Siebenbürgen | Die Egoisten


Brief aus Siebenbürgen
Regina Reinsperger


Zeitzeugin

Aufgrund unserer Internet-Recherche haben wir eine Zeitzeugin gefunden, die den Holocaust in Auschwitz überlebt hat. Es ist Frau Marta Marmor, Laszlo Grüns Schwester (siehe Artikel Jugendterror), die heute in Neumarkt am Mieresch (= Targu-Mures) lebt. Von den ca. 6000 deportierten Menschen aus Sächsisch Regen haben nur etwa 200 überlebt. Nach dem Krieg hat Frau Marmor als Lehrerin gearbeitet und auch vom Holocaust berichtet. Frau Marmor ist im Jahr 1926 geboren und war 17 Jahre alt, als sie von Sächsisch-Regen, wo ihre Familie damals wohnte, nach Auschwitz deportiert wurde. Ihr Bruder Laszlo war 14 Jahre alt und die Mutter wurde schon im Lager in Sächsisch – Regen so gefoltert, dass sie gleich bei der Ankunft in Auschwitz zur Vergasung selektiert wurde. Frau Marmor kann nichts über Friedrich Benesch sagen, was andererseits auch nicht verwundert, da die Eltern sicher versucht haben, ihre Kinder bis zuletzt aus der Politik herauszuhalten. Auch wenn Frau Marmor nichts über Friedrich Benesch sagen kann, wollen wir doch ihren Brief vom 27.09.2007 veröffentlichen, zum einem, weil wir sie um ihre Erinnerungen gebeten haben, ein Prozess der im Alter sehr schmerzlich sein kann, und zum anderen, weil sie doch ein kleines Stimmungsbild der damaligen Zeit zeichnet. Sie schreibt auf rumänisch und der Brief wurde von einem Nicht-Profi übersetzt:

„Ich habe ihren Brief bekommen und mich sehr gefreut darüber, dass es auf dieser Welt noch Menschen gibt, die sich mit der Wahrheit über unsere Vergangenheit beschäftigen. Bezüglich ihrer Frage möchte ich antworten, dass ich Herrn Friedrich Benesch nicht kennengelernt habe.
Der Aufstieg des Nazismus und sein öffentliche Einfluss über die Sächsische Bevölkerung in Sächsisch-Regen begann im Jahre 1930. Die Diskriminierung jüdischer Kinder im Deutschen Kindergarten durch das Personal begann nach 1940. Die Jugendlichen mussten die Uniform des Deutschen Volksbundes tragen und im Stadtzentrum aufmarschieren und Nazi-Parolen und antisemitische Parolen skandieren. Ich erinnere mich an einen Zwischenfall, den mein Bruder erzählt hat, dass junge Juden geschlagen und aus der Stadt gejagt wurden.
Die Mehrheit unserer Bekannten aus der Sächsischen Bevölkerung hat die Beziehung zu uns abgebrochen und auch nicht mehr gegrüßt.
Wie schon mein Bruder berichtete, wurde meine Mutter im Ghetto von Sächsisch-Regen durch die ungarische Gendarmerie gefoltert. – Am Bahnhof musste die jüdische Bevölkerung in Güterwagen einsteigen, ungarische und deutsche Soldaten bewachten sie.“



Rassenkunde

Friedrich Benesch studierte mehrere Jahre an der Universität Halle das Fach Rassenkunde und Hans-Werner Schroeder berichtet darüber in einer Wertigkeit, als ob Benesch Pädagogik oder Kunstgeschichte studiert hätte. Auch für uns heutige Menschen ist es oft schwer die damalige Realität voll zu verstehen. Oft kann zum besseren Verständnis ein Bild beitragen und so will ich versuchen eine kafkaeske Parabel darzustellen:
Lieber Leser, stell Dir vor, Du lebst mit allen Deinen Umständen: Familie, Beruf, Freunden, Hab und Gut, Wohnung oder Haus in Absurdistan. In Absurdistan ist die Klima - Erwärmung zum Tragen gekommen: die Nahrungsmittel sind trotz Rationierung zu knapp um das gesamte Volk zu ernähren. Bei der letzten Wahl hat nun die Nationale Volkspartei von Absurdistan gewonnen, weil sie Abhilfe versprochen hat. Die Partei hat nun intern beschlossen, Nahrungsmittel nur noch an die geistig und seelisch wertvollen Menschen des Landes zu verteilen und die absurdischen Wissenschaftler haben „rassische Kriterien“ erarbeitet, wie man diese Menschen erkennen kann:

1. Kriterium: das Individuum muss eine definierte Körpergröße haben -
2. Kriterium: dazu kommt, dass der im Röntgenbild vermessene Oberschenkel eine definierte Länge haben muss -
3. Kriterium: die Ohrmuschel muss eine definierte Form und Größe haben -
4, Kriterium: Die Form der Hand und die Länge der Finger sind definiert. – Interpretiert wird jetzt so: Die Menschen, die diese Kriterien nicht erfüllen „sind eine Art überzählige Menschen, die ichlos sind, die keine Menschen in Wirklichkeit sind, sie machen nur den Eindruck von Menschen. Sie können durchaus tief-fühlend sein“, haben aber oft ein „teuflisches Bewußtsein“. - „Der Untermensch – jene biologisch scheinbar völlig gleichgeartete Naturschöpfung mit Händen und einer Art von Gehirn, mit Augen und Mund, ist doch eine ganz andere furchtbare Kreatur, ist nur ein Wurf zum Menschen hin, mit menschenähnlichen Gesichtszügen geistig seelisch jedoch tieferstehen als jedes Tier. Im Innern dieses Menschen ein grausames Chaos wilder, hemmungsloser Leidenschaften: namenloser Zerstörungswille, primitivste Begierde, unverhüllteste Gemeinheit. (1)“ Wie eine apokalyptische Heuschrecken – Plage fallen diese „Heuschrecken-Menschen“ über die knappen Lebensmittel in Absurdistan her. - Und nun lieber Leser, denke Dir, Du und Deine Familie, Ihr habt alle vier körperliche Kriterien nicht erfüllt, das habt Ihr vor 6 Monaten erfahren. Seitdem bist Du arbeitslos, Deine Freunde kennen Dich nicht mehr, und Du hast kaum etwas zu essen. Du hast 30 kg abgenommen und stürzt Dich auf alles Essbare „wie eine Heuschrecke“ und heute hast Du den Brief bekommen, dass Du mit samt Deinen Lieben morgen früh um fünf abgeholt wirst und Du kennst die Geschichte des 20. Jahrhunderts nur zu gut….
Genauso absurd wie die körperlichen Kriterien aus „Absurdistan“ sind, waren auch die „wissenschaftlichen“ Rasse – Kriterien der Nationalsozialisten, die als Grundlage der „Nürnberger Gesetze“ galten und Millionen von Menschen das Leben kosteten und auch den 14jährigen Laszlo und die 17 jährige Marta nach Auschwitz brachten. Die Menschen, die nur „für das Deutschtum brannten“, wie Schroeder es ausdrückt, waren in den 20er Jahren meistens in den Deutsch-Nationalen-Parteien organisiert und nicht in der NSDAP oder der SA wie Professor Hans Hahne. Sie identifizierten sich mehrheitlich eben nicht mit der Rassekunde der Nationalsozialisten. Alle drei Universitätsfächer: Rassenkunde, Volkskunde und Vorgeschichte, die Friedrich Benesch studierte, waren in den 30er Jahren die Mode- und Karriere-Fächer der Nationalsozialisten und dieses Triplet studierten nur die 150% Überzeugten.

„Eigentlich hat Benesch mich ja behandelt wie ein SS-Mann einen Juden“ sagte der Seminarist Anfang der 70er Jahre zu seinen Freunden, „natürlich ohne die tödlichen Konsequenzen des 3. Reiches.“ „Du spinnst“ antworteten die Freunde. Im Jahre 2004 erinnerten sich alle an dieses Gespräch….

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aus einer Schrift des SS-Hauptamtes beim Reichsführer SS 1935