Scaligero und Evola | Die Egoisten

siehe auch: Massimo Scaligero, Politik als Maya und Im Gefängnis

Die androgyne Selbstwiederherstellung

Hans-Peter Dieckmann hat in den Kommentaren bereits darauf hingewiesen, wie wenig wir von den Einflüssen auf Massimo Scaligero wissen, wie wenig über deren Art, Dauer und Intensität. Die vorliegenden Dokumente sind mehr als dürftig, selbst die fünf in deutsche Sprache übersetzten Bücher Scaligeros sind für mich noch nicht alle greifbar. Ergänzt werden sie durch einige Bruchstücke aus Scaligeros autobiografischen Notizen in „Dallo yoga alle rosacroce“. Aus diesen Bruchstücken lässt sich aber immerhin ablesen, dass Scaligero nicht immer diesem „rosenkreuzerischen Schulungsweg“ gefolgt ist. Als die Bruchstelle stellt er seinen erzwungenen Gefängnisaufenthalt am Ende des Weltkrieges dar. In der Zelle kam er dazu, etwas für sich auszubilden, in dem Anthroposophie keine „Lehre“ im Sinne aufsagbarer Vokabeln mehr für ihn war, sondern etwas, was ihn im Innersten berührte: „Im Gefängnis kam ich dazu, meine konkrete Methode der Meditation auszubilden. Es war für mich die Möglichkeit, durch klare, reine Gedankenkraft, die Lehre von Rudolf Steiner erfahren zu können (…). Hier konnte ich beginnen, die Kraft der Einsamkeit und Stille mit meinem innersten Wesen zu erleben (…) Ich nahm die Synthese aller meiner vorherigen esoterischen Erfahrungen und begann diese auf die Geisteswissenschaft Steiners auszurichten.“

An dieser Nahtstelle fragt man sich, auf was sich diese „Synthese aller meiner vorherigen esoterischen Erfahrungen“ eigentlich bezieht. Aus manchen der übersetzten Bruchstücke wird deutlich, dass sich diese Synthese auf Fragen bezieht, die denkbar weit entfernt sind von dem, was den Inhalt dessen, was Rudolf Steiners Geisteswissenschaft ausmacht, tangiert. Es handelt sich um die „Magia Sexualis“, um die Sexualmagie, um das Erleben einer „Natur, die das Ich mit sich reisst“, um „die höchsten Kräfte, in denen die Widersachermächte wirken“. Der Weg nach Scaligeros innerer Wende 1945 (soweit diese tatsächlich stattgefunden hat) bestand in einer Aufarbeitung einer Positionierung, in der „man“ (..) „geneigt ist, sich für einen geistigen Führer zu proklamieren“ und in einer Arbeit in Bezug auf die „Erlösung des Eros“ („Dallo yoga alle rosacroce“), wobei der Schlüssel „das gereinigte Denken“ sei. Massimo Scaligero war der Auffassung, dass diese spezifische Arbeit schon im Sinne Rudolf Steiners sei, auch wenn dieser „in seinem Werk nicht vom Sexus“ („Dallo yoga alle rosacroce“) spräche. Scaligero ist der Ansicht, dass der Gralsweg derjenige ist, „der das Ich in das Herz der Erde führt“. Für ihn selbst bedeutet dieser so gesehene Weg vor allem - ohne falsche Askese- „die Erlösung der menschlichen Seele von dem Eros.“ Er findet diese Erlösung in einer geistigen „androgynen Wiederherstellung“- schon immer war der Eros für Scaligero „die tiefste Sehnsucht, das verlorene Paradies wieder zu erlangen.“ Im Reinen Denken beginnt der Erlösungsprozess für Scaligero, der in eine „Auferstehung des Fühlens“ mündet, eine Art „Sonnen- Alchemie“, in der der Eros im „Mittelpunkt des Herzens“ frei von der „begehrenden Hitze“ aufersteht. Am Ende erlebt Scaligero „das Fliessen der kosmischen Willensströmung in die Ätherstrukturen seines Denkens und Fühlens“.(„Dallo yoga alle rosacroce“)

Diese sehr spezielle Darstellung, dieses in meinen Augen höchst individuelle Ringen um „absolute Reinheit“ und „ursprüngliche Keuschheit“ („Dallo yoga alle rosacroce“) muss eine Vorgeschichte haben. Den rosenkreuzerischen Schulungsweg aufzufassen als eine Befreiung von der Determiniertheit durch Begierden und Sexualität im Speziellen, verweist auf eine konkrete und schwer wiegende Vorgeschichte.


Das „Urbild von Kraft und Mut“

Man versteht das vielleicht, wenn man im selben Buch von Scaligeros Beziehung zu Julius Evola liest, dem er mit 20 Jahren begegnet ist: „Ich wollte Evola kennenlernen, da ich hörte, dass er ein mutiger Denker sei, dass er fähig war, sich mit sehr tiefen Aussagen der gegenwärtigen Kultur zu widersetzen.“ Er erlebte Evola als ein „Urbild von Kraft und Mut“, freundete sich mit ihm an, „und ich war für mehrere Jahre sein Schüler.“ („Dallo yoga alle rosacroce“)
Mit den Jahren erkannte er, dass Evola ihm nichts wirklich vermitteln konnte, da dieser „die Erkenntnis unter seine Natur geworfen“ hatte - also quasi aus dem Bauch heraus agierte. Eine „esoterische Methode“ war so bei Evola nicht zu finden, hatte dieser doch eine „vorgeburtliche Prädisposition“ für seinen „Weg des Yoga und des Tantra“. Jenseits aller Reflexion vermittelte Evola aber doch eine Art „magisches Bewusstsein“. Die sehr zurück haltende Darstellung Scaligeros deutet durch diese Worte, aber auch durch die Beschreibung, bei Evola sei es zu einer „Verbindung der Welt der Kräfte mit der Welt der Tradition“ gekommen an, dass dieser im Grunde eine magische Praxis exerzierte, der er lediglich eine „Dialektik“ traditioneller Art überstülpte. In dieser Dialektik bezog sich Evola einerseits auf die „Tradition“, entwickelte aber auch „eine Gegenbewegung zur Moderne, eine Anti-Moderne“. Man kann diese Bemerkung Scaligeros nicht verstehen, ohne sich mit Evola zu beschäftigen. An der Oberfläche klingt es so, als wäre Scaligero die Pflege „der alten Yoga-Wege“ nicht ausreichend gewesen, die durch Evola repräsentiert waren, als wäre das alles ein Problem der „Methodik des Schulungsweges“. Was aber ist in diesem Zusammenhang unter der von Evola angestrebten „Anti- Moderne“ zu verstehen? (Zitate: „Dallo yoga alle rosacroce“)

Die erste Begegnung mit Evola muss 1926 statt gefunden haben; Evola war gerade einmal 8 Jahre älter. Es ist erstaunlich, dass Scaligero diesen als seinen Lehrer bezeichnete, aber zugleich auch als Freund. Es ist aber auch mehr als erstaunlich, vor welchem politischen und okkulten Hintergrund diese Freundschaft gedieh, wenn man nur auf die 1972 geschrieben Texte Scaligeros schaut. Gehen wir deshalb etwas näher auf Evola ein.

Orgasmus und magische Metaphysik

Baron Giulio Evola wurde 1898 in Rom geboren. Streng katholisch im sizilianischen Landdel geboren, brach er früh aus, indem er als Nihilist, Dadaist, Futurist künstlerisch tätig wurde. Mit 20 Jahren experimentierte er exzessiv mit Drogen, hatte einerseits „Offenbarungen“ dabei, geriet aber auch nahe an den „Wahnsinn“. In der Folge -also um 1918 herum- erlebte er eine Art Erleuchtung, eine Art „bis auf höchste gesteigerter Orgasmus“. Von nun an nahm er, seiner Darstellung nach, „eine transzendente Welt von Wesenheiten und Kraftfeldern“ wahr (Zitate aus: Victor und Victoria Trimondi, „Hitler, Buddha, Krishna“, S. 228), auf die er durch magische Akte Einfluss nahm. Evola las, was er damals bekommen konnte- Nietzsche, Stirner, Weininger, Jünger, Meyrink, aber auch Werke der Theosophie und Anthroposophie. Zentral waren aber alte Texte des Ostens. Er übersetzte auch den Tao-Te-King ins Italienische. Seine „magische Metaphysik“ bestand aus magischen Ritualen. Evola hatte aber bereits Beziehungen zur 1925 gegründteten UR geknüpft, die die Bewegung um den ultrarechten Mussolini mit einer „Wiederkehr des Römischen Reiches“ (Trimondi, S. 229) verbinden sollte. Offensichtlich wurden die magischen Rituale benutzt, um diese Renaissance des Cäsarentums okkult zu unterstützen. Nur zu verständlich, dass dieser Abenteurer mit Personen wie Rene Guenon und Aleister Crowley, dem Ziegendreckverkäufer (hier ein Artikel bei den Egoisten), verkehrte. Evola war mehrfach in Crowleys sizilianischer Abtei Thelema. Die Sexualmagie soll er bei diesem studiert haben.

Vom Magier zum faschistischen Chefideologen

Evolas tantrisches Buch „L´Uomo come Potenza“ (Der Machtmensch) erschien 1926 - in derselben Zeit, in der Scaligero und er sich kennen und schätzen lernten. Kurz danach erschienen auch Evolas erste politische Bücher, in denen er eine „kriegerisch geordnete politische Hierarchie“ im Sinne des Cäsarentums und der „imperialen Idee der Hohenstaufen“ (Trimondi, S. 229) propagierte. Die Mischung zwischen Magie, geistiger Aristokratie, Cäsarentum, Monarchie und Anti-Christentum stieß aber sogar bei den faschistischen Bewegungen dieser Zeit auf Widerstand. Im NS- Deutschland fand Evola aber - vor allem auch durch die von ihm behauptete Dekadenz der Gegenwartskultur, die durch eine „barbarische semitische Woge“ bedingt sei, viele Anhänger. Der „paradiesische Urzustand“, von dem auch bei Scaligero noch 1972 die Rede ist, wird bei Evola dargestellt als eine Zeit, in der ein sakraler Weltenkönig herrschte, der die matriarchalische und lunare Welt unterdrückte und sich vor allem durch einen permanenten Krieg definierte. Diesen phantasierten Terror-Zustand bezeichnete Evola als „Erhebung wider die moderne Welt“ (Trimondi, S. 230).
In der Folge benutzte Evola die verschiedensten christlichen Bewegungen und Rituale wie Templer und die frühmittelalterliche Gralsbewegung, um daraus die Vorstellung eines sakralen Kriegerordens zu formen, die ihre ideale Gestalt in der SS hatte. Evola hielt daher Vorträge in Deutschland und schrieb zahlreiche Aufsätze, in denen er für die SS eine Art okkult- ideologischen Unterbau zu errichten versuchte. Ab 1938 trat er direkt vor SS- Offizieren auf und wurde auch von Himmler wahrgenommen. Der Versuch, in Nazi-Deutschland zum Chefideologen des Faschismus zu werden, schlug trotz vieler Gemeinsamkeiten fehl, da Himmler in ihm den „Magier“ witterte, der dem bisherigen Hausokkultisten Wiligut zur Konkurrenz geworden wäre. Vor allem wäre der extreme Aristokratismus Evolas in Widerspruch zur angestrebten „Volksnähe“ der Nationalsozialisten geraten. Der SD- Chef Heydrich intervenierte daher massiv gegen den Einfluss von Evola. Das hinderte Evola aber ebenso wenig die die Gräuel der SS, diese weiterhin und auch nach dem Krieg als den idealisierten Kriegerorden anzusehen.

Ab 1937 versuchte Evola seine Einflusssphäre auszuweiten- sowohl in Richtung Rumänien (Mircea Eliade, Corneliu Codreanu) als auch in Richtung Mussolini. Der Duce erklärte Evolas antisemitischen Rassentheorien „zur offiziellen Rassentheorie Italiens“ (Trimondi, S. 239). 1943 traf Evola mit Mussolini in Hitlers Wolfsschanze in Rastenburg zusammen. Hier wurde, während Evola dolmetschte, die faschistische Republik von Salo ausgerufen.

Seine krause Mischung zwischen Yoga, Meditationspraktiken, Existentialismus, Dadaismus, Beatniktum, Faschismus und Zivilisationsmüdigkeit fand auch in der Ära nach 1945 in der extremen Rechten immer neue Anhänger. Evola propagierte eine Anarchie der Rechten im Zusammenhang mit absoluter Gefühlskontrolle durch yogische Methoden und wurde damit auch zum okkulten Ideologen der rechten Terroristen vor allem in Italien.
Er starb 1974.

Seine Verbindungen zur vor-buddhistischen Bön-Religion, zu Tantra und zum spirituell begründeten Kastentum, dem die Arier vorstanden, mischte sich mit dem Bild des Boddhisattva als Krieger, Sadist und Unterdrücker alles „Lunaren“. Die „Vollstreckung blutiger Opfer“ im Krieg war für ihn eine heilige Opferhandlung mit initiatorischem Charakter. Für so jemanden bestand - so Trimondi- „auch im Massenmord eine heilige Opferhandlung“.

Anhänger heute

Auch heute noch finden die Ideen dieses „faschistischen Gurus“ (Umberto Eco) Anklang in der „Neuen Rechten“ und in Wavekreisen. Manche rechten Visionäre sehen Evola „im dritten Jahrtausend“ angekommen: „Aber das, was Julius Evola uns, im Unterschied zu anderen Propheten des Untergangs, zu bieten hat, ist genau die Revolte gegen die Krise der modernen Welt. Die Möglichkeit, zu leben und zu handeln in der verwüsteten gegenwärtigen Welt, aufrecht stehend, während alles zusammenbricht und zu Staub wird.“ Kaum jemand bestreitet, dass Evola „mehrere Generationen italienischer Rechter geprägt“ hat. Daher resümiert Martin Schwarz in diesem Artikel auch, den Einfluss Evolas auf ihn selbst bestätigend: „Gerade der, der in aussichtsloser Situation nicht resigniert, sondern kämpft, erweist sich als Krieger, als Kshatriya.“


Deplaciert, naiv oder zynisch

Angesichts dieses Bildes eines in der faschistischen Ära zwischen den Linien agierenden Magiers wie Julius Evola fällt die Distanzierung Scaligeros zu seinem Freund noch 1972 mehr als schwach aus. Scaligero beschreibt Evola als eine Art Naturbegabung, die traditionelle yogische Wege beschritten hatte, als eine „starke Persönlichkeit“ (Dallo yoga alle rosacroce), als ein „Urbild von Kraft und Mut“ (Dallo yoga alle rosacroce), das gekennzeichnet war „durch sein mächtiges Temperament“ (Dallo yoga alle rosacroce). Scaligeros Distanzierung besteht in der Überwindung von Evolas Methoden und seines „dialektischen“ Überbaus. Wie die „Gegenbewegung zur Moderne“ (Dallo yoga alle rosacroce) Evolas tatsächlich beschaffen war, erwähnt er in den mir vorliegenden Texten nicht. Die gequälte Auseinandersetzung Scaligeros mit dem Thema Sexualität dauerte sein Leben lang an und wird auch noch im „Traktat über die unsterbliche Liebe“ (1963) - wenn auch auf äußerst verklausulierte und abstrahierte Art und Weise- deutlich. Nach den mir vorliegenden Texten und Textfragmenten hat Scaligero - auf immer wieder auch halbherzige Art und Weise- nach 1945 gegen die Einflüsse des Tantrismus angearbeitet und nutzte dazu Methoden der Geisteswissenschaft Rudolf Steiners. Seine und Evolas faschistische Ära wurde wahrscheinlich kaum aufgearbeitet- dafür sprechen die beschönigenden Distanzierungen zu Evola. Scaligeros Hoffnung, seine Schriften aus der faschistischen Ära könnten nur durch das „Ersetzen des Wortes „Faschismus" z.B. durch den Ausdruck „soziale Vision" oder „moralische Instanz“„ rehabilitiert werden, klingt völlig deplaciert, naiv oder zynisch. Jemand, der Evola als seinen Lehrer bezeichnet, sich aber nicht mit aller Deutlichkeit von diesem distanziert, ist trotz der Brillanz einiger seiner späten Schriften als etwas anzupacken, das aus dem okkulten Giftschrank stammt.

Selbst eine verharmlosende Biografie von Beniamino Melasecchi („Massimo Scaligero- eine biographische Skizze“ in: Scaligero, „Das Licht“, Ostfildern 1994) kommt nicht umhin, die „fortwährenden Schwierigkeiten“ Scaligeros sowohl mit „traditionell orientierten Esoterikern“ als auch mit „Anthroposophen“ zu beklagen. Es hätte - so der Biograf- eine „Voreingenommenheit gegen seine Person“ bestanden. Wichtige Einflüsse auf die Anthroposophische Gesellschaft Italiens hat es - vor allem durch Scaligeros enge Beziehung zu Giovanni Colazza- dennoch gegeben. In Deutschland war es vor allem Georg Kühlewind, der immer wieder auf Scaligero hinwies. Dagegen ist auch nichts einzuwenden, wenn die faschistische Ära Scaligeros, sein Bezug zum Tantrismus und zum Magier Evola offen einbezogen und nicht unter den Tisch gekehrt werden. Anders als mit disziplinierter kritischer Distanz kann man Scaligero nicht lesen, dafür sind seine Abgründe einfach zu virulent.