Tanzende Dörfler | Die Egoisten

Die tanzenden Dörfler aus Siebenbürgen

 
Eine Selbstbeschreibung Beneschs aus der Zeit unmittelbar nach dem Weltkrieg, die seine Selbststilisierung, seine deutschtümelnden Klischees und eine gewisse Selbstüberschätzung deutlich machen. Gegenüber der „Christengemeinschaft“ und der Öffentlichkeit stellt diese Darstellung seine Strategie der Verschleierung der Tatsachen doch deutlich heraus. (M.E.)
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aus: „Die Christengemeinschaft“ 7/8 1948
Verlag Urachhaus, Stuttgart



Benesch 1974
 
Es war kurz vor Abitur, als mein Onkel Michael Weiß, ein einfacher Bauer in der unteren Vorstadt in Bistritz, mir in dem breiten Dialekt meiner Siebenbürgischen Heimat während einer lebhaften Diskussion über Berufsaussichten zurief: ",Wier dau Farra" (Werde du Pfarrer). Dieser Ausspruch erregte hellen Protest in meiner Seele. Niemals wollte ich Pfarrer werden. Was konnte man im 20. Jahrhundert noch mit dem im Grunde doch abgetanen Christentum anfangen? Die Naturwissenschaft stand im Mittelpunkt des Interesses jenes kleinen Kreises von Mittelschülern, der sich auf unserem deutschen Gymnasium gebildet hatte. Wir lasen Nietzsche und Weininger, lasen die Naturphilosophen von Schelling bis Mach und waren uns alle darin einig, dass die Beschäftigung mit den Naturwissenschaften die Menschheit dazu führen würde, alle Rätsel des Lebens im Laufe der Zeit zu lösen.
Als Beruf gab es eigentlich für mich nur den des Arztes oder des Lehrers, denn Helfen und Heilen, Erkennen und Lehren, das waren die Ideale, die uns damals bewegten. Voll der schönsten Hoffnungen kam ich im April 1925 nach Deutschland, um das heiß ersehnte Studium an einer deutschen Universität beginnen zu können. Aber bereits die ersten zwei Jahre an der Universität Marburg genügten, um die Erwartungen in tiefe Enttäuschung zu verwandeln.

Die Naturwissenschaften: man fühlte deutlich, es ist ein ungeheures Gebiet, in das man sich langsam und systematisch hineinarbeiten muss. Eine Fülle von Einzeltatsachen ist vorhanden, die zu verarbeiten viele Jahre erfordert. Man sah sich um nach Menschen, die imstande wären, die Fülle von Einzeltatsachen zu umfassender, durchdringender und erklärender Schau zu vereinigen. Wo waren diese Männer? Man suchte auf den Universitäten unter den Fachwissenschaftlern. Aber überall da, wo die eigentlichen Antworten erwartet werden mussten, standen die großen Fragezeichen oder öder Materialismus. Zum Schicksal wurde mir, dass für das naturwissenschaftliche Studium als Nebenfach auch Theologie vorgeschrieben war, wenn man das Lehramt an den siebenbürgischen Schulen anstrebte. Die Theologie trat ja mit dem Anspruch auf, über die letzten Fragen Auskunft zu geben. Aber wo waren die großen Theologen? Bultmann und Heiler, Heim und Gogarten, alle versuchten mit den geistigen Problemen des Christentums in der einen wie der anderen Art fertig zu werden. Aber nun klaffte der große Riss gegenüber der Naturwissenschaft.- Wo war die Brücke? War die ganze Antwort der Theologie nur diese, dass für die menschliche Erkenntnis auf wissenschaftlichem Wege die letzten Fragen verschlossen bleiben und sich nur einem im Glauben vollzogenen inneren Akte öffnen können?
 
Mitten hinein in diese Spannungen fiel die Begegnung mit einem Menschen, durch den ich die ersten Nachrichten von der anthroposophischen Bewegung erhielt. Man konnte unmittelbar den Eindruck haben, dass hier etwas am Werke sei, was vielleicht den quälenden Abgrund zu überbrücken imstande wäre. Aber diese Ahnung musste erst an allen Einzelheiten der Naturwissenschaft wie der geistigen, insbesondere theologischen Disziplinen erwiesen werden; und so blieb nichts anderes übrig, als zunächst das Studium der Naturwissenschaft gründlich durchzuführen; So ging ich denn nach zwei Jahren an die Universität Klausenburg, und es folgte ein intensives Arbeiten als Assistent am zoologischen Institut, das mich mit den neuesten biologischen Problemen bekannt machte. Ich erkannte immer deutlicher, dass in dem, was Rudolf Steiner in der Weiterführung der naturwissenschaftlichen Schriften Goethes gab, die Möglichkeit vorhanden sei, , alle offenen Fragen der Biologie in positiver Weise zu lösen. Das bestätigte sich mir insbesondere an Stammbaumforschungen innerhalb der Egelwürmer-Gruppe. Aber auch die andere Seite musste mit derselben Exaktheit durchgearbeitet werden, und so entschloss ich mich denn, nach dem Staatsexamen in den Naturwissenschaften noch einmal Student zu werden und führte in den Jahren 1932-1934 das theologische Studium zu Ende. Auch das tat ich immer im Zusammenhang mit dem Studium der Anthroposophie, und auch hier zeigte sich bis in alle Einzelheiten hinein, mit welcher überlegenen Sicherheit die geisteswissenschaftliche Erkenntnis die Fragen der Bibelexegese und Christologie, der Kirchengeschichte und Dogmatik zu lösen imstande ist. Die Universitätslaufbahn, die sich mir am Ende dieses Studiums in Halle eröffnete, schlug.ich aus. Ich wollte nach Siebenbürgen zurückkehren, um das Erarbeitete in das praktische Leben meiner Heimat hineinzutragen.
 
Am 12. September 1934 zog ich mit meiner jungen Frau als Pfarrer in das nordsiebenbürgische Dorf Birk bei Sächsisch- Regen ein.(Der alte Bauernonkel hatte richtig gesehen.) Das Flusstal, aus den Bergen kommend, öffnet sich hier zum ersten Male zu einer breiten Aue, an deren Rand das Dorf unter den Weinbergen am Flusse liegt. Eine einzige lange breite Dorfstraße, zu beiden Seiten große Ziehbrunnen, die Bauernhäuser im fränkischen Stil, mit den Giebeln nach der Straße, in der Mitte des Dorfes die Kirche, das Schulgebäude und das behagliche Pfarrhaus mit hohen Tannen und Kastanien. Es war schon !eigentümlich, wie mitten in das 20. Jahrhundert hinein im siebenbürgischen Deutschtum etwas erhalten geblieben war von einer Seelenstimmung, die im Westen unter den Einwirkungen der technischen Zivilisation längst unterging. Das Leben dieser Bauern war noch getragen von den Kräften dörflicher Volksgemeinschaft, von dem gesunden alten Brauchtum, das sich am stärksten in der Tracht zum Ausdruck brachte. Im Mittelpunkt des Gemeinschaftslebens stand die deutsche Schule und die deutsche Kirche. Für ihre Erhaltung wurde jedes Opfer gebracht. Unter der Beteiligung des ganzen Dorfes fanden Schulfest und jährliche Schulprüfungen statt. Aus den Reihen der Bauern wurde das Presbyterium gewählt, dem die Sorge um die Erhaltung dieser Kulturgüter anvertraut war. Die Konfirmierten und festlich aus der Schule Entlassenen kamen in die Bruder- und Schwesternschaften, in denen ein intensives Gemeinschaftsleben gepflegt wurde.
 
Alle Veranstaltungen, der sonntägliche Tanz, der Kirchgang, die Fortbildungsschule und auch die Wanderungen der jungen Menschen waren noch von alten starken Ordnungen unter der Führung von Lehrer und Pfarrer getragen, und es gehörte zu den eindrucksvollsten Bildern, wenn die Schulkinder in der Christmette um; die sechs brennenden Lichterbäume versammelt den alten Quempas sangen,  oder wenn zu Pfingsten die Burschen das ganze Dorf mit Maien schmückten und nach dem Kirchgang in ihren wunderschönen Trachten zum Maientanz zogen. Verlobung und Hochzeit, Schwangerschaft, Geburt, Taufe, Einsegnung der jungen Mütter, alles hatte seinen althergebrachten geregelten Gang. Und wenn es dann zum Sterben kam, da kam der Nachbar und holte den Pfarrer, und das ganze Dorf nahm Anteil, wenn der Kelch vom Pfarrhaus in feierlichem Gange an das Bett des Todkranken getragen wurde.
Mitten in diese Welt hinein war ich nun gestellt- mit dem, was ich an Erkenntnissen aus dem 20. Jahrhundert und an Arbeiten aus der Geisteswissenschaft heraus gewonnen hatte. Es war eigentümlich genug zu beobachten, wie diese einfachen Bauern zwar gern die Früchte dieser Arbeit aufnahmen, aber ihrer ganzen Seelenhaltung nach nicht imstande waren, selber mitarbeitend daran teilzunehmen.
 
Mitten in dieses Leben hinein schlugen die Wellen der Ereignisse, die sich in den Jahren nach 1933 in Deutschland abspielten. Vor allem der Gedanke der Volksgemeinschaft, der durch Rundfunk und Presse und auch durch Redner an die Volksdeutschen herankam, schien auf die eigenen Lebensverhältnisse aufzutreffen und bewegte die gutgläubigen Gemüter. Um so furchtbarer musste der Zusammenbruch der Jahre 1944-1945 gerade die Volksdeutschen treffen. Die ganze Seelenhaltung, in der noch so viel altes Volkstum lebte, war ja eigentlich ein Anachronismus und musste von den schicksalsharten Ereignissen um so härter getroffen werden. Bereits im Herbst 1944 drangen die Russen in Siebenbürgen ein und sprengten den kleinen deutschen Volksstamm in zwei Teile auseinander. Die Bevölkerung des Nordens verließ die Heimat,und zog in einem ungeheuren Treck den weiten Weg aus den siebenbürgischen Bergen über die ungarische Tiefebene nach Deutschland. Damit war die äußere Bindung, die für mich in der Zusammenarbeit mit den Menschen meiner Heimat bestand, gelöst. Das Schicksal hatte gesprochen, die Gemeinschaft zerstört und die Menschen zur Erfahrung ihres persönlichen Einzelschicksals geführt. Jetzt mussten sie erleben, dass die Lebensgestaltung nicht mehr aus dem Blute möglich ist, sondern von dem einzelnen Menschen im persönlichen Umgang mit dein Geiste gesucht und gefunden werden muss. Erschütternd ist es, zu erleben, wie nun diejenigen unter diesen Menschen, deren Schicksale sie zu Begegnungen mit unserer Bewegung geführt haben, gerade aus ihrer eigenartigen, beweglichen und anpassungsfähigen Seelenhaftigkeit heraus unmittelbare Zugangsmöglichkeiten zu der Welt des Geistes finden.
 
Es war für mich selbst von besonderer Bedeutung, dass ich in den Jahren 1945-1947 noch eine andere Seite des Protestantismus kennen lernen konnte, und zwar die kirchlichen Verhältnisse im mitteldeutschen Industriegebiet. Ich kam als evangelischer Pfarrer in eine aus 7 Dörfern bestehende Pfarrgemeinde im Kreise Merseburg.
 
Die Bevölkerung, mit der ich es hier zu tun hatte, war genau das Gegenteil von dem, was ich in meiner Heimat erlebt hatte. Die vollständige Entwurzelung des Industriearbeiters, der Egoismus des Stadtrandbauern und die Seelenlosigkeit des Intellektuellen und Halbgebildeten begegnete mir hier in der Zeit des Zusammenbruchs in erschreckendem Ausmaß. Ich versuchte auch hier, ein erneuertes, geistdurchdrungenes religiöses Leben an die Menschen heranzubringen, und es zeigte sich, dass die Bevölkerung des Industriegebietes ganz andere Möglichkeiten hatte, den Unterschied zwischen einer herkömmlichen kirchlichen Tätigkeit und einer solchen, wie ich sie aus der Anthroposophie heraus versuchte, wahrzunehmen.
 
In zwei Jahren bildete sich bereits ein kleiner Kreis von Menschen, die von sich aus kamen und fragten, wo das Neue und nach ihrem eigenen Empfinden Tiefere herstamme, das sie in meiner Arbeit empfanden. Mehr und mehr wurde mir klar, dass es nicht mehr richtig sei, die Erneuerung des Christentums durch die kirchlichen Gegebenheiten beschränken zu lassen. Die evangelische Kirche verschliesst sich ja immer eindeutiger gegen die Möglichkeit einer wirklichen Erneuerung, wie sie insbesondere durch den erneuerten Sakramentalismus gegeben ist. Was in der jahrzehntelangen Beschäftigung mit der Geisteswissenschaft in mir selber gereift war, suchte jetzt nach einer Wirksamkeit, die ihm angemessen war. Es war mit dem Wissen um diese Dinge innerhalb der sich mehr und mehr verengenden kirchlichen Verhältnisse nicht mehr auszuhalten, und so entschloss ich mich zur Mitarbeit in der Christengemeinschaft.
 
Friedrich Benesch