Antiamerikanische | Die Egoisten

Jeder Unsinn wird geglaubt, solange er eine antiamerikanische Spitze hat1
von Thomas Reinspeger




Auf Seite 274 seiner Biographie über Friedrich Benesch 2 gibt Hans-Werner Schröder den Brief von Friedrich Benesch vom 4.Mai 1966 an eine Heilpädagogin in Schweden wieder, laut Schröder ein Beispiel wie Benesch auf die „entscheidenden geistigen Hintergrundtatsachen aufmerksam macht“. Zunächst soll hier ein Teil des Briefes zitiert werden:
„Meine sehr liebe Frau Stella!“
„……..so wird auf der anderen Seite deutlich wie weit die Amerikanisierung des Bewusstseins in Schweden bereits vorgedrungen ist. Denn dieselben Bewusstseinskräfte, von denen oben die Rede war, können auch von Ahriman okkupiert werden und dann wird plötzlich alles ganz einleuchtend. Ich habe schon seit 20 Jahren diese Verhältnisse in Schweden beobachtet und gesehen, wie das schwedische Volk und der schwedische Staat gegenüber dieser Amerikanisierung des Bewusstseins überhaupt keine Widerstandskräfte haben. Ich habe vor dem Schloss in Stockholm die abgrundtiefe Trauerklage der Schwedischen Volksseele vernommen, das war im Jahre 1952, ich habe sie immer wieder gehört.“
Soweit das Zitat. Noch ein anderes: auf Seite 492 wird eine Rede aus Benesch Amtszeit als stellv. Gauleiter wiedergegeben, anlässlich eines Wunschkonzertes am 26. Januar 1941:
„Wir sehen heute drei große Versuche in der Welt die soziale Frage zu lösen. Im Westen in Amerika und England hat man es auch versucht. Man hat den Reichen weiten Arbeitsraum gegeben, um viel verdienen zu können. Dann hat man sich ab und zu derjenigen erinnert, die mit dazu beitragen das Riesenvermögen der Einzelnen zu schaffen und wirft Ihnen manchmal ein Almosen hin.“



Zunächst einmal möchte ich hier auf den eben immer wieder kolportierten „Amerikanischen Materialismus“ eingehen – es gibt ihn schlicht und einfach nicht! Es gibt natürlich genügend Materialismus in der Welt, aber der Materialismus als solcher ist nicht wesenhaft Amerikanisch. Und – der Nationalsozialismus den Friedrich Benesch vertrat, war nicht idealistisch, sondern zutiefst auch materialistisch - es hing aber halt ein Mäntelchen drum.


Weiterhin kann man sehen, dass der Verlust der patriarchalischen Verhältnisse, deren Reste Friedrich Benesch in Siebenbürgen noch kennenglernt hatte, von oben her kam. – Ein patriarchalisches Verhalten bedingt sich nach zwei Seiten, die eine beruht auf der Arbeit der „einfachen“ Bevölkerung, die andere beruhte aber auch ganz wesentlich darauf, dass der Patriarch seinen „Untergebenen“ eine angemessene Vergütung und Versorgung in allen Lebenslagen zukommen ließ.
Eduard Otto 3 schildert 1914, wie schon im späten Mittelalter den Zünften dieser Versorgungsgedanke abhanden kam. „Es ist der gute Geist der alten Zunft, der uns aus diesen herrlichen Worten anweht; aber die Art, wie der Verfasser seine Mahnung vorbringt, zeigt auch, dass dieser Gute Geist zu seiner Zeit schon im Schwinden begriffen war“. Im Folgenden werden die damals (1595) beginnenden, teil unmenschlichen Arbeitsbedingungen wiedergegeben, die Johann Butzbach, Schneidergeselle aus seiner Lehrzeit schildert.
Wir müssen dies nicht weiter fortsetzen- jedem der sich etwas für Geschichte interessiert ist die Ausbeutung der Fabrikarbeiter bekannt, die 16stündigen Arbeitstage usw. Eine der besten Schilderungen die mir hier übrigens unterkommen ist, stammt von Abenteuerautor Jack London 4.
Aber auch in der Landwirtschaft wirkten die alten Verhältnisse nicht mehr. Landwirtschaft hieß früher, dass es einzelne groß Güter gab, wenige große Bauernhöfe und eine Vielzahl kleiner Bauernstellen von ca. 1,5 Ha, deren Besitzer oder Pächter dringend auf einem Nebenerwerb angewiesen waren, also darauf, dass ihnen auch jemand diese Arbeit gab.
Am eklatantesten war die Vernachlässigung der Landwirtschaft in Irland festzustellen, die Hungerkatastrophe, die schon 1840 ganz Irland leerte (ganze Dörfer starben), begegnete nicht dem Mitleid der Gutsbesitzer. Die Häuser der nicht zahlend könnenden Pächter wurden zerstört, wer nicht starb wanderte aus, und statt Ackerbau, der Menschen erfordert, wurden nun großflächig Schafe gehalten5. Also der Materialismus ging von den Besitzenden aus, ja von den Reichen, wie es auch Benesch schildert, aber eben überall, nicht nur in Amerika, genauso in Deutschland oder sonst wo in der Welt.

Und der Nationalsozialismus setzte dem allen noch eine Krone auf. Als der größte Materialist entpuppt sich unter der Equipe der Führung nicht etwa der „Goldfasan Göring“ , der Reichsmarschall in schimmernden Uniformen, noch gegen Ende des Reiches in seinem Sonderzug mit von Juden gestohlenen Diamanten spielend, er meinte später in der Haft: „Wenigstens 12 Jahr gut gelebt“, aber trotzdem war sein Chef doch noch ein Stückchen besser:
Der Führer und Reichskanzler bezog sein Einkommen aus 2 Quellen:
Jedem Brautpaar wurde „mein Kampf“ vom Staat geschenkt, der die Bücher bezahlte.
Er bekam von der Deutschen Industrie eine „Führergabe“ von 1,5%o des Umsatzes.
Der Führer und Reichskanzler war damit gegen Kriegsende nicht Millionär, sondern Milliardär. Und dies zu einer Zeit wo man mit 5.000,-- RM ein Haus bauen, ein Geschäft kaufen oder einen Daimler fahren konnte.
Hier nur noch einige Kurzbemerkungen: Generäle erhielten Sondervergütungen für Siege in Höhe von 500.000 RM. Und wer alles kaufte nicht billig „Judenbetriebe“? Wer denkt heute noch daran das der Aufstieg des Josef Neckermann 6zwar auf dem Geschick beruhte, mit dem er seine selbst im Kohlenhandel verdienten 200.000,-- Reichsmark geschickt in den Aufkauf von jüdischen Betrieben investiert, so in den Kauf der Kaufhäuser Ruschkewitz in Würzburg und des Versandhauses von Karl Amon Joel in Berlin, schon damals ein Millionenbetrieb. Die Kaufpreise stellten wie üblich nur einen Bruchteil des wirklichen Wertes dar. Den Inhabern wurden diese Kaufpreise als Sondersteuer abgenommen und sie durften – immerhin noch, vermögenslos emigrieren. – So weit mir bekannt ist hat Neckermann mit der 1,14 Millionen Anzahlung auch nur einen Teil des Kaufvertrages gezahlt, den Rest hat dann die Familie Noel in den 50igern eingeklagt, freiwillig hat er auch das nicht rausgerückt. Ein Beispiel von vielen.
Nochmals, Materialismus gab und gibt es überall, der krasse Materialismus ging damals von den oberen Kreisen aller Länder aus, nicht nur Amerikas. Und der besonders krasse Materialismus ging von den Nationalsozialisten aus. Ja man wünschte sich viele Kinder, ein SS Mann hatte 6 Kinder zu zeugen. Aber man war sich auch bewusst dann „Ein Volk ohne Raum zu sein“ und wollte deshalb die Ostgebiete schlucken. Der Rassismus enthält eben auch ein gebündeltes Teil krassesten Materialismus. Insofern war Benesch als bekennender Nationalsozialist auch eindeutig Materialist.


Und die Volksseelen? – Nun jede Nation und jedes Volk hat in seiner Geschichte „Sternstunden der Menschheit“ die die Welt bereichern gehabt und tiefste dunkle Stellen.
So ist zweifellos die Vernichtung der nordamerikanischen Indianerdemokratien eine der dunklen Stellen der USA. Ja, es gab eben nicht nur Nomaden und Jäger, es gab zahlreiche Staatsgebilde der Indianer, die teilweise gebildeter waren als die Einwanderer. Sie hatten eine eigene Schrift, Parlamente mit 2 Kammern-System und vieles mehr bei den sog. „Sechs zivilisierten Nationen“. Die Cherokees z. B. hatten einen Botschafter in London sitzen, in ihrem Staat gab es u. a. auch 9 Universitäten. So ist im übrigen auch Inhaltliches von den Verfassungen der Indianischen Nationen in die Verfassung der USA eingeflossen.
Die Schuld der Amerikanischen Nation ist mir durchaus geläufig – aber eben eine der Sternstunden auch. Der Sieg über die Japaner und Deutschen war eben keine Unterdrückung, sondern eine Befreiung, eine Sternstunde der Welt. Hier kämpfte Jahrelang der „Volksgeist“ einer Demokratie gegen Barbarei und in diese wäre die Welt vollends versunken, hätte die „Mörderbande“ um Hitler oder den japanischen Tenno gewonnen. Und – es wurde auch innerhalb der Demokratie um den Kriegseintritt gerungen, die Vereinigen Staaten sind bewusst in diesen Krieg eingetreten.
Und hier wurde nicht nur mit überragender Technik gekämpft. Nein auch die Amerikaner haben hundertausende von Soldaten, einzelnen Menschen, eingesetzt, welche sich sogar oft freiwillig meldeten, um gegen die Barbaren anzugehen.
Es wird gelegentlich in der Geschichtsschreibung die (Deutsche) „Jungend von Langemark“ kolportiert, die tausenden junger Menschen im ersten Weltkrieg, welche freiwillig mit einem Lied auf den Lippen für Ihre Ideale an die Front gingen und zwei Stunden später tot waren.

Daran wird die Frage geknüpft, wie denn die Welt geworden wäre, wenn diese Menschen noch gelebt hätten. – Nun einige Menschen mehr wie Remarque statt wie Benesch hätten der Welt sicher gut getan.
Ich habe jedoch in Bezug auf Amerika auch die Frage, wie denn die Nachkriegswelt geworden wäre, wenn die 350.000 Amerikanischen Soldaten, die alleine auf Okinawa gefallen sind, noch ihre Demokratie hätten weiter inspirieren können. Was also an Positiven von der Amerikanischen Demokratie ausging und ausgeht, denn diese besteht nicht nur aus Familie Bush, dafür hatte Benesch kein Gespür.
Und Schweden hat mit einer Welt von Barbarei zwar paktiert (Handel mit Deutschland), ist der Barbarei aber nicht erlegen. Auch Schweden mit dem bürgerlichen Königshaus (der französische Marschall Bernadotte war kein Adliger von Geburt) hat jahrzehntelang in vielen Teilen Europa und der Welt Anstöße positiver Art („Schwedisches Modell“) gegeben.


So möchte ich noch kurz zwei weitere Beispiele von aus Schröders Biographie anführen:
Benesch meint zum Prager Frühling: „Zur Überwindung des einseitigen Nationalismus bedurfte es wohl der Herrschaft der Kommunisten“. - Das soll die große Erkenntnis des „Weltmenschen“ sein. Er zieht die Diktatur dem „Dritten Weg“ vor. Friedrich Benesch hat innerhalb der Christengemeinschaft und auch in Anthroposophischen Zusammenhängen in vielen Bereichen gearbeitet, demnach aber nicht im Bereich der Sozialen Dreigliederung. Diese war es aber welche die Menschen um Alexander Dubcek gefunden hatten, viele der Emigranten haben dann auch in diesen Zusammenhängen im Westen gearbeitet, ich erinnere an die Treffen im Internationalen Kulturzentrum Achberg.
Hier war in der Geschichte einmalig die Gelegenheit zu einer neuen Form der Demokratie gegeben, aber für Benesch ist Demokratie Nationalismus, eine interessante Definition. Dann bin ich gerne Nationalist.


In Ihrem hier kürzlich veröffentlichten Artikel weist Esther Reck-Kühn auf Beneschs Jugendtagsrede hin. Er hat Bedauern für die fehlgeleiteten SS-Leute, alles „glühende Idealisten“, ein Bedauern für die Opfer äußert er nicht.
Es gibt eine entsprechende Stelle in Schröders Buch, Benesch erklärt auf einer Spanienreise seiner Umgebung, dass hier noch die Opfer (Verteidiger einer Festung) zu bemerken seinen – eben nur die Franco – Anhänger. Im überaus grausamen spanischen Bürgerkrieg wurden wirklich an jeder Straßenecke Menschen erschossen und verscharrt, besonders auf den Landstraßen. In den letzten 10 Jahren hat sich in Spanien eine Bewegung gebildet, welche sich um das Auffinden der Überreste und deren Bestattung bemüht. Die geistige Welt Spaniens war also voll von Opfern – Benesch sieht und bedauert nur die Kämpfer der rechten Diktatur.
Noch eine Kleinigkeit: Es wird eine Auseinandersetzung mit jüngeren Besucher seiner Vorträge geschildert, es gibt Kritik an Benesch, eine harte Antwort, eine Beschwerde eines anderen jungen Menschen über diese harte Antwort, … man versöhnt sich wieder. Benesch letzter Satz ist dann: …. „Aber einer muss eben König sein.“


Aus all diesen Puzzleteilen möchte ich jetzt meine Meinung zusammensetzen:
Benesch hat zwar die Verbindung zu den Siebenbürger Sachsen abgebrochen, er bleibt aber seinem alten, patriarchalischen Denken verhaftet. Er lebt in einer Demokratie, kommt aber nicht dort an. Er bleibt auch in seinen geistigen Erkenntnissen dem Alten verhaftet. Nun konnte er zweifellos charismatisch und mitreißend reden usw., wenn ich aber heute mit zeitlichem Abstand diese Texte lese, so kann ich weder eine Wandlung, noch große zukunftsweisende Erkenntnisse herauslesen. Die Verbreitung der Reinkarnationsidee als solcher ist nicht neu und, wenn man Reinkarnation als solche anerkennt, muss man nicht fortschrittlich sein und auch der von ihm definierte „Goetheanismus“ ist wissenschaftlich angreifbar.
Gerade die am Anfang zitierte Schwedische Volksseele, die über Amerika weint, zu einer Zeit, als Amerika in Deutschland Fortschritt hereinbrachte und zwar geistigen Fortschritt – nun entweder hat Friedrich Benesch eben mal den Leuten erzählt was sie hören wollten – oder er hat eben die rückständigen Teil der Volksseele gesehen, denn den gibt es ja auch, oder haben ihn gar ahrimanische Elementarwesen etwas vorgegaukelt? Inwieweit konnte er auch korrekt interpretieren, was er geistig sah, oder führte seine Verdrängung der eigenen Biographie nicht ins geistig Illusionäre?
Es stellt sich auch die Frage, in wie weit sein patriarchalische Denken in die späteren Werke eingeflossen ist, ohne dass es die Empfänger bemerkten; hier ist noch Aufarbeitung nötig.


Und noch ein Gedanke zum Schluss: hat Benesch nach dem Krieg nicht ein zweites Mal seine eigentliche Aufgabe verschlafen? Wenn er bereits in den 50er Jahren statt sich intensiv „sämtliche Naturwissenschaften“ durchzuarbeiten,( was für einen Menschen sowieso nicht machbar ist), wenn er stattdessen den Nationalsozialismus aufgearbeitet hätte, den er ja von innen her kannte und ihn geisteswissenschaftlich und goetheanistisch dargestellt hätte, wäre er einer der Ersten in der NS-Aufarbeitung in der jungen Bundesrepublik Deutschland gewesen, noch vor den großen Kirchen, und hätte dem „Deutschen Volksgeist“ wirklich gedient. Aber dazu hätte er wie der Apostel Paulus seine Vergangenheit bekennen müssen und dazu fehlten ihm wohl Mut- und Ich-Kräfte.

Thomas Reinsperger September 2007


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1 FAZ, 1. Aug 2007, Klaus –Dieter Frankenberger
2 Hans—Werner Schröder Friedrich Benesch Leben und Werk, MAYER Verlag 2007
3 „Das deutsche Handwerk“ Verlag Teubner, Berlin 1913
4 „Menschen der Tiefe“ von Jack London. Jack London, Fischer, einer der ersten Soziologen, Freimaurer der „unter dem Stein begraben liegt, den der große Baumeister der Welten verschmähte“, hat 1910 sechs Monate in London als Bettler auf der Straße gelebt und spickte seine Erlebnisberichte hierüber mit offiziellen Armutsstatistiken aus Großbritannien
5 Englische Geschichte, von Getty Images – Ein Jahrtausend in Bildern
6 Ullstein Verlag – Patricia Wiede „Josef Neckermann“