Weltanschauung | Die Egoisten


„An meiner nationalsozialistischen Weltanschauung hat sich nicht das Geringste geändert“



Nach seinem Eintritt in die Waffen-SS 1939 kehrte der evangelische Pfarrer Friedrich Benesch kurzfristig nach Siebenbürgen zurück, um seine - dem Anschein nach seelsorgerische, in Wirklichkeit propagandistische Tätigkeit - bei „seinen Bauern“ wieder aufzunehmen. Benesch war bereits seit 1935 Mitglied der „radikal nazistischen DVR“1 und als nationalsozialistischer Propagandist in dauernde Auseinandersetzungen mit der Kirchenleitung, insbesondere mit dem Bischof der Evangelischen Landeskirche A.B. in Rumänien, Dr. Viktor Glondys, verwickelt. Die DVR- Leute gehörten, wie Glondys in seinem Tagebuch schreibt, der Cuza-Partei an, einer antisemitischen Splitterpartei. Sie traten öffentlich in blauen Hemden auf und sangen das Horst-Wessel-Lied. Benesch selbst übte, während seit 1936 kirchliche Disziplinarverfahren auch gegen ihn liefen, in seiner Gemeinde in Birk (Kreis Sächsisch Regen) „eine autoritäre Herrschaft“2 aus. Gleichzeitig führte er eine aggressive Kampagne gegen seine eigene Landeskirche, um eine „neue Kirche“3 im Sinne der nationalsozialistischen Weltanschauung zu etablieren.
Daher wurde er auch 1940 anerkennend in internen Schreiben von dem Direktor der Landesanstalt für Volksheilkunde -Dr. Walther Schulz- in einem Schreiben an den Reichsgeschäftsführer des Ahnenerbes als jemand beschrieben, der „wohl nicht gerade an der Theologie hängt“, der „führend in der jetzt auch vom Reich anerkannten Nationalsozialistischen Bonfertbewegung“, der „rednerisch sehr gut begabt“ sei- „Kämpfernatur und Führereigenschaft“
4. Daher kommt die Gemeinde in Birk tatsächlich nie zur Ruhe, solange Benesch in der Nähe ist. Der Bischof konstatiert in seinem Tagebuch (18.1.1937): „Birk befindet sich wieder in vollem Aufruhr“5. Der „amtsenthobene Pfarrer Benesch (halte) das Heft in Birk wieder in seinen Händen“6. Die faschistische DVR mit Benesch „unterwühle den ganzen Reener Bezirk“7.

Um gewalttätige Saalschlachten wie anderswo zu unterbinden, war ein öffentliches Treffen  bzgl erneuter disziplinarischer Maßnahmen der Kirche gegen Benesch nur unter erheblichen Sicherheitsmaßnahmen wie Saalschutz und Polizeiaufgebot möglich. Theologisch erschienen Beneschs Kenntnisse der Kirchenleitung als „sehr mangelhafte“8. Dafür konnte er jederzeit lokale Schlägertrupps organisieren, die er später gern als „seine Bauern“ titulierte. Die Vorwürfe seiner Kirche gegen Benesch bestanden schon 1936 in den Punkten: Erregung öffentlichen Ärgernisses, Verletzung der Amtspflichten und Widersetzlichkeit gegen das Landeskonsistorium. Benesch antwortete darauf schriftlich am 3.11.1936: „So gehen wir in den Kampf. Wir haben ihn nicht gesucht, aber wir nehmen ihn getrosten Mutes auf (..). Sieg-Heil!“9

Benesch, in seinem Kampf gegen die „reaktionäre Kirchenleitung“10 zunächst gescheitert, bekam spätestens 1940 mit der Ernennung Andreas Schmidts zum „neuen Volksgruppenführer der Deutschen in Rumänien durch die SS-Zentrale in Berlin“11 wieder Oberwasser. Der neue Bischof Staedel war stramm auf Parteilinie. Benesch wird heute von Böhm als „weithin völkisch-rassistisch umgeprägter und sich artikulierender extremer Nationalsozialist“12 beschrieben.
Warum sich Benesch trotz dieses Erfolges am 6.9.1940 wieder in SS-Kreisen in Halle vorstellte, ist mir nicht bekannt. Es besteht aber eine Abschrift seiner Äußerungen bzgl. einer „Vorsprache“
13 beim stellvertretenden Führer des SS-Abschnitts XVIII. Benesch entschuldigt dabei seine theologischen Ambitionen damit, „weil in meiner Heimat bis vor kurzem Deutschtum und Kirche seit Jahrhunderten fest miteinander verbunden und in jeder Weise von einander abhängig waren“. Die Kirche in Rumänien war für ihn die „einzig staatsrechtlich fundierte Organisation des Deutschtums“. So gab er bereits bei seiner „Amtseinsetzung“ gegenüber der Kirchenbehörde „bestimmte Erklärungen über meine nationalsozialistische Einstellung ab“, was von Anfang an zu „schweren Bedenken“ gegenüber Benesch geführt hatte. Bischof Glondys selbst habe ihm vorgeworfen, „germanisches Heidentum“ zu predigen. Nur aus strategischen Gründen habe er einen Kirchenaustritt mtsamt der Aktivisten seiner Gemeinde vermieden. Nach seiner endgültigen Absetzung habe er in Halle „Vorgeschichte, Rassenkunde und Volkskunde“ studiert. 1940 habe sich seine Gemeinde erneut für seine Wiedereinsetzung („in einem „Ultimatum“) eingesetzt. Nun gab die Kirche „überraschenderweise“, aber schon („wie ich annehme“) „angesichts der geschichtlichen Entwicklung“ verständlich, nach. Die „geschichtliche Entwicklung“ besteht für Benesch wohl in der Installation von Schmidt. Benesch aber hatte sich inzwischen „restlos von der Kirche getrennt und war in Halle im Juli 1939 der SS beigetreten“. Nach seiner eigenen Darstellung war er also von Anfang an nationalsozialistischer Propagandist gewesen und betrieb seine kirchliche Berufung als Instrument. Der Beitritt in die Waffen-SS war der konsequente Schritt einer kontinuierlichen Entwicklung und sollte nun -1940- endlich Früchte tragen.


Daher stand er mit dem „Nachgeben der Kirche“ 1940 vor einer „sehr schwerwiegenden Entscheidung“. Er entschied sich gegen „seine Bauern“(er schreibt wirklich und wortwörtlich von „meinen Bauern“) und für „eine grosse nationalsozialistische Aufgabe“. Dies empfand er als seine wirkliche „Berufung“. Er suchte eine „fundierte Organisationsform“, die das „völkische Leben unabhängig von der Kirche“ garantierte. Die SS war sicherlich die für ihn geeignetste Organisationsform, um den rumänischen Staat von innen her anzugreifen. Die vorübergehende erneute Tätigkeit in Kirchendienst habe an seiner „durch eigene Erkenntnis und Erfahrung und eigenen Glauben gewonnenen nationalsozialistischen Weltanschauung nicht das Geringste geändert“. Man muss, nebenbei bemerkt, für einen wenige Jahre später als Pfarrer und Ausbilder der „Christengemeinschaft“ tätigen Menschen den in diesem Zusammenhang von Benesch benutzten Glaubensbegriff beachten. Er hat ein antiklerikales, inhumanes, rassistisches Credo als nationalsozialistischer Propagandist abgegeben. Es war, wie er sagt, „meine Entscheidung“.


Kein Wunder, dass die SS Leute wie Blümel, der das Protokoll dieser Vorsprache führte, beeindruckt waren: „Seine weltanschauliche Einstellung scheint vollkommen gefestigt zu sein. Sein Entschluss entspringt logischen, auf Grund der gegebenen Verhältnisse gewonnenen Erkenntnissen“.
Nach 1945 waren die „gegebenen Verhältnisse“ wiederum andere. Der gnadenlose Opportunist Benesch wechselte wieder die Farben und erinnerte sich seiner anthroposophischen Beziehungen. So wechselte er wiederum auch die „weltanschauliche Einstellung“ und wurde wieder Priester und Anthroposoph.
 
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1 Viktor Glondys, Tagebuch. Aufzeichnungen von 1933 bis 1949. Dinklage 1997
2 Glondys, S. 221
3 Glondys, S. 221
4 Das Ahnenerbe Berlin, 21. 10.1940, Akt.Z. D/B/13 aus dem Bundesarchiv Berlin, SS-Abschnitt XVIII, VI, Az 18/6.9.40
5 Glondys, S. 237
6 Glondys, S. 237
7 Glondys, S. 238
8 Glondys, S. 243
9 Glondys, S. 517
10 Selbst geschriebener Lebenslauf von Benesch am 11.7.1938 in einem Bewerbungsschreiben an das „Ahnenerbe“
11 Dr. Johann Böhm in: Halbjahresschrift für südeuropäische Geschichte, Literatur und Politik 1/2004, S. 117
12 Böhm, S. 116
13 Bundesarchiv Berlin, siehe Anmerkung 4. Alle folgenden Zitate aus diesem Dokument.