäufung uninspirierter frömmelnder Sonntagspredigten, die auch innerhalb des Katholizismus ein erzkonservatives Loblied von Pflicht, Kirchgang, Ehe und vor allem jesuitischer Disziplin anstimmen. Es ist ganz offensichtlich, dass von der Brillanz der frühen Jahre am Ende nichts übrig ist.

Aber Prokofieff möchte eben auch den „anthroposophischen Tomberg“ vernichten. Wie kam es zu den schweren Konflikten Tombergs mit Marie Steiner und F.W. Zeylmans von Emmichoven? Erstere hat in einem Aufsatz („Über falsche Mystik und persönliche Ambitionen bei der Vertretung der Anthroposophie“, 1936) auf das Problem von Tombergs Ehrgeiz hingewiesen. Danach hat Tomberg in anthroposophischen Zusammenhängen eitel und okkult ehrgeizig „als Lehrer, als Führender, als Meister“ (Prokofieff) gewirkt. 1939 habe er begonnen, einer Reihe von Personen auf höchst spekulative und manipulative Weise „deren frühere Inkarnationen zu offenbaren“. Er selbst habe sich als Wilhelm von Oranien dargestellt, seine Gegner dagegen karmisch denunziert. Mit einem Wort: Valentin Tomberg hat sich nach diesen Darstellungen den Karmabegriff als „okkultes Kampfmittel“ auserkoren. Seine engsten Vertrauten dagegen beglückte er mit Angaben, sie alle stammten aus dem „Jenaer Kreis“ um Goethe.

Die öffentliche Ablehnung solcher Zuschreibungen habe dann zum Bruch mit der Anthroposophischen Gesellschaft geführt.


Reformation des Jesuitismus


Die Zuwendung zur katholischen Kirche habe Tomberg dann damit verbunden, deren okkulten Kernbereich - den Jesuitismus - insofern zu reformieren, als er ihm mit dem Begriff des zu erwartenden Maitreya- Buddha neue, vertiefende Impulse gab. Zu diesem Zweck musste er vor allem die emanzipatorischen Eigenheiten der anthroposophischen Esoterik demontieren, denn die „Bewusstseinsseele“ mit ihrem Bild des freien, individuellen, selbstreflektierten Menschen passte ins Gehorsamsmuster des Papismus nicht hinein. So schrieb Tomberg dann: „Das Amt des Papstes oder der Heilige Stuhl ist eine Formula der göttlichen Magie, genauso wie das Amt des Imperators“ („Meditations sur les 22 arcanes du Tarot, Paris 1984).
Selbstverständlich ist die Unfehlbarkeit des Papstes damit für Tomberg zu einer unbezweifelbaren Realität geworden. Und so singt Tomberg immer wieder das Loblied des absoluten Gehorsams („Derjenige, der Gott anerkennt- der gehorcht“) und rückt damit sogar dem Guruismus näher als der Anthroposophie: „“Der Gehorsam, zu dem der Chela dem Guru gegenüber in Indien und Tibet verpflichtet ist, hat im Prinzip das gleiche Ziel.“ („Meditations…“) Tomberg hat sich damit zweifellos dem Grundprinzip des Jesuitismus mehr als angenähert. Er hat sich damit einer bestimmten, reaktionären Gruppierung selbst innerhalb der Jesuiten als Vorreiter angedient. Man muss doch bedenken, wie viele Jesuiten im 20, Jahrhundert im Sinne der 2. Vatikanischen Konzils (Papst Johannes XXIII.) und im Sinne der Befreiungstheologie vor allem in Südamerika in Widerspruch zu Doktrinen ihrer Kirche geraten sind. Tomberg dagegen bestand darauf, dass jedes Wort, das ein Papst „ex cathedra“ verkündet, „zwischen Ewigkeit und Zeit, aus dem „Kreuz“ also des hl. Petrus“ („Lazarus…“) entstehe: So „ist jede Willkür absolut ausgeschlossen.“


Leugnung der geistigen Autonomie


Die Bewusstseinsseelen- Entwicklung der Menschheit dagegen sei „missraten“- die geistige Autonomie des Menschen mithin nicht zu erreichen. Die Unterwerfung des modernen (?) Menschen unter die Autorität der Kirche sei somit unabdingbar. Diese „suggestive Kultur“ (Rudolf Steiner, 19.10.1918), die von Rom ausgehe, soll „die Menschen auf dem Standpunkte der Verstandes- oder Gemütsseele“ festhalten- eben um die Macht der Kirche zu bewahren.

Der späte Tomberg sang aber weiter das Loblied des autoritär geprägten Jesuitismus: „Durch die meditative Schulung (des Ignatius) wurden die Menschen nicht nur „fromm“- sie wurden zu Zeugen der christlichen Wahrheit, wie etwa Paulus durch sein Erlebnis auf dem Weg nach Damskus zum Zeugen des Auferstandenen wurde.“ („Lazarus…“).

Damit verdreht Tomberg den Begriff des Christus in das Gegenteil dessen, was er in seiner anthroposophischen Ära in bemerkenswerter Klarheit und Brillanz geschildert hatte. Denn zu dieser Zeit ging er noch ganz vom Individuum und dessen Verstehen des Christus aus: „Zuerst muss der Christus verstanden werden in seinem Kommen im Ätherischen, dann kann die Begegnung im Raum mit dem im Ätherischen wandelnden Christus bewusst geschehen. Diesmal muss erst im menschlichen Innern der Sinn der ätherischen Wiederkunft aufgehen.“ (Tomberg, „Die vier Christusopfer und das Erscheinen des Christus im Ätherischen“, 1939).

Beim späten Tomberg geht es nicht mehr um individuelles Verstehen, sondern um Kadavergehorsam. Kein Wunder, dass er am Ende seines Lebens die Arbeiten aus seiner anthroposophischen Ära nicht mehr publiziert sehen wollte. Im Sinne der katholischen Kirche sind sie ketzerisch.


Argumentieren mit der Planierraupe


Was gegen Prokofieff spricht? Dass er in einem derart delikaten Fall mit der Planierraupe argumentiert. Die zahlreichen Seitenhiebe gegen Jesuiten („das Verbrechen an Kaspar Hauser…“) sind in diesem Kontext unbelegt, überflüssig und im Sinne eines Dialogs absolut kontraproduktiv. Das Feindbild Katholizismus wird von Prokofieff gehegt und gepflegt. Er tut so, als sei dieser ein erratischer Block ohne Widersprüche und ohne gegenläufige Strömungen. Die Behauptung einer „okkulten Gefangenschaft“ Tombergs ist selbstverständlich ein Mythos, der in diesem Zusammenhang aufreißerisch und propagandistisch wirkt. Prokofieff hätte gut daran getan, den späten Tomberg einfach für sich sprechen lassen. So wirkt seine Schrift genau so suggestiv wie es Tomberg in Prokofieffs Darstellung ist.

Das Rätsel Tomberg bleibt ungelöst.