Hirnwurst | Die Egoisten
Michael Eggert: Hirnwurst und schwarz-braune Haselnüsse
 


Beneschs Weihnacht in Birk
 

Wie genau sah die Realität aus, das Alltagsleben? Das fragt man sich immer, wenn man historische Fakten studiert. Das Problem ist das Studium, das Problem sind wir selbst: Wir neigen dazu, die Historie aus unserem Blickwinkel zu betrachten.
Unser Studienobjekt war der verstorbene Autor und Pfarrer der Christengemeinschaft, Friedrich Benesch. In einem früheren Leben in seinem Leben war er evangelischer Pfarrer und überzeugter Nationalsozialist. Die Mischung von Priesteramt und Waffen-SS-Propaganda wäre an jedem Ort seltsam genug gewesen- in einem kleinen Dorf Deutschstämmiger im damaligen Rumänien gedieh dieses Gewächs ungemein gut und führte zu einem umfassenden und gefährlichen Regime. Ich möchte daher den Blick nicht auf Benesch allein, sondern auf diese seine langjährige Umgebung richten. Nur daraus erklärt sich der erhebliche Einfluss von Benesch auf das Dorf Birk und die Umgebung. Nur so waren die selbst von Bischof Glondys gefürchteten „Schlägertrupps“, die bei Beneschs Anhörungen von Seiten seiner Kirchenoberen auftraten, zu erklären. Ich stütze mich in vielen Textstellen auf das „Birker Heimatbuch“, das 1996 im Eigenverlag durch Susanne Dienesch erschienen war. Dieses dokumentiert die gesamte Geschichte des Dorfes. Es war übrigens tendenziös. 1939 wurde
1 z.B. vermerkt, die „Stimmung“ im Lande sei „alles andere als deutschfreundlich. Es kommt zu Übergriffen und massiven Einschüchterungsversuchen. Allerdings orientieren sich die Sachsen schon längst an Hitlerdeutschland und bekommen von dort her kräftig den Rücken gestärkt“.
In der Tat. Dieser Rücken war so stark, dass sich von den jüdischen Einwohnern Birks nach 1944 nur noch Spuren in den Opferkarteien finden lassen. Aber auch die meisten Deutschstämmigen flohen; viele nach Kanada und Österreich. Manche flohen - wie Leprich- ein Leben lang. Andere tauchten in eine neue Identität ab, in einer Umgebung, in der niemand nachfragte. Zu diesen gehörte Benesch.
 

Erbschaften und Flurzersiedelung
 
Endlich war Ruhe eingekehrt in Friedrich Beneschs kleinem Dorf Birk. Man hatte viel geschaffen, und es war ja auch nicht mehr so schwer wie eine Generation zuvor, in der der ganze Boden der Dauern durch Erbschaften derart aufgesplittert war, dass sich die Äcker oft weit voneinander entfernt befanden. In dem Grundbuch war der Hoffer (der ganze Gemeindeteil) aufgeführt sowie die zahllosen kleinen Sprenkel der Bauern.
Das hatte sich mit der Flurbereinigung geändert. 1918 lösten sich die Probleme nahezu in Nichts auf. Schon damals war klar, dass Zigeuner und Juden und auch das rumänische Gesindel, das als Dienstmagd oder Hütejunge ja taugen konnte, nicht im selben Ortsteil leben durften.  
Nun hatten die Bauern meist ein einziges, zusammenhängendes Grundstück. Aber das begann schon wieder mit der Erbteilung zergliedert zu werden. Sollte man zu den Gepflogenheiten benachbarter Gemeinden übergehen, nur den ersten Sohn zum Erbe zu erklären? Die Zweiten und die Dritten mussten dann sehen, wo sie hinkamen. Manche meldeten sich früh zur Wehrmacht, viele gaben sich radikal, hatten sie doch wenig zu verlieren. Viele endeten auch als Kapos im Konzentrationslager.
"Der Ackerboden der Gemeinde war gut. Er bildete ein Gemisch von Humus, Lehm und Löß, also einen tiefgründigen schwarzen Erdboden. Im Miereschgrund
2 erreichte er eine Tiefe von 3-5 Metern. Erst darunter setzten Sand und Geröllbeimischungen ein. Auch der Waldboden war von ähnlicher, überragender Qualität und würde sich bestens für Acker- und Wiesenkulturen eignen. Aber das Schreckgespenst der Versteppung, die Notwendigkeit eines geregelten Wasserhaushalts und seine steilen Hänge schützten den schönen Birker Laubwald vor der Rodung."
 



Die reichen deutschstämmigen Bauern
 
Fast jeder Birker Bauer -sofern er deutschstämmig war-  besaß Acker- und Wiesengrund, Weinberg, Obstgarten, seinen Anteil an der Weide und Wald. Weizen und Mais waren die vorrangigen Getreidefrüchte des Birker Ackers. In geringerem Umfang wurden auch Hafer und Gerste angebaut. Weizenbrot war das Hauptnahrungsmittel. Im sächsischen Haushalt erschien aber auch Maisbrei als wesentliches Lebensmittel auf dem Bauerntisch. Den Mais hatten die Türken ins Land gebracht. Im Siebenbürger Speiseplan spielte die Kartoffel dagegen eine untergeordnete Rolle. Hauptsächlich diente sie, gemischt mit Gerste und Maisschrot, ebenfalls der Schweinemast.
Daneben pflegten die Bauern den Hanf- und Flachsanbau. Beide Pflanzen waren für die bäuerliche Herstellung von Kleidung unentbehrlich. Man war fast durchgängig Selbstversorger.
Die Getreideernte begann Ende Juli. Es wurde noch fast alles mit der Sichel geschnitten. Das geschnittene Getreide wurde in Garben gebunden und auf Kreuzhaufen gesetzt. Ein Haufen bestand aus 23-30 Garben. Die Haufenmitte bildete ein im Boden befestigter Pflock. Die untersten Garben wurden in der Mitte umgeschlagen, damit die Ähren nicht mit der Erde in Berührung kamen und austrieben.
 

Mais und Zucker
 
Der Mais wurde vom 15. April bis 10. Mai maschinell ausgesät. Zwischen die Maiskulturen wurden gern Kürbisse und weiße Bohnen gepflanzt. Bis zur Reife wurde jeder Maisacker zweimal gehackt. Dann wurden die Kolben ausgebrochen, in der Sommerküche oder in der Scheune geschält und auf dem Hausboden, bzw. im "Kuku = korb" zum Trocknen aufgeschüttet.
Die Zuckerfabrik für die Birker Rübenbauem stand in Neumarkt. Seit dem 1. Weltkrieg waren sogar zwei Birker dort beschäftigt. 220-250 Joch wurden in Birk jährlich mit der "Kleinen Wandslebener" Zuckerrübe bestellt. Die Ernte kam per Bahn nach Neumarkt. Zu diesem Zweck wurde eine 130 Meter lange Verladerampe in Birk gebaut. 50- 100 Arbeiter waren mit der Verladearbeit beschäftigt. 14 Tage beanspruchte allein der Abtransport der Birker Ernte.
In den Tallagen breiteten sich die Birker Wiesenflächen aus. Sie erlaubten einen dreimaligen Schnitt.
Maschinen für die Heuernte gab es nicht. Die Mahd erfolgte von Hand. Ein durchschnittlicher Mäher schaffte ein halbes Joch am Tag.
 


Schnaps und Brot für die Tagelöhner
 
"Neben der bäuerlichen Familie - meist einer Großfamilie, gebildet aus den Familien des Besitzers, des Altbauern, und eines Sohnes oder Schwiegersohnes-, waren Knechte und Mägde am Bauernhof beschäftigt. Diese "Dienstboten" waren in der Regel Rumänen oder Ungarn. Die Knechte schliefen im Stall, weil auf diese Weise das Vieh dauernd beaufsichtigt war und dem Diebstahl vorgebeugt wurde. Der Großknecht versorgte und pflegte die Pferde, der Kleinknecht verrichtete die Arbeit beim Rindvieh. Im Sommer ging es mit Sonnenaufgang hinaus aufs Feld und mit Sonnenuntergang heim auf den Hof. Im Winter wurde Holz geschlagen und Mwar gefahren. Stall- und Feldarbeit wurden natürlich gemeinsam mit dem Bauern und seinem Sohn oder Schwiegersohn verrichtet.
Die Arbeitsspitzen im Sommerhalbjahr wurden zusätzlich mit Tagelöhnern abgedeckt. Dafür stellten sich neben Rumänen auch Zigeuner zur Verfügung. Wer einen Tagelöhner brauchte, ging morgens auf den Kirchplatz, wo sich die Arbeitswilligen versammelt hatten und suchte sich einen aus. Der Tageslohn wurde sofort vereinbart Er richtete sich nach Angebot und Nachfrage, d.h. bei einem grossen Angebot von Tagelöhnern drückte der Herr den Preis. Waren zu wenige Tagelöhner da, musste er tiefer in den Geldsack greifen. Die Verpflegung stellte der Bauer. Und wessen Nase nicht gefiel, der wurde von den Deutschen sowieso nicht genommen. Erwarten durfte der Tagelöhner zum
Ersten Frühstück        Schnaps und Brot
Zweiten Frühstück     Suppe;
Mittagessen:               Speck, Brot und Zwiebel; dazu Wasser;
Abendessen:              Palukes (Maisbrei) und Brmsen (Schafskäse); dazu süße oder dicke Milch."
 

Die Bäuerin
 
Eine tüchtige Bäuerin musste alles lernen und alles können. Es hiess: Wenn sie Brot backen und kochen konnte, konnte sie auch heiraten. Ihr spezieller Arbeitsbereich war vor allem die Back-, Schlacht-, Wasch- und Webarbeit. In diesen Aufgaben musste sie Meisterin sein. Ihr Ruf im Dorf richtete sich nach ihrer Geschicklichkeit und Tüchtigkeit auf diesen Arbeitsgebieten.
In Siebenbürgen war der Weizen die Hauptbrotfrucht. Bei schlechter Ernte waren dem Brotteig auch gekochte Kartoffeln beigemischt worden, in letzter Zeit. allerdings nicht mehr. Gebacken wurde in der Sommerküche. Hier stand der aus Backsteinen gemauerte Backofen. Obenauf fanden die grossen Töpfe und Gefäße Platz, die bei grösseren Veranstaltungen, z.B. beim Dreschen, Schlachten, bei Taufen, Verlobungen oder Begräbnissen verwendet wurden. Sobald das Brot zu Ende ging, wurden am Vorabend die Vorbereitungen zum Backen getroffen. 7-8 kg Mehl wurden frisch in eine Holzmulde gesiebt. Dann wurde der Sauerteig, etwa in der Grösse einer Semmel, in lauwarmem Wasser bis zum nächsten Morgen eingeweicht. Unter Zugabe von lauwarmem Salzwasser wurde er am nächsten Morgen mit dem Mehl beidhändig zu einem glatten Teig verknetet.
War er zu fest, kam noch weiteres lauwarmes Wasser dazu. Nach dem Einritzen dreier Kreuze wurde er dann zugedeckt und ruhte, bis er aufgegangen war. Nun wurde der Backofen mit langen Backscheitern beheizt. Daraufhin wurden auf einem großen Tisch bis zu 12 Brotlaibe geformt (auf sächsisch: „äusgebreeche"). Sobald das Holz im Ofen verkohlt war, zog es die Bäuerin mit einem Schieber nach vorne zur Ofentür. Nach nochmaligem, korrigierendem Formen der Brotlaibe wurden sie im Backofen verteilt. Der Backvorgang dauerte bis zu zwei Stunden. Meist kamen die Brote mit ganz schwarzer Kruste wieder heraus. Diese wurde abgeklopft und abgerieben und und als Kaffeeersatz verkocht. Vermutlich war aber die bessere Haltbarkeit der Grund für diese Ast zu backen. Im Winter reichten einer Familie zehn solche Brotlaibe für 14 Tage. In der arbeitsreichen Erntezeit aber musste eine Bäuerin ihren Backofen oft sogar zweimal am Tag anheizen, um Familie und Tagelöhner zu sättigen. Jedenfalls waren die Birker Bauersfrauen darauf stolz, alle Arbeiter und die Familie mit ihren Backkünsten zu versorgen.
 

Hirnwurst & andere Köstlichkeiten
 
Schlachttag in Birk war kurz vor Weihnachten. Geschlachtet wurde ein Schwein pro Haus, sehr selten noch ein zweites. Die Schweine wurden mit Maisschrot und Kartoffeln gemästet und sollen möglichst fett sein, weil in Birk ausschließlich mit Schweineschmalz anstelle von Speiseöl gekocht wurde. Sehr früh am Morgen trafen der Metzger und ein paar Männer ein, die das Schwein festhalten sollten. Es wurde nämlich vor dem Stechen nicht betäubt und wehrte sich dementsprechend. Das Auffangen des Blutes für die Blutwurst war Frauensache. War das Schwein tot, wurde es auf Stroh gelegt und abgebrannt, d.h.: die Borsten wurden abgesengt. Anschliessend wurde die kohlschwarze Haut abgewaschen und abgebürstet, bis die Schwarte wieder ansehnlich weiß leuchtete. An besonders kalten Tagen wurde das Aufbrechen und Zerlegen in die Stube verlegt. Die Männer befassten sich mit der Verarbeitung von Fleisch und Speck, die Hausfrau und ihre Helferinnen verarbeiten die Innereien. Alles hatte auch in dieser Hinsicht seine feste Ordnung.
So entstanden die Siebenbürger Köstlichkeiten dieser Zeit. Zum Beispiel die Leberwurst.  Leber und Kehlbraten wurden gekocht und nach dem Auskühlen durch den Fleischwolf gedreht. Die Wurstmasse wurde gut durchgeknetet mit Zwiebeln und Gewürzsamen abgeschmeckt und in den Dickdarm gefüllt. Die fertigen Würste wurden noch einmal aufgekocht, im Kaltwasserbad abgekühlt und dann zum Räuchern aufgehängt.
Zum Beispiel die Blutwurst. Das frische Schweineblut wurde mit geschnittenem Kopffleisch und Maisschrot vermengt, gewürzt, geknetet, in den Magen gefüllt und geräuchert.
Zum Beispiel die Hirnwurst. Hirnteile wurden mit Fleisch und Reis gemischt, gewürzt und gekocht, aber nicht geräuchert. Die Hirnwurst war nicht haltbar. Darum wurde sie bald nach dem Schlachtfest, und zwar in Meerrettichsuppe, gegessen.
 



Die Aufgaben des Pfarrers Benesch
 
Das Aufgabenprofil eines Pfarrers in Birk war sehr umfangreich: Er predigte an den Haupt- und Festgottesdiensten, vollzog die kirchlichen Amtshandlungen bei Taufen, Hochzeiten und Beerdigungen, erteilte den Religionsunterricht an der Schule, spendete seiner 1100-Seelen-Gemeinde „geistlichen Trost“ und gab allen Rat- und Hilfesuchenden „wertvolle Fingerzeige und Belehrungen“
3, verwaltete und beaufsichtigte das Kirchenvermögen, stand der deutschen Schule als Lokalschulinspektor (Schulrat) vor und führte seine Gemeinde in kultureller, politischer und wirtschaftlicher Hinsicht. Bezeichnend in vieler Hinsicht war das „Arbeitsprogramm, das Pfarrer Benesch 1934 bei seinem Amtsantritt entwirft“:
"Die Gemeinde steht vor folgenden Aufgaben:
1. wirtschaftlich: Erhaltung der Mühle, Vermehrung der Einnahmen durch Arbeit am Pfarrgrund, Einbau eines Siebes in der Mühle, mindestens 90% Einlauf der Kirchentaxe, Abzahlung der Schulden (2.230.000 Lei).
2. Politisch: Aufrüttelung der Bauern aus dem Schlaf der Gleichgültigkeit. Anschluss der Gemeinde an die Erneuerungsbewegung.
3. moralisch/ gesittungsmäßig: Abschaffung artfremder Gesittung (Zigeuner, Juden, städtische Tracht, fremde Tänze usw.). Hebung der Moral in der Familie. Vermehrung der Kinderzahl.
4. lebensmäßig: Erzeugung eines neuen, freudigen, starken Lebensgefühls. Feste und Feiern.
5. blutsmäßig: Erzeugung von Stolz auf das eigene Blut und dessen Werte: Ordnung, Ehre, Sauberkeit, Geradheit.
6. Blut und Boden: Werdet bewußte Bauern! Erhaltet den Boden!
7. religiös: Locken und rufen - in Freiheit und Güte. Hilf Herr!"
4
Man sieht, dass die eigentlichen religiösen Aufgaben für Benesch von nachrangiger Bedeutung waren. Nach seinem selbst formulierten Programm war er in erster Linie Faschist und hatte in der abgeschotteten, mittelalterlich anmutenden Gemeinde einen idealen Nährboden für seine Intentionen gefunden.  
Dem Pfarrer stand der Pfarrhof zur Verfügung: Pfarrhaus und Wirtschaftsgebäude samt Einrichtung. Seine Besoldung bestritt die Landeskirchenkasse in Hermannstadt. Dies dürfte seinen Kirchenvorgesetzten - allen voran der aufrechte Bischof Glondys- lange Zeit ein Dorn im Auge gewesen sein- solange jedenfalls, bis sie selbst nationalsozialistisch genehm umbesetzt worden war. Die Birker Kirchengemeinde steuerte für Benesch die Nutzung von 16 Joch Kirchengrund zur Pfarrausstattung bei. Pfarrer Benesch bewirtschaftete den Pfarrhof selbst. Zu seinem landwirtschaftlichen Betrieb gehörten 2 Knechte und eine Magd
5. Er besass 3 Pferde, 4 Kühe, 2-3 Schweine, 80 Stück Geflügel und den nötigen Maschinen- und Fuhrpark. Dadurch konnte er bei seinen Bauern auch in bäuerlichen und wirtschaftlichen Fragen als Fachmann auftreten.
 

Weihnachten mit Pfarrer Benesch
 
Das erste und wichtigste Fest im Kirchenjahreskalender war Weihnachten. Zur Vorbereitung der Feiertage wurde all in den Häusern geschlachtet und ein Backofen voll Feiertagskuchen gebacken. Am Nachmittag des 24. Dezember schmückten die Birker ihren Christbaum mit „vergoldeten Nüssen und Äpfeln, Engelshaar und Weihnachtskerzen. Glaskugeln kommen erst kurz vor der Flucht in Mode“. Am Heiligen Abend kamen die Verwandten mit ihren Christgeschenken zur Bescherung. Sie klopften an die Weihnachts- Zimmertür, die Kinder warteten in dem Winkel hinter der Tür und sagten laut ihr Gebet auf:
„Du lieber heiliger, frommer Christ
weil heute dein Geburtstag war
drum war auf Erden weit und breit
bei allen Kindern frohe Zeit
Heiliger Christ
wer du auch bist
komm herein
und schmeiß herein!"
Dann ging die Tür einen Spalt breit auf, und das Geschenk wurde vorsichtig hereingeschoben. Für die Jungen waren es ein Säbel oder ein Pferd aus Lebkuchen, für die Mädchen eine Lebkuchenpuppe oder ein Lebkuchenherz. Kurz darauf kam der Schenkende selbst herein in die Stube und liess sich mit Schnaps und Kuchen bewirten. Am Weihnachtsmorgen, um 5 Uhr 30 begann die Frühmesse. Sie wurde von den Schulkindern gestaltet. Knaben- und Mädchengruppen sammelten sich, verteilt über die ganze Kirche, um je ein „Kränzchen", eine Weihnachtskrone. Diese Kränzchen mussten jedes Jahr frisch hergestellt werden. An den Adventssonntagsnachmittagen kamen die Kinder unter der Aufsicht ihrer Lehrer zusammen, fertigten Papierblumen an, versahen das Holzgestell des Kränzchens mit einem Papierhemd und schmückten es dann mit Papierblumen, vergoldeten Nüssen und Kerzen.
Die Liedabfolge in den Gottesdiensten war genau festgelegt.
Zum letzten Lied versammelten sich dann alle Kinder vorn am Altar und singen „Des ew'gen Vaters hoher Sohn". Um 8 Uhr wartete die ganze Gemeinde auf das von der Musikkapelle ausgerichtete Turmblasen, um 10 Uhr begann - wie üblich - der Hauptgottesdienst. Die Nachmittage gehörten der Tanzunterhaltung im Kultursaal. In den Tanzpausen bildete die Jugend manchmal einen großen Kreis im Saal, führte Volkstänze vor oder „pflegt das deutsche Liedgut. Gern gesungen werden etwa die Lieder“:
 
- Schwarzbraun war die Haselnuß
- Schön war die Jugend zu schönen Zeiten
- Horch, was kommt von draußen rein
- Im Frühtau zu Berge wir ziehn, fallera
- Lustig war das Zigeunerleben
6
- Gold und Silber lieb ich sehr
- Und jetzt gang i ans Peters Brünnele
- Das Wandern war des Müllers Lust
- Wenn die bunten Fahnen wehen
- Stimmt an mit hellem, hohem Klang
 
Um das Volkstanzen machten sich besonders Pfarrer Benesch, der letzte Birker Pfarrer vor der Flucht, und seine junge Frau, die aus Deutschland stammte, sehr verdient. Nicht nur das. Frau Benesch stand auch über viele Jahre den „Schwesternschaften“ vor, dem weiblichen Pendant zu den „Bruderschaften“. Die jungen Leute mussten nach der Konfirmation in diese Organisationen eintreten. Sie fanden dort auch die einzige Möglichkeit, sich gegenseitig in Singen und „anständigen“ Tanzveranstaltungen etwas näher zu kommen. Ansonsten nähte man für die Frontsoldaten. Mitglieder konnten selbstverständlich nur „Deutsche“ werden. Pfarrer und Lehrer (der Pfarrer war ja quasi dessen Vorgesetzter) kontrollierten alle Veranstaltungen. In der Kirche hatten alle feste Plätze, sortiert nach Alter und Geschlecht. Alle hatten in Tracht zu erscheinen. Alle Verstösse wurden strengstens geahndet. Ein solcher schwerer Verstoss war schon das einmalige Fehlen im Gottesdienst. Ganz gravierend war das Tanzen mit einem „fremdvölkischen“ Tanzpartner. Ein solches „sittenloses“ Verhalten hatte Ausschluss aus der Schwestern- oder Bruderschaft zur Folge. Ein auf solche Weise Geächteter durfte die Kirche nicht mehr betreten und an keiner einzigen geselligen Zusammenkunft der Gemeinde mehr teilnehmen. Er war total und auf Dauer isoliert. Die einzige Möglichkeit, aus der totalen Kontrolle zwischen Brauchtum, Faschismus und kirchlicher Oberherrschaft zu entkommen, war die Heirat. Für einen Geächteten aber war auch dieser Weg verbaut. Man musste sich Benesch und seinem Regime unterwerfen. Die Jugend - so wurde in der Dorfchronik vermerkt- ächzte unter dem Terror. Einen Ausweg aber gab es nicht.



________________________
 
1 Dienesch, „Das Birker Heimatbuch“, Eigenverlag, S. 12
2 die Miersch war der dem Dorf nächstgelegene Fluss
3 Den Wert dieser Belehrungen aus dem Mund eines nationalsozialistischen Seelenhirten möchte ich anzweifeln
4 Originalschreiben von Benesch
5 Diese Magd soll er mit in den Westen genommen und ihr Arbeit verschafft haben.
6 Eine angesichts der drohenden Konzentrationslager ziemlich euphemwarische Liedwahl