Leuchtendes Gewand | Die Egoisten
Das leuchtende Gewand


Nach den Recherchen von Peter Staudenmaier war Massimo Scaligero vor und während des 2. Weltkriegs aktiver Faschist in Norditalien. Seine Schriften, die während und nach seiner Gefangenschaft (1945) entstanden, vor allem in den 60er und 70er Jahre bis zu seinem Tod, haben den Titeln nach spirituellen Charakter. Da sie nur zum geringen Teil übersetzt und - auch antiquarisch- schwer zu bekommen sind, kann ich nur das beurteilen, was ich vorliegen habe, und das ist das sehr anregende Buch „Traktat über die unsterbliche Liebe“. Es geht im Kern um das Verhältnis von Reinem Denken und Sexualität. Scaligero schreibt wie ein Blogger. Er schreibt nur zum geringen Teil zielgerichtet, linear: Seine Methode ist eine kreisende Aneinanderreihung von Meditationen über das Thema- so als wären es separate kleine Betrachtungen. Das Niveau ist schon deshalb hoch, da er offensichtlich aus der Vertiefung heraus schreibt, nicht nur über sie. Das ist also nichts für ungeduldige Leute. Das Thema entwickelt sich von innen heraus- in dem Maß, in dem man es mitvollzieht. Daher schreibt Scaligero, seinen Anspruch formulierend, im Vorwort auch: „Dieses Buch kann nicht einfach gelesen oder studiert werden. Es ist vielleicht nicht einmal der Meditation zugänglich, es sei denn, der Meditierende setzt das Denken so in Bewegung, dass es in seinen eigenen Inhalt eingeht.“ Man kann also nicht erwarten, Rezepte, Anleitungen oder auch nur eindeutige Aussagen Scaligeros zum Thema zu erhalten.

Ich habe mich an manchen Punkten auch gestossen. Scaligero ist keiner, der einfach und simpel irgend eine Art von Askese predigt. Er ist keinesfalls lustfeindlich. Auch wenn er eine Sublimierung der Begierde schlechthin beschreibt und sich im Grunde an die Quellen der Lust begibt, um sie spirituell zu fassen, verbrämt er sie nicht und zieht an keiner Stelle aus seiner Erfahrung heraus moralisierende Schlüsse. Aber selbst das ist nur schwer und über lange mitgehende Denkbewegungen eindeutig bei ihm fest zu machen. Manchmal klingt es auch anders, manchmal rührt er eindeutig an das, was in östlichen Traditionen als Kundalini- Kraft bezeichnet wird.

Aber Scaligero bewegt sich immer wieder an Grundlagen des Denkens überhaupt- etwa an die Beziehung zwischen Bewusstsein und Leben: „Der Widerspruch, der dem Bewusstsein anhaftet, besteht darin, dass es außerhalb seiner selbst das Leben sucht, das es von sich ausgeschlossen hat, um Bewusstsein zu sein. Dadurch, dass es zum Bewusstsein wurde, hat es das Leben zu etwas anderem gemacht. Zwar ist es der Ansicht, es in den Sinnesempfindungen dennoch zu haben, hat es dort aber immer nur so, dass es ihm zur Abstraktion gerät und verloren geht. Es kann das Leben nur berühren, das ihm aus der Tiefe als das noch unberührte oder nichtdialektische Denken entgegenblickt: als jenes Denken, das für einen flüchtigen Moment - im Wahrnehmen selbst- mit dem Lebendigen vereinigt ist.“

Das Bewusstsein kann auf der Ebene des Alltagsdenkens nur existieren, indem es „das Leben von sich“ stösst. Statt der reinen Erfahrung des Lebendigen wird ein Vorstellungsbild oder eine „persönliche Empfindung“ produziert: „Es nimmt das Leben nicht wahr, denn es sucht es außerhalb seiner selbst - unwissend, wie es seine eigene Grenze überschreiten kann. Es sucht es in einem Bild von der Welt, das schon des Lebens beraubt ist.“

In der Empfindung oder Vorstellung verlöscht das Lebendige. Eine „Fortsetzung“ in der Seele „könnte sich nur in der Bewegung des reinen Denkens ergeben, die das Leben tragen kann, weil sie von dessen sinnlichen Manifestationen unabhängig ist.“ Im reinen Denken kann sich die „Verknotung“ des Bewusstseins lösen; es werden „die Kraftlinien des Denkens, das sein eigenes Licht verstrahlt, wirksam: des Denkens, das undialektisch - als objektives Wollen - im leiblichen Willensstrom anwesend ist.“ (S. 153)

Vielleicht wird aus dieser Textstelle deutlich, in welchem Maß hier ein meditativer Text vorliegt, der eigentlich mantrischen Charakter hat und meditativ mitvollzogen werden will. Bei aller Skepsis in Bezug auf die Integrität des Autors: Diese Qualitäten wird man dem Buch gerne zugestehen. Die Erfahrung, die Scaligero an diese Textstelle anschliesst, lautet: „Dadurch ist die Seele selbst wie neu geboren, als zöge sie ein leuchtendes Gewand an, kann sie doch erst jetzt ihre eigene Wahrheit verwirklichen: die Unabhängigkeit vom Begehren. Das ist die Unabhängigkeit, durch die es möglich wird, die Erfahrung selbst als Leben in ihrer wunderbaren Unpersönlichkeit wahrzunehmen.“

So kreist Scaligero in seiner meditativen Praxis, die er in diesem Buch mitvollziehbar darstellt, um seine persönlich- unpersönliche Interpretation einer „Philosophie der Freiheit“. Sonntagsreden erspart er sich und uns. Es ist ein Arbeitsbuch, aus und für die konkrete Arbeit geschrieben.