Vorgesetzter | Die Egoisten
Gebietsführer Robert Gaßner – Friedrich Benesch Vorgesetzter
von Dr. Regina Reinsperger


Auf Seite 435 erwähnt Hans Werner Schroeder* Robert Gaßner:
„Ein weiteres Beispiel für die Annahme einer ehrenamtlichen Tätigkeit ist Beneschs damaliger Vorgesetzter, der Gebietsführer Robert Clemens, der nach einjähriger „uneigennütziger“ Tätigkeit im Volksbund unter Hinweis auf seine unternehmerische Verantwortung „als Familienvater und Brotgeber von 20 Familien“ sein Amt niederlegte und an den Rektor R o b e r t G a ß n e r abgab, der als Prediger – Lehrer ebenfalls im Berufsleben stand. Es liegt die Vermutung nahe, dass die Führung der Volksgruppe auf finanziell gesicherte Funktionsträger angewiesen war.“

Der DVU, Volksbund der Ungarndeutschen, wurde bereits 1938 gegründet und zu ihm gehörten die verschiedenen deutschstämmigen Gruppen in Ungarn, wie z. B. die Donauschwaben. Die Nord – Siebenbürger Sachsen kamen nach ihrem Anschluss an Ungarn 1940 hinzu. De jure war der DVU ein Kulturverein, er wurde aber ab 1940 nach dem Muster der NSDAP um- und ausgebaut und die nationalsozialistische Ideologie setzte sich durch.

Robert Gaßner übte ab 1941 sein Amt als Gebietsführer von Siebenbürgen im DVU aus und war damit Mitglied des DVU-Führungsgremiums.
Robert Gaßner war Lehrer und Pfarrer, also Pädagoge, Christ und studierter Theologe. Er kümmerte sich persönlich darum, dass die jungen Wehrpflichtigen „freiwillig“ der Waffen – SS beitraten und war stolz darauf, dass im Gebiet Biestritz sich 93 % der jungen Männer dorthin gemeldet hatten. Zum 10. Jahrestag der Machtergreifung der Nationalsozialisten fand in Bistritz ein Großappell statt und Gaßner äußerte dort in einer Rede: “Wenn ich Nationalsozialist bin, dann muss ich wissen, dass unser Führer Adolf Hitler vor und nach Christus der größte Führer ist. Ein Nationalsozialist muss sich klar darüber sein, dass der Führer am besten weiß, wann er mit seiner Hand zum letzten Schlag ausholen wird.“ (Siebenbürgische Deutsche Zeitung vom 05.02.1943) Gaßner trug, ebenso wie Benesch auch (nach J. Böhm), im Alltag meist die NS – Uniform der DVU. Am 19.02.1943 zitiert die Siebenbürgische Deutsche Zeitung Gaßner erneut: „Durch das hinterlistige Treiben des internationalen Judentums war die Heimat ganz vergiftet worden.“ Und am 11.02.1944 berichtet dieselbe Zeitung: „Gaßner stellte fest, dass gerade auch in dieser Stadt, in der es vor rund 80 Jahren noch keinen einzigen Juden gab, dieser Bevölkerungsanteil heute unglaublich anmaßend und herausfordernd sich benehme..... Ziehen wir aus diesen Tatsachen die sich für uns ergebenden Folgerungen.“

Diese „ Folgerungen“ waren, dass allein aus Bistritz und Sächsisch Regen im Frühjahr 1944 ca. 14 000 Menschen jüdischen Glaubens ghettoisiert und dann in die Konzentrationslager, überwiegend nach Auschwitz – Birkenau abtransportiert wurden.

Robert Gaßner fühlte sich aber auch für seine Volksgruppe so verantwortlich, dass er rechtzeitig die Flucht vor den Russen organisierte. Bereits am 23. April 1944 hatte er seine engsten Mitarbeiter zu einer Besprechung eingeladen, in der er die Anweisung gab, Vorbereitungen für eine eventuell notwendige Evakuierung zu treffen. Bei dieser Besprechung erarbeitete man, dass ein Gesamttreck die beste Lösung sei. Die deutschen Gemeinden wurden in Treckgruppen eingeteilt und deren Leiter nominiert. Anfang Mai legte man in einer zweiten Sitzung die Fluchtwege fest, (die der deutschen Wehrmacht über Berlin gemeldet wurden) und einigte sich auf die Transportarten: 1. im Treck, 2. Eisenbahn, 3. Wehrmachts – LKW’s bei Mangel an Eisenbahnwaggons. Die NS – Spitzenleute in Rumänien, Andreas Schmidt, und in Ungarn Volksgruppenführer Franz Basch ( = oberster Chef der DVU) schimpften Gaßner einen Defaitisten, der nicht mehr an den Endsieg glaube und deutsche Heimaterde aufgebe. Immerhin kamen durch Gaßners Vorsorge und glänzendem Organisationstalent fast alle Nord-Siebenbürger Sachsen wohlbehalten in Österreich und Deutschland an und entgingen so der Deportation in den Osten.
Franz Basch und seine Mitarbeiter verließen Ungarn erst im März 1945 und gingen nach Weyregg am Attersee in Österreich. Dort wurde Franz Basch verhaftet und an Ungarn ausgeliefert. Nach einem Volksgerichtsprozeß wurde er 1946 in Budapest – stellvertretend für den Volksbund und die Volksgruppenführung hingerichtet. Soweit zur NS – Zeit.


Nach dem Krieg lebte Robert Gassner in Nordrhein – Westfalen im Oberbergischen Kreis. Er baute am Niederrhein die Reichswaldsiedlung und anschließend die Siedlung Drabenderhöhe auf. Er engagierte sich in der Siebenbürger Landsmannschaft, war zeitweilig im Vorsitz, war CDU – Mitglied und saß, wie der Journalist Oliver Klöck berichtet, „als allseits geachteter Kommunalpolitiker mit hoher Kompetenz im Kreistag des Oberbergischen Kreises“, in dem auch viele Siebenbürger Sachsen angesiedelt wurden. „Wir sind daheim“, war sein Satz mit dem er seinen Landsleuten eine neue Identität zu schaffen suchte.
Ein Nachkriegsschicksal unter vielen anderen. Was unterscheidet Robert Gaßner nun von seinem Vizegebietsführer Friedrich Benesch? Oliver Klöck berichtet, dass er einen Brief von Gassner vorliegen habe, den er mit Norbert Wallet in seinem Buch „Vergessene Fährten“ 1993 veröffentlicht hat. Dort schreibt Gassner: „Lassen Sie mich zu Beginn festhalten, dass ich persönlich Schuld auf mich geladen habe, die ich nicht leugne, unter der ich leide und die allein Gott mit mir abrechnen wird.“ Oliver Klöck berichtet weiter: „Gaßner ging offen – wenn auch nicht öffentlich , was menschlich verständlich ist – mit seiner persönlichen Schuld um. Er verharmloste sie nicht, er verdrängte sie nicht. Das halte ich für menschliche Größe.“

Auch hier also ein Mensch, der in seinem neuen Umfeld und Wirkungskreis versucht hat, ein wenig wieder gut zu machen. Aber im Gegensatz zu seinem Vize Benesch war Gaßner „stark genug im Glauben“, dass er offen über seine Schuld reden konnte.

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Literatur:

*Hans Werner Schroeder „ Friedrich Benesch –Leben und Werk 1907 – 1991 „
Verlag Johannes Mayer Stuttgart Berlin 2007

Johann Böhm: „Die Gleichschaltung der Deutschen Volksgruppe in Rumänien und das „Dritte Reich“ 1941 – 1944, Verlag Peter Lang, Frankfurt/Main 2003

Oliver Klöck, Norbert Wallet: „Vergessene Fährten“ Verlagskontor Osberghaus, Gummersbach 1993

Norbert Spannenberger: „Der Volksbund der Deutschen in Ungarn 1938 – 1944 unter Horthy und Hitler“ erschienen in den Schriften des Bundesinstitutes für Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa, Band 22 Hrsg. Konrad Gündisch, R. Oldenburg Verlag,
München 2002