Im Gefängnis | Die Egoisten
Massimo Scaligero: Im Gefängnis

aus: „Dallo yoga alla rosacroce": Regina Coeli
..bereit gestellt und vermittelt von Rainer.
Die Übersetzung veranlasste Rainer.
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Es war mein Schicksal und mein Karma, das mich in das Gefängnis „Regina Coeli" gebracht hat. Ich kam in die sog. politische Abteilung des Gefängnisses, aufgrund der Tatsache, dass ich zwei anthroposophischen deutschen Freunden geholfen hatte. Diese Beiden hatten mir dann, als ich im Gefängnis war, allerdings nicht weiter geholfen. All dieses war eine vorgeburtliche Entscheidung von meinem Ich. Es war für mich wie für jedes Individuum von grosser Bedeutung, das Schicksal so zu durchschauen, dass man die führende Kraft des Ich in den erscheinenden Ereignissen erfahren kann.

Im Gefängnis kam ich dazu, meine konkrete Methode der Meditation auszubilden. Es war für mich die Möglichkeit, durch klare, reine Gedankenkraft, die Lehre von Rudolf Steiner erfahren zu können. Anfangs war es schwierig, mit der neuen Situation umzugehen und sich an sie zu gewöhnen, es gab herumlaufende Tierchen und kalte, nasse Wände. Nach ein, zwei Wochen etwa verbesserte sich meine Lage: Die für mich verantwortlichen Aufseher und Wärter erkannten anscheinend etwas an meiner Persönlichkeit, was sie überzeugte, dass ich nicht ein sog. „politischer" Häftling sei und ich deshalb in eine Einzelzelle gesperrt wurde. Nun hatte ich eine Zeile für mich, es war in der Abteilung 322.
Hier konnte ich beginnen, die Kraft der Einsamkeit und Stille mit meinem innersten Wesen zu erleben - so wie ich es vorher nie erfahren hatte. Von aussen gesehen war ich unschuldig, meine Inhaftierung war ein Fehler; innerlich nahm ich das Schicksal an - es galt, das Beste aus all dem zu machen und die Zeit zu nutzen. Ich nahm die Synthese aller meiner vorherigen esoterischen Erfahrungen und begann diese auf die Geisteswissenschaft Steiners auszurichten. Ich traf die Entscheidung, mich in den langen Stunden der Einsamkeit, keinen Phantasien hinzugeben: Nur durch diese Entscheidung konnte ich eine positive Antwort auf das Schicksal geben. In den ersten Tagen erlebte ich die grössten physischen Schwierigkeiten -dann ist etwas gekommen, eine Veränderung, eine Hilfe: Dieses war die radikale Erfahrung des Ich. Diese Erfahrung des Ich kam wie ein Blitz über mich und hat Fieber, Erschöpfung und Halsschmerzen von mir genommen. Die vollständige Einsamkeit, ohne den alltäglichen Zeitablauf mit seinen Anforderungen, liess in mir das Gefühl entstehen, mich ganz an die Welt der Kräfte hingeben zu können. Es ging darum, dass ich eine subtile Entscheidung zu fallen hatte: Die Entscheidung, mich der Seele oder dem Ich hinzugeben.

Das spagyrische Werk ist ein Schlüssel, um diese Kräfte zu beherrschen: Der Logos im Ich ist der Befreier der Seele. Ich bewegte mich mehr und mehr in diese Richtung und konnte dann eine viel bessere Verbindung finden zu dem Werke Steiners. Ich machte die Erfahrung, dass die logische Ebene in der Begegnung mit seinem Werk, überwunden werden muss, es ist notwendig, dass von oben, von einer höheren Ebene etwas kommen muss, um die logische Ebene überwinden zu können. Das logische Verstehen der „Philosophie der Freiheit" kann nur ein erster, wenn auch notwendiger Schritt sein: Wenn man die Logik allerdings nicht verwandelt in ein metaphysisches Denken, kann sie paralysieren und lahmen. Das Werk Steiners will die Verwandlung von der logischen in die höhere Ebene.

Über viele Jahre habe ich beobachten können, dass das Werk Steiners nur die rationale Ebene der Gedanken bei seinen Lesern erreicht - auch wenn die Interpretationen teilweise gut sind - sie vermischen sich mit Gedanken, die dort überhaupt nicht hingehören: Wenn der Lesende nicht in der Lage ist, diese höhere Verbindung in sich zu erwecken, kommt er nicht zu einer wirklichen Verbindung mit dem Werk Steiners. Die Ph.d Fr. ist nur eine Anleitung, eine Gelegenheit für die Entwicklung des Ich - es ist durchaus möglich, dass die Ph. d.Fr. sich gegen mich wenden kann -wenn sie abstrakt studiert wird, und es zu keiner wirklichen Entwicklung kommt. Es geht nicht darum, dieses Werk zu studieren und zu kommentieren, es geht um das Tun. All dieses habe ich im Gefängnis gelernt, sodass ich später in der Lage war, diese Intuition weiterzugeben - vorher war ich mehr ein „Redner" in den verschiedenen anthroposophischen Arbeitsgruppen.

Nur ein Eingeweihter kann authentisch über die Ph.d.Fr. sprechen, alle anderen sollten versuchen es zu lesen und den Inhalt tief in sich aufzunehmen. Die innerliche Arbeit an dem lebenden Denken ist das einzige, das die freien Elemente des Gedankens erwecken kann - dies ist der Anfang einer bewussten Erfahrung des Willens, des Willens, der zum Leben der Seele wird. Dieser Schritt kann nur die individuelle Tat eines jeden einzelnen sein - wichtig ist nicht der Austausch, der Diskurs über die Ph.d.Fr., wichtig ist die aktive Tat des Einzelnen. Jeder muss von da ausgehen, wo er steht, um seine Gedanken mit den Gedanken der Ph.d. Fr. zu verbinden. Die innere Arbeit entwickelt sich nicht in seminaristischen Arbeitsgruppen - hier entsteht nur etwas äusseres. Jedes Studium in einer Gruppe, mit logischen und diskursiven Beschreibungen, entfernt sich von dem Werk und ist ein Zeugnis dafür, dass das Denken nur sehr schwach ist. Ebenso muss man nicht glauben, dass die Befriedigung, die durch solch eine Arbeit entsteht, etwas mit dem Werk zu tun hat, es handelt sich zumeist um Gefühlsäusserungen, die auch durch ein anderes Objekt ausgelöst werden können.

In seminaristischen Arbeitsgruppen können die Menschen normalerweise nicht die Kraft entwickein, die sie brauchen, um ihr Denken zu befreien - die Arbeit kann sich höchstens dann zum positiven entwickeln, wenn jeder Teilnehmer einen eigenen, wirklich persönlichen und individuellen Beitrag liefern kann. Für Anfänger können solche Gruppen durchaus wichtig sein, sie brauchen Menschen, mit denen sie über ähnliche Gedanken sprechen können und sie brauchen Menschen, die ihnen eine Orientierung geben. Diese Orientierungen können allerdings so sehr prägen, dass sie über Jahre hinweg eine unauflösliche innere Verknotung erzeugen. Die Menschen, die so etwas erleben, wollen dieses auch erfahren: man will etwas kennenlernen, was man selbst nicht hat, was man braucht - eine „okkulte Ökonomie".

Eine wirkliche Zusammenarbeit besteht in einer gemeinsamen und dennoch individuellen Meditation: Das Thema, über dass zu meditieren ist, sollte nicht im Voraus geprägt sein, sondern sollte etwas sein, was hervorzubringen, zu erwecken, ist - Jeder Einzelne schafft seine eigenen Korrelationen. Diese Arbeit ist dann wirklich, wenn jeder Einzelne die Verantwortung fühlt, die Arbeit auf den Geist auszurichten: Dieses ist das Zentrum, das Ziel der Arbeit. Es ist schwierig, einen Leiter einer Arbeitsgruppe zu finden, der soviel Vernunft und Verantwortung besitzt, die nötig ist, um darauf hinzuweisen, dass die Ph.d.F. über aller Vernunft steht. Eine solche „Anleitung" darf keine didaktische Anweisung sein, vielmehr sollte versucht werden, die Ebene der esoterischen Unterweisung zu erreichen.

Die Erfahrung, die ich in dieser Zeit im Gefängnis machen konnte, führte zu einer Wahrnehmung der ätherischen Welt. Ich erlebte eine intuitive Bewegung, die im imaginativen Element der Wahrnehmung enthalten war - ich kam in die Weit der ätherischen Kräfte: Eine Erfahrung der Erlösung des Lichtes von dem physischen Raum. Dies war zugleich eine Selbsterkenntnis - eine Bewegung von mir hin zur Weit und von der Weit hin zu mir. Ich konnte die ätherische Welt wahrnehmen, sowie die Wesen in dieser Welt, die in ihrer Durchsichtigkeit erscheinen: Jedes Wesen war ein Zentrum und zugleich mit allen anderen verbunden.
Mit der grössten Anstrengung des Willens versuchte ich, die Wahrnehmung der ätherischen Welt zu halten. Ab einen bestimmten Moment war ich mir bewusst, dass mich diese Kräfte nie mehr verlassen würden. Diese Erfahrung war die Grundlegung für alles andere, was später gekommen ist. Ich wusste, alles was jetzt passieren konnte, alle Freuden und Leiden des Lebens, konnten von nun an in ihr wahres Wesen, in ihren wahren Gehalt, verwandelt werden.

Dies war eine Erfahrung, die von mir nur durch diese Prüfung im Gefängnis erfahren werden konnte. Ich schaute durch das kleine Fenster meiner Zellentür, schaute zu den anderen Häftlingen und konnte erleben, dass das Zentrum von meinem Ich auch in ihnen war. Dieses war das Fundament der Brüderlichkeit. Was dann im weiteren alles passiert ist, kann an dieser Stelle jetzt nicht mehr gesagt werden. Nur ein Beispiel: Ich fragte den Wachposten, ob er mir ein Glas Wasser bringen könne. Das war eigentlich nicht üblich und das wurde auch vorher von den Wachposten nicht gemacht. Der Mann sah mich an und brachte mir dann umgehend ein Glas Wasser.

Ich habe so etwas nur einmal gemacht um diese Kräfte ein wenig kennenzulernen, es ging mir nicht darum, zu experimentieren. Mit diesem Bewusstsein konnte ich alles machen auf der physischen Ebene - dies hatte aber nur durch die Verbindung mit dem geistigen Prinzip einen Sinn. Diese Erfahrung, die in das Zentrum eines jeden Menschen schauen kann (oder: Die das Zentrum eines jeden Menschen ist) ist das Fundament der Brüderlichkeit - damit verbunden ist die Aufgabe, etwas zu tun für die Rettung der Menschheit. Dazu ist es notwendig, zu wissen, woher diese Kräfte kommen.

Die Kraft der Brüderlichkeit kann sich nicht in ihren gewöhnlichen Erscheinungsformen weiterentwickeln, diese Erscheinungsformen werden zerstört um neuen Formen Platz zu machen. Die höheren Kräfte zerstören normalerweise die üblichen menschlichen Beziehungen. Die meditative Arbeit hat eine ähnlich reinigende Kraft und Aufgabe wie das Karma. Der Weg des Denkens ist bei Steiner nicht exakt und eindeutig definiert. Wenn man seine Anweisungen aus „Iniziazione" (ital. u. franz. Titel von „Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten"! - R.H.) befolgt und diese verbindet mit den Übungen aus der „esoterischen Schule", kann der Schüler erleben, dass dieses die Kräfte sind, die er braucht.

Die Bücher, die ich später geschrieben habe, sind keine Kommentare zu dem Werk Steiners, sondern eine praktische und strenge Methode, die das Ziel haben, das Zentrum des Werkes von Steiner nicht aus dem Auge zu verlieren. Die Unterweisung von Steiner erfordert Treue - meine Bücher sind ein Schlüssel für die Treue zum Werk Steiners. Es ist heute fast unmöglich, eine intuitive Bewegung zu erzeugen, die nötig ist, um dem Inhalt der Werke Steiners zu begegnen.

Auszug aus dem letzten Kapitel des Buches „Dallayoga... " : „Secretum imnolabile "
Das Werk Rudolf Steiners verschwindet, wenn man meint, es zu kennen. Nur mit einem reinen Herzen und nur in der Unterordnung unter sein Werk kommt man ihm nahe. Sonst bleibt es verborgen wie das Gralsschloss. Die Astronauten, die in das All geflogen sind, berichteten davon, dass sie im All die Sonne nicht sehen konnten.