Die Stille | Die Egoisten
Die Stille




Liebhaber der Stille

Wie es Freunde des Windes, des Wassers und des Feuers gibt, so gibt es Liebhaber der Stille. In bestimmten Lebensaltern hat man mit Bestimmtheit mit Wasser, Sturm oder Feuer zu tun (wahrscheinlich mit allem Elementaren), aber die Stille entdeckt man nicht von allein. Eigentlich ist sie es, vor der man sich ständig fürchtet. Falls es so aussieht, als ließe sich die Begegnung mit ihr nicht mehr vermeiden, füllt man sie mit Inhalten wie Gefühlen. Man erlebt die Stille nicht, man gleitet an ihr vorbei, man hat einen schlechten Tag. Lieber alles andere erleben als diese Stille, denkt man. Man kommt in ihr an die Grenze, an der man das Nicht-Sein erfährt. Nicht zu sein ist der Schrecken schlechthin.
Wer in sie eintritt, weiss, dass er wie Alice im Wunderland in ihr sich neu erfahren kann. Es ist nicht die bis in die Spitzen geformte Persönlichkeit, sondern mehr der durchdringende Basston, der das eigene Sein ist oder ihm entstammt. Erst in der Stille ist der eigene Ton vernehmbar.



Zähe Plastizität

Wer in die Stille tritt, bemerkt, dass Raum entsteht. Nicht begrenzt durch Körpergrenzen, aber zu mir gehörig. Der Raum dehnt sich, so weit die Stille wirklich reicht. Er ist nicht fest, sondern dynamisch. Er wirkt aber auf das Körpergefühl zurück und beeinflusst es. Es ist, als drücke er sich von außen in das Körperschema hinein, an bestimmten Punkten mehr, an anderen weniger. Es formt und bildet sich, es arbeitet regelrecht, es plastiziert. Aber diese Dinge geschehen sehr langsam. Es scheint so, als wandere der Schwerpunkt von oben nach unten, beginnend an der Stirn. Aber auch wenn man weiss, dass dieses Plastizieren vielleicht das Mass eines Lebens überschreiten muss, ist man doch gewiss, dass nichts davon vergebens ist, dass nichts verloren geht. Man hat immerhin angefangen.


Feuer- und Wasserprobe

Wer in die Stille tritt, wird von ihr geprüft. Sie ist auch fordernd. Sie fordert vor allem Ehrlichkeit. Sie ist ohne diesen Aspekt nicht denkbar. Es ist das kein Inhalt wie ein Gefühl, sondern ihre eigentliche Substanz: Die Stille ist völlig durchdrungen von Aufrichtigkeit. Das ist ihre Natur. Aber die Natur des altem Adam ist das nicht. So führt die Stille einen in Situationen, in denen einem vor Augen geführt wird, wie wenig man diesem inneren Anspruch genügt. Man sollte nicht denken, dass man damit fertig wird.
Gelegentlich wird es schlimmer denn je, obwohl man sich so bemüht, dass man ganz anders dächte, empfände, schaffe. Es ist nicht zu klären, ob es wirklich schlimmer ist oder man es schärfer sieht. Es ist gar nicht zu vermeiden, dass man das mit einer alles durchdringenden Scham ansehen lernt. Aber auch diese Scham ist keine selbstbezügliche Gefühligkeit, sondern eine klare, existentielle Ansicht - mehr ein Gefühl, das man zulassen kann, weil es eine realistische Perspektive ist.

In gewisser Weise ist dieses Spannungsverhältnis von Vorwärts - Torkeln und Formung und Forderung durch die Stille eine der Konstanten in jeder Biografie. Man ist geneigt, die Nahtstellen als eigenes Vermögen oder eigene Niederlage anzusehen. Aber eigentlich spielt das Eigene und das Nicht- Eigene hier zusammen. Es ist schwer, ja oftmals unzumutbar, das als Nicht- Eigenes Empfundene, das, was einem zugestossen ist, anzunehmen. Falls man es doch kann, ist man der Stille nahe- egal, ob man sie gesucht hat oder nicht. Aber wirken wird sie immer. Das ist vielleicht gerade ein Kennzeichen unserer Zeit. In all dem gewaltigen Lärm, den Aufgeregtheiten, den Sensationen, den Aufwallungen, der ganzen menschlichen Komödie & Tragödie klopft die Stille doch an jeder Tür ganz individuell an. Man muss das Klopfen nicht hören, man kann davor fliehen, man kann es sogar instrumentalisieren. Aber letztlich wird der Lärm uns nie befriedigen. Wir sind in ihm nicht zuhause, und seine Schätze sind wie Glasperlen für die Indianer, die die Patres mitbrachten. Wir fürchten die Stille so sehr, aber sie allein kann uns Glück bringen. In all unserem glücklichen Unglück neigt sich uns die Stille zu wie ein unverhoffter Bote von Irgendwo- einer der schrecklichen Engel Rilkes.

In jedem Leben finden heute die Proben statt.


Kind am Schlagzeug

Wenn wir in die Stille treten, wird der Lärm, den wir machen, vernehmlich. Wir machen Krach wie ein kleines Kind am Schlagzeug. Wir meinen Grund zur Annahme zu haben, verletzlich und verletzt zu sein. Daher schlagen wir noch fester auf die gespannten Felle ein. Man schlägt sogar dann auf die Pauke, wenn man weiss, dass es selbstzerstörerisch und schädlich ist. Man will die Stimme, die einem das jede Nacht sagt, am Tage auf gar keinen Fall hören. Der Lärm soll die Stille in jedem Fall übertönen. Wir verwenden grosse Energie darauf. Der Lärm ist die Dynamik unseres Lebens, er macht uns aus. Das so deutlich zu sehen, reisst Wunden auf. Es ist an dem Punkt leicht, wütend, enttäuscht, verbittert oder manieriert zu werden. Es ist leicht, sich in eine Haltung zu verrennen- gleichsam, um neuen Halt zu finden.

Aber so wie man bislang in die Stille eintrat, tritt sie nun selbst in einen hinein. Sie durchstrahlt den Alltag. Sie ändert nicht nur Gewohnheiten, sondern auch die eigene innere Haltung. Es geschieht zweierlei: Das Bündel von reflexhaften Verhaltensmustern, mit denen man so oder so zu agieren pflegte, schmilzt dahin. In dem Maß, wie sie dahin gehen, lernt man schwimmend zu agieren. Man orientiert sich an der Situation und improvisiert in ihr. Es gibt keinen Anlass, sich im geringsten als schwach oder defensiv zu empfinden- das Gegenteil ist der Fall. Aber das Agieren, die Intentionen entwickeln sich, sie sind nicht mehr vorgegeben, vorgestanzt oder eingeprägt. Man entwickelt eine gewisse Unvoreingenommenheit als Prinzip. Man spürt die Stille auch im grössten Getümmel. Sie ist ein Teil der eigenen Gegenwärtigkeit geworden. Sie spricht. Sie ist die Kraft, aus der wir handeln.