Birk | Die Egoisten


Regina Reinsperger: Friedrich Benesch und sein Dorf Birk*


 

Evangelische Kirche in Birk
 
Aus der Siebenbürger Geschichte
 
Bereits im 10. Jahrhundert haben sich deutsche Siedler aus den übervölkerten Gebieten am Rhein, an der Mosel und der Saar  in Siebenbürgen angesiedelt. Die einheimische Bevölkerung bezeichnete alle deutschsprachigen Kolonisten als „Saxones“ = „Sachsen“, das Wort hat also nichts mit der Herkunft zu tun. Das Land stand damals unter ungarischer Königsherrschaft und die Kolonisten erhielten als „Wehrbauern“, die das Land gegen feindliche Einfälle schützen sollten, besondere Freiheiten. Zu Beginn des 12. Jahrhunderts erlebte das Land einen Mongolensturm, ab 1396 steht Siebenbürgen über 300 Jahre im Zeichen der Türkenkriege und untersteht einige Zeit direkt der Hohen Pforte in Istanbul. 1683-1699 erfolgte die Besetzung durch Lothringer Truppen, nach dem Sieg von Prinz Eugen in der Schlacht bei Zenta verzichten die Türken endgültig und das Land gehört wieder zu Österreich-Ungarn. 1780 hebt Kaiser Josef II das Privileg der Sachsen auf, in ihren Siedlungen unter sich bleiben zu dürfen. 1848 kämpften die Birker beim Ungarnaufstand auf  Seiten des österreichischen Kaisers und infolgedessen wird Birk  von den Ungarn niedergebrannt. Mit dem Patent von 21. Juni 1854 wird die Aufhebung der Leibeigenschaft für Siebenbürgen rechtlich geregelt, betroffen waren Ungarn und Rumänen. Schon dieser knappe Abriß der Geschichte zeigt, welch vielfältigen Einflüssen das Land ausgesetzt war. Die Siebenbürger Sachsen konnten durch Abschottung ihre deutsche Identität zu erhalten, ein erstes Aufbrechen der Abschottung erfolgte durch das o.a. Dekret von 1780.
 
Das Dorf Birk
 
Das Dorf Birk (rumänisch: Petelea) wird bereits im Beginn des 12. Jahrhunderts als Königsgut erwähnt. Es liegt im Karpatenbogen im fruchtbaren Mieresch-Gebiet.( Die Mieresch fließt in die Theiß.) Das Dorf ist ein Straßendorf und liegt 234m über dem Meeresspiegel an der Hauptstrasse von Neumarkt (Tirgu Mures) nach Sächsisch Reen (Reghin). Sächsisch Reen, die übergeordnete Marktstadt, hat heute ca. 35.700 Einwohner, 1910 waren es 7.310. Im Jahr 1940 soll es etwa zu gleichen Teilen von Deutschen, Ungarn, Rumänen und Juden bewohnt gewesen sein und auch Zigeuner lebten in Reen. Birk liegt
 6 km südlich von Reen und diese 6 km ließen sich früher mit Tragkiepe und Holzschuhen in
zwei Stunden erlaufen, mit Lederstiefeln oder Fuhrwerk in einer Stunde und ein Reiter brauchte 30 Minuten zum Markt, der damals jeden Donnerstag in Reen stattfand.  Das Dorf war also keineswegs abgelegen,  wie man aufgrund Beneschs idealisierter Darstellung von 1947 annehmen könnte. Seit 1886 hat Birk Bahnanschluß für den Personenverkehr, der Güterbahnhof ist in Reen. Telefon wird nach dem 1. Weltkrieg eingerichtet. Und auch in Birk lebten nicht nur die deutschen Siebenbürger Sachsen, wie man nach Beneschs Darstellung meinen könnte. In Birk lebten Rumänen, Ungarn und Zigeuner, doch hatte das Dorf die größte sächsische Gemeinde in der Umgebung. Ursprünglich siedelten Sachsen und Rumänen strikt getrennt voneinander: die Sachsen an der Hauptstasse, die Rumänen an der Dorfstrasse. Erst 1918 erhielten alle Gemeindebürger die Gleichberechtigung, bis dahin waren also die Deutschen die Herren im Dorf. Seit 1918 machten dann auch Rumänen und Zigeuner vom Recht des Hauskaufs an der Hauptstasse Gebrauch, sodass diese schon bis 1944 ein buntes, multinationales Erscheinungsbild bot. Die folgenden statistischen  Zahlen zeigen, dass die größte deutsche Dorfgemeinde 1930 nur die Hälfte aller Dorfbewohner stellten:
 
Jahr    Einwohner   Deutsche   Rumänen  Ungarn  andere
           insgesamt
1930    1.943           966            574           114        289
1946    1.540            41             916           181        402
1992    2.378            43          1.265           118        952
 
 
 
Die Verteilung der Religionen:
Jahr    Einwohner    evangelisch   evangelisch   griech.   röm.   Orthodoxe   andere
           insgesamt      (luth.)            reform.           kath.      kath.
1930   1.943              961               84                   821        45              19             13
1992    2.378               51               57                     73        53         2.119             25
 
Die evangelische Kirche, Beneschs Kirche,  wurde 1860 auf dem Platz einer älteren Kirche gebaut. Daneben existiert eine Orthodoxe Holzkirche, die im Jahr 1832 erbaut wurde. Beide Kirchen gibt es noch heute.  –   Unter „andere“ sind in der Einwohnerstatistik Juden und Zigeuner subsummiert, in der Religionsstatistik wohl nur die Juden, die Zigeuner gehörten meist zum kath.Teil der Bevölkerung.
 
Wirtschaftlich war Birk in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts das reichste Dorf in der Umgegend, aber auch von hier wandern von 1907 bis 1930 etwa 300 Birker in die USA und nach Kanada aus ( u.a. Kitchener/Ontario, eine deutsche Gründung).Das geschah sicher nicht ohne wirtschaftliche Not. Im Dorf lebten überwiegend Bauern, 200 Familien ließen 1944 ihre Höfe zurück, noch mal so viele waren im Besitz der anderen Volksgruppen. Es gab nur wenige Handwerker im Ort, eine Ziegelfabrik, eine Kreditbank in der Schule und ab 1940 einen Arzt. Die  Dienstboten, die Knechte und Mägde waren Rumänen oder Ungarn, als landwirtschaftliche Tagelöhner (Saisonarbeiter) arbeiteten die Zigeuner, aber auch Rumänen und Ungarn aus dem Dorf. Als Abdecker wird ein Zigeuner von der Gemeinde bezahlt.
 
Die Mehrzahl der Birker Sachsen stammt von alteingesessenen Bauerngeschlechtern, die untereinander versippt sind. Nur wer in der eigenen Gemeinde keinen Partner findet muss in den Nachbardörfern auf Brautschau gehen, gilt dann aber als etwas anrüchig, man bleibt also unter sich und betreibt „dörfliche Inzucht“ (die es aber nicht nur dort gab!). Diese Enge wird dann, als sie nicht mehr bestand, von Benesch idealisiert. Die Birker Sachsen gehörten sämtlich der evangelischen Kirche an. Im Birker Heimatbuch wird ausführlich beschrieben, wie der Arbeitsalltag der Bauern aussah, wie sie zusammen die kirchlichen Jahreslauffeste feierten, wie die persönlichen Feste, Hochzeit, Taufe, Beerdigung gestaltet werden, zu alledem existierten Traditionen.
 
1. Amtszeit 1934 – 1937 : Benesch als Pfarrer in Birk
 
 Im Birker Heimatbuch wird auch das Aufgaben-Profil des evangelisch-lutherischen Pfarrers beschrieben: Predigt, Taufe, Hochzeit, Beerdigung, Seelsorge, Beaufsichtigung des Kirchenvermögens, Religionsunterricht an der Schule. Der Pfarrer steht der deutschen Schule als Lokalinspektor vor, und FÜHRT seine Gemeinde in kultureller, politischer und wirtschaftlicher Hinsicht.
 
 Folgendes Arbeitsprogramm entwarf Pfarrer Benesch 1934 bei seinem Amtsantritt:
„Die Gemeinde steht vor folgenden Aufgaben:
1. wirtschaftlich: Erhaltung der Mühle,
   Vermehrung der Einnahmen durch Arbeit am Pfarrgrund,
   Einbau eines Siebes in der Mühle,
   mindestens 90 % Einlauf der Kirchentaxe,
   Abzahlung der Schulden (2.250.000 Lei)
2. politisch: Aufrüttelung der Bauern aus dem Schlaf der Gleichgültigkeit.
   Anschluß der Gemeinde an die Erneuerungsbewegung.
3. moralisch/gesittungsmäßig: Abschaffung artfremder Gesittung (Zigeuner, Juden,
   städtische Tracht, fremde Tänze usw.)
4. lebensmäßig: Erzeugung eines neuen, freudigen, starken Lebensgefühls. Feste und Feiern.
5. blutsmäßig: Erzeugung von Stolz auf das eigene Blut und dessen Werte:
    Ordnung, Ehre, Sauberkeit, Geradheit.
6. Blut und Boden: Werdet bewusste Bauern! Erhaltet den Boden!
7. religiös: Locken und rufen – in Freiheit und Güte. Hilf Herr!“
 
 
Der  Machtverlust  in der dörflichen Struktur, den die Gleichstellung der anderen Volksgruppen im Jahr 1918 mit sich brachte, war von den Sachsen mit Sicherheit nicht akzeptiert worden. Daher kann man sich gut vorstellen, wie positiv Beneschs Programm von den Deutschen aufgenommen wurde, stärkte es doch das Selbstwertgefühl der in sich geschlossenen Gemeinde gegenüber den nun als der  „minderwertigeren slawischen Rasse“  angehörenden rumänischen und ungarischen Dorfbewohnern, während jüdische Mitbürger und Zigeuner sogar als „Untermenschen“ angesehen wurden. Diesen mörderischen Blödsinn verkündeten die nationalsozialistisch ausgerichteten politischen Parteien im Vielvölkerstaat Rumänien analog dem Rassenwahn im „Altreich“ und nun auch der eigene Pfarrer von der Kanzel und auf Vortragsabenden. Der Pfarrer war ja ein „Studierter, der hat’s gelernt und der muss es ja wissen“, so dürfte das Empfinden der Birker Bauern gewesen sein. Erst als Punkt 7 kommt ein religiöser Alibi-Satz im Programm Beneschs.
 
 
Beneschs Intermezzo in Halle/Saale 1937 -1940
 
Über Beneschs Amtsenthebung wegen seines politischen Engagements in der radikal nazistischen „Deutschen Volkspartei in Rumänien ( DVR)“  im Jahr 1936 haben wir   ausführlich berichtet. Ab Januar 1938 ist Benesch in Halle an der Saale. Am 9. und 10. November 1938 findet in ganz Deutschland das unter dem Begriff „Kristallnacht“ bekannte Progrom gegen die jüdische deutsche Bevölkerung statt. Die Synagogen brennen und jüdische
Geschäfte werden verwüstet. Benesch erlebt das in Halle mit. Dort wohnt er wahrscheinlich bei seiner Schwiegermutter Magdalene Hahne, Witwe des verstobenen Professors für Vorgeschichte und „Volkheitkunde“  Hans Hahne. Hahne war seit Anfang der 20er Jahre Mitglied in der NSDAP, stellvertretender Gaukulturwart und Schulungsleiter für Rassenkunde im Gau Mitteldeutschland des Rasse- und Siedlungshauptamtes der SS und seit 1933 Leiter des NS-Museum. Am 18. November 1933 wurde er zum Rektor der Universität Halle ernannt, starb aber bereits 1935 an den Folgen eines Schlaganfalles. Benesch promovierte 1940 bei Professor Walther Schulz, dem engsten Mitarbeiter und Nachfolger von Prof. Hahne im Fach Vorgeschichte  ( Die Festung Hutberg, eine jungnordische Mischsiedlung bei Wallenberg Kreis Merseburg).   Am 1. September 1939 begann der 2. Weltkrieg mit dem deutschen Überfall auf Polen.
Aus dieser Zeit  findet sich in der SS-Akte Beneschs ein Bittbrief von Frau Hahne an  Heinrich Himmler, Reichsführer der SS, datiert vom 1.11.1939. Sie schreibt: „ Herr Reichsführer, darf ich mir erlauben mich heute mit einer persönlichen Angelegenheit an Sie zu wenden, da Sie stets meinem Mann so treu die Anerkennung und Hochachtung gewahrt haben.“ Sie bittet dann um Förderung ihres Schwiegersohnes Friedrich Benesch und unterschreibt mit „Pgn. (=Parteigenossin) Magdalene Hahne“. Benesch bekommt zwar nicht das erhoffte Dissertations-Stipendium vom “ SS- Ahnenerbe“, gerät aber durch diesen Brief und seine eigene SS-Mitgliedschaft auf die Protege’ – Liste Himmlers, man ist  in Berlin aufmerksam auf ihn geworden, fordert eine Begutachtung auch von seinem Doktorvater, der u .a .ausführt: „Benesch vereinigt in sich bestes Erbgut und bietet rassisch eine gute Erscheinung.“ Und : „Charakterlich ist ihm das beste Zeugnis auszustellen.“
 
 
2. Amtszeit 1940 –1944 ,  Benesch als Pfarrer in Birk
  
Am 6.9.1940 spricht Benesch, wie schon im vorigen Artikel ausführlich dargestellt, bei der SS in Halle vor und bittet seine SS-Mitgliedschaft ruhen zu lassen, da er das Pfarramt in Birk wieder antreten wolle, da er nur im Rahmen der Kirche weiter für die Deutsche Volksgruppe arbeiten könne, insbesondere nur so die deutsche Schule erhalten könne.  Alle seine persönlichen Wünsche  und Bedürfnisse hätten ihn im Reich festgehalten. Er müsse sich aber selbstverständlich für sein Volk in seiner Heimat entscheiden und gleichzeitig für eine große
Nationalsozialistische Aufgabe nämlich: „ die Herausführung des politischen Lebens in meiner Heimat aus der Kirche und seine weltanschauliche Prägung.“  Und : „ Die nächste Aufgabe wird dabei sein, gegenüber dem fremden Staat eine rechtlich fundierte
Organisationsform zu finden, die das völkische Leben unabhängig von der Kirche garantiert.“
Mit dieser Verlogenheit  gegenüber der Evangelischen Kirche tritt er dann erneut sein Pfarramt in Birk an. Wie bei der SS üblich, gelten „Ordnung, Ehre, Sauberkeit, Geradheit“
eben nur für die eigenen Leute, ansonsten ist JEDES Mittel recht zur Verwirklichung der NS-Ziele.
 
Wie kam es nun dazu, dass „seine Bauern“ seine Wiedereinsetzung ins Pfarramt durchsetzen konnten?
Aufgrund des 2. Wiener Schiedsspruch vom 30.8.1940 kam Nordsiebenbürgen mit den Bezirken Bistritz und Reen zu Ungarn. Daher muss sich auch die evangelische Kirche neu organisieren. Zum Generaldechanten wird jetzt der den Deutschen Christen nahe stehende Dechant und Stadtpfarrer von Bistritz, Dr. Carl Molitoris ernannt. .
In Birk lag die Verwaltung der evangelischen Kirche in der Hand von  75 demokratisch gewählten Kirchengemeindevertretern. Auch den Pfarrer wählte die Gemeinde selbst. Wahlberechtigt waren alle Männer (keine Frauen, soweit ging die Demokratie nicht!) ab dem 24. Lebensjahr soweit sie straffrei und der Kirchensteuerpflicht nachgekommen sind. Das Bezirkskonsistorium stellte einen weltlichen und einen geistlichen Beauftragten als Wahlleiter.
Friedrich Benesch wird 1940 erneut von seiner alten Pfarrgemeinde gewählt, was zeigt, wie positiv sein Programm von 1934 und seine politische Agitation aufgenommen worden war, und er kehrt 1940 wieder ins Birker Pfarramt zurück, das er bis zur Flucht der deutschen Bevölkerung  im September 1944 innehat.
 
In den Berliner SS- Akten liegt ein Schreiben vom 10.6.41 aus dem ersichtlich ist, dass Benesch zum Kreisleiter des Kreises Sächsisch-Regen ernannt worden ist. Wahrscheinlich
hat er das Amt nebenberuflich ausgeübt und später wieder abgegeben, denn 1944 wird ein Kreisleiter Schell benannt. Es ist möglich, dass Benesch als Kreisschulungsleiter gearbeitet hat, da er ja immer überzeugend reden konnte. Gesichert ist, das er am Gymnasium in Sächsisch-Regen Rassekunde-Unterricht gab, das würde zu dieser Tätigkeit passen, doch näheres lässt es sich zur Zeit noch nicht belegen. Die weltanschauliche Schulung hatte in der NS-Zeit einen sehr hohen Stellenwert, jedes Parteimitglied musste regelmäßig Schulungen besuchen und auch die Partei-Hierarchien wurden immer wieder geschult.( Die SS im „Altreich“ hatte ihre Ordensburgen und ihre pseudogermanischen, pseudoesoterischen Kulte) Die Schulungsinhalte waren mit folgenden Themengerippe im Reich vorgegeben : “ Rassenfrage; geschichtliche Grundlage der völkischen Existenz; Gegenkräfte des völkischen Daseins: Liberalismus und Marxismus; Gedankengut und Ziele des Nationalsozialismus; die Partei als Mittel zur Verwirklichung des Gedankengutes; das dritte Reich als Verwirklicher des Gedankengutes.“ Über alle diese Gebiete wusste Benesch aufgrund seiner universitären Vorbildung  zu reden.
 
Im Birker Heimatbuch erfahren wir über diese Zeit, dass Frau Pfarrer Sunhilt Benesch von 1940 – 1944 Vorsitzende des evangelischen Frauenvereins war und von ihr ist ein Bild mit anderen Gemeindemitgliedern auf dem Kirchgang zu sehen. Weiterhin wird erwähnt, dass das Ehepaar Benesch sich verdient gemacht habe mit der Festgestaltung und Theateraufführungen der Schuljugend. „ Durch Jahreslaufspiele Volkstumsgefühle zum Bewusstsein erwecken“ war ein Anliegen von Frau Beneschs Vater, Prof. Hans Hahne in Halle. Hahne führte mit seinem Jugendkreis, dessen Kern seine Töchter mit ihren Freunden bildeten und in dem sich Benesch nach Aussage von Professor Schulz „ führend  betätigte“, regelmäßig  selbst verfasste Jahreslaufspiele im Hof des Völkerkunde-Museums auf. Diese
Spiele fanden in Halle große Beachtung. Das Pfarrer – Ehepaar führte jetzt die volkserzieherische Tradition des Vaters weiter und so können auch an sich harmlose Laienspiele zum Politikum werden.
 
 
Die Birker Sachsen mit ihrem „Stolz auf das eigene Blut“ und ihrem Hass „auf fremde Gesittung“ fielen natürlich der umgebenden Bevölkerung unangenehm auf, sie werden ja von den Sachsen aufgrund der Rassenlehre als Menschen zweiter Klasse angesehen. In den deutschen Häusern hängt kein Horthy – Bild (aber wahrscheinlich das des Führers Adolf Hitler). Daher wird im Krieg vom ungarischen Staat bei den Sachsen über Gebühr requiriert. Die Liebesgabensendungen des evangelischen Frauenvereins an deutsche Soldaten und die Aufnahme von deutschen Schülern im Rahmen der Kinderlandverschickung sind nicht erwünscht. 1942 findet aber trotzdem eine Schulklasse aus Hamburg und 1943 eine Schulklasse aus Stade von Mai bis Oktober Aufnahme in Birk. Das könnte die Verbindung zu einem verschwiegenen Vorkommnis in Birk sein: 1940 lebten in Birk nur noch wenige Juden: Elvira Spierer, geborene Friedmann, am 10.10.1885 in Birk geboren und ihr Mann Farkas Spierer, geb. 8.9.1882  in Ungarn. Ihre Tochter Regina Rithmann war am 12.2.1915 in Birk geboren und lebte als verheirate Frau in Neumarkt (Targu Mures). Diese Drei und weitere Familienmitglieder starben 1944 in Auschwitz. Dann lebte nachweislich noch das Ehepaar Ber in Birk. Simon Ber kam im Ghetto um (Sächsisch Regen hatte eines) und bei Rachel Ber, geb. 1898 in Birk, findet sich in der Totenliste von Yadvashem der Vermerk: „ umgekommen im Krieg in Birk“ . Und noch ein weiterer Jude ist in Birk umgekommen: 1943 Szmul Grynszpan, geboren 1925 in Warschau. Frau Ber hatte polnische Verwandte. So ist denkbar, dass der 18 jährige Szmul nach Birk in Sicherheit gebracht werden sollte. 1943 hatten die Birker zum zweiten Mal deutsche Schüler zu Gast. Da ist es denkbar, dass ungarische Horthy - Schläger auftauchten und die Schüler überprüften. In einem Dorf findet sich dann immer einer, der sagt, wir haben hier nur Reichsdeutsche, aber geht doch mal zu den Juden, da ist auch ein Junge, der nicht hierher gehört. Und so wird ganz nebenbei der junge Szmuel erschlagen und mit ihm Frau Ber, die ihn beschützen wollte. Für dieses Szenario gibt es keine Beweise, aber so etwas ist in der „ großen braunen Zeit“ gang und gäbe gewesen, das Leben eines Menschen, der nicht dazu gehörte, war nichts wert und auf diese Weise wurde die „artfremde Gesittung“ aus Beneschs Programm eben auch abgeschafft.
 
Im Birker Heimatbuch findet sich die Familienchronik für die einzelnen Häuser des Dorfes
nach den Angaben der erhaltenen Kirchenmatrikelbücher von Birk, bezogen auf den Stand
von 1944.  Haus Nr. 328  ist das Pfarrhaus. Hier findet sich der Eintrag:
 
   Vater:    Benesch Friedrich Johann       geb. 1907-07-06        geb. in Sächs. Regen
   Mutter:   Sandraudiga Hahne Sunhilt    geb. 1909-09-19        geb. in Hannover
 
    Kinder:  Name                                       geb. 1935
                   Name                                       geb. 1936
                   Name                                       geb.  1938
                   Name                                       geb.  1940
                   Name                                       geb.  1942
                   Name                                       geb.  1944

Hieraus ist zu ersehen, dass Benesch auch im ganz privaten Bereich ein folgsamer SS-Mann gewesen ist. Vom 28. Oktober 1939 existiert ein Dekret des Reichsführer SS und Chef der deutschen Polizei Heinrich Himmler: „ SS – Befehl für die gesamte SS und Polizei“ .
Himmler erklärt,“ jeder Krieg ist ein Aderlaß des besten Blutes. Ruhig kann der sterben, der weiß, daß durch ihn, seine Sippe und all das,  was seine Ahnen und er selbst  gewollt und erstrebt hat, in den Kindern seine Fortsetzung findet.“ Er schließt seine umfangreichen Ausführungen: „SS-Männer und Ihr Mütter dieser von Deutschland erhofften Kinder, zeigt, daß Ihr im Glauben an den Führer und im Willen zum ewigen Leben unseres Blutes und Volkes ebenso tapfer wie Ihr für Deutschland zu kämpfen und zu sterben versteht, das Leben für Deutschland weiterzugeben willens seid“ (Das Originaldokument kann unter http://www.ns-archiv.de/krieg/zukunft/faksimile/ss-befehl.jpg eingesehen werden.) Ab dem 6. Kind bekam eine deutsche, arische Mutter im Reich das silberne Mutterkreuz verliehen. (notwendige Anmerkung: ich habe absolut nichts gegen Beneschs Kinder!!!)
 
 
 
Johann Leprich – Aufseher im KZ Mauthhausen
 
Im evangelischen Kirchenbuch erscheint auch die Familie Leprich mit dem Vermerk: „leben in Canada“. Somit lässt sich ein Bezug des jungen Johann zu seinem Pfarrer Benesch, der ja auch die Schulaufsicht hatte, verifizieren. Im Birker Heimatbuch findet sich ein Foto der „Jungschar – Gruppe“, man kann 66 junge Männer sehen,  in Uniform militärisch exakt hinter zwei Führern und der Fahne vor ihrem Schulhaus aufgestellt. Auch das ist ein Bild der Welt für die Benesch eintrat.  Ungarn mit seinem Horthy – Regime war an der Seite Nazi – Deutschlands in den Krieg eingetreten. 1943 setzen Ungarn und Deutschland vertraglich fest, dass alle Volksdeutschen aus dem ungarischen Militärdienst entlassen werden und in die Waffen – SS überführt werden. Im Gegensatz zu seinem Pfarrer hatte dadurch der junge Leprich  keine Wahl, er musste zwangsweise in die SS eintreten. Er versicherte nach seiner Festnahme an Eides statt: „Ich schwöre von ganzem Herzen, dass ich nicht freiwillig zur Waffen – SS gegangen bin, ich wurde dazu gezwungen.“ Er fügt hinzu, dass er nie einen Menschen getötet oder misshandelt hat. Das mag eine Schutzbehauptung sein. 1943 wurde auf Anweisung Hitlers die Division „ Horst Wessel“ aufgestellt, in der Volksdeutsche (das sind die Auslandsdeutschen) aufgenommen wurden. Eine Kampfgruppe der Division kämpfte in der Ukraine gegen die Russen, war am Rückzug der Wehrmacht beteiligt und geriet dann bei Prag in russische Kriegsgefangenschaft. Für die jungen Männer war der Kampf im Osten ein Himmelfahrtskommando, das war allgemein bekannt und so ist die Angst des jungen Leprich verständlich. Er wollte lieber einen ruhigen Job in Heimatnähe und gefangene “Kriegsverbrecher, kriminelle Subjekte, Landesverräter und Untermenschen“ zu bewachen, um im Jargon der damaligen Zeit zu bleiben, schien ihm das kleinere Übel. Die Erwachsenen agitierten und büssen musste dann der junge Mann, der wirklich noch  jung war, verhetzt und bei dem es subjektiv um Leben und Tod ging.
 
 
Die Flucht aus Siebenbürgen
 
Anfang des Jahres 1944 wurde Ungarn, das die Seiten wechseln wollte, von den Nazideutschland besetzt. Bereits am 23. April 1944 hatte Robert Gaßner, der Gebietsführer von Nordsiebenbürgen, seine engsten Mitarbeiter zu einer Konferenz gebeten, in der er die Anweisung gab, Vorbereitungen für eine eventuelle Evakuierung der deutschen Bevölkerung zu treffen. In dieser Konferenz beschloss man, einen Gesamttreck aufzustellen. Daraufhin wurden die deutschen Gemeinden in Treckgruppen eingeteilt und deren Leiter wurden nominiert. Um eine Panik unter der ungarischen und rumänischen Bevölkerung zu vermeiden, wurden die Gemeindevertreter nach der ersten Konferenz mit dem Gebietsführer aufgefordert, alle Gespanne mit äußerster Vorsicht vorzubereiten. Die Fluchtwege wurden besprochen und der Evakuierungsplan sah als Transportart vor: 1. im Treck, 2. mit der Eisenbahn, 3. Wehrmachts-LKWs bei Mangel an Eisenbahnwaggons.

Obwohl bereits jetzt im April die Flucht „vor den Russen“ vorbereitet wurde, brachte die SS unter der organisatorischen Leitung von Adolf Eichmann, der dazu persönlich nach Budapest reiste, in einer Blitzaktion vom 15. Mai bis 8. Juli 1944 die ungarischen Juden um. Sie wurden in Auschwitz vergast. Aus dem Kreis Sächsisch Regen wurden 8.000 MENSCHEN deportiert, aus Neumarkt 6.000 und aus Bistritz noch mal 8.000 Menschen und in Viehwagons in die Tötungsfabrik Auschwitz gekarrt. Das waren dann die Folgen der irrsinnigen  Rassenideologie, für die auch Pfarrer Benesch einstand. Ab Mitte Juni rollte ein Treck nach dem anderen von  deutschen Ukrainern  und den anderen Gebieten östlich von Siebenbürgen. Langsam merkten auch die Siebenbürger, dass die Herrliche Zeit der Herrenmenschen zu Ende ging.

Ende August wurden dann deutsche Truppen in Birk einquartiert, feindliche Flugzeuge kontrollierten bereits den Luftraum, Artillerie-Feuer war zu hören. Am 8. September kam der Räumungsbefehl für Birk, den Pfarrer Benesch sofort seiner Gemeinde bekannt gibt und er gibt auch die notwendigen Anweisungen, die er selbst detailliert erhalten hat, aber das verschweigt er und so stellt er sich später als Organisator des Trecks dar. Im Heimatbuch wird die Flucht, die am 11.September um 16:30 Uhr in einem schweren Gewitter begann, ausführlich beschrieben: man hat nur Proviant für 6 Tage um die Wagen nicht zu überladen und kaum etwas von der Habe mitnehmen können, Alte sterben , das Vieh hält nicht durch, man muss wegen Tieffliegerangriffen auf Nebenstrassen ausweichen, man hat Angst, weil man nicht weiß, ob man durchkommt, weitere Dörfer schließen sich an, Pfarrer Benesch führt jetzt den gesamten Flüchtlingszug des Bezirks Sächsich-Reen an,  man trennt sich, ein Teil wird mit der Eisenbahn in die Irre gefahren, bleibt stehen und kommt schließlich doch noch durch. Benesch requiriert in „Uniform“ Wehrmacht LKWs , so erzählt er es später, und ist dabei sehr stolz auf seine Leistung. Im ganzen eine Geschichte, wie sie in der damaligen Zeit tausendfach erlebt wurde. Die Birker Dorfgemeinschaft hörte mit der Flucht auf zu bestehen. Ein Teil der Birker lebt heute in Österreich, ein anderer Teil in Deutschland und etliche sind  ihren Verwandten, die schon Anfang des Jahrhunderts in die USA und Kanada ausgewandert waren, nachgezogen. Und die Nachkommen haben jetzt am neuen Wohnort Einheimische geheiratet, sodass  die alte „Blutsgemeinschaft“ von selbst verschwunden ist.

So war auch Pfarrer Benesch mit seiner politischen  Agitation mit schuld am Verlust der Heimat. Am 12. September 1934 zog er mit seiner jungen Frau in das Birker Pfarrhaus ein und am 11. September 1944 also genau nach 10 Jahren steht er vor den Scherben seines Wirkens. Friedrich Benesch bricht nach dem Krieg jeden Kontakt zu seinen Landsleuten ab.

Dann beginnt das Verschweigen. Herta Müller, 1953 im deutschsprachigen Banat in Rumänien geboren als Tochter eines ehemals „glühenden“ SS – Mannes, der auch, wie der Historiker Johann Böhm, am Gymnasium von Nazilehrern aus dem Reich erzogen wurde, schreibt über das Verschweigen: „ ...weil man alle Jahre danach an ihm sah, wie das nie mehr aufhört, wenn man sich verstrickt. Wie man sich selber und andere immerzu schlecht behandelt, wie man grob sein muss, wenn man Fehler gemacht hat und von sich etwas weiß, von dem niemand wissen darf, was es ist. Ich sah an ihm, wie es ist, wenn man unbelehrbar stolz mit einem schlechten Gewissen umgeht... Ich werfe ihm vor, dass er in der Waffen-SS war, dass er andere in Todesängste gejagt hat. Wieso sollte ich das nicht tun, dieser Vorwurf ist das Mindeste. Er hat doch an Hitler geglaubt, hat doch gewollt, dass Hitler den Krieg gewinnt, obwohl er das Verbrechen gesehen hat. Er ist ein Teil von diesem Meister aus Deutschland, den Celan in der Todesfuge hat.“ Mit diesem Zitat aus dem Essay „So ein großer Körper und so ein kleiner Motor – über jene Wahrheit, die schmerzt“ von Herta Müller, erschienen in der Stuttgarter Zeitung Nr. 275 , Seite 29, vom Dienstag, den 28.11.2006 möchte ich diesen Beitrag schliessen.

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* Copyright bei der Autorin, Regina Reinsperger

 
Literatur:
 
„ Das Birker Heimatbuch“, herausgegeben von Susanne Dienesch unter Mitarbeit von Mag.Walter M. Dienesch und Natascha Salfinger – Selbstverlag 1996
 
Birk –Web Seite der Ortschaft http://82.171.183.129/Petelea/de
Die Web Seite steht auf deutsch, englisch und rumänisch im Internet
 
Bundesarchiv Berlin, Bestand DIV, Fritz Benesch *6.7.1907, SS – Abschnitt XVIII,
VI – Az.: 18/6.9.40
 
Johann Böhm , Die Gleichschaltung der Deutschen Volksgruppe in Rumänien und
das „Dritte Reich“ 1941 – 1944, Kapitel 5.3.1,  Peter Lang Verlag Frankfurt/M 2003
 
Johann Böhm, Hitlers Vasallen der Deutschen Volksgruppe in Rumänien vor und nach 1945,
Pfarrer und Amtswalter: Friedrich Benesch, Peter Lang Verlag Frankfurt/M 2006
 
 Halbjahresschrift für südosteuropäische Geschichte, 16. Jahrgang, Heft 1,
Mai 2004, Johann Böhm „Friedrich Benesch“,  ISSN :0939 – 3420
 
D.Dr.Viktor Glondys, Tagebuch, AGK – Verlag Dinklage 1997
 
Carl-Wilhelm Reibel, Das Fundament der Diktatur: Die NSDAP-Ortsgruppen 1932-1945,
Schöningh Verlag Paderborn 2002
 
Irene Ziehe, Hans Hahne (1875 – 1935), sein Leben und Wirken: Biographie eines
Völkischen Wissenschaftlers, Veröffentlichungen des Landesamtes für archeologische Denkmalpflege Sachsen – Anhalt, Landesmuseum für Vorgeschichte – Band 49,
herausgegeben von Siegfried Fröhlich 1996
 
Heinz Höhne, Der Orden unter dem Totenkopf – die Geschichte der SS, Orbis Verlag München 2002
 
Endlösung –Die Vertreibung und Vernichtung der Juden, Ein Atlas – aus dem Englischen von
Nikolaus Hansen, Rororo - Taschenbuch Hamburg Mai 1995
 
The Central Database of Shoa Victims’ Names : Birk
 
Die Welt.de , KZ – Aufseher in den USA verhaftet, http://www.welt.de/data/2003/07/05/128490.html
 
Die Webseiten der Siebenbürger Landsmannschaften in Deutschland
 
www.ns-archiv.de
 
Das Wikipedia Internet – Lexikon, deutsche und internationale Seiten
Reghin

 

Alle schon veröffentlichten Egoisten – Beiträge über Benesch und
deren Literaturhinweise