Belohnungssystem | Die Egoisten
Das Belohnungssystem und seine Transformation


Das interne Belohnungssystem im Hirn wird seit etwa 2000 erfolgreich erforscht. Da der Erkenntnisstand in dieser Disziplin sich nach Manfred Spitzers Aussage alle 6 Wochen verändert bzw. entwickelt, darf man davon ausgehen, dass auch ein Buch Spitzers wie „Selbstbestimmen“ nicht gerade auf dem neuesten Stand ist. Dennoch- auch in ihren frühen Aussagen ist diese Wissenschaft aufregend und unglaublich inspirierend.
Genau genommen handelt es sich (wir sprechen vom Nucleus accumbans und dem Dopaminhaushalt) weniger um ein Belohnungs- als um ein
Relevanzzentrum. Dafür spricht schon, dass das Frontalhirn, das unsere rationalen Entschlüsse ermöglicht, direkt über dem Belohnungszentrum sitzt und mit starken, kurzen „Bahnen“ mit diesem verbunden ist. Man kann daher mutmassen, dass unser Belohnungs-, Lust- und Relevanzsystem unsere vorgeblich rationalen Entschlüsse massiv unterstützt, oder auch hemmt und sie absterben lässt. Spass und Freude regen also auch unsere gedankliche Aktivität an. Umgekehrt hemmt eine innere Blockade wie etwa eine Depression die geistige Perspektive. Es lähmt sie, engt sie ein. Die Situation ist tatsächlich nicht so perspektivlos, wie sie der Depressive sieht.

Auf der anderen Seite werden unsere Sinne und „Organismen mit einer Vielzahl von Reizen geradezu bombardiert und müssen die wenigen wichtigen aus der Vielzahl der unwichtigen Stimuli herausfiltern. Das hier diskutierte System fügt einem Reiz ein Etikett bezüglich dessen Bedeutsamkeit hinzu und bewerkstelligt dadurch die Funktion des Aussortierens wichtiger von unwichtigen Reizen.“ (Spitzer, S 141) Das heisst aber doch, dass wir letztlich eben doch von Gefühlen geleitet werden. Die „Sinngebung“ erfolgt eben nicht auf der rationalen Ebene, sondern vorher, in dem durch Dopamin gesteuerten Lustzentrum, in dem sich im übrigen auch der Mechanismus für die Süchte befindet. Daher finden wir auch immer Argumente für unsere Süchte. Aber wenn es auch Süchte sein können, die unsere rationalen Hirnanteile anstossen, müssen wir uns nicht darüber wundern, wie korrumpierbar unser Denken ist.

Aber es gibt weitere Aspekte: „Opiatähnliche Ausschüttungen“ werden bei der Aktivierung unseres Lustzentrums ausgeschüttet, wenn sich Impulse regen. Initiative und der Anstoss neuer Ideen machen eben auch Spass. „Das System könnte daher auch als Optimismussystem bezeichnet werden, denn es führt beim Menschen dazu, dass man auf eine Situation bzw. auf einen Menschen zugeht, dass man sich vor Neuem nicht verschliesst, sondern es geradezu sucht.“ (Spitzer, S142) Das System kann auch „überhitzen“, so dass belanglose Ereignisse oder Dinge eine abnorme Bedeutung bekommen. Man kann sich in Gedanken, in Initiativen verrennen. Eine Ausschüttung von Dopamin kann zu manischen Zuständen voller überschäumender Energie (und rasender Assoziationen) führen.

Aber vor allem hat das Bedeutungs- und Glückssystem Auswirkungen auf die Formung unserer Persönlichkeit. Denn es hängt auch mit unserem Selbstbild zusammen. Bei Befragung einer Million Studenten hat sich gezeigt, dass sich fast jedermann für besser geeignet hält, mit seinen Mitmenschen zurecht zu kommen als alle anderen. 94% aller Professoren halten sich für begabter als der Durchschnitt ihrer Kollegen. Und fast jedermann hält seine eigenen Einschätzungen für objektiver als die seiner Mitmenschen, ganz generell. Das Belohnungssystem sorgt also auch für unsere Illusionen über uns selbst und konstituiert daher (auch) das, was man gemeinhin als „Ego“ bezeichnet. Spitzer bezeichnet das als „positiven Selbstbeurteilungs- Bias“- ein permanentes „Vorurteil“, das wir über uns pflegen. Der Nutzen von dieser Verzerrung ist, dass uns dadurch „das Leben einfacher“ erscheint. Wir halten uns (80%) sogar für glücklich, die Anderen eher (50%) für unglücklich. Wir halten, wie Steiner es einmal ausdrückte, unser Ich auf dem Arm und kosen es liebevoll.

Das Belohnungssystem macht es auch möglich, dass Menschen, die todkrank im Bett liegen, statistisch gesehen nicht unglücklicher sein müssen als kerngesunde Menschen. Man erfreut sich eben an dem, was einem noch verblieben ist. Das Glück ist eine relative Sache, wie wir Alle wissen. Aber es hängt eben auch von Substanzen wie
Dopamin oder Serotonin ab. Nach Leuten wie Gronbach, die meditative Arbeit erklärtermaßen als eine Art Bodybuilding betreiben, hängen „Fortschritte“ auch von erfolgsorientiertem inneren Druck des Meditierenden ab- von erhofften und gesuchten Belohnungen z.B. in Form von geistigen Erfahrungen. Das ist für mich schwer vorstellbar. Der Drang nach Erfolg erscheint mir in diesem Kontext doch als kontraindiziert. Spiritueller Ehrgeiz ist etwas, was mich erheblich behindern würde und auch Jahre lang behindert hat. Für mich ist die Erwartung geistiger Wohltaten ein reiner Ausdruck des Egos, das seine Rosinen auch in geistiger Arbeit ernten möchte, weil es sich vorstellt, sie per se verdient zu haben.

Vielmehr muss in meiner Auffassung das Belohnungszentrum umgewidmet werden in ein reines
Gefühl für Relevanz. Es bietet dann auch eine Orientierung im nicht- sinnlichen Feld. Es darf dabei nicht mehr verstrickt sein in die schlichten Mechanismen des Konsums, des Lustgewinns, der alltäglichen Selbstbetäubung, des Machismo. Das Lustzentrum kann auf höherer Ebene das Licht sein, das auch hier Orientierung gibt. Steiner nennt so etwas gern die Umwandlung des Astralleibes. Aber dabei geht nichts verloren und nichts wird lediglich „überwunden“. Das Gefühl für Relevanz wird lediglich umgewidmet. Es darf unserem alltäglichen System des permanenten Selbstbetrugs nicht mehr dienen, sondern sich in einen Strom eingliedern, der uns mit sich nimmt, aber auch über uns hinaus weist. Man geht mit, aber man geht darin nicht auf. Auch das ist ein Unterschied zu den ekstatischen Schilderungen mancher Erleuchteter. Ich denke, dass die Ekstase einen Exzess des nicht ver- objektivierten Belohnungszentrums darstellt, eine Form geistiger Manie. Das Ego erfährt sich in kosmischen Dimensionen. Aber es unterliegt dieser manischen Erleuchtung auch. Es hat jede innere Orientierung verloren. Dafür fehlt einfach das Rüstzeug, weil die Transformation des eigenen Bewertungssystem nicht stattfinden kann. Wenn es eine solche Kompetenz nicht erworben hat, dann bleibt natürlich nur der Not- Griff zu einem Guru, der Orientierung und Belehrung von außen gibt.

Darin liegt meiner Ansicht nach ein Unterschied zwischen Geistesforschung und „integralen“ anthroposophischen Strömungen dieser Tage.