Fühlorgane | Die Egoisten
Unbewusste Fühlorgane


Barbara ist mit ihren Betrachtungen über die „Nebenübungen“ Rudolf Steiners schon viel weiter auf ihrer Oleander- Website. Ich möchte aber noch einmal auf die 5. Nebenübung, „die Unbefangene Empfänglichkeit“ zurück kommen. Worum geht es? Wie Barbara erläutert, handelt es sich dabei darum, durch meditative Übung „offen für alles Neue, Unvorhergesehene zu sein“ und damit „ein immer Lernender“ zu werden. Das Problem sieht Barbara darin, „dass wir Neues normalerweise auf der Grundlage unserer bisherigen Erfahrung beurteilen, was dazu führen kann, dass wir eine neue Idee ablehnen“. Wir betten Erfahrungen eben gern in den uns bekannten Kontext ein. Das, was nicht passt in das vorhandene „Weltbild“, den Kontext unserer Erfahrungen, in unsere Erwartungen, lehnen wir gern ab, haben Angst davor oder nehmen sogar nur selektiv wahr: „Der andere Aspekt ist, dass es sein kann, das man gar nicht merkt, dass man die Welt nur so sehen kann, wie man das gewohnt worden ist. D. h. in dem Fall nimmt man etwas Neues überhaupt nicht wahr.“

Das betrachtet Barbara als einen Extremfall. Aber schauen wir bei der Gelegenheit doch wieder einmal in die Ergebnisse moderner Hirnforschung- in diesem Fall in Manfred Spitzers Buch „Selbstbestimmen“. Er behauptet im Kapitel „Sensationshunger“ (S. 182ff), dass die selektive Wahrnehmung keineswegs der Extrem- oder Ausnahmefall ist, sondern eben die Norm: „Wahrnehmen und das Bewerten von Ereignissen (lassen sich) nicht voneinander trennen.“ Das beweisen schon einfache Experimente mit Hunderten von Studenten, denen man Strichlisten von Foulspiel beim Betrachten eines Fußballmatches gab. Jeder Student war Anhänger einer jeweiligen Mannschaft. Tatsächlich wurden stets vor allem die Fouls der gegnerischen Mannschaft wahrgenommen: „Hierdurch konnte gezeigt werden, dass die Fans der beiden Lager keineswegs das gleiche Spiel sahen und die Dinge deshalb jeweils anders bewerteten. Es war im Grunde so, dass die Fans jeweils ein anderes Spiel sahen!“ Die ersten Experimente dieser Art stammen übrigens aus dem Jahr 1954. Dennoch glauben wir noch immer, dass man erst „objektiv“ wahrnehmen würde und erst danach interessengeleitet bewertet. Nein, unsere Einstellungen bestimmen vielmehr die Wahrnehmung selbst. Es macht demnach auch keinen Sinn, hinterher an die „Wahrheit“ zu appellieren.

Die Sache wird noch schlimmer, wenn unser archaisches Panik- und Emotionssystem, der Mandelkern, ins Spiel kommt. Hierbei handelt es sich um sehr alte, tief verankerte Mechanismen: „Negative Aspekte einströmender Information werden im Mandelkern entsprechend bewertet, bewirken die Emotionen der Furcht und Angst und werden sehr schnell mit Verhaltensstrategien assoziiert, die mit Kampf oder Flucht in Verbindung stehen.“ Es ist ein System wie ein Fühlorgan, das im Gehirn ununterbrochen die Umgebung auf potentiell gefährliche Aspekte abtastet: „Dies geschieht, noch
bevor das visuelle System genau wahrgenommen hat.“ Die selektive Bewertung von Reizen geschieht also vor dem eigentlichen bewussten Sehen! Man kann sich vorstellen, dass es solche Art von Organen bereits vor der Ausbildung der Sehfähigkeit gegeben hat. Diese Zeit gab es nach Rudolf Steiner in der menschlichen Entwicklung durchaus. „Ursprünglich, als nur der physische und der ätherische Leib in der Anlage vorhanden waren, war hier, wo jetzt die Augen sind, nichts. Diese Stelle erwies sich aber besonders empfindlich für die der Erde zugesandten Sonnenstrahlen. Und das, was die Sonne zuerst als Eindruck bewirkte, das war Schmerz. An dieser Stelle waren zwei Leidenspunkte, Schmerzstellen, die dauernd verletzt wurden. So bildete sich an jenen empfindlichen Stellen Schorf, und aus diesem Schorf formte sich nach und nach der herrliche Wunderbau des Auges, allerdings nach langer Entwickelung.“ (GA 101, S.95)
Steiner weist auch auf eine vor- menschliche Zeit hin, in der die menschliche Gestalt molchartige Formen hatte und noch ganz und gar auf archaische Organe der beschriebenen Art angewiesen war. Ich berichte in meinem Artikel
„Das dritte Auge“ darüber: „In dieser Zeit entwickelte sich für dieses Wahrnehmen, bei dem es noch keine Trennung zwischen Innen und Außen gab, eine Art Organ, das wohl mit einem lichtempfindlicher Fühler zu bezeichnen ist. Rudolf Steiner nennt es ein "heute nicht mehr vorhandenes Auge". In den Mythen der Frühzeit tauchte dieses Ur-Auge auf in der Gestalt des Zyklopen.
In der weiteren Entwicklung bis weit in die so genannte lemurische Zeit hinein wurde dieses Licht-Fühlorgan, das Seelisches unmittelbar mit den Wahrnehmungen verknüpft hatte, allmählich abgelöst durch die Entwicklung der Augen. Durch diese wurde das wahrzunehmen gelernt, was tatsächlich farbig um die Wesen herum vor sich ging.“

Ich möchte nun keinesfalls behaupten, dass Übungen zur Unbefangenheit eine völlige Illusion seien. Allerdings glaube ich, dass das Beherrschen derart archaischer Mechanismen und Reflexe nicht dauernd und kaum im gewöhnlichen Bewusstsein zu realisieren sein dürfte. Steiner formuliert in seinen harmlos erscheinenden „Nebenübungen“ sehr anspruchsvolle Übungsformate. Es ist tatsächlich das Erreichen einer inneren Zeugenschaft notwendig, die es möglich macht, nicht nur die Umgebung und die Fakten, sondern auch die eigenen Reaktionen, Reflexe und Mechanismen zu überblicken und zu beherrschen. Denkbar ist dies nur in der grössten Ruhe und Gelassenheit. Die Anteilnahme und Gegenwärtigkeit der Aufmerksamkeit wird in reinen Übungssituationen gleichsam wie im Labor erprobt. Die „Nebenübungen“ erheben darüber hinaus den Anspruch, eine solche innere Haltung
in den gesamten Alltag hinein zu tragen und damit über unsere menschlichen und tierischen Erbschaften hinaus zu wachsen.

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