11.9. | Die Egoisten
Feenland und 11. September
Anthroposophische Verschwörungstheoretiker bei den "Europäern"
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Natürlich gibt es keine "anthroposophische Linie"- aber es gibt Abweichler davon. Thomas Meyer ist einer davon. Wie viele Abweichler von x- beliebigen Linien sammelt er um sich herum Getreue und organisiert im Raum Basel Seminare. Das Blatt, das Standort und Verlauf der Linie kundgibt, heißt dann ausgerechnet "Der Europäer
[1]". Man kann, wenn man die Ausgabe scheut, auch eine Menge davon im Internet herunter laden, denn der Perseus- Verlag bietet ein umfangreiches Archiv an (siehe Bildschirmfoto). 
Da liest man beispielsweise Artikel wie den von Andreas Bracher: "Einige Gesichtspunkte zur Beurteilung der Urheberschaft der Terroranschläge vom 11. September". Es handelt sich um eine Art Kurzfassung dessen, was
von Bülow, Wisnewski und andere mit umfänglichen Mutmaßungen, Bildern und missverstandenen und missdeuteten Facts aufgesext und zu veritablen Bestsellern gemacht haben. Das wenigstens - ungerechtfertigt Furore zu machen und es bis zu einem SPIEGEL- Titelblatt zu bringen- ist den Europäern erspart geblieben.


Also, nehmen wir Bracher. Er selber spricht von ""dissidenten" Gesichtspunkten", die er bezüglich der Urheberschaft der Terroranschläge einnimmt. Man könnte dafür auch andere Vokabeln verwenden, aber lassen wir es dabei. Ganz klar: Auch er leugnet die "Alleinverantwortlichkeit der Al- Kaida- Organisation"- allerdings, natürlich- so machen sie es alle, die Verschwörungstheoretiker-, lässt er ein, zwei Hintertürchen für sich offen und versichert vorneweg schon einmal, dass er "selbstverständlich kein endgültiges Urteil" bezüglich dieser Frage fällen könne. Sein "Denkgebäude" (was für ein Wortungetüm, vor allem im Angesicht der Twin Towers) sei nicht ein "in sich konsequentes". Da fragt man sich, warum er den Mund überhaupt aufmacht. Inkonsequentes, vorläufiges, selbst gestricktes Zeug hat aber zur Zeit Hochkonjunktur, vor allem wenn es den Trends des Antiamerikanismus hinterher hechelt. Allerdings, der Autor fühlt sich "für eine Diskussion" nicht einmal "ausreichend kompetent". Nachdem er das losgeworden ist, brabbelt er dann nichtsdestotrotzzwei, drei eng bedruckte Seiten eifrig los. 
Seine Hauptthese ist die, dass eine islamische Organisation wie die Al Kaida für die "eiskalte, perfekte Durchführung" der Anschläge viel zu blöd war: "Das geht in Intelligenz und Perfektion" seiner Ansicht nach weit über das stümperhaft, wenngleich blutige Geschäft solcher Islamisten hinaus- denn ein solcher "puritanischer Islam" ist ja per se "kreativitätsfeindlich". Außerdem müssen die Macher solchen Terrors ja ein "ungeheures, fast unendliches Selbstbewusstsein" gehabt haben. Eine "methodische" Verfolgung terroristischer Aktivitäten über mehrere Jahre traut Bracher solchen Typen einfach nicht zu. Offensichtlich übersetzt er Islamismus mit Fundamentalschwachsinn. Bracher redet dann allerdings selbst unergründliches Zeug über Feen und das abgründig Böse. Alles läuft darauf hinaus, dass ganz andere, ungleich mächtigere Kräfte, die über einen deutlich höheren Intelligenzquotienten verfügen, hinter der Planung und Durchführung stecken müssten. Glücklicherweise verfällt er nun nicht (wie von Buch zu Buch von Bülow in immer ausgeprägterem Maß) in antisemitisches Geraune, sondern fragt nur mal so, ob die westlichen Geheimdienste denn nicht etwas gewusst haben müssen. Das tut nicht weh und ist auch nicht zu klären, denn die Geheimdienste arbeiten nun einmal geheim.
Immerhin - darin hat er ja recht- waren einige der Flugzeugentführer ja durchaus vor den Anschlägen im Visier der Geheimdienste. Auch die "amerikanische Connection" Bin Ladens war kein Geheimnis. Es gab ein lebhaftes Interesse westlicher Geheimdienste an Bin Laden - allerdings zu Zeiten russischer Kriegsführung und usurpatorischer Aktivitäten in Afghanistan. Das ist lange her. Angebliche Treffen von CIA- Agenten mit Bin Laden unmittelbar vor den Anschlägen auf die Twin Towers dagegen geben dem Ganzen eine aparte Note, die vermutlich tief in das wundersame Land der Feen führt, das Bracher vorher in anderem Zusammenhang eingebracht hat. Aber natürlich versteht man seine assoziative Kette. Sie ist in der Tat in jedem Augenblick durchschaubar.
Das geht denn dann so weiter. Bush habe - wird so honigsüß souffliert, als habe Bracher selbst im Oval Office gesessen - der CIA nach den Anschlägen ja "keinerlei Vorwürfe" gemacht, sondern habe sie im Gegenteil auch noch gelobt. Natürlich zieht Bracher die Schlüsse aus seiner argumentativen Kette nicht expressis verbis- das überlässt er dem eifrigen Leser. Der denkt nach all dem Gelesenen: Ja, so war es: Bush hat die Anschläge angeordnet.
Nun ja. Nun kommen wirre, aber altbackene Schlenker zum "Alten von Berge", berauschten Assassinen und allerlei Haschischräuschen. Der "sterile Wahhabismus Bin Ladens" spräche gegen die Logik der Anschlagsdurchführung. Und außerdem sei die amerikanische Regierung nach dem Terroranschlag kein bisschen verwirrt gewesen. Man habe vielmehr "zügig bestimmte Entscheidungen eingefädelt". Das gleiche gelte auch für die Reaktion der Medien, vor allem die des alles dominierenden Senders CNN. Die sind nichts als Regierungssender, gleichgeschaltet wie die gesamte Presse und die "Massenmedien". So entfaltet sich Brachers Entwurf einer gewaltigen westlichen Verschwörung. Und endlich entschlüpft es ihm auch einmal klar: "Ganz offenbar hat jemand in Westeuropa und den USA aus diesen Leuten eine Terrorgruppe zusammengestellt". Wenn man der Argumentation aus Feenland folgt, ist das tatsächlich "ganz offenbar". Enge Beziehungen der Terroristen zu Bin Laden bestreitet Bracher. Er murmelt etwas von "ganz andere Verbindungen".
Für ihn führt die Spur nach Florida. Schon in den "50er und 60er Jahren" sei Florida Hauptaufmarschgebiet der CIA gewesen. Ja, und? Natürlich, Kennedy, Kuba, Castro, Schweinebucht. Ist lange her. Was soll das? Mehr kommt nicht, muss aber auch nicht, wenn man vor sich hinmunkelt.Der geneigte Leser versteht die Andeutungen schon, wenn er nur ausreichend geneigt ist.
Dann aber enthüllt Bracher noch die wahren Hintergründe für die Verwicklung der USA in den Anschlag im eigenen Land: Man habe "Schocks, emotionale Erschütterungen" gebraucht, "um die westlichen Gesellschaften lenken zu können". Bracher sieht terroristische Akte also als Instrument der globalen politischen Stabilisierung. Dann verstummt er wieder. Er muss wohl noch ein bisschen üben, um ein richtig großer Verschwörungstheoretiker zu werden. Aber im Ansatz macht er eigentlich alles richtig. Ein bisschen facts, ein bisschen Feenland, ein paar hingeworfene Brocken: Das ergibt ein Süppchen, das hauptsächlich im Kopf der Leser zu einem Gebräu wird, an dem sich der eine verschluckt und der andere zu einem für sich stimmigen "Gedankengebäude" kommt. Auch wenn es ein Gebäude ohne einen Hauch von Statik und Stabilität sein mag: der Glaube hilft, wo das Denken versagt.    

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[1] Zu finden unter http://www.perseus.ch/ Dort ist der hier besprochene Artikel im Archiv der Zeitschrift als PDF- Download zu finden. Wegen Verwendung von Frames auf dieser Site ist leider keine exakte Verortung möglichFeenland und 11. September