Leprich | Die Egoisten
Leprich, ein junger Mann aus Birk

 
Vorbemerkung: Mir ist völlig bewusst, dass es zur Methodik denunziatorischen Handwerks gehört, Ereignisse und Menschen, die nichts miteinander zu tun haben, bewusst in einem Artikel nebeneinander zu stellen, um damit etwas "abfärben" zu lassen. Auch im folgenden Artikel ist eine direkte Verbindung der beiden behandelten Personen nicht nachweisbar. Nach allem Dargestellten handelt es sich bei dem Einen um einen ganz jungen KZ-Wärter und bei dem Anderen um den NS-Pfarrer aus dem gleichen Dorf. Die Verbindung ist nicht mehr als wahrscheinlich, wenn man Wohnort, Funktionen und Abstammung berücksichtigt. Deshalb ist der Artikel mit berechtigtem und von mir erwünschtem Misstrauen und erheblicher Distanz zu lesen. Es ist ohne weiteres möglich, dass auch die Addition von Wahrscheinlichkeiten nichts hervorbringt als einen simplen Irrtum. Mir ist vorgeworfen, auch diese Vorbemerkung mache das Ganze nicht besser. Das muss ichj dann so hinnehmen. M.E.

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Ab irgend einem Punkt der Recherche wird man misstrauisch. In seiner Selbstdarstellung Friedrich Beneschs aus dem Jahr 1948 wird das Bauerntum seiner Herkunft sowohl als auch das seiner Wirkensstätte im siebenbürgischen Dorf Birk der Jahre 1936-1940 von ihm romantisiert dargestellt:

In Bezug auf sich selbst schreibt er von seinem Onkel, der ein „einfacher Bauer“ gewesen sei, der mit dem „breiten Dialekt meiner Siebenbürgischen Heimat“ gesprochen habe. Unmittelbar nach Abschluss seines Theologie-Studiums 1934 „zog ich mit meiner jungen Frau als Pfarrer in das nordsiebenbürgische Dorf Birk bei Sächsisch- Regen ein.
5“ Benesch schwärmt von der Landschaft und der „Seelenstimmung“, die sich dadurch auszeichnete, dass „mitten in das 20. Jahrhundert hinein im siebenbürgischen Deutschtum“ erhalten geblieben wäre, das sich gegen die Auswirkungen der „technischen Zivilisation“ wehrte: „Das Leben dieser Bauern war noch getragen von den Kräften dörflicher Volksgemeinschaft, von dem gesunden alten Brauchtum, das sich am stärksten in der Tracht zum Ausdruck brachte. Im Mittelpunkt des Gemeinschaftslebens stand die deutsche Schule und die deutsche Kirche. Für ihre Erhaltung wurde jedes Opfer gebracht. Unter der Beteiligung des ganzen Dorfes fanden Schulfest und jährliche Schulprüfungen statt. Aus den Reihen der Bauern wurde das Presbyterium gewählt, dem die Sorge um die Erhaltung dieser Kulturgüter anvertraut war. Die Konfirmierten und festlich aus der Schule Entlassenen kamen in die Bruder- und Schwesternschaften, in denen ein intensives Gemeinschaftsleben gepflegt wurde.“ Das ganze Leben war „noch von alten starken Ordnungen unter der Führung von Lehrer und Pfarrer getragen7“- nicht nur, muss man sagen, denn Benesch war nach eigenem Bekunden bei „meinen Bauern9“ von Anfang an tätig als nationalsozialistischer Aktivist von erheblichem Einfluss. „Diese einfachen Bauern“ waren zwar „ihrer ganzen Seelenhaltung nach nicht imstande14“ zu verstehen, was der junge Pfarrer eigentlich wollte, folgten ihm aber bedingungslos.

Diese Darstellung, in der Benesch auch fälschlich suggeriert, er habe damals schon aus dem Impuls der anthroposophischen „Geisteswissenschaft“ heraus gehandelt, wird aber von Zeitgenossen wie etwa Beneschs zuständigem Bischof Glondys ganz anders gesehen. Der junge evangelische Pfarrer hatte schließlich schon bei seinem Amtsantritt an seiner nationalsozialistischen Gesinnung keinerlei Zweifel gelassen. Bei disziplinarischen Maßnahmen gegen Benesch wurden die von diesem romantisierten Bauern vor allem als Schlägertrupps gefürchtet. So konstatiert der Bischof in seinem Tagebuch: „Birk befindet sich wieder in vollem Aufruhr“, Benesch halte „das Heft in Birk wieder in seinen Händen“ und „unterwühle den ganzen Reener Bezirk
16“. Benesch hatte also das Dorf Birk und die anliegende Provinz vollkommen im Griff- so vollkommen, dass das Auftreten des Bischofs in einer zerrissenen und innerlich gespaltenen Priesterschaft als mutig zu bezeichnen ist. Ab 1940 war ja auch tatsächlich ein Nachfolger installiert, der stramm nationalsozialistischen Kurs fuhr.




Natürlich gab es auch Opfer. Schließlich waren bis zu einem Drittel der Bevölkerung dieser Regionen jüdischen Glaubens. Am Ende des Alptraums waren allein in Rumänien 420000 Juden ermordet. In der Namensliste der Opfer der Shoah von Yad Vashem finden sich wenige Namen aus dem Dörfchen Birk. Wenn man gezielt danach sucht, findet sich z.B. ein gewisser Herr Nakhum, Vorname unbekannt. Sein Name ist nur erhalten in der Liste der Opfer, den „Yizkor books“, die auf Hebräisch in Tel Aviv gepflegt werden. In den politischen Wirren von 1939 wurden in der Region Bukovina und Nord-Moldawien bereits Hunderte von Juden von der Bevölkerung und in Pogromen der rumänischen Armee ermordet. Ob das auch in Beneschs unmittelbarem Wirkungsumfeld geschah, ist mir unbekannt. Er jedenfalls trat genau in diesem Jahr dort in die Waffen-SS ein.
 
 
Foto Leprichs: Quelle

Ebenso wie nach den Opfern kann man nach Tätern suchen, vor allem aus Beneschs direktem Umfeld in Birk und aus dem Kreis seiner gerühmten Birker Bauern und deren Söhnen. Dabei fällt vor allem ein Name auf, ein gewisser Johann Leprich, der 1940, in Beneschs letzter bekannter Wirkung in Birk 15 Jahre alt war. Die österreichische Kronen-Zeitung schreibt: „Der Deutsch-Rumäne wurde 1925 in Birk in Siebenbürgen geboren. 1943 schloss sich Leprich der Waffen-SS an und war danach Aufseher im Lager Mauthausen. Dort wurden etwa 119.000 Gefangene getötet, darunter politische Häftlinge, Veteranen des Spanischen Bürgerkriegs, sowjetische, tschechische und niederländische Kriegsgefangene sowie Juden. Nach dem Krieg emigrierte Leprich in die USA, deren Staatsbürgerschaft er 1958 erwarb.“ Leprich wurde die durch falsche Angaben erschlichene amerikanische Staatsangehörigkeit 1987 wieder entzogen; einer drohenden Verhaftung entzog er sich durch Flucht nach Kanada, wo er sich zeitweise in seinem Haus in einem Holzverschlag unter der Treppe bis zu seiner Verhaftung 2003 versteckte. Ein anonymer Anrufer hatte ihn verraten. Ein New Yorker Detektiv namens Steven Rambam, der sich auf die Suche nach nationalsozialistischen Tätern spezialisiert hat, versuchte seit langer Zeit, ihn aufzuspüren: „Rambam hatte auch die Fährte von Leprich aufgenommen, nachdem das Amt für die Verfolgung von NS-Verbrechern, das „Office of Special Investigations“ – eine Sonderabteilung des US-Justizministeriums, ihm Anfang der 80er Jahre auf die Schliche gekommen war. Leprichs Ehefrau Maria gestand Rambam vor sechs Jahren sogar, dass ihr Mann nach Kanada geflohen war. Daraufhin wurde der Fall in der populären Fernsehsendung „Americas's Most Wanted“ aufgegriffen“. Bereits nach drei Jahren Haft wurde Leprich wieder aus der Haft entlassen, weil sich weder Deutschland noch Rumänien oder Ungarn bereit erklärten, ihn aufzunehmen. Die geplante Abschiebung konnte nicht stattfinden.

 
Vor Gericht verteidigte den KZ-Wachmann ein Pfarrer mit den Worten: „Er war doch noch ein Kind zu der Zeit. Wäre er nicht nach Mauthausen gegangen, hätte man ihn an die Front nach Russland geschickt, wo er wahrscheinlich umgekommen wäre.“
Leprich hat eine Menge Gemeinsamkeiten mit Benesch: Er war in Birk 1925 geboren worden und lebte in der gleichen Zwitterlage wie Benesch: Deutschstämmig von den Eltern her, aber in Rumänien geboren- ein Mitglied genau dieser von Benesch so gerühmten dörflichen, sich vergessen fühlenden deutschen Exilgemeinde, die sehnlichst einen Anschluss ans ferne deutsche „Reich“ herbeisehnte und sich gegen die grosse jüdische Gemeinde in ihrem Umfeld feindselig verhielt. Auch Leprich trat in die Waffen-SS ein, vier Jahre nach Benesch, 1943. In der kleinen, verschworenen Dorfgemeinschaft ist es als unwahrscheinlich zu bezeichnen, dass der junge Leprich nicht von Benesch, der das Dorf „in seine Händen“ hatte, beeinflusst worden wäre. Beweise, dass der Junge Teil der bedrohlichen bäuerlichen Kulisse um Benesch gewesen wäre, gibt es bisher nicht.


Das Leben der Beiden nach dem Krieg allerdings unterschied sich sehr. Benesch soll es gelungen sein, seine Dorfgemeinde 1944 in SS-Uniform in den Westen zu führen. Nach einem kurzen Intermezzo als evangelischer Pfarrer besetzte Benesch unbedrängt eine neue Position. Leprich, der sich bis heute mit dem Argument verteidigt, er sei in Mauthausen „für die Absicherung nach außen verantwortlich gewesen – das Lager selbst habe er nie betreten“ dagegen war sein Leben lang auf der Flucht. Er züchtete Gemüse und trat als sanfter und unauffälliger Mensch auf: „soft-spoken, gentle and neighborly“. Benesch dagegen konnte seine Fähigkeiten- als „Führungspersönlichkeit“, als Redner und Publizist, als Ausbilder, spiritueller Führer, als Person, die grossen Einfluss vor allem auf junge Menschen hatte, in anderem Zusammenhang wieder aufbauen. Benesch war extrovertiert- ein in seinem Kontext bedeutender und einflussreicher Mensch. Leprich dagegen war kein Ideologe, sondern ein ganz junger, gerade 18 Jahre alter Verbrecher, der sich danach sein ganzes Leben lang bemühte, unsichtbar zu sein und nicht beachtet zu werden. Es ist ihm nicht gelungen.


Ihre Wurzeln aber hatten beide in derselben romantisierten Dorfgemeinschaft.

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1 http://www.egoisten.de/benesch_st/Benesch_mat1/doerfler/doerfler.html
2 http://www.egoisten.de/benesch_st/Benesch_mat1/doerfler/doerfler.html
3 http://www.egoisten.de/benesch_st/Benesch_mat1/weltanschauung/weltanschauung.html
4 http://www.egoisten.de/benesch_st/Benesch_mat1/doerfler/doerfler.html
5 Viktor Glondys, Tagebuch. Aufzeichnungen von 1933 bis 1949. Dinklage 1997, S. 237 ff.
6 „In all, about 420,000 Jews who had been living in Romania in 1939 died in the Holocaust. This includes those killed by the Romanian army, those who died in or on the way to Transnistria, the victims of pogroms, and the Jews of Hungarian-occupied Northern Transylvania who were murdered at Auschwitz. This number does not count those Jews living in the Soviet territory taken over by Romania during the war who also died during the Holocaust.“ in: http://www.yadvashem.org/lwp/workplace/!ut/p/.cmd/cs/.ce/7_0_A/.s/7_0_2C4/_s.7_0_A/7_0_2C4?New_WCM_Context=http://namescm.yadvashem.org/wps/wcm/connect/Yad+VaShem/Hall+Of+Names/Lexicon/en/Romania
7 http://www.yadvashem.org/lwp/workplace/!ut/p/_s.7_0_A/7_0_2BS/.cmd/acd/.ar/sa.portlet.FromDetailsSubmitAction/.c/6_0_VF/.ce/7_0_2CQ/.p/5_0_12I?related_key=&DTsearchQuery=&todo=2&images=%5B%2Fleading_folder%2Fyizkor.JPG%5D&imagedescs=%5B%5Cleading_folder%5Cyizkor.JPG%5D&itemid=5035913&q1=sIqW3rhWy9c%3D&q2=OCHBOyeoemBjwmSECVdrYGXzc4n%2B4Amp&q3=pN9huw4BPD0%3D&q4=pN9huw4BPD0%3D&q5=crwgUC31bCo%3D&q6=vs5MkyzZ32E%3D&q7=TaM9%2FCd9suo%3D&npage=&zoomdesc=&victim_details_name=Nakhum+Unknown%3Bנחום+לא+ידוע%3BНахум+Неизвестно&victim_details_id=5035913&imagenum=0&searchfor=3 . Diese extremen Links funktionieren nicht. Bitte suchen Sie in der Suchmaske von Yadvashem, z.B. nach "petele"
8 http://www1.yadvashem.org/odot_pdf/Microsoft%20Word%20-%205833.pdf
9 Birk heisst rumänisch Petelea, was bei Recherchen zu beachten ist
10 http://www.krone.at/index.php?http://wcm.krone.at/krone/S25/object_id__55123/hxcms/
11 http://www.tagesspiegel.de/dritte-seite/archiv/27.11.2003/859830.asp
12 http://www.tagesspiegel.de/dritte-seite/archiv/27.11.2003/859830.asp
13 http://www.tagesspiegel.de/dritte-seite/archiv/27.11.2003/859830.asp
14 nach persönlichen Erinnerungen von Teilnehmern am Priesterseminar der Christengemeinschaft in Stuttgart
15 http://www.tagesspiegel.de/dritte-seite/archiv/27.11.2003/859830.asp
16 http://www.pallorium.com/ARTICLES/art30.html