Marburg | Die Egoisten


Marburg, die Stadt und ihre Universität in der Weimarer Republik
Dr. Regina Reinsperger


Hans Werner Schroeder beschreibt auf den Seiten 51 ff seines Buches* Marburg: „Marburg ist eine protestantisch geprägte Kleinstadt mit traditionsreicher Universität, die 1927 ihr 400 jähriges Jubiläum feiert“ und zitiert dann aus Rüdiger Safranski’s Buch „Ein Meister aus Deutschland – Heidegger und seine Zeit“ (München 1993): „Das von der Universität dominierte Städtchen leerte sich in den Semesterferien und schlief ein....Es herrschten überschaubare Verhältnisse. Jeder kannte jeden.“



Schroeder schildert weiter die „Atmosphäre der damaligen Zeit“ anhand o.a. Buches: „Rudolf Bultmann versammelte um sich einen Kreis, in dem wöchentlich Texte vorgelesen wurden; ab elf Uhr schritt man zum gemütlichen Teil, der ebenfalls in strenger Zeiteinteilung ablief: eine Stunde höherer akademischer Klatsch, und danach durften zu Wein und Zigaretten Witze erzählt werden. Die besten trug Bultmann nach Gelehrtenart in eine Kladde ein, um bei Gelegenheit auf sie zurückgreifen zu können.“ und: „Heidegger war auch äußerlich in Marburg eine auffallende Figur. An Wintertagen konnte man ihn mit geschulterten Skiern zur Stadt hinausgehen sehen. Manches Mal kam er mit Skikluft zur Vorlesung. – Im Sommer trug Heidegger seinen berühmten Lodenanzug und Kniebundhosen, das war sein veredeltes Wandervogeltum. Die Studenten nannten diese Bekleidung den „existentiellen Anzug“ Der Maler Otto Ubbelohde hatte ihn entworfen, und für Gadamer hatte diese Tracht etwas von dem bescheidenen Prunk eines sonntäglich gekleideten Bauern.“

Benesch wohnte im Studentenwohnheim „Marburger Burse“ (zur Burse und zum Leiter Professor Mannhardt näheres im folgenden Artikel), in der etwa 1/3 der Studenten Reichsdeutsche waren, 1/3 deutschstämmige aus dem Ausland mit ausländischem Pass und 1/3 Deutsche, die im Ausland lebten. Dort lernte Benesch Corps – Studenten kennen, aber auch solche, die aus der Jugendbewegung kamen und von denen er sich angezogen fühlte. Hans-Werner Schroeder zeichnet also mittels o.a. Heidegger – Buch ein überaus gemütliches, idyllisches Bild von Marburg und seiner Universität, so wie es auch damals schon zahlreiche ehemalige Studenten in ihren Erinnerungen „an die alte Burschenherrlichkeit“ beschrieben.

Anne Christine Nagel schildert in ihrer im Jahr 2000 erschienenen Dissertation Marburg und seine Universität realistischer. Sie schildert die Tatsache, dass “jeder jeden kennt“ , städtische Honoratioren mit den alteingesessenen Gelehrtenfamilien engen Kontakt haben, nicht als Idylle sondern als eine „Atmosphäre der Enge“ und schreibt: „ Schon frühzeitig verband sich mit der nordhessischen Universitätsstadt von außen gesehen der Ruch einer manifest antirepublikanischen Haltung. Studentische Zeitfreiwilligenverbände waren 1920 per Reichswehrbefehl in Thüringen eingesetzt worden, in dessen Folge es zur Ermordung von fünfzehn Arbeitern durch die Marburger Studenten kam. Der „Mord von Mechterstädt“ haftete an der Stadt wie Universität gleichermaßen wie ein unauslöschlicher Makel und begründete den Ruf der kleinen Universitätsstadt als ein „Hort der Reaktion“.-

Die antirepublikanische Haltung von Stadt und Universität hielt sich über die gesamten Weimarer Jahre hinweg und war in der damaligen reichsweiten Öffentlichkeit durchaus bekannt. „Hinzu kam ein teils versteckter, teils offen auftretender Antisemitismus, der die an den meisten anderen reichsdeutschen Universitäten herrschende Judenfeindschaft noch übertraf. Als Folge davon wurde die Marburger Universität schon geraume Zeit vor der „Machtergreifung“ von jüdischen Studenten weitgehend gemieden.“ Bei den Reichstagswahlen von 1930 trug die NSDAP in Marburg den Sieg davon. 1932 bei der Abstimmung über das Amt des Reichspräsidenten gewann Hitler umgekehrt zum Ergebnis im Reich mit einer absoluten Mehrheit über Hindenburg. Im November 1932 votierten knapp 50 % der Marburger Bürger für die NSDAP, womit der Reichsdurchschnitt um 16,1 Punkte übertroffen wurde. Diese hohen Wahlerfolge der NSDAP im protestantischen (85,7% der Einwohner) Marburg zwischen 1930 und 1932 lagen noch über den Ergebnissen in den nationalsozialistischen Hochburgen in Schleswig Holstein. - Viele Professoren sahen Marburg auch nur als Durchgangsstation auf dem Weg zu einer großen Universität. Auch Martin Heidegger und Ernst Robert Curtius blieben nur wenige Jahre. Friedrich Benesch studierte vom Sommersemester 1925 bis Sommersemester 1926 und vom Frühjahr 1932 bis März 1934 in Marburg.

In Zeiten des Internet und mit der Württembergischen Landesbibliothek am Ort ist es doch sehr verwunderlich, dass Hans-Werner Schroeder die Dissertation von Anne Christine Nagel nicht gefunden hat und statt eines politisch korrekten Bildes nur die Idylle kolportiert, zumal sich im Internet selbst eine weitere Dissertation mit einem Kapitel: Die Universität Marburg in den Jahren des Nationalsozialismus finden lässt.



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Literatur:

„Die Phillips-Universität Marburg im Nationalsozialismus – Dokumente zu ihrer Geschichte“
Herausgegeben von Anne Christine Nagel unter Mitarbeit von Ulrich Sieg
Erschienen in der Reihe: Pallas Athene – Beiträge zur Universitäts- und Wissenschaftsgeschichte, herausgegeben von Rüdiger vom Bruch, Band 1, Franz Steiner Verlag Stuttgart 2000

Rüdiger Safranski, „Ein Meister aus Deutschland – Heidegger und seine Zeit“, München 1994

* Hans-Werner Schroeder, „Friedrich Benesch – Leben und Werk 1907 –1991“ Johannes Mayer Verlag Stuttgart – Berlin 2007

Im Internet:
„Egmont Zechlin ( 1896 – 1992) – Biographische Studie eines Historikers vom Kaiserreich bis zum Ende des Nationalsozialismus, zwischen wissenschaftlicher Autonomie und politischer Anpassung“
Dissertation der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg, von Daniela Frees
Kapitel 4.1.2 Die Universität Marburg in den Jahren des Nationalsozialismus, Seite 254 fff
http://docserver.bis.uni-oldenburg.de/publikationen/dissertation/2004/freegm04/pdf/freegm04.pdf