Schillernder Eindruck | Die Egoisten
Was mir beim Lesen so auffiel.....



Esther Reck – Kühn :
Schillernder Eindruck



Das Buch von Herrn Schroeder über Herrn Benesch macht auf mich einen sehr schillernden Eindruck. Zunächst einige Anmerkungen zu Herrn Schroeders Text der Superlative auf der Buchrückseite außen: In suggestiven Sätzen wird die Einzigartigkeit dieser Biografie hervorgehoben – einzigartig durch Beneschs „Geisteskampf“ in der Wendezeit.

Im Spannungsfeld zwischen Nationalsozialismus und eigenem Gewissen standen damals alle. Der anthroposophische Historiker Karl Heyer erläutert in seinem Buch „Wenn die Götter den Tempel verlassen“ „ Wesensart und Wollen des Nationalsozialismus“. Schon 1947 bringt er die Entscheidungsmöglichkeit des Einzelnen auf den Punkt (S.67) : „Darum war auch die Reaktion des Menschen auf dieses System im eminentesten Sinne eine Ich – Angelegenheit. Im Ich jedes Einzelnen war die Wahl zu treffen, dort ganz zentral fiel die Entscheidung. Sie ging letzten Endes darauf, der Ich – Auslöschung entweder zuzustimmen oder aber ihr Widerstand zu leisten, sich im eigenen Ich zu bewahren und dann am Widerstand umgekehrt zu erstarken. Das war die Prüfung.“ Sich für oder gegen die Nazis zu entscheiden war eben nicht das Walten „höherer Notwendigkeit“, sondern eine Frage der Ich – Stärke.
Was ist davon zu halten, wenn Benesch nach dem Zusammenbruch im Lebenslauf zur Bewerbung zum Priester der Christengemeinschaft schreibt, der Nationalsozialismus sei 1932 an ihn herangetreten, sein innerer Widerstand habe sich erhoben, der verheerende Irrtum sei ihm deutlich geworden? Der seiner Doktorarbeit beigefügte Lebenslauf und viele Dokumente sprechen ganz anders: Benesch war kein jugendlich Verführter, kein Mitläufer, sondern eindeutig ein zumindest propagandistisch Aktiver, ein wirklich Überzeugter.

Auch später sehe ich nicht, dass Herr Benesch Verantwortung für sein Tun und seine damalige Denkweise übernimmt. In seinen vielbewunderten Jugendtagungsausführungen von 1977 (Flensburger Hefte, 9/1994, Seite 80) bezeichnet er die ihm bekannten „ SS – Leute, Faschisten aller Couleur“ als „glühende Idealisten“ und von der individuellen Verantwortung spricht er sie frei mit den Worten: „es passierten die wahnsinnigen Verdrehungen der mitgebrachten Impulse ins Gegenteil“. Kennt er den Unterschied zwischen Idealismus und Fanatismus nicht? Erstaunlicherweise hat Herr Benesch nur die „gewaltigen Opfer der faschistischen Jugend“ im Blick. Kein Wort des Mitleids, der Empathie mit den Opfern, die diese herrliche Jugend auf dem Gewissen hat. Die selbstbezogene Sichtweise dieser Seiten wirkt erschütternd zynisch.

Im Buch von Herrn Schroeder findet sich auf den Seiten 186/187 wohl unbeabsichtigt eine ähnlich zynische Stelle. Im letzten Absatz heißt es: „Ein Ende kündigt sich an, eine Höllenfahrt, in der die ganze Volksgruppe ihrem Untergang entgegengeht (gemeint sind die Siebenbürger)“.... Und zum Schluss der Schrei der Jüdin: „Ihr werdet auch bald diesen Weg gehen!“ Das jetzt folgende Kapitel ist überschrieben „Die Katastrophe“. Darin ist dann der Auszug der Siebenbürger aus der Heimat beschrieben, sozusagen als Erfüllung der Worte der Jüdin. Bei allem Verständnis für die Tragik der Flucht aus der angestammten Heimat – aber lässt sich diese Flucht und das dann doch erreichte Ziel im Westen mit den Höllenfahrten nach Auschwitz vergleichen? Wer verstehen will, was 1944 in Nordsiebenbürgen geschah, lese von Elie Wiesel „Die Nacht“ ! Szaszregen (Sächsich-Regen) und Ma’ramarossiget (Sighet) liegen nur 140 km auseinander. Und Christian Gerlach und Götz Aly berichten in ihrem Buch „Das letzte Kapitel“, dass nach Schätzungen in Nordtransylvanien (= Nordsiebenbürgen ) 30 Prozent der jüdischen Männer und zehn Prozent der Frauen vor dem Abtransport gefoltert wurden, auch Kinder wurden vor den Augen der Eltern gefoltert. (Seite 143) und „Besonders aus Transylvanien wurde gemeldet, große Teile der Bevölkerung forderten schärfere Maßnahmen gegen die Juden „in Anbetracht der Frontlage“ (Seite 147) Wer erlebte hier eine „Höllenfahrt“ ?
Neben der Landkarte über den Treck (Seite 192) hätte sich zur Verdeutlichung dieses Spannungsfelds die Karte (Seite 225) aus dem Atlas „Endlösung“ angeboten.

In Erstaunen versetzt mich die rasante Geschwindigkeit, in der Herr Benesch die Wandlung vom aktiven Nationalsozialisten zum lehrenden Anthroposophen vollzog. Wie lange braucht ein Ätherleib, um nazistische Gewohnheiten und Vorstellungen „auszuschwitzen“? Diese überaus flotte Wandlung dürfte unvergleichlich sein – bei aller damals üblichen Verdrängung.

Herr Schroeder schildert detailliert die Priesterausbildung am Seminar ( Seite 221 ff.)
Was dort verlangt wird – über klassische theologische Fächer, Kunst, Naturwissenschaft, Seelsorge, Unterricht – gipfelnd in der verinnerlichten Widerlegung eines jeglichen Materialismus – ist ein Pensum, das, wenn überhaupt, in Jahrzehnten gelernt wird – es sei denn man streift alles nur mangelhaft und oberflächlich. Laut Angabe besuchte Herr Benesch das Priesterseminar bis zu seiner Priesterweihe nur ca. 9 Monate. Auf Seite 225 wird Pfarrer Suckau zitiert: „Während der kurzen Zeit, die er vor seiner Weihe am Priesterseminar war, war er bereits lehrend tätig...“ Ein Jahr später, 1948, äußert Herr Lüthje aus Kiel , Herr Benesch habe bei der Einführung in die Gemeinde gesagt: „jetzt bringen wir eine Volksbewegung zustande.“ Aber wesentlich wäre nach meiner Ansicht in einem „unvergleichlichen Geisteskampf“ (Herr Schroeder) der Mut zur Wahrheit gewesen. Wenn Herr Benesch schweigen wollte, warum hat er sich nicht mit einer kleinen Pfarrstelle begnügt und „ demutsvoll dem Herrn gedient“ , wie manche Kollegen von den Deutschen Christen? Mit der Übernahme des Amtes, Priester auszubilden, hat er jahrzehntelang die Weichen der Christengemeinschaft in die Zukunft mitgestellt.
Vielleicht hat einfach nur niemand gefragt. – Charismatische Persönlichkeit hin, Hellsehen, Christuserscheinungen her: Wahrhaftigkeit bleibt doch der letzte Prüfstein, im Neuen Testament finden sich dazu genügend Worte von Jesus Christus, die jeder Pfarrer kennen dürfte.

„Wer das Christentum mehr liebt als die Wahrheit, der wird bald sehen, dass er seine christliche Sekte mehr liebt als das Christentum und er wird sehen, dass er sich mehr liebt als seine Sekte.“ Coleridge


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Literatur:

Hans Werner Schroeder „ Friedrich Benesch –Leben und Werk 1907 – 1991 „
Verlag Johannes Mayer Stuttgart Berlin 2007

Christian Gerlach, Götz Aly „ Das letzte Kapitel. Der Mord an den ungarischen Juden 1944-1945“ Fischer Taschenbuch Verlag Frankfurt/Main 2004

Elie Wiesel „Die Nacht – Erinnerung und Zeugnis“ Herder spektrum, Freiburg, Basel Wien 1996
Martin Gilbert „Endlösung – Die Vertreibung und Vernichtung der Juden“ Ein Atlas
Rororo Taschenbuchverlag, Reinbeck bei Hamburg 1995

Karl Heyer „Wenn die Götter den Tempel verlassen“ 1991 unter dem Titel „Wesen und Wollen des Nationalsozialismus“ wieder aufgelegt

Flensburger Hefte 9/1994