Aufgefallen | Die Egoisten
Was mir beim Lesen so auffiel......
Dr. Regina Reinsperger


Notizen zum Buch:
Hans-Werner Schroeder „Friedrich Benesch – Leben und Werk 1907 – 1991“
Verlag Johannes Mayer, Stuttgart – Berlin 2007 – ISBN 978-3-932386-93-0 36,--Euro


Da ich nicht die Absicht habe, auch eine Benesch - Biographie zu schreiben, werde ich in loser Folge kleinere und größere Kommentare zum Buch schreiben, die den Lebenslauf Friedrich Beneschs vielleicht zusätzlich erhellen können. Alle Seitenangaben beziehen sich auf das o.a. Buch.

Autobiographie

Als roten Faden für seine Biographie benutzt Schroeder die unveröffentlichte Autobiographie, an der Benesch bis zu seinem Tod im Jahr 1991 noch gearbeitet hat. Da Friedrich Benesch bereits als Jugendlicher eine besondere Beziehung zu Goethe entwickelte (S.39), sei Goethe zur Problematik der Autobiographie zitiert. Goethe nennt seine eigene Autobiographie „Dichtung und Wahrheit“ und begründet die Wahl dieses Titels wie folgt: „Was den freilich einigermaßen paradoxen Titel der Vertraulichkeiten aus meinem Leben Wahrheit und Dichtung betrifft, so ward selbiger durch die Erfahrung veranlasst, dass das Publikum immer an der Wahrhaftigkeit solcher biographischen Versuche Zweifel hege. Diesem zu begegnen, bekannte ich mich zu einer Art Fiktion, gewissermaßen ohne Not, durch einen gewissen Widerspruchs-Geist getrieben, denn es ward mein ernstestes Bestreben das eigentliche Grundgewahre, das, insofern ich es einsah, in meinem Leben obgewaltet hatte, möglichst darzustellen und auszudrücken. Wenn aber ein solches in späteren Jahren nicht möglich ist, ohne die Rückerinnerung und also die Einbildungskraft wirken zu lassen, und man also immer in den Fall kommt gewissermaßen das dichterische Vermögen auszuüben, so ist es klar, dass man mehr die Resultate und, wie wir uns das Vergangene jetzt denken, als die Einzelheiten, wie sie sich damals ereigneten, aufstellen und hervorheben werde. Bringt ja selbst die gemeinste Chronik notwendig etwas von dem Geiste der Zeit mit, in der sie geschrieben wurde. Wird das vierzehnte Jahrhundert einen Kometen nicht ahnungsvoller überliefern als das neunzehnte? Ja ein bedeutendes Ereignis wird man, in derselben Stadt, Abends anders als des Morgens erzählen hören. Dies alles, was dem Erzählenden und der Erzählung angehört, habe ich hier unter dem Worte: Dichtung, begriffen, um mich des Wahren, dessen ich mir bewusst war, zu meinem Zweck bedienen zu können. Ob ich ihn erreicht habe überlass’ ich dem günstigen Leser zu entscheiden, da denn die Frage sich hervortut: ob das Vorgetragene kongruent sei? Ob man daraus den Begriff stufenweiser Ausbildung einer, durch ihre Arbeiten schon bekannten Persönlichkeit sich zu bilden vermöge.“
(Goethe am 17.12.1829 im Brief an König Ludwig I. von Bayern, veröffentlicht im Briefwechsel mit Zelter)
Momme Mommsen kommentiert diese Zeilen: „Mit der Umsicht des echten Historikers weist Goethe hier auf etwas hin, das grundsätzlich von allen autobiografischen Schriften gilt: Selbstdarstellungen sind stets zugleich Selbstdeutungen. Ein genaues Bild des Gewesenen können sie niemals vermitteln, das Vermögen der „Rückerinnerung“ hat seine natürlichen Grenzen, unvermeidlich mischt sich die „Einbildungskraft“ hinein. So entsteht aus geschichtliche Wahrheit und deutendem Erinnern ein Drittes, dessen Wert vom historischen Gesichtspunkt aus notwendig problematisch bleiben muss. Ausschlaggebend ist, welche Persönlichkeit, welcher Charakter dem Berichtenden eignet.“
(dtv Goethe Gesamtausgabe Band 24, München 1968)


Bei Lesen der Erinnerungen Beneschs an seine Kindheits- und Jugendjahre hatte ich den Eindruck, dass er als alter Mann im Rückblick überhöhte Selbstdeutungen der Ereignisse schildert. Mir liegen aus der oben genannten Autobiographie nur Kopien von vier Originalseiten vor, dabei ist die Seite wie Benesch seine Begegnung mit dem Nationalsozialismus schildert:
„Gegen Ende dieser Wochen und Monate im Frühjahr 1932 kam dann der Nationalsozialismus auf mich zu. Das geschah nicht in Gestalt des nationalsozialistischen Schrifttums. Der Nationalsozialismus stand kurz vor seiner Machtergreifung im Januar 1933. Er hatte inzwischen weltanschauliche und politisch große Teile des deutschen Volkes ergriffen. Er begegnete mir ganz konkret in der Gestalt eines Jugendfreundes. Dieser hatte für sich die Anschauung entwickelt, dass in dem Nationalsozialismus das wahre Heil Deutschlands, das Heil Europas, ja das Heil der ganzen Erdenmenschheit veranlagt sei. Sein Glaube war echt, seine Versuche, mich zu überzeugen, ehrlich.
Je drängender der Jugendfreund wurde, desto intensiver erhob sich in mir der innere Widerstand. Die innere Sicherheit meines eigenen Christentums stemmte sich gegen das, was vom Nationalsozialismus meines Freundes ausging. Mir wurde in den Auseinandersetzungen mit diesem Jugendfreund der verheerende Irrtum deutlich, dem die deutsche Jugend verfallen war. Ich konnte überhaupt und grundlegend erkennen, dass in diesem Nationalsozialismus eine tief unchristliche, ja antichristliche Strömung die Seelen der Menschen ergriff, verführte und verdarb.
Ich war verzweifelt. Viele meiner Jugendfreunde auf der Universität, aus dem Jugendkreis um Vater Hahne, ja sogar Vater Hahne selbst gerieten in den seelischen Sog rein rassistisch-völkischer Gedanken und Impulse, die sie konsequent an ihrem Zugang sowohl zur Anthroposophie wie auch zu einem erneuerten Christentum vollständig verhinderten.“

Soweit das Original – Zitat der Autobiographie, in seinem Lebenslauf für die Doktorarbeit schrieb Benesch 1940 dagegen:
„In Marburg lernte ich Professor Hahne kennen und folgte ihm für das Wintersemester 1926 – 1927 und das Sommersemester 1937 nach Halle, wo ich Vorgeschichte Rassenkunde, Naturwissenschaften und Theologie studierte.
Seit 1928 war ich Mitglied der nationalsozialistischen Erneuerungsbewegung der Deutschen in Rumänien.“
Im Lebenslauf vom 11. Juli 1938, für das Ahnenerbe geschrieben steht:
„1931-32 politisch tätig als Kreisjugendführer der Erneuerungsbewegung in Sächsisch – Regen.“

Die obigen Abschnitte der Autobiographie sucht man vergeblich in Schroeders Buch. Hans-Jürgen Bracker fragt zu Recht in seiner im Juli Heft von „ info 3“ erschienen Rezension über Schroeders Buch: “Wenn Benesch Wesentliches verfälscht darstellt: Wie glaubwürdig ist dann der Rest, z.B. hinsichtlich seiner Anthroposophie-Rezeption und der Schilderung innerer Entwicklungen oder religiöser Erlebnisse?“