Benesch Material | Die Egoisten
Vorbemerkung von Frau Dr. med. Reinsperger

Benesch war zur Zeit von Hitlers Machtergreifung im Januar 1933 fünfundzwanzig Jahre und 6 Monate alt, hatte seit Juli 31 ein Studienreferendar- Diplom und bereits 2 Jahre als Uni-Assistent in Klausenburg gearbeitet (siehe eigener handschriftlicher Lebenslauf). Er war somit kein unerfahrener Jugendlicher mehr. Er hat sich bereits in den Zwanzigern, als die NS-Ideologie noch von einer Minderheit vertreten wurde, dieser angeschlossen.
Prof. Hahnes Lehrstuhl für "Volkheitkunde" war ein von ihm selbst zusammengestelltes Fach, wohl aus den Fächern Vorgeschichte, Volkskunde und Rassenbiologie, also ein nationalsozialistischer Fächerkanon. Beneschs Doktorarbeit müsste ein Fachmann beurteilen.

Dr. Friedrich Benesch 1974

Ebenso ist es ein Unding, Benesch als "Naturwissenschaftler" zu bezeichnen. Er hat 4-5 Jahre Grundlagen von Zoologie, Botanik, Physik und Chemie studiert, das reicht für ein Lehramt.
Ein „Naturwissenschaftler“ muss sich in einem Fach qualifizieren, lebenslang weiterbilden und im Fach arbeiten, ansonsten verliert er seine Qualifikation trotz Hochschulabschluss. Das gilt heute und war auch damals so.
1933 - 34 hat Benesch in Marburg Theologie studiert. Er hatte in den voraus gegangenen Studienjahren Theologie als Nebenfach belegt (siehe beiliegende Kopie seines Lebenslaufes von 1947) und konnte dann diesen Fach nach der Machtergreifung unter der Regie der "Deutschen Christen" problemlos beenden. Sein dürftiges Wissen beschreibt Glondys in seinem Tagebuch auf Seite 243 (siehe beiliegende Kopie).
Weiter geht aus den Unterlagen hervor, dass Benesch die Kreisleiterstelle letztendlich der Fürsprache seiner Schwiegermutter, Parteigenossin Magdalene Hahne, bei Heinrich Himmler, Reichsführer der SS, erhalten hat. Himmler führte eine Protegé - Liste, auf die er im Bedarfsfall zurückgreifen konnte. Nach telefonischer Auskunft von Johann Böhm hat sich Benesch als Kreisleiter bewährt und ist auch befördert worden. Über seine Tätigkeit als Kreisleiter (z.B. Rassekunde- Schulung von Gymnasiasten) ist nichts weiter bekannt, da die Akten hierzu in Sächsisch-Regen / Rumänien liegen. Die dortigen Behörden gewähren zur Zeit auch Historikern keine Akteneinsicht. Allgemeines über die Aufgaben eines Kreisleiters können Sie beiliegender Ablichtung aus der Dissertation Reibel entnehmen. Ich habe das Kapitel über die Judenverfolgung ausgewählt und Ihnen auch eine Deportationskarte aus Ungarn beigelegt. Sächsisch-Regen war ein kleines jüdisches Zentrum der Klezmermusik und es gab später ein Ghetto und Arbeitslager.
Benesch hat sich immer gerühmt, seine Landsleute vor dem Einmarsch der Russen gen Westen geführt zu haben. Er wusste also, wie man das organisiert. Es ist bekannt, dass die Vernichtung der ungarischen Juden, zu denen auch Beneschs Teil von Siebenbürgen (damals: Nord- Transylvanien) gehörte, hervorragend organisiert war (vom 15.5.-8.7.44) und somit 5 Wochen vor Einmarsch der Russen und der Fluchttrecks in den Westen beendet war ( siehe beiliegende Karte).
Nach meinen Informationen war die Christengemeinschaft sehr wohl über Beneschs Vergangenheit informiert (1); das gemeine Kirchenvolk ging das jedoch nichts an. Daher wurden 1947 in der "Christengemeinschaft" frisierte Lebensläufe abgedruckt. Auch
Haverbecks Vergangenheit war bekannt.
Ich bin immer wieder erstaunt, dass keinem die NS-Angewohnheiten Beneschs aufgefallen sind ( z.B. seine kaltblütig und bewusst gehandhabte Anschreierei von Seminaristen im Einzelgespräch, eine NS/SS - Einschüchterungsmethode) und dass auch niemand seine Auslassungen über die
Jugendgenerationen des 20.Jahrhunderts kritisch gelesen hat. Hier hat wohl der Personenkult das kritische Denken ausgeschaltet.
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(1) Dieser Meinung widerspricht
Hans-Werner Schroeder auf dieser Website. Abgesehen von meinem Respekt vor dessen Erklärung finde ich auch die Selbstinszenierung Beneschs als stimmig und überzeugend in dem Sinne, wie es 1948 für ihn nützlich war. Aus heutigen Augen gesehen (und mit einer Fülle von Dokumenten und Arbeiten, die diese Selbstdarstellung entlarven), liest sich die beigefügte Darstellung ganz anders.