Otto Ohlendorf | Die Egoisten
Otto Ohlendorf

Im Artikel von Dr. Regina Reinsperger, ins Englische übersetzt vom Historiker Klaus Popa, werden Details zum NS- Verbrecher Otto Ohlendorf dargestellt, die zur beschönigenden, unten angefügten Darstellung von Elisabeth Klein im starken Kontrast stehen.
Eine weitere, stilistisch stark überarbeitete und neu gefasste Übersetzung ins Englische hat Tom Mellett vorgenommen.

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Hier die deutsche Originalversion der Arbeit von Dr. Reinsperger


Elisabeth Klein: Das Schicksal von Otto Ohlendorf

in: Begegnungen. Mitteilenswertes aus meinem Leben
Freiburg 1978


Unergründlich und schwer verständlich, ja schwer zu tragen sind manche Lebensschicksale, die in tragischen Zeiten dem eigenen Lebensweg begegnen. Mit Scheu versucht man, der Größe mancherlei Verknotungen nahezukommen. So ging es mir bei meinen Berliner Bemühungen mit Persönlichkeiten, die mir auf verschiedenen Ämtern entgegentraten, besonders aber mit der Persönlichkeit von Otto Ohlendorf. Dieser arbeitete im SD für das Amt der „Volksbefragung" und in leitender Stellung in der Reichsgruppe Handel. Sein Mitarbeiter, Dr. Dütsch, berichtet über seine Ziele: „Ohlendorf war bekannt als Gegner aller kollektivistischen Bestrebungen in der Wirtschaft und aller Versuche, die privaten Unternehmen zu Gunsten von Großbetrieben abzubauen." So wird es verständlich, dass er sich auch mit großer Energie für die Erhaltung der biologisch-dynamischen Landwirtschaft, auch gegen den Widerstand der Kunstdüngerkonzerne, einsetzte, ebenso aber auch für die Waldorfschulen. Auch für die Erhaltung heilpädagogischer Heime hat er viel Hilfreiches getan. Herr Leitgen machte uns auf ihn aufmerksam. Ohlendorf war als Kämpfer gegen die Maßnahmen eines Bormann, eines Heydrich und besonders Himmlers bekannt.

Intern hat Ohlendorf gegen viele Zwangsmaßnahmen des Nationalsozialismus, vom Kulturleben an bis hin zur Judenfrage opponiert. Kein Wunder, dass er sich dadurch Feinde schuf und dass man nach einem Grund suchte, gegen ihn vorzugehen. Das gelang erst 1941, als Heß nicht mehr in Deutschland war; in erster Linie wegen seiner Angriffe auf die führenden Persönlichkeiten der SS, aber auch wegen seines Einsatzes für die biologisch-dynamische Landwirtschaft, die Waldorfschulen und heilpädagogischen Heime. Er wurde strafversetzt und kam an die Ostfront. Als Beauftragter der an die der II. Armee angeschlossenen Polizeitruppe erhielt er von dort seinen Einsatzbefehl: Rückwärtige Säuberung der Front von Partisanen. Das hieß nicht nur die Vernichtung ganzer Dörfer, wenn dort ein Schuss gefallen war, sondern häufig auch das Töten von Juden und Zigeunern, die generell als Partisanen angesehen wurden. Aller Widerstand, den er gegen den Befehl geleistet hatte, erwies sich als vergeblich. Es gelang ihm aber, Zehntausende von rumänischen Juden zu retten, indem er sie auf rumänisches Gebiet zurückführen ließ und so vor dem sicheren Tod bewahrte. An alle Armeen in Russland waren solche Polizei- Abteilungen der SS angeschlossen, und es war Himmlers Bemühungen nur schwer gelungen, Ohlendorf in eine solche Polizeitruppe in Russland versetzen zu lassen. Ohlendorf war 10 Monate durch die Strafversetzung in diesem Einsatz. Ich habe ihn nach diesem furchtbaren Erleben wiedergesehen. Todesernst ging von ihm aus, als er sagte: „Ich hätte mich dort an die Wand stellen lassen können. Für einen, der so viel Grauen gesehen hat, wäre das nicht schwer gewesen. Aber ich durfte es nicht tun. Ich kannte meinen Nachfolger, der grausam war. Vor allem wusste ich, dass ich in Berlin mit anderen zusammen Mittel und Wege finden könnte, um diesen furchtbaren Mißständen in Russland ein Ende zu machen." Das war aber nicht mehr zu bewältigen. Er kämpfte nicht nur gegen jene Führer Heydrich, Himmler usw., sondern in Wahrheit gegen Mächte, für die jene Genannten nur Werkzeuge des Machtwillens und der Grausamkeit waren.


In einem Brief aus Landsberg vom 22. Mai 1949 findet sich: „Nicht das Gefängnis ist für mich schwerstes Leiden. Mein Leiden ist vielmehr zu keiner Zeit größer gewesen als in den letzten Kriegsjahren in äußerer Freiheit und rastloser Tätigkeit im großen Kreis." Ohlendorf hat sich bei Kriegsende sofort den Alliierten gestellt und über das Geschehen in Russland, in das er 1941/42 verwickelt war, Mitteilung gemacht. So kam er in den Nürnberger Prozess, dem sich viele andere durch Selbstmord oder Flucht entzogen hatten.


Er hat sich im Nürnberger Prozess als einziger selbst verteidigt mit etwa den folgenden Ausführungen: Wenn englische Flieger auf Befehl Phosphorbomben auf Hamburg und seine Frauen und Kinder werfen, oder wenn Flieger die „Christbäume" über Berlin setzen und eine Stadt mit Frauen und Kindern ausradieren, so geschah dies auf Befehl. Auch ich habe auf Befehl, gegen den ich mich mit allen Kräften vorher gewehrt hatte, gehandelt. Sind das nicht alles Kriegsverbrechen oder nur meine Handlung? Übereinstimmend mit solchen Gedanken sagt Barbara Nordmeyer im „Zeitgewissen": „Auch Claude Eytherly, der amerikanische Pilot, war nur ein Rädchen in der großen Kriegsmaschine. Er tat nur seine Pflicht, als er das Zeichen zum Abwurf der Atombombe über Hiroshima gab, eine Pflicht, die ihn in den Augen seiner Nation sogar auszeichnete. Nicht in seiner Verantwortung lag der Krieg und das, was er tat in Ausübung seiner Pflicht — musste er das verantworten?"
Ohlendorf wurde zum Tode durch den Strang verurteilt und wurde zwischen 1945 und 1951 nach Landsberg überführt. Viermal kam er in die Todeszelle. Immer wieder kamen Gnadengesuche für diesen außergewöhnlichen Menschen. In Landsberg hatte er von neuem Gelegenheit, sich mit Anthroposophie zu beschäftigen. Sein Anwalt Merkel, der Anthroposoph war, gab ihm viele Bücher Rudolf Steiners sowie das Johannesevangelium von Rittelmeyer, und er berichtet, daß er sie mit stärkster Anteilnahme las. Seine Frau konnte ihn nach seinem Tod sehen und teilte mit, daß er trotz der Todesart sehr friedlich ausgesehen habe. Er war ein Bauernsohn und wurde in seinem Heimatdorf Hoheneggelsen in Gegenwart von etwa 1200 Menschen auf seinen eigenen Wunsch von einem Pfarrer der Christengemeinschaft bestattet. Nach seinem Tode fühlte ich mich sehr bedrängt und bat Herrn Steffen um ein Gespräch. Herr Steffen hatte sich aber damals ganz zurückgezogen. Es ergab sich jedoch, dass ich in der Aufführung seines Dramas „Die Märtyrer" durch die Güte Dr. Poppelbaums auf dessen Platz neben Herrn Steffen sitzen konnte. Das Drama hat nicht die Kriegsfrage und was jemand auf Befehl tut zum Inhalt, sondern das Leben einer Persönlichkeit, die Misshandlung und Grausamkeit selber will, wie es etwa bei Heydrich der Fall war.


Als nach der Vorstellung alle den Saal verlassen hatten, stand ich wie schon einmal mit Herrn Steffen allein in dem großen Saal. „Nun, haben Sie noch eine Frage?", wandte er sich gütig an mich. Das Drama selbst aber hatte alle Abstufungen von Schuld und Wandlung gezeigt und Fragen beantwortet. Albert Steffens Abschiedsworte waren: „Ich verspreche Ihnen, dass ich mich um den toten Otto Ohlendorf kümmern werde."
Es sind viele Fragen, die angesichts eines solchen Schicksals in einem aufsteigen können, Fragen, die sich einer nur individuellen Beurteilung entziehen und die das Böse in seiner menschheitlichen Gewalt in den Blickpunkt rücken.


Eines ist mir aber sicher: Wo eine solche Schuld entstanden ist, bedeutet es eine Hufe, wenn der Betreffende noch in seinem Erdenleben die Folgen seiner Taten als Leiden zu tragen hat. Dieser Gesichtspunkt kann mit dem Schicksal von Otto Ohlendorf aussöhnen. In diesem Sinn waren die Jahre schwersten Leidens in Landsberg auch eine Hilfe für ihn.
Wie verschieden sind die Schicksale einiger der schon vorher genannten Persönlichkeiten.

Lothar Eickhoff hatte in Berlin alles, was in seinen Möglichkeiten lag, getan. Bei den letzten Besuchen traf ich ihn in großer Angst und Sorge. „Es ist zu erwarten, dass ich in der nächsten Zeit einen Unfall haben werde", sagte er. „Das macht man heute so! Wenn jemand unbequem ist, hat er einen Unfall. — Werden Sie meiner Frau beistehen, wenn das geschieht?" — In seiner Situation griff der Minister Frick helfend ein. Er versetzte den Ministerialrat als Regierungspräsident nach Aurich in Ostfriesland, entfernte ihn also vom Kampfplatz. Nach dem Krieg hat Eickhoff Schweres durchgemacht. Ihm war aber ein ruhiges Alter, in dem er sich mit wissenschaftlichen Studien beschäftigen konnte, beschieden. Bei der Entnazifizierung Professor Bäumlers stellte sich heraus, dass er nicht nur 38 Bücher Rudolf Steiners zum öffentlichen Verkauf freigegeben hatte, sondern auch Tausende von anderen sogenannten „unerwünschten Schriften". Er war mit einigen anthroposophischen Staatsschullehrern zusammen in einem automatischen Arrest. Dort trug er ihnen, wie sie berichteten, begeistert die Philosophie der Freiheit vor. Er wurde in allen Ehren und voller Pension entlassen. Otto Ohlendorf ist durch seinen Tod einen Weg gegangen, an dessen Ende die volle Einsicht in seine Schuldverknüpfung und der Wille zur Sühne stand. Das gibt die Berechtigung, sich um ein Verständnis des Menschen Ohlendorf zu bemühen, der mit teuflischer Absicht von jenen in seinen Auftrag hineingestoßen wurde, die sich zu Vollstreckern des Bösen gemacht hatten und die ihn dadurch schuldig werden ließen. Aus meinen eigenen Erfahrungen mit ihm habe ich die Überzeugung gewonnen, dass über diesem hochbegabten, mutigen und in seinem Kern lauteren Mann ein Karma waltete, das im Durchschreiten der Finsternis den Weg frei machte für ein neues bewusstes Leben im Lichte eines Aufarbeitens vergangener Schuld.
Ein ähnliches Bild entstand durch die eidesstattlichen Erklärungen eines Dr. zur Linden, eines Dr. Hauschka oder eines Herrn Pickert und einer Fülle anderer Persönlichkeiten, mit denen er im Leben zu tun gehabt hatte.
Ohlendorf ist in eine furchtbare Situation und in Gewissenskonflikte geraten, aus denen er keinen Ausweg fand, vielleicht, weil es keinen Ausweg gab. Darum kann sein Schicksal als tragisch bezeichnet werden. Licentiat Bock hat die historische Gewalt dieses tragischen Schicksals am deutlichsten erkannt. Er schrieb ihm handschriftlich am 13. Mai 1948, also etwa in der Mitte seiner Gefangenschaft, nach Landsberg und nach seinem Tod an Frau Ohlendorf, die er kannte.


Ich stelle hier an den Abschluss Teile aus diesen beiden Briefen, weil sie für diesen besonderen Fall historische Größe offenbaren. Aus dem Brief vom 13. Mai 1948: „. . . Sie sind auf den Wegen Ihres Schicksals vielfältig mit dem Schicksalskreis in Berührung gekommen, in welchem wir leben und wirken. Große, überpersönliche Zeitalter-Schicksale haben in diese Begegnung hineingewirkt und es mit sich gebracht, dass Sie an Plätze gerieten, wo Sie zum Exponenten gigantisch tragischer Entwicklungen wurden. Sie sollen wissen, dass in unserem Kreise angesichts der Gestalt, die das Schicksal nunmehr für Sie annimmt, alle trennenden Fragen und Bedenken getilgt werden. Es soll nur auf die Tatsache der Blick gerichtet sein, dass Ihr Schicksal sich mit dem unsrigen real berührt hat, und dass Sie ... bestrebt waren, unseren Bestrebungen hilfreich zu sein. Wir möchten darin ein Hervortreten der latenten Schicksalszusammengehörigkeit sehen, die wir an unserem Teile für jetzt und zukünftig bejahen und durch Positivität des Herzens real machen möchten..."
Aus dem Brief vom 21. Juni 1951 an Frau Käthe Ohlendorf: „Wenn ich Ihnen erst heute ein Wort der Teilnahme sende, so bitte ich Sie, das nicht als Zeichen eines Zuwenig, sondern vielmehr als das Zeichen eines Zuviel anzusehen. Das Schicksal Ihres Mannes hat mich so sehr erfüllt und beschäftigt, dass ich auch heute noch das Gefühl habe, keinen geeigneten Ausdruck für meine Empfindungen finden zu können. Vor einiger Zeit ließen Sie mich wissen, dass Ihr Mann Ihnen die Zeilen, die ich ihm in der Oster zeit geschrieben habe, gezeigt hat. Auch damals war es mir fast unmöglich, auch nur einen andeutenden Ausdruck für meine Empfindungen zu finden. Ich habe trotzdem ein paar Worte zu sagen versucht. Mein sicheres Gefühl war, dass das prüfungsreiche, schwere Schicksal angesichts einer höheren Welt durchaus richtig, positiv und fruchtbar verlief. Die innere Fruchtbarkeit, von der ich mir vorstellte, dass sie sich in der Seele Ihres Mannes offenbarte, war so leuchtend groß, dass demgegenüber die Frage nach dem weiteren äußeren Verlauf verblasste, aber es war natürlich, dass ich an der Sehnsucht derer teilnahm, die wünschten, dass der äußere Verlauf der Positivität des inneren Verlaufes entsprechen möchte. Schon die Folter der langen Ungewissheit war aber ein Ergebnis derjenigen politischen Rücksichtnahmen und Machenschaften, die nachher erst recht den äußeren Verlauf bestimmt haben. Und so musste ja auch schon zu Ostern und später immer wieder damit gerechnet werden, dass der äußere Verlauf ein tragischer werden würde. Trotzdem habe ich bis zum letzten Augenblick gehofft, dass sich letzte Regungen von Menschlichkeit und Gerechtigkeit gegen die kalten politischen Berechnungen durchsetzen könnten. Es ist anders gelaufen. Eine Tragik kam zustande, in der sich die letzte Kälte und Herzlosigkeit, die aus der heute üblichen Denkungsart resultiert, weltgeschichtlich symbolisiert. Fast noch deutlicher als durch die Hinrichtung selbst ist das in der Strategie des Totschweigens zutage getreten, durch die man erreicht hat, dass weite Kreise der Weltöffentlichkeit schließlich meinen mussten, es handele sich um eine Bagatelle, wo es sich in Wirklichkeit um ein Zeichen der Zeit allerersten Ranges handelte. Sie wissen, und ich habe auch in meinem Brief zu Ostern darüber gesprochen, dass wir uns in die Arena des Politisierens niemals begeben haben und auch niemals begeben werden. Wir müssen es uns zur Aufgabe machen, im Spirituellen, wenn auch in aller Stille, Gegentatsachen zu schaffen gegen die Taten des Ungeistes, die das politische Feld heute mehr denn je beherrschen. Meine Überzeugung ist, dass die innere geistige Fruchtbarkeit, zu der sich Ihr Mann in der schweren Prüfungszeit der letzten Jahre hindurch gerungen hat, in erster Linie zu solchen Gegen Tatsachen zu rechnen ist, wie wir sie durch unsere religiöse Wirksamkeit zu erzielen streben. . . Aus einem 3. Brief Emil Bocks an Frau Ohlendorf vom 26. April 1959 (die Urteilsvollstreckung war 1951) sei folgender Passus zitiert: „ Als ich das Schreiben verfasste, in welchem ich Sie bat, Ihren Mann zur Abfassung einer ausführlichen Denkschrift über die kultischen und okkulten Tendenzen der SS zu veranlassen, habe ich das wirklich ohne jeden Hintergedanken gemacht. Nie ist mir der Gedanke gekommen, dass Ihr Mann an den Manipulationen, die ich da meinte, irgend einen Anteil gehabt haben könnte. Ich stellte mir nur vor, dass er als Beobachter doch manches wahrgenommen habe, über das ein Bericht von ihm eben historisch aufschlussreich gewesen wäre."


Frau Ohlendorf konnte dieser Bitte Emil Bocks nicht nachkommen. Kämpfte sie doch damals mit der Prinzessin Isenburg zusammen um das Leben ihres Mannes. Auch konnte sie bei den kurzen erlaubten Besuchen, immer in Gegenwart mehrerer Zuhörer, solche intimen Dinge wohl schwer zur Sprache bringen. Während seiner Tätigkeit im SD hatte Ohlendorf seiner Frau über die Schwierigkeiten und seinen Kampf mit Hitler so gut wie nichts mitgeteilt, um sie nicht zu belasten. Mir selbst ist durch seine eigenen Worte bekannt, dass er gerade gegen diese okkulten Umtriebe in der SS auf das heftigste gekämpft hat.
Nicht zuletzt ist es gerade durch den Kampf Ohlendorfs gegen die okkulten Machenschaften in der SS zu der Strafversetzung dieses unbequemen Mannes in die Krim 1941 gekommen. Die Tragik des Schicksals von Otto Ohlendorf wird durch diesen Umstand noch deutlicher.

Ich habe diese Darstellung über Otto Ohlendorf gebracht, entgegen aller Opportunität, weil meine Verantwortung der Wahrheit gegenüber es notwendig machte.