Jugendterror | Die Egoisten

Jugendterror
von Dr. Regina Reinsperger



Seit Einführung der allgemeinen Wehrpflicht im Mai 1939 war auch in Ungarn die vormilitärische Erziehung der Kinder und Jugendlichen “zum Grundsatz pädagogischer Erziehung” erhoben worden. Die ungarische Jugend wurde in “Leventeeinheiten” zusammengefasst, für die deutschstämmigen gab es gesonderte Leventeeinheiten. Seit dem am 21. April 1942 abgeschlossenen Abkommen zwischen dem Landesjugendführer der DVU (Volksbund der Deutschen in Ungarn) Martin Huber und dem Landesleiter der Jugenderziehung für die Landesverteidigung, Alajos Beldy , änderte sich das. Die “Deutsche Jugend” , in der nur die Kinder der DVU - Mitglieder aufgenommen werden durften, sollten kameradschaftlich nach dem Vorbild der Waffenkameradschaft des deutsche und ungarischen Volkes zusammenarbeiten. Die “Deutschen Jugend” war nach dem Vorbild der HJ (Hitlerjugend) aufgebaut, und nach Alter Geschlecht etc. gegliedert. Bezüglich der Ziele des DJ äußerte Mathias Huber in der “Südostdeutschen Rundschau” 3 (1942), S.166-173: “Der DJ will den neuen deutschen Menschen gestalten. Sie will, dass aus der grauen Masse all der Jugendlichen, die zu uns standen, eine mächtige Organisation werde, berufen und befähigt dazu, Formen und Wege zu suchen und zu finden, die zu diesem neuen Menschen, dem Nationalsozialisten, hinführen. Die völkische Jugenderziehung erfordert an erster Stelle die Ausbildung gesunder, wehrhafter Körper, an zweiter Stelle eine charakterliche Aufwertung, mit besonderer Betonung des Heranzüchtens zur Willens- und Entschlusskraft, wie zum Verantwortungsbewusstsein, und erst an letzter Stelle wird die rein wissensmäßige Bildung gestellt.”


Friedrich Benesch unterrichtet in dieser Zeit Biologie am Gymnasium von Sächsisch - Regen. Einer seiner Schüler ist 1941/42 der Historiker Johann Böhm. Er berichtet über diesen Unterricht in der Halbjahresschrift für südosteuropäische Geschichte:
“Als sein ehemaliger Schüler am Gymnasium von Sächsisch - Reen (=Sächsisch-Regen) möchte ich zum Fach Naturkunde, das Benesch dort unterrichtete, ein paar Worte sagen. In den Mittelpunkt seines Naturkundeunterrichtes stellte Benesch die Rasse- und Vererbungsfragen. Ich kann mich an seine Ausführungen gut erinnern, als er uns sagte, dass die “Erbanlagen sowohl bei den Pflanzen und Tieren, als auch beim Menschen sich bei der Befruchtung von väterlicher und mütterlicher Seite auf die Nachkommen übertragen”, dass sich Volk und Rasse” decken würden. Außerdem sei der Nationalsozialismus die erste politische Anschauung der Neuzeit, die diese biologischen Grundlagen klar erkannt habe. Sie bestehe darin, dem deutschen Volk die biologischen Grundlagen seines Seins vertraut zu machen, seinen Lebenswillen zu stärken und das Handeln im Sinne der biologischen Erkenntnis zum selbstverständlichen und notwendigen Ausdruck seines Daseins erwachsen zu lassen. Benesch versuchte aus seiner Sicht den Unterschied zwischen den Rassen und die Rolle, die die Rassen als Bestandteile der Völker und als Faktoren ihrer Kultur spielten, zu erklären. Auf diese Weise sollten wir den Besitz unseres Volkes an wertvollen Erbanlagen erkennen und erfassen. Daneben stellte er den Kampf ums Dasein als auslesenden Faktor in den Vordergrund und versuchte den Gymnasiasten verständlich zu machen, dass das Vertrauen in die Unumstößlichkeit der Gesetze des Lebens und die Hingabe an das Ideal der Höherentwicklung des deutschen Volkes geweckt werden müsse..”


Dieses Zitat bringt Hans-Werner Schroeder auf Seite 176 seines Buches. Er kommentiert diese Zeilen: “ Aufbau und Interpretation des Unterrichtstoffes zeigen, dass Beneschs Beziehung zur Anthroposophie noch nicht so weit fortgeschritten war, auch für die Abstammungs- und Rassefragen den Lehrinhalt geisteswissenschaftlich zu durchdringen und entsprechend zu gestalten. Offensichtlich war die nationalsozialistische Ideologie im weiteren Verlauf der 40er Jahre nach wie vor seine persönliche Überzeugung.” Dies kann man aufgrund der o.a. durch und durch materialistischen, biologistischen Weltsicht mit ihrem Pseudoidealismus nur bestätigen.

Welche Folgen hatte diese Weltsicht nun im Alltag von Kindern und Jugendlichen? Johann Böhm, ein kritischer Zeitzeuge, den Schroeder nicht näher befragt hat, berichtet weiter:

“Mit seiner Jugendorganisation übte er (Benesch) im Reener Kreis eine Terrorherrschaft aus. Der Autor dieses Aufsatzes hat dies selber miterlebt.” Ein erster weiterer Zeitzeuge aus Sächsisch -Regen ist der inzwischen verstorbene Laszlo Gruen, der in Targu Mures geboren wurde und im Alter von 14 Jahren mit seiner Familie in Sächsisch Regen lebte. Seine Biographie wurde durch “The Central Europe Center for Research and Documentation” ins Internet gestellt. Er kann Benesch im Gegensatz zu Johann Böhm nicht benennen, wohl aber die Auswirkungen, die die Indoktrination durch die NS - Ideologie bei den Jugendlichen bewirkte.

Er berichtet:
“ I finished four years of primary school in Rumanian, and after 1940 they enrolled me in the Roman Catholic high school, because there was no other. .... In 1942, an anti-Jewish law was enacted, which was about that Jewish students could only make up a given percentage of students attending puplic or denominatial schools. There no other high-schools in Szaszregen except the Roman Catholic high-school, where this numerus clausus (percentage) already existed. I got into this numerus clausus. There were four Jewish children in that class. We didn´t really have problems with each other. They didn´t make us feel that we were Jews, just the school administration did. In those days there was a pre-army organization for young people called “leventeseg” and every young child between 11 and 14 years old, received pre-army preparation once a week, for example target practice. We Jews couldn´t go there, but had to go to work with a shovel. They put us to clean the sports ground or dig holes and thinks like that. But these things seemed to be normal at that time, at last to my childish mind. There were untoward events in the summer of 1943 too, when they threw the Jewish children out of the lido. They said that an Aryan couldn´t swim in the same pool with a Jew. One Sunday they threw out not only the children but the adults as well, and after that insription appeared at the entrance, which said that Jews were not allowed to go in. A few levente and Hitlerjugend (since Szaszregen was a Saxon Town, they had a Hitlerjugend organization) joined in and made this “glorious day”, throwing everybody out. Nobody went there anymore.”

Heute erleben wir wieder verstärkt fremdenfeindliche Übergriffe durch Heranwachsende oder junge und alte Erwachsene. Besonders die jungen Leute zeichnen sich dabei durch Brutalität aus, wir können mittlerweile also durchaus den Schrecken solcher oben geschilderten Übergriffe nachvollziehen.

Auch über die Deportation berichtet Laszlo Gruen. Eines Morgens, Ende April 1944, schlug eine Trommel und es wurde bekannt gemacht, dass jeder Jude mit einem kleinen Koffer innerhalb einer Stunde vor seiner Haustür zu stehen habe. Sie wurden dann von der Gendarmerie begleitet und in eine unbenutzte Ziegelfabrik am Ende der Stadt gebracht. Dort wurden sie in einer schmutzigen Halle untergebracht, die zwar ein Dach aber keine Wände hatte, weil dort die Ziegel getrocknet worden waren. Dort blieben sie einen Monat. “Then they gattered us together. A German and a Hungarian officer and two civilians told us that we would be taken to a camp, where men would work and women would take care of the children and old people. This situation would last until the end of the war , until the final victory. They told us this story, and though nobody would really believed it, they would still rather believe this, than that they would be taken and killed. Then the loading began into freight wagons.”

Hans-Werner Schroeder kommentiert den Holocaust (Seite 186) "Dass die Pfeilkreuzler (eine ungarische radikal nazistische Partei) für die Deportation der ungarischen Juden in deutsche Vernichtungslager die Verantwortung zu tragen hatten, wird vom Simon Wiesenthal-Center bestätigt.” Ob das speziell in Sächsisch-Regen anders war, danach fragt er nicht. Er besucht auf seiner Rumänienreise zwar den evangelischen Bischof, aber keine jüdische Gemeinde, wo er nach Zeitzeugen hätte forschen können. Folglich behauptet er (Seite 186): “Dass er selbst (Benesch) oder die Siebenbürger Bevölkerung an den brutalen Aktionen der Pfeilkreuzler oder der ungarischen Gendarmerie einen Anteil gehabt haben können, ist ausgeschlossen.”

Diese Gewissheit zieht er u.a. aus einem Brief, den Friedrich Benesch am 7.September 1942 an seine Frau, die in Halle zu Besuch ist, schreibt (Seite 183). Schroeder zitiert aus dem Brief: “Klar wurde mir neu: Wir müssen lernen, in vollem Bewusstsein und klarer Kenntnis im Angesicht des Bösen mit unseren Schwächen zu leben!” Aus dieser Formulierung folgert Schroeder: “Von seiner Umgebung unbemerkt, ist für ihn an die Stelle ehemaliger Gewissheit einer moralischen Integrität nationalsozialistischer Positionen eine umstürzende Erkenntnis getreten, wie sie radikaler nicht sein kann.” Schroeder bezieht das “Angesicht des Bösen” logisch unzulässig auf den Nationalsozialismus. Auch der Nationalsozialismus sprach vom “Angesicht des Bösen” und meinte damit z.B. die “jüdisch-amerikanische Weltverschwörung”, das “jüdische Untermenschentum” und den “Bolschewismus” .

Auch aus dem oben dargestellten wird wieder deutlich, wie Hans-Werner Schroeder gearbeitet hat: kritische Berichte aus dem Internet oder Bücher findet er nicht, kritische Zeitzeugen, wie z.B. den Historiker Johann Böhm, der für seine Forschungen über Siebenbürgen in der NS-Zeit immerhin 2006 mit der Verdienstmedaille des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland ausgezeichnet wurde, befragt er nicht. Suchen wir also weiter nach Zeitzeugen und Zeitzeugenberichten.

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Quellen:

Hans-Werner Schroeder “Friedrich Benesch - Leben und Werk 1907-1991"
Verlag Johannes Mayer, Stuttgart - Berlin, 2007

Norbert Spannenberger “Der Volksbund der Deutschen in Ungarn 1938 - 1944 unter Hothy und Hitler”
Schriften des Bundesinstitutes für Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa, Band 22, R. Oldenburg Verlag München 2002

Halbjahresschrift für südosteuropäische Geschichte, Literatur und Politik, herausgegeben durch Dr. Johann Böhm, A G K - Verlag Dinklage, Mai 2004, 16. Jahrgang, Heft Nr. 1
Johann Böehm, “Friedrich Benesch” Seite 108ff.

The Central Europe Center for Research and Documentation, Pfeilgasse 8/15, A-1080 Wien,
www.centropa.org/downloads RO: Grün
Family name: Grün, City: Targu Mures, Country: Romania, Interviewer: Ildiko Molnar