Jugendbewegung | Die Egoisten
Regina Reinsperger:
Anmerkungen zu Friedrich Beneschs Vorträge über die Jugendgenerationen des 20. Jahrhunderts
 

1. Vortrag: Freitag, den 18. Mai 1984
 


Die erste Generation.
 
Grundsätzlich:  Jugend lässt sich nicht ohne ihren gesellschaftlichen Hintergrund sehen. Deshalb einige kurz zusammengestellte Skizzen über die damalige Situation. Um die Jahrhundertwende 1900 befand sich Deutschland bereits im Umbruch. Millionen  waren in den letzten Jahrzehnten aus ihren Dörfern in die Anonymität der schnell wachsenden Städte übergesiedelt.. Der Wechsel des Standes war in dieser Zeit für die Unterschicht fast  nie möglich, da hierfür Geld und Schulbildung fehlten. Die Gesellschaft war innerhalb ihrer Stände geschlossen und lebte nach strengen Regeln. Heinrich Zille, Käte Kollwitz, Max Liebermann u.a. stellten die Proletarischen Lebensverhältnisse  in ihren Bildern dar und waren für das Bürgertum und den Kaiser degoutant. Armut ignorierte man. Auch in der Literatur hatten die „Naturalisten“ z.B. Hauptmann , Fontane oder Ibsen schon Gesellschaftskritik geübt, dann kamen Thomas und Heinrich Mann, Schnitzler, Musil, von Hofmannsthal, Hesse, um nur einige zu nennen, und befassten sich mit der Suche nach dem Sinn des Lebens und Seelenerfahrungen. In Architektur und Malerei entwickelte sich zu Beginn des Jahrhundert der „ Jugendstil“, ab 1911  ist der „Blaue Reiter“ bekannt geworden und auch in der Musik findet sich entsprechendes.
 
Der „ Bewusstseinsfrühling“, den nach Benesch (durch Zitat Tautz) die Jugend erlebte, war also bereits in der Gesellschaft vorhanden. Zudem rekrutierten sich die Wandervögel vorwiegend aus der bürgerlichen Gesellschaft, denn Zeit und Geld zum Wandern hatten nur  die männlichen Schüler und Studenten (die Mädchen durften ohne Begleitung das Haus zu Wanderungen nicht verlassen) Von den Zeitgenossen wurden die Wandervögel vor 1913 kaum wahrgenommen, da sie nie mehr wie 40-60 Tausend Mitglieder hatten ( auf dem Hohen Meissner waren 1913 3 Tausend versammelt.) Zur Verdeutlichung eine Bevölkerungsstatistik von 1911 herausgegeben vom Kaiserlichen Statistischen Amte Band 240, Berlin 1915, Seite 254 (zitiert nach Imhof „Die gewonnenen Jahre“ Beck-Verlag München 1981): danach lebten am 1.1.1911 ca. 3 Millionen männliche Jugendliche zwischen 15 und 20 Jahren und 3 Millionen weibliche. Von diesen 6 Millionen Jugendlichen mussten ca. 4 Millionen 10 Stunden täglich arbeiten und nur ca. 20 % hatten ein Lehrverhältnis.( Die Krankheits- und Sterberate um das 17. Lebensjahr war hoch.) Außerdem existierten in dieser Zeit noch die konfessionellen Jugendverbände, die katholischen Junggesellenvereine hatten ca. 150 000 Mitglieder.  Studiert haben 1914 im gesamten Deutschen Reich ca. 60 000 junge Menschen (und nur vereinzelt Frauen). Das „wandernde Jugendreich“ bestand also vor dem 1. Weltkrieg  aus maximal 1 % aller Jugendlichen und wurde, wie schon gesagt, bis 1913 von den Zeitgenossen kaum wahrgenommen.
 
 
Der „Hohe Meißner“
 
Vom 11.-12. Oktober 1913 trafen sich die Vertreter der neuen deutschen Jugendbewegung  auf dem Hohen Meissner bei Kassel. Diese Jugendtagung gilt als die erste deutsche Massen-
Veranstaltung seit dem Wartburgfest 1817 und fand Wohlwollen bei vielen Erwachsenen,   auf jeden Fall bei den Eltern, die ihre Kinder teilnehmen ließen, und bei  Zeitgenossen, die  gesellschaftskritisch eingestellt waren. Die Tagung war bewusst als Gegenveranstaltung zur 1913 stattfindenden patriotischen Jahrhundertfeier der Völkerschlacht von Leipzig und den Feiern zum 25. Jahrestag des Regierungsantritts von Kaiser Wilhelm II  konzipiert. Teilnehmer waren z.B. der Dichter Ferdinand Avenarius , der Schriftsteller Manfred Hausmann, der Philosoph Paul Natrop und der bekannte Verleger Eugen Dietrich aus Jena. Auf dieser Tagung schlossen sich 13 Jugendbünde zur Freideutschen Jugend zusammen.     Die von Benesch erwähnte Meissner Formel lautete:                                                                   „Die Freideutsche Jugend will nach eigener Bestimmung, vor eigener Verantwortung, in  innerer Wahrhaftigkeit ihr Leben gestalten. Für diese innere Freiheit tritt sie unter allen Umständen geschlossen ein. Zur gegenseitigen Verständigung werden Freideutsche Jugendtage abgehalten. Alle gemeinsamen Veranstaltungen der Freideutschen Jugend sind alkohol- und nikotinfrei.“                                                                                                                        
Nicht mehr und nicht weniger wurde hier gesagt. Benesch behauptet „ Die Meißner Formel hatte zum Inhalt, dass das Leben auf der Erde nur dann menschenwürdig ist, wenn der Mensch sich selber bestimmt, seine eigene Bestimmung in sich selber finden kann, auch mit Hilfe anderer Menschen. Aber er findet das auch nur dadurch, dass er sich mit den gesunden Kräften vergangener Jahrhunderte verbindet, solange diese noch im Volkstum waren, und sich in rechter und gesunder Weise von dem im Maschinenzeitalter erstarrten Großstadtleben löst und Begegnung in der heilen Natur sucht.“ ( Hier wird die starre Lebensform der Ständegesellschaft auf die Maschinen projiziert). An diesem Zitat sieht man, wie die Jugendbewegung instrumentalisiert wird. Die Jugend wollte ( und durfte) in dieser Zeit nichts weiter, als sich fern der starren bürgerlichen Etikette mit Gleichaltrigen in freier Natur treffen, miteinander leben, wandern, diskutieren und singen und fühlte sich völlig unpolitisch.
Wie kommt Benesch zu dieser Ausweitung der Meißner Formel?

Ludwig Klages ( 1872 – 1956 ) , Philosoph und Psychologe,  formuliert 1913 in seinem Grußwort an den Jugendtag „Mensch und Erde“ eine  antimodernistische Kultur- und Wissenschaftskritik. Er sieht hinter der neuzeitlichen Trias von Fortschritt, Kultur und Persönlichkeit den Willen zum Nihilismus und Zerstörung  der Natur und Umwelt in einer
seelenlos gewordenen Menschheit und sieht den Geist (i.S. Intellekt) als Widersacher der Seele. Er schreibt: „ Wo sind die Volksfeste und Bräuche geblieben, dieser Jahrtausende lang unversiegliche Born für Mythos und Dichtung: der Flurumritt zum Gedeihen der Saaten, der Zug der Pfingstbraut, der Fackellauf durch die Kornfelder! – Wo der verwirrende Reichtum der Trachten, in denen jedes Volk sein Wesen, dem Bilde der Landschaft angepasst, zum Ausdruck brachte!“  Da Klages an der Jugendtagung nicht teilnehmen konnte, wurde
sein Grußwort dort verlesen.
 
Anmerkung: Ludwig Klages gilt, wie auch Graf H. Keyserling und Oswald Spengler als Vertreter der materialistischen Lebensphilosophie. Mit Spenglers „Untergang des Abendlandes“ hat sich auch Steiner auseinandergesetzt ( GA 214, Vortrag v. 6. August 1922).
Steiner wendet sich in diesem Vortrag u.a. gegen die Fortschritts- und Maschinenfeindlichkeit Spenglers.
 
 
Die Pfadfinderbewegung
 
Die Pfandfinderbewegung (Boy Scouts) wurde 1908 vom Generalinspekteur der englischen Kavallerie Robert Stephenson Smith Baden - Powell gegründet. Die Briten brauchten militärischen Nachwuchs für ihre damals noch zahlreichen Kolonien, deshalb sollten insbesondere die Jungen zur Liebe zum Vaterland, zum Gehorsam und zur Wehrhaftigkeit erzogen werden. Die Pfadfinder-Vereinigung ist also eine von Erwachsenen erdachte Form der Jugenderziehung, die sich sehr schnell über die ganze Welt verbreitete.
 
 
Der erste Weltkrieg
 
Dann brach der erste Weltkrieg aus. Im wilhelminischen Zeitalter war Patriotismus immer eine hohe Tugend und dies zeigte sich  in dem hohen Ansehen,  in dem das Militär und seine Angehörigen standen; (ich erinnere nur an den „Hauptmann von Köpenick“, Wilhelm Voigt, der 1906 als Hauptmann verkleidet das Rathaus von Köpenick besetzte). Nachdem nun auch die unpolitische Jugend auf dem Hohen Meißner von den dort teilnehmenden Erwachsenen mit dem „Volkstum“ bekannt gemacht worden waren, wundert sich Benesch, dass diese Jugend mit in den „Hurra - Patriotismus“ der ersten Kriegsmonate  einstimmte. Diese stürmische Begeisterung der ersten Kriegsmonate änderte sich jedoch
schnell, was Benesch völlig ignoriert, obwohl dies 1984 schon lange bekannt war. Die Soldaten und die Bevölkerung hatten erwartet, dass der Krieg Weihnachten 1914 beendet sein würde. Das war aber nicht der Fall und für die Zivilbevölkerung wurden im Dezember Lebensmittelmarken ausgegeben. Damit begann der Stimmungsumschwung. Im April 1915  in der 2. Schlacht bei Ypern (Belgien) setzten die Deutschen erstmals Giftgas ein, die Gegner zogen nach. Nur der Wind spielte nicht immer mit und so bekamen alle Truppen auch reichlich eigenes Gas ab. Zu diesem Zeitpunkt war dann auch die Begeisterung der Soldaten endgültig    geschwunden. Die Männer der Unterschicht wurden überproportional eingezogen und die Frauen konnten mit dem geringen Sold ihre Kinder nicht ernähren und mussten arbeiten gehen. Sie ersetzten die in der Wirtschaft fehlenden Männer. Am 1. Oktober 1916 versammelten sich in Frankfurt 30 000 Menschen  und forderten Frieden. Im Winter
1916 / 17 , dem „ Kohlrübenwinter“, wurden Kohlrüben statt Weizenmehl verarbeitet und die Lebensmittelrationen betrugen 1000 Kalorien am Tag, weniger als die Hälfte des vom Gesundheitsministerium festgelegten Existenzminimums. Millionen Männer fielen und ließen unversorgte Familien zurück. Verdun wurde zum Symbol eines verlustreichen Stellungskrieges.  Ab 1916 arbeitete die Propaganda auf Hochtouren um die kriegsmüde Bevölkerung bei der Stange zu halten. Aus der allgemeinen Kriegsmüdigkeit wurde dann nach dem Krieg von nationalistischen Kreisen die „Dolchstoßlegende“ gestrickt: Ludendorff behauptete am 18. November 1919 vor dem parlamentarischen Untersuchungsausschuß: „ Die deutsche Armee ist von hinten erdolcht worden.“ Damit wälzte er die volle Verantwortung auf die zivilen Gewalten und das Volk als Heimatfront ab. Ludendorff wollte sich so seiner eigenen Verantwortung entziehen, obwohl er im September 1918 in der Erkenntnis, dass die Widerstandskraft des deutschen Heeres gebrochen sei, die Regierung zu einem sofortigen Waffenstillstandsangebot aufgefordert hatte. So entstand dann in rechten Kreisen die Mär,
dass die deutschen Soldaten heldenhaft und begeistert bis zum bitteren Ende gekämpft hatten und „im Felde unbesiegt seien“. Besonders die Nationalsozialisten waren von der Dolchstoßlegende überzeugt und verbreiteten sie, und Benesch spricht 1984 immer noch undifferenziert über die Begeisterung der Jugend im Felde des 1. Weltkrieges.
 
 
Die zweite Jugendgeneration
 
Die neuen und alten Verhältnisse nach dem 1. Weltkrieg. Nach dem ersten Weltkrieg hatte sich die politische Situation grundlegend geändert, die
Jahrtausend alte Herrschaft des Adels war zusammengebrochen, das Herrschertum „von Gottes Gnaden“ existierte nicht mehr. Statt dessen gab es eine parlamentarische Demokratie und auch nach heutigen Gesichtspunkten die freiheitlichste Verfassung der Welt. Die Mehrheit der Bevölkerung lehnte die bestehende Demokratie jedoch ab. Den Linken war     sie nicht sozialistisch genug. Die bisher staatstragende Mittelschicht hingegen hatte ihre politische Orientierung verloren. Als Untertan seiner Majestät, des Kaisers, lebte man als Pflichtmensch in unverbrüchlichem Gehorsam, in streng geregelter militärischer und ziviler Disziplin nach einem unverletzlichen moralischen Kodex unter Thron und Altar. Diesem Pflichtmenschen fehlte jetzt der „ gesalbte Führer (Kaiser) von Gottes Gnaden“ und er   konnte mit der neuen Freiheit nichts anfangen, da auf gesellschaftlicher Ebene die alte Ständegesellschaft weiterhin existierte. Die neue demokratische Freiheit wurde daher als Willkür, Unordnung und Sittenlosigkeit gesehen (als „Sittenlosigkeit“ wurden z.B. die  kurzen Röcke und Haare der Frauen aufgefasst ). Die Rechten, und allen voran Adolf Hitler behaupteten, der Parlamentarismus schalte die Persönlichkeit aus und setzte an ihre Stelle die Majorität der Dummheit, Unfähigkeit und Feigheit ( in: „Mein Kampf“, Seite 355).  In diesem Sinne argumentierten modifiziert alle deutschnationalen Politiker und Philosophen, so dass  bei der Mehrheit der erwachsenen und an der Vergangenheit orientierten  Bevölkerung die Sehnsucht nach einer Führergestalt, die aus dem gegenwärtigen Chaos  herausführen sollte, entstand. Diese Situation, und nicht wie von Benesch behauptet, die Suche und Sehnsucht der Jugend nach  Führergestalten, dürfte der Hintergrund sein, weshalb in den 20er und 30er Jahren sich Diktatoren etablieren konnten.
 
 
Die neue Situation der Jugend
 
Der erste Weltkrieg hatte dem deutsche Reich 1.81 Millionen Kriegstote beschert, 4.25 Millionen Männer waren zum Teil schwer verwundet worden und 772 000 waren in Kriegsgefangenschaft geraten und kehrten teilweise erst nach einigen Jahren wieder nach Hause zurück. Für die Kriegswitwen bedeutete dies, dass sie ihre Kinder allein ernähren und großziehen mussten. Nicht in allen Familien konnten die Großeltern wirtschaftlich helfen. Durch die Inflation verarmte jetzt auch die Mittelschicht. In den Städten wohnte man beengt;   die Frauen hatten nur eine kleine Rente und mussten arbeiten um ihre Familien zu ernähren, wenn sie nach dem Krieg Arbeit fanden (die Männer kamen ja zurück und besetzten ihre  alten Jobs wieder!). Hatten die Frauen Arbeit, so konnten sie vom neuen Arbeitszeitgesetz  profitieren und waren jetzt nur noch 8 Stunden täglich an 6 Tagen der Woche beschäftigt .
Der Haushalt machte damals unvergleichlich mehr Mühe als heute. Für die Kinder und Jugendlichen hieß das, sie wuchsen in einer patriarchalisch orientierten Gesellschaft ohne
Vater auf und hatten auch nur wenig von der arbeitenden Mutter. Die Jugendlichen sehnten sich also nicht primär nach einer Führergestalt, sondern nach der intakten Familie und dem Vorbild des Vaters. Hier konnten dann in der Jugendarbeit die Ideologen der diversen Gruppen ansetzen.
 
Die Weimarer Verfassung schaffte auch für die Jugendarbeit neue rechtliche Möglichkeiten. Im alten Kaiserreich durften Jugendvereine sich nur um die wirtschaftliche, geistige und
rechtliche Förderung ihrer Mitglieder kümmern. Ausdrücklich ausgeschlossen waren politische und religiöse Ziele. Im Reichsvereinsgesetz vom 19.4.1908 verboten die Paragraphen 17 und 18   Personen unter 18 Jahren die Mitgliedschaft in politischen Vereinen und untersagten sogar die Teilnahme an Versammlungen solcher Vereine und an öffentlichen politischen Versammlungen. Daher konnte eine politische Jugendarbeit in dieser Zeit nicht stattfinden und die Jugend musste sich gezwungenermaßen damit begnügen „den Menschen
mehr innerlich zu verändern“, wie Benesch ausführt.                                                          
Die Weimarer Verfassung garantierte jetzt u.a. die Freiheit der Person (Art.114),
 Meinungsfreiheit (Art.118), und im Artikel 124 (1) stand: „Alle Deutschen haben das Recht, zu Zwecken, die den Staatsgesetzen nicht zuwider laufen, Vereine oder Gesellschaften zu bilden. Für religiöse Vereine und Gesellschaften gelten dieselben Bestimmungen.“ Der Artikel 123 ergänzt: „Alle Deutschen haben das Recht, sich ohne Anmeldung oder besondere
Erlaubnis friedlich und unbewaffnet zu versammeln.“ Weiterhin erklärt der Artikel 120: „Die Erziehung des Nachwuchses zur leiblichen, seelischen und gesellschaftlichen Tüchtigkeit ist oberste Pflicht und natürliches Recht der Eltern, über deren Betätigung die staatliche Gemeinschaft wacht.“ Dazu kommt im Artikel 122: „Die Jugend ist gegen Ausbeutung sowie gegen sittliche, geistige oder körperliche Verwahrlosung zu schützen.  Staat und Gemeinde haben die erforderlichen Einrichtungen zu treffen.“

Aufgrund dieses neuen rechtlichen Hintergrundes konnten jetzt sogar von staatlicher Seite gewünscht,  die vielfältigsten Jugendvereinigungen entstehen: die bündische Jugend konnte sich neu organisieren, die Kirchen bauten ihre Jugendarbeit aus und die großen politischen Parteien gründeten alle ihre Jugendorganisationen, denn erst jetzt, unter der neuen Rechtslage, konnten sich interessierte Jugendliche politisch betätigen.  Da auch die jungen Leute  kürzere Arbeitszeiten hatten und somit mehr Freizeit, konnten sie auch  die diversen Jugendveranstaltungen besuchen.    
Die neue Rechtslage nutzten, wie schon erwähnt, besonders die politischen  Parteien. Sie ideologisierten die jungen Leute in ihrem Sinne als künftiges Wählerpotential. Dabei konnten sie die Sehnsucht der vaterlosen Jugendlichen nach einem väterlichen Vorbild geschickt ausnutzen, indem sie ihnen wie Benesch ausführt „eigenartige Gestalten“ präsentierten, die die jugendliche Begeisterung weckten, und „diese Gestalten idealisierten, so dass es merkwürdigerweise für diese Jugend gar nicht mehr sichtbar war, wer diese eigenartigen Gestalten in Wirklichkeit waren, welche Qualitäten, welche Fähigkeiten, welche Möglichkeiten, welche Impulse, welche Intentionen sie hatten.“ Benesch zeigt mit dieser Formulierung, dass er die Ursache, weshalb die Jugendlichen die Intentionen ihrer Führer nicht erkennen konnten, nicht zur Kenntnis nimmt, nämlich die „Denkfeindlichkeit“ dieser Zeit und ihrer Ideologien. Dies trifft  besonders auf die Ideologien der national - völkischen, der bündischen und auf der nationalsozialistischen Jugendgruppen zu. Schon Klages, der wie oben ausgeführt, 1913 das Grußwort „Mensch und Erde“ zum Jugendtag auf dem hohen Meißner schrieb, sah den „ Geist als Widersacher der Seele“ und im technischen Fortschritt nur Zerstörung.  Zur Verdeutlichung, wie abwertend in dieser Zeit die national - völkischen Jugendführer über den Intellekt dachten, ein Zitat von Alt-Wandervogel Leo Fußhöller aus seinem Buch „Wandervogel. Werktat. Dramatik“ 1921 ,  : Der Wandervogeltyp als Inbegriff des „reformierten“ jungen Menschen ist:  „ nicht zergliedernd, nicht reflektierend, sondern selbstverständlich, instinktsicher, ungebrochen. Seine ihm zunächst unbewusste Weltanschauung und Einstellung ist die germanisch – mythisch – patriarchalische.  Stolzes Naturmenschentum, lebenspulsende   Romantik, urwüchsige Gesundheit... Sie tragen das Volkstum unbewusst, aber stark in sich, weil sie Instinktmenschen sind. Erst die Älteren werden sich Ihrer Volkheit bewusst und erkennen sie dann als notwendig zur Erhaltung    einer kraftvollen, urwüchsigen Art.“      
 
Darauf kann man nur mit Mephistopheles antworten:
„Verachte nur Vernunft und Wissenschaft, des Menschen allerhöchste Kraft, lass nur in Blend- und Zauberwerken dich von dem Lügengeist bestärken, so hab ich dich schon
unbedingt.!“ ( Goethe, Faust I, Studierzimmer )
 
 
Die Jugend in der nationalsozialistischen Zeit
 
Nach 1933 wurden sämtliche Jugendorganisationen durch die Nazis aufgelöst und in die Staatsjugend überführt. Einige Verbände arbeiteten noch einige Zeit im Untergrund weiter, doch ihre Mitgliederzahl war in dieser Zeit marginal. Die Mehrheit der jungen Leute hatte in den 30 er Jahren keine Chance sich frei zu entwickeln, sie wurden ununterbrochen in Schule, Kindergarten, Hitlerjugend, Bund deutscher Mädel, aus dem Radio, den Zeitungen, also im gesamten Alltag mit den nationalsozialistischen Ideen ideologisiert und konnten sich dem praktisch nicht entziehen. Die jungen Erwachsenen, die in den 20er Jahren ihre Jugend erlebten, hatten noch eine Chance das Verbrecherische der nationalsozialistischen Ideenwelt und Taten zu erkennen, sofern sie das Denken geschult und nicht „instinktsicher und mythisch“ abgeschaltet hatten oder sofern sie auch nur die humanistischen  und christlichen Werte als  Lebensgrundlage angenommen hatten. (Um letztere zu adaptieren, braucht der Mensch keine ausgeprägte oder geschulte Intelligenz.) Es ist schon sehr zynisch von Benesch auszusprechen, dass es „merkwürdig ist, dass jetzt wiederum diese Jugendgeneration gläubig und idealistisch diesem Feuer ( des Krieges) verfiel.“
 

Der Kriegsbeginn 1939
 
Benesch Zitat: „Wieder kann man darüber streiten, wer nun daran schuld war, dass dieses Feuer 1939 ausbrach. Auch das möchte ich ruhig beiseite lassen, denn da spielt unendlich viel herein.“
Es verschlägt einem die Sprache, wenn man das liest, was Benesch 1984 ausgesprochen hat. Im Gegensatz zum ersten Weltkrieg ist die Schuldfrage des zweiten Weltkrieges eindeutig geklärt und es gab auch 1984 keinerlei Zweifel an der Kriegsschuld der nationalsozialistischen Führung des deutschen Reiches. Auch wenn er, als Anthroposoph, die „Wesen der geistigen Welt“ als Hintergrundakteure im Sinne haben sollte, entbindet   diese Weltsicht  keineswegs  die diesseitigen menschlichen Akteure von ihrer Schuld.
Aus obigem Zitat kann man, auch ohne Beneschs Vergangenheit zu kennen, ebenfalls herauslesen,  dass hier ein ewig gestriger sich von seinen alten politischen Ansichten nicht lösen konnte und auch im nachhinein bemüht ist, die furchtbaren Tatsachen, die das  3. Reich geschaffen hat,  zu verdrängen.
 

Die dritte und vierte Generation
 
Benesch beschreibt, dass sich Ende der 60er Jahre international vielfältige Formen der Jugendströmungen ausbilden: Hippies mit Drogenerfahrung, Meditationsströmungen mit Gurus, okkulte Bewegungen, Sekten u.a. sowie als Gegensatz  dazu die politischen Studentenbewegungen, die auf dem Neomarxismus von Marcuse und Horkheimer fundierten. Hier sieht Benesch interessanterweise, dass die Neomarxisten intellektuell ideologische Inhalte verarbeiten.(Der Marxismus ist sein altes, bekanntes Feindbild, in der SS – Schulung wurde er ausführlich dargestellt.) Benesch übersieht aber, dass die Neomarxisten zwar antikapitalistisch eingestellt waren, aber keineswegs mit den herrschenden kommunistischen Systemen sympathisierten und von diesen auch abgelehnt wurden. Die Neo - Marxisten versuchten den Marxismus des 19. Jahrhunderts denkerisch weiter zu entwickeln, eine neue antiautoritäre und gerechte politische Ordnung zu schaffen und sozialistische Utopien zu verwirklichen. Dies alles ist im Bereich der bloßen Idee geblieben. An diesen Denkspielen beteiligten sich nur ein kleiner Kreis von jungen Leuten, und doch waren die vielfältigen öffentlichen Diskussionen von damals Anstoß zu einer grundlegenden Erneuerung der Alltagskultur.  Ich will nur schlagwortartig einiges aufführen: Nach der bigotten Prüderie der 50er Jahre und der Einführung moderner Antikonzeptiva (Pille) entstand die Forderung nach sexueller Freiheit und so wurden auch die Gesetze der gesellschaftlichen Realität angepasst: 1969 wurde der berüchtigte „Kuppeleiparagraph“ aus dem Strafgesetzbuch gestrichen.  Ab 1973 war männlicher homosexueller Verkehr nur noch zwischen Erwachsenem und Minderjährigem strafbar (1994 ganz aufgehoben). Seit 1976 hatte dann auch eine verheiratete Frau die vollen bürgerlichen Rechte, bis dahin durfte sie gem. §  1356 BGB nur berufstätig sein, „soweit dies mit ihren Pflichten in Ehe und Familie vereinbar ist“, das hieß, der Mann konnte seiner Frau die Berufstätigkeit verbieten . Das strenge Modediktat fiel, Frauen konnten jetzt auch z.B. als Bankangestellte Hosen tragen und in der Freizeit trägt seitdem jeder, was ihm gefällt.  Seit Mitte der 60er Jahre rückte das Umweltbewusstsein langsam aber stetig ins Blickfeld der Gesellschaft. Seit 1975 sind die Atomkraftgegner aktiv und der Chlorgasunfall von Seveso 1976 und andere folgende technische Unfälle entfachten Diskussionen. 1979 stellten sich zur Europawahl „die neuen sozialen Bewegungen“ mit Herbert Gruhl (bekannt durch das Buch: „Ein Planet wird geplündert“) und Petra Kelly auf, aus denen sich dann 1980 die Partei „Die Grünen“ bildete. Seit Mitte der 80er Jahre ist der Umweltschutz dann anerkanntes und höchst offizielles Diskussionsthema.
Benesch sagt: „Jetzt ist das Merkwürdige, dass dieses ganze Feuer langsam erlischt...die jungen Menschen werden 30, sie werden 35. Die, die noch etwas wollen, gehen in die Institutionen...Und die anderen resignieren und sagen: man kann doch nichts ändern“ .
Der Geschichtsverlauf zeigt, dass auf emotional lautstark geführte Diskussionen die Zeit der Kompromisse und des langsam sich durchsetzenden Wandels folgt. Nicht das hochauflodernde Feuer, sondern die Fackel wird weitergeben – um in Beneschs Bild zu bleiben. Die ersten Ergebnisse dieser Generation (siehe oben) schreibt Benesch dann 1984  einer vierten Generation als Impuls zu. Er behauptet weiterhin, dass diese vierte Generation erlebe, „dass innerhalb der Menschheit, innerhalb der seelischen, politischen, auch wirtschaftlichen Verhältnisse, dass eine Verständigung von Mensch zu Mensch ausgeschlossen ist, nicht mehr möglich ist.“ Diesen Satz kann man nur als Ergebnis der Lebens - Resignation eines alten Mannes interpretieren,  er beinhaltet die Aufgabe des Prinzips der Hoffnung, ohne das der Mensch nicht leben kann. (siehe u.a. Steiner, „Glaube, Liebe, Hoffnung“ GA 127, Vortrag 14.6.1911)
 
Resümee

Rückblickend auf diesen Vortrag kann man sich des Eindruckes nicht erwehren, dass Benesch eine vorgefasste  Idee über geistige Zusammenhänge im Kopf hat und, anstatt sie an der Realität auf ihre Richtigkeit zu überprüfen, biegt er sich die Realität passend zu seiner Idee zurecht. Nach dieser Methode arbeiteten die Rasse - Biologen in den 30er Jahren :  sie hatten ihre Rassentheorien und interpretierten ihre Messreihen (z.B. Vermessungen des menschlichen Schädels, Erbgutforschungen etc. ) immer im Sinn dieser Theorien auch wenn die Messungen andere Ergebnisse brachten. Aufgrund dieser Unwissenschaftlichkeit verschwand dieser „wissenschaftliche Zweig“ nach 1945 sang- und klanglos in der Versenkung. Beneschs  mangelhafte  intellektuelle Auseinandersetzung  mit den nationalsozialistischen Ideen zeigt sich, wie oben im einzelnen dargestellt, u.a.  in mangelhaften Geschichtskenntnissen (er hat die ideologische Geschichtsbetrachtung der 20er und 30er Jahre nicht korrigiert) und in Verkennungen von Ursache und Wirkung.                                                                                                          
Nebenbei: Ein wichtiges Diskussionsthema der 60er Jahre war der Umgang der älteren Generation mit ihrer nationalsozialistischen Vergangenheit. Die meisten jungen Erwachsenen hatten über diese Zeit von ihren Eltern nichts erfahren.  Anstehende Verjährungsfristen und große Nazi – Prozesse waren der Anlass öffentlicher Diskussionen  über die Verbrechen der Nationalsozialisten und wider die Gepflogenheit des Verschweigens.
 
 
 
 
Idealismus

Zum Schluss noch eine kurze Betrachtung über den Idealismus.
Benesch zitiert in seinem ersten Vortrag Emil Bock: „Der Jugendidealismus der Jugend (gemeint ist die Nazi – Generation) war in Ordnung, nur die Popanze, auf die dieser Idealismus in weltgeschichtlichem Irrtum bezogen wurde, die waren das Unglück.“
Im 2. Vortrag vom 19.5.1984 beschreibt Benesch: „ich kannte SS – Leute, ich kannte SA – Leute, ich kannte Parteigenossen, ich kannte Faschisten aus Italien, Spanien, aus Rumänien. Das waren glühende Idealisten! Und dann passierte diese wahnsinnige Verdrehung mit der wahnsinnigen Verfälschung der mitgebrachten Impulse in das Gegenteil.“
Für das 3. Reich hatte Adolf Hitler (S.328) den Idealismus definiert, wahrer Idealismus sei nichts weiter als die Unterordnung der Interessen und des Lebens des einzelnen unter die Gesamtheit. Reinster Idealismus decke sich unbewusst mit tiefster Erkenntnis. In dieser Begriffsverwirrung lebten damals die Menschen. Nach Auschwitz definieren wir den Idealismus heute als Seelenkraft, die nicht per se gut ist, sondern weder gut noch böse.

Erst die Denkinhalte, auf die der Mensch seinen Idealismus lenkt, entscheiden ob der Idealismus zu guten oder bösen Taten führt ( heute haben wir z.B. die Selbstmordattentäter im nahen Osten ). Deshalb spricht heute auch niemand den Faschisten den Idealismus ab, vielmehr richtet sich die Kritik an deren Unfähigkeit und Unlust ihren Verstand zu gebrauchen um die verbrecherische NS -  Ideologie und ihre für alle offensichtlichen verbrecherische Taten zu erkennen. Auch Bocks Definition liegt ein wenig daneben, da er  nur die Popanze anspricht und nicht das Denken. Für Benesch passiert „diese wahnsinnige Verdrehung...der mitgebrachten Impulse in das Gegenteil“ wie von außen aufgesetzt. Dass der Mensch in seinem Seelenleben fürs Alltagsleben eben nicht nur Idealismus sondern auch einen ausgebildeten Verstand braucht ( auch um sich mit Anthroposophie zu beschäftigen ) erwähnt Benesch nicht.
 
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Literaturangaben


  • -Flensburger Hefte Nr. 46 „Jugendideale“, Flensburger Hefte Verlag Flensburg 1994
       darin:   Friedrich Benesch, „Die vier Jugendgenerationen des 20. Jahrhunderts“
        zwei öffentliche Vorträge vom Mai 1984                                                                                                                      
  • -dtv - Lexikon in 20 Bänden, Deutscher Taschenbuch Verlag München 1968
  • -dtv – Atlas zur Weltgeschichte, Deutscher Taschenbuch Verlag München,
          5. Auflage August 1970          
  • -Die geschichtlichen Grundlagen der Gegenwart, bearbeitet von R. H. Tenbrock,
           E. Goerlitz und  W. Grütter, Schoeningh – Schroedel Paderborn 1970
  • -Unser Jahrhundert im Bild , Bertelsmann Verlag Gütersloh 1964, unter Mitarbeit
  von Prof. Dr. Golo Mann,  Prof. Dr. Paul Kluke,  Prof. Dr. Werner Conze, Prof. Dr.
  Otto – Ernst Schüddekopf, Prof. Dr. Karl Dietrich Bracher, Dr. Hans – Adolf Jacobsen
  Prof. Dr. Hans Herzfeld
  • -Unser 20. Jahrhundert: Band: „ Der erste Weltkrieg“ und Band: „ Zwischen den                                                                                                                     Kriegen“ Verlag Das Beste GmbH Stuttgart 2000
  • -Das Fischer Lexikon, „ Philosophie“, Fischer Bücherei Frankfurt/Main 1967
  • -Ludwig Klages, „Mensch und Erde“ zehn Abhandlungen, Kröner Verlag Stuttgart 1956
  • -Herbert Gruhl, „Ein Planet wird geplündert“, S. Fischer Verlag Frankfurt/M 1975
  • -Ursula Neumann, „Ohne Jeans und Pille –  als „man“ noch heiraten musste“
  Kreuz Verlag Stuttgart 1994
  • -Rudolf Pörtner (Hrsg.), „ Alltag in der Weimarer Republik. Erinnerung an eine unruhige
        Zeit.“  Düsseldorf 1990, darin: Heinz Flügel, „Wir träumten vom verborgenen Reich“
  • -Rudolf Steiner, „ Das Geheimnis der Trinität“ , Verlag der Rudolf – Steiner -        
  Nachlassverwaltung Dornach 1970, GA 214,  Vorträge vom 6. und 9. August 1922 über
  Oswald Spenglers „Untergang des Abendlandes“
  • -Rudolf Steiner, „Der menschliche und der kosmische Gedanke“, Verlag w.o.a.
  Dornach 1961,
  • -Rudolf Steiner, „Christus und die menschliche Seele“, Verlag w.o.a. Dornach 1966,         GA 155, Vortrag vom 14. Juli 1914 über die Ideale
  • -Irene Ziehe, „ Hans Hahne (1875 – 1935 ), sein Leben und Wirken: Biographie eines
Völkischen Wissenschaftlers“ Veröffentlichung des Landesamtes für Archäologische
Denkmalpflege Sachsen – Anhalt, Landesmuseum für Vorgeschichte Band 49
Halle an der Saale 1996

 
Internet – Beiträge
 
z. B. Erster Freideutscher Jugendtag (Meißner – Formel)
  • -Biographisches – Bibliographisches Kirchenlexikon, Verlag Traugott Bautz
http://www.bautz.de/bbkl/k   , Klages, Ludwig
 
  • -Tobias Jaecker, „ Antidemokratische Denken in der Weimarer Republik: Edgar Jung“
Hausarbeit an der Freien Universität Berlin SS 1998, http://www.jaecker.com/jung.htm
  • -Geschichte der deutschen Jugendbewegung, ein kurzer Überblick von Tom
http://www.mobiltom.de/historie/hist_2.html
  • -Harald Kahl, „Die Ursachen für die Entstehung der deutschen Jugendbewegung und ihre
Entwicklung zu dem ihr typischen Erscheinungsbild in der Weimarer Republik“ Hausarbeit an der Humboldt Universität Berlin WS 1998/99, http://amor.rz.hu-berlin.de/
  • -Peter von Rueden, „Mensch und Erde – Ludwig Klages’ Grußwort an den Freideutschen
Jugendtag 1913, Hausarbeit an der Universität Bremen WS 96/97
http://www.oekozentrum.org/homepeter_von_rueden/texte/klages.htm