Politik als Maya | Die Egoisten
Massimo Scaligero: Die Politik als Maya

Aus: Massimo Scaligeros 1972 erschienenen Autobiographie “Vom Yoga zum Rosenkreuz“

Die Übersetzung veranlasste Hans-Peter Dieckmann
Dank an Rainer für die Übersendung

Ich bin kein Politiker, bin nie ein Politiker gewesen: vom Temperament her, aus innerer Konstitution, aus Neigung konnte ich es nicht sein. Müsste ich mich durch einen Gegensatz definieren, könnte ich sagen, dass ich das Gegenteil dessen bin, was ein politischer Mensch ist. Deswegen habe ich stets diejenigen bewundert, die die Gabe besitzen, sich selbst als Politiker auszuschöpfen: ich bin überzeugt, dass sie den schwereren Teil des menschlichen Gewichts auf sich nehmen, indem sie das Opfer bringen, das ihr Leben frisst, zusammen mit ihrer eigenen Vergänglichkeit, dem relativen Lebensdurst.

Allerdings bin ich mit Rudolf Steiner und auch Mario Viezzoli, Autor eines unveröffentlichten Essays zum Thema, überzeugt, dass das Zeitalter der Politik zu Ende gegangen ist, und dass die Ära des Sozialen oder des moralischen Impulses beginnt, die sich unter Mühen den Weg durch die Rinde der ausgeschöpften politischen Impulse bahnt. Ich bin davon überzeugt, dass die Politik das Überleben eines authentischen „Obskurantismus" ist, der die Berührung mit dem objektiven Gegenstand der menschlichen Probleme hindert: verhindert, durch vorher gebildete ideologische Übernahmen, in den Problemen Situationen zu entdecken, die keiner Interpretation nach politischen Farben oder Parteitheorie bedürfen, sondern logische technische, im wesentlichen moralische Lösungen brauchen.

Als nicht politisch, vielmehr apolitisch vom Temperament her, glaubte ich gleichwohl als junger Mensch in der faschistischen Ära meine Vision der Welt in die politische Form einfließen lassen zu können: das erklärt die Kategorie, in welcher noch heute mancher mich einzuschließen versucht: eine Kategorie, die ich aus Pflicht gegenüber Redlichkeit und Wahrheit nicht ableugne, die mich aber nie beinhaltet hat, noch mich jemals davon abgehalten hat, zu sein, was ich wirklich wollte. Soviel ist richtig, dass ich immer ein (isolierter) Einzelkämpfer war, von der Presse der damaligen Zeit nur dank der ethischen Qualität der Themen, die ich vorlegte, als Gast aufgenommen.

Was ich in jener Zeit schrieb, könnte ich in jeder Zeitung, linker, rechter oder Mitte-Ausrichtung wieder veröffentlichen, nur mit dem Ersetzen des Wortes „Faschismus" z.B. durch den Ausdruck „soziale Vision" oder „moralische Instanz".
Hätte ich anstelle des faschistischen unter sowjetischem Regime gelebt, wäre der Inhalt meiner Ideen derselbe gewesen: ich hätte für ihn nur eine andere Form finden müssen.
Meine Schriften aus dieser Zeit zeugen für das, was ich damals wollte und noch immer will: als letzten Sinn der Probleme die Notwendigkeit der Wiedervereinigung des Menschen hervorzuheben.

Nur ein moralischer Weg kann einen sozialen Weg garantieren: nur die freie Individualität, die in sich die Moralität als Kraft oder als zweite Natur trägt, bildet die Garantie der richtigen Führung eines sozialen Organismus und dessen Rechtsstandes: das ist immer der Sinn des „politischen" Aspektes meiner Schriften gewesen, ein Gedanke von einer Einfachheit, um nachgerade naiv zu erscheinen, und dennoch konkreter Schlüssel zum Problem.
Um mich meinen außerpolitischen Studien, dem Gehalt nach metaphysischen Charakters, widmen zu können, schlug ich mehr als einmal brillante Karrieren bei tonangebenden Tageszeitungen jener Zeit aus -zur Verblüffung derer, die mir dazu die seltene Gelegenheit boten-, und ich begann als „ein wenig seltsam" zu gelten - hoffte ich als Übergangs(Lösung) auf eine Zeitschrift, die mich für wenige Stunden am Tag anstellen sollte; und das war „L` Italia Marinara", Organ der Lega Navale Italiana, deren Chefredakteur ich 12 Jahre lang war, von 1932-1944.

Es ergab sich, dass die Lega Navale eine Einrichtung der faschistischen Partei war und der damalige Parteisekretär Achille Starace. So war Achille Starace automatisch auch Präsident der Lega Navale und Direktor der, Jtalia Marinara", wo ich, ohne es im mindesten zu provozieren, als bedeutende Person erschien: ich war es aber überhaupt nicht in diesem Sinn, weil ich nie an einer öffentlichen Zeremonie teilgenommen habe, ich stand A. Starace persönlich nicht nahe, ich hatte nicht die geringste Beziehung zu ihm, auch wenn ich für ihn eine besondere Bewunderung hegte, insofern ich über gewisse seiner intellektuellen Grenzen hinaus, die nie für mich über den Wert eines Menschen entschieden, in ihm das Walten einer seltenen Tugend des Geistes vorausahnte: die Geradheit, die Fähigkeit einer diamantenen Treue zum eigenen Ideal.

Die Kunst, in der ich meine, eine seltene Vollkommenheit erreicht zu haben, ist die, Versammlungen, offizielle Anlässe, Zeremonien, die Rhetoriken der Riten, Kongresse, Symposien, akademischen Konferenzen zu meiden; nicht aus einem Geiste menschlicher Nicht- Kooperation heraus, sondern weil ich immer den Sinn solcher Inszenierungen in Bezug zu der Pflicht setzte, nicht Zeit und Energie zu verlieren, um dem Nächsten an anderer Stelle nützlich zu sein.

Die Inszenierungen der politischen Zeremonien kenne ich sehr wohl recht gut, jenseits ihrer edlen, heiligen und legitimen Motive, auf die sie sich berufen: hatte ich sie damals durchschaut, kann ich sie heute nicht nicht durchschauen, da sie die Gleichen geblieben sind, auch wenn sie ein anderes Zeichen tragen, immer unter der Gedienz (?) nötigender Machenschaften, die mit dem ideologisch vorausgesetztem Inhalt recht wenig zu tun haben.

Das Redaktionszimmer der „Italia Marinara", im dritten Stock des Palazzo Giustiniani in Rom - ein schöner, getrennt gelegener Raum mit einer großen Terrasse zum Pantheon hin, wurde nach und nach durch die Tätigkeit, der ich regelmäßig nachkam, ein Ort für die Zusammenkünfte der esoterisch arbeitenden Freunde und ein Zentrum (spiritueller) geistiger Aktivitäten: hatte ich mein sehr geringes Arbeitspensum für die Zeitung erledigt, widmete ich mich den mich hauptsächlich interessierenden Studien: ich empfing Freunde, leitete die Versammlungen, die sich fast immer spontan bildeten.

Dieser Ort wurde recht bald Ziel intellektueller Zusammenkünfte, die nichts zu tun hatten mit der Politik der damaligen Zeit.
Da ich über Papier verfügte mit dem Briefkopf der Zeitung und dem Namen ihres Direktors, A. St., wurde dieses Zimmer, während ich Chefredakteur war, durch die Empfehlungsschreiben, um die man mich bat, bald auch eine Art Vermittlungsbüro. Viele Jahre später sollte ich dann Freunden begegnen, die mir ihre Dankbarkeit für die erwiesenen Hilfe ausdrückten, für die erhaltenen Ausstellungen durch die Schreiben, die ich damals an Rechts und Links adressieren konnte, dank dieses Briefkopfes. Da sich das Gerücht von diesem Umstand ausbreitete, kann man sagen, dass dieses Papier nichts anderem diente, als selbstlos einem Bedürftigem zu helfen, einem Arbeitslosem eine Stelle zu beschaffen, eine gerechte Sache zu vertreten. Es kam sogar vor, dass man mir eine bestimmte Menge dieses Papiers entwendete und dass unter meinem Namen falsche Empfehlungsschreiben zirkulierten. Es gelang mir dennoch, die mir daraus erwachsenden Schwierigkeiten zu überwinden. Als der Rassenwahn ausbrach fühlte ich, da eine gewisse Offenheit der Presse gegenüber meiner Mitarbeit gegeben war, die Pflicht einzugreifen, damit dieser riesige Fehler den geringst möglichen Schaden anrichten konnte; ich leugne nicht, dass ich besorgt war, weil ich sofort die absurde Entwicklung eines solchen Standpunktes ahnte.

In diesem Sinne unternahm ich tatsächlich eine sofortige und energische Anstrengung, um dieser Initiative einen Inhalt zu geben, der ihr Hauptanliegen sein sollte, einen ethischen und symbolischen Inhalt, so dass das Ganze eine Folge von erzieherischen und bildenden Maßnahmen für die Jugend hätte werden können.

Aber mein Versuch wurde vom üblichen fanatischen Politizismus überwältigt: demselben, der heute und unter anderen Vorzeichen und in anderen Formen freie Initiativen in jedem Gebiet der Erde verhindert.
Sollte jedenfalls jemand meine Schriften aus jener Zeit dazu lesen, kann er nicht umhin die von mir beabsichtigte Intention zu bemerken. Es kam sogar vor, daß ein sehr feiner Beobachter in der Zeitschrift „Augustea" meine Thesen analysierte und mich des „maskierten Antirassismus" anklagte.

Was ich damals über den Rassenwahn dachte, denke ich immer noch: ich halte ihn für einen Denkfehler aufgrund der Unfähigkeit im Bewusstsein das von der Rassen unabhängige innere Element zu unterscheiden. Es mag ahnungslose Rassisten geben, Völker, die noch in ihrem eigenen ethnischen Element aufgehen; es ist nicht so schwerwiegend, wie der Rassismus von Völkern, die die Kraft der Bewusstseinsseele besitzen.
Heimtückischer Rassismus ist allerdings dieses, dem man andere Bezeichnungen verleiht, in Ahnungslosigkeit seiner wahren Natur: in Wirklichkeit Mittel eines viel tiefer gelegenen Impulses, ausgestattet mit Wurzeln in der Dämonie der kollektiven Psyche und sich selbst durch politische und sogar religiöse Ideologie rechtfertigend.
In den vorherrschenden Linien der aktuellen weitreichenden Spannungen der politisch-militärischen Mächte auf der Erde (in der Welt?) kann man ein heftiges Aufeinanderprallen von Rassismen entdecken: es gibt die feinen Verbindungen zwischen Rassismus und Rassismus, ebenso wie die Zusammenstöße.

Das Missverständnis wird durch abstrakte Individualismen genährt, die unfähig sind, das Phänomen zu durchdringen und den Sinn der Verschiedenheit der Rassen zu begreifen und zu finden, was die Menschen trotz der Verschiedenheiten eint: eine Aufgabe, der die Religionen und die Kirchen nicht nachgekommen sind, für die bisweilen der Antirassismus die notwendige Form gegenüber den Impulsen des Rassismus ist.
In meinem Buch „Klassenkampf und Karma" habe ich im Grunde versucht zu zeigen, wie hinter den Phänomenen des Klassenkampfes sich ein ins Politische verschobener Rassismus verbirgt: der psychische Impuls als psychosomatischer Impuls wird zum Mittel einer Kraft-Idee, die eher der Spezies entspringt, als dass sie aus dem freien Individuum kommt. Letztendlich wird als ideologischer Widerpart gegenüber Bedürfnissen, die der menschlichen Realität fremd sind, eine soziale „facies" konstruiert: solche Bedürfnisse werden plausibel gemacht durch das Zusammenfallen einer abstrakten Dialektik mit tatsächlichem ökonomischen Problemen: Probleme, die den entsprechenden Ideologien unbekannt sind, und die nicht dadurch gelöst werden, dass sie der Politik als notwendige Machtinstumente dienen.

Der konsequente Materialist kann nur Rassist sein, insofern er nicht außerhalb der biologischen Kategorie lebt, er überschreitet nicht die Grenze der Art: infolgedessen muss er an die tierische Abstammung des Menschen glauben und kann nicht Moralität als einen von physischen Strukturen unabhängigen Wert begreifen. Der Materialist muss notwendigerweise zum Rassisten werden, trotz antirassistischer Prämissen, insofern er sich mit den Impulsen der Rasse identifiziert, der er angehört. So trägt er zur Schaffung einer widersprüchlichen Situation bei, der sich die Politiker immer weniger entziehen werden können, da sie gezwungen sind, immer kompliziertere Strategieformen zu entwickeln, die mit der ursprünglichen Parteiidee gar nichts mehr zu tun haben: sie befinden sich in den Zwängen eines Kampfmechanismus, dessen Sinn sie nicht mehr begreifen können, und ohne zu entdecken wer tatsächlich die Fäden in der Hand hält.
Die Redaktion der „Italia Marinara“ diente tatsächlich durch Jahre als Zentrum von geisteswissenschaftlichen Studien und Begegnungen (- es folgen mehrere Namen) ... waren dabei, und es kam zu Treffen, die manchmal zu einem unerwarteten,,Plenum" wurden. Unter den Kollegen der „Italia Marinara" hatte ich das Glück der Nähe zu einem Menschen von außergewöhnlicher Vornehmheit, zu Giovanni Savelli, einem Schriftsteller von solcher Kraft des Stils und des Gedankens, so feinsinniger Urteilsfähigkeit, der sich die Flügel reiner poetischer Imagination beigesellten, dass ich jahrelang darauf wartete, ihn offiziell anerkannt hervortreten zu sehen, als einen der Größten der zeitgenössischen italienischen Literatur: allerdings vergeblich, zweifelsohne wegen seiner absoluten Unabhängigkeit von Gruppen und Strömungen.

Unter Anderen, die mich besuchten, war ein sympathischer Draufgänger, Guglielmo Longo, Ex-Soldat der Sturmtruppen im ersten Weltkrieg, großzügig, Dichter, Erfinder, immer bereit zu einem schallenden Lachen, einen Imbiss vorzuschlagen oder einen Ausflug in fröhlicher Runde. Er erzählte mir eines Tages von seinem Vorhaben eines Regierungswechsels, nicht um etwas Oppositionelles zu installieren, sondern um die überpolitischen Kräfte des Landes zu sammeln, zur Auflösung der faschistischen Partei, mittels eines Bundes von qualifizierten Persönlichkeiten, so dass das soziale System auf spirituellen Grundlagen, von denen ich ihm sprach, eine organische Realität werden sollte.
Wie sonst schon, hielt ich das für eine platonische Phantasie von Longo und tat nichts, um ihr zu widersprechen: für gewöhnlich beschränkte ich mich darauf, ihm innere Disziplin anzuraten und ihm die Möglichkeit zu geben, seiner Persönlichkeit eine moralische Ausrichtung zu geben: ich konnte mir nicht vorstellen, dass er bald Punkt für Punkt beginnen würde, die ersten Grundzüge seines Programms in die Tat umzusetzen, Schlüsselpersönlichkeiten heranzuholen und jeder einen Teil vorzuschlagen. Jede hatte sich positiv dazu geäußert, so wie ich es theoretisch vorgesehen hatte.

Daraus entstand unter uns ein einzigartiger Ideenaustausch: da ich begriffen hatte, dass Longo das durchführen würde, was er vorhatte, fühlte ich mich verpflichtet, ihn in der geringstmöglichen destruktiven Weise verfahren zu lassen.
Es gelang mir, ihm die Wichtigkeit des absoluten Ausschließens von Gewalt begreiflich zu machen und davor an ihre Stelle das objektive Funktionieren des Gesetzes zu setzen, die Gleichheit aller davor.
Longo besaß absolutes Vertrauen in das, was ich ihm als Geisteslehre vermittelte: dies ermöglichte mir ihn so zu leiten, daß er trotz seiner Zielbefangenheit, sich grundsätzlich an den Prinzipien von Gleichheit und Menschlichkeit orientierte.
Er besaß ein außergewohnlich gutes Gedächtnis, so dass er nie eines Notizbuches bedurfte - was sich in der Folge als höchst weise Voraussicht erwies - außerdem glaubte er an magische Kräfte: ich hatte ihm in einfachen Worten von den geistigen Kraften der Sonne gesprochen, und er war überzeugt, täglich eine Ladung Kraft von der Sonne zu erhalten, allein dadurch, dass er sie betrachtete: eine Naivität, in der dennoch eine Intuition aufblühte, welche er vollbewusst nur schwer erreichen konnte.

Er verwechselte die Realitat mit dem Symbol, wie die „mens primitiva", und trainierte sich, die Sonne mehr als 20 Minuten lang zu fixieren. Bei der Realisation seines Programmes, Punkt fur Punkt, fand er Mittel und Wege, Schlüsselpersönlichkeiten aus Kultur und Streitkräften heranzuziehen: einige davon waren aus „Überzeugung" dabei, oder lehnten eine direkte Beteiligung an der Aktion ab, übernahmen sie aber, wo andere zur Ausführung fähig gewesen wären.

Longo und seine Mitarbeiter planten beim Entwerfen des Bildes der außerpolitischen Führer der neuen Regierung, die die soziale Dreigliederung verwirklichen sollte, also die absolute Unabhängigkeit des Geistes-, Rechts- und Wirtschaftsleben von Politik und Staatsgewalt, als Garantie der 3 Kräfte und ihres Zusammenwirkens - die Übernahme von verantwortlichen Aufgaben durch bestimmte Persönlichkeiten aus Wirtschaft und Kultur, die ihren Rang jenseits jedweder Parteitendenzen hatten und die ahnungslos involviert wurden, jedoch ohne Konsequenzen. Die konspirative Bewegung erreichte eine derart perfekte Organisation von zivilen und militärischen Köpfen, dass sie gewiss ihr Ziel erreicht hätte, hätte sie sich nicht in der banalsten der Schwierigkeiten verfangen: in den Geldmitteln. Bis zum Zeitpunkt der Initiative zur Finanzierung der Konspiration, hatte ich das Gefühl, dass sie sich gemäß einer inneren Kohärenz entwickelte, so wie eine Idee, die den eigenen logischen Ausdruck beherrscht: in dem Augenblick aber, als Longo - da er einige Versuche misslingen sah beschloss, seinen eigenen Weg zu gehen, obwohl dieser äußerst zweifelhaft erschien, merkte ich, dass ihm die Bewegung entglitt, und es stellte sich bei mir ein Gefühl der Gefahr ein.

Nach einiger Zeit wurde Longo tatsåchlich verhaftet, und es war der Klugheit, mit der die Operation bis dahin ausgeführt worden war zu verdanken, ferner Longos Vergangenheit als Frontkämpfer, seiner Fåhigkeit, alles durch sein schallendes Lachen während der Verhöre zu entdramatisieren, auch seiner Kunst, eine ansteckende Heiterkeit zu vermitteln, wenn die Anzahl der Verhaftungen begrenzt war, und ich, anerkannt als absolut desinteressierter Ratgeber, wie ein Arzt fur die Geschäfte seines Patienten, nur fur ein paar Monate von der Polizei beschattet wurde. In den Archiven des Polizeiprasidiums in Rom liegt zu dieser Geschichte ein dickes Aktenbündel: als ich ein paar Jahre später, nach dem Sturz des Faschismus von den Allierten verhaftet wurde, hatte ich mir diesen Vorfall zu nutze machen konnen, um leicht aus dieser Lage zu kommen; ich zog es vor es nicht zu tun, weil ein derartiges „Alibi" in bezug auf Anschuldigungen, die sich als in sich selbst unhaltbar erwiesen - wie es übrigens auch geschah -mir widerstrebte.

Von den Alliierten wurde ich dann tatsächlich am 10.6.1944 verhaftet, in das Gefängnis Regina Coeli, 3.Block, Zelle 322 verbracht, mit Entschuldigungen wieder freigelassen, im Wagen mit Begleitung am 16.11. desselben Jahres nach Hause gebracht, nachdem die offiziellen Ermittler des „Intelligence Service" in minutiöser Weise mein Leben durchleuchtet hatten und vor etwas standen, das ihre Schemata durcheinanderbrachte: eine ausgedehnte mystisch-esoterisch außerfaschistische Aktivität, vielfältige Mitarbeit in der Presse des Regimes, ein Gehalt, das achthundert Lire im Monat nicht überstieg, dazu keinerlei Hinweis auf irgendeine Zuwendung von Seiten des Kultusministeriums oder von nahe stehenden Einrichtungen: ein Leben, das streckenweise diesen Verhörenden unerklärlich war, wie mir ein englischer Offizier anvertraute, der mir Freund wurde, gerade beim Kennenlernen des inneren Hintergrundes meiner Existenz: so unerklärlich, dass der Verdacht aufkam, ich sei ein äußerst begabter und fähiger Geheimagent, einer - weiss der Himmel welcher - Macht: sie konnten nicht die Bescheidenheit meines Lebenduktus begreifen, in Bezug auf eine private kulturelle Aktivität, die so breit gefächert war.

Der wahre Grund meiner Verhaftung durch die Alliierten war der Fund von Spuren zweier Besuche bei der deutschen Botschaft in den letzten Monaten: tatsächlich war ich als Journalist zu Botschaftsangehörigen gegangen, in beiden Fallen, um bezüglich der Freilassung von zwei Anthroposophen, die von der Polizei festgehalten worden waren, vorzusprechen: der erste war ein junger Mann, den ich kannte.
Es gelang mir, ihn durch schnelles Handeln und eine diplomatisene „ad hoc"-Aktion bei den Botschaftsangehörigen nach kurzdauernden „Fang" frei zu bekommen: ich erhielt dafür Dankesbezeugungen und Segenswünsche von den Führern der Gruppe in der Via Aurelia. Ein paar Tage darauf baten sie mich wiederum dringlich, dass ich mich für einen der Ihren einsetzen soIlte, den ich nicht kannte, der im Zuge eines Ermittlungsverfahrens in Haft saß: wiederum handelte ich nicht auf Vorsichtsmaßnahmen bedacht, und der Freund kam frei. Diesem Umstand verdankt sich meine Verhaftung, der die intensive Untersuchung meines ganzen Lebens folgte: der Tatsache, dass ich gehandelt hatte, um zwei Menschen aus einer gefährlichen Situation zu holen, von denen einer mir unbekannt war, aus der römischen anthroposophischen Gruppe.