Die Ruhe | Die Egoisten
Die Ruhe


„Die Ruhe“, schreibt der auch umstrittene Massimo Scaligero, „wird nicht verwirklicht, wenn man sich vorsätzlich in die Einsamkeit begibt. Sie behauptet und erprobt ihre Tiefe im Tumult der Welt. Diese Ruhe ist zu entdecken: trotz der Welt, die ihr widerspricht.“ („Traktat über die unsterbliche Liebe“, S. 328)
In der Tat. Die „Welt“ sind allerdings auch wir selbst. Wir sind es ja, die „die Gereiztheit, die Aufgeregtheit, den Unfriede(n), die Angst“ nicht nur produzieren, sondern uns daran als Individuum auch konstituieren. Das Rädchen, in dem wir emotional rennen, wird schon von uns selbst angestossen; wir
fühlen uns darinnen selbst. Das seelische Tasterlebnis, ein umgrenztes Etwas oder ein Jemand zu sein, entspringt vor allem dem Anstossen an dem Krach, der Aufregung, der Empörung, der rechthaberisch vertretenen Idee. Aber: „Wer in den Leidenschaften und Emotionen die Ruhe wiedergewinnt, der hat die Ruhe wirklich und darüber hinaus Kräfte, wie sie die Welt nicht erwartet: Kräfte, die in der Seele strömen können, ohne von ihr entstellt zu werden, denn die Ruhe ermöglicht nun den tieferen Kontakt mit der Seele.“

Nun gibt es so viele Ausweichmanöver dabei, wie es Individualitäten gibt. Man kann es drehen und wenden, wie man will, aber ein Konstruktivist wie
Watzlawick hat völlig recht damit, dass die behauptete oder von Anderen geforderte Ruhe („Sei doch mal entspannt“) vollkommen absurd ist. Man kann das so wenig wollen wie man sich mit den Haaren selbst aus dem Sumpf ziehen kann. Man kann die Ruhe festmachen an Reisen & Wellness & Sport & Lesen & Sex & einem anderen Partner & einem Zweitageseminar im buddhistischen Retreat. Häppchen davon erzeugen Hunger nach Mehr- die avisierte Ruhe wird zu einem Konsumgut wie andere auch, entzieht sich aber immer wieder auf Neue.

So ist Scaligero auch der Meinung, man solle stattdessen die Ruhe suchen „in der Entschlossenheit, die den Durchgang durch den Tumult auf sich nimmt.“ Nichts vergessen, nichts beschönigen, nichts behaupten. Die „nicht erkannte Unruhe“ ist das Problem: „Die Unruhe ist das Nichts, das Geltung erlangt: aber sie ist das Nichts, das man als solches erkennen kann. Wird dieses Nichts als Nichts erkannt, dann kann auch seine Wesenlosigkeit verschwinden. Dann aber ist es die tiefe Ruhe, die zuvor nicht erkannt wurde.“

Das Paradoxon besteht eben darin, dass man die Unruhe „nährt (..), weil man ihr entgehen will“. (S. 330) Von solchen Paradoxen profitieren ganze Industrien- etwa Unterhaltung und Tourismus. Scaligeros Weg ist ein ganz anderer: „Man kann dahin gelangen, im Inneren der Unruhe zu ruhen. Denn in Wirklichkeit ist das Ich losgelöst von ihr. Die Unruhe wird hingenommen, damit sich das Ich ihr gegenüberstellt, so dass die Unabhängigkeit des Ich verwirklicht wird, das in Wahrheit von nichts ergriffen werden kann.“ (S. 330)

Das Rohr im Wind dreht sich mit den Luftströmungen. Man kann das nicht verhindern oder verleugnen. Man kann es aber anschauen. Der, der das eigene Getriebensein, den Unfrieden, die inszenierten Probleme ansieht, ohne davon mitgerissen zu werden, tut dies in einer Ruhe, die keinen Grund und keinen Boden findet: „Die Ruhe ist die Tiefe, in die man schrankenlos hinabsteigt: zu den Wurzeln des Seins, die unauffindbar sind, da sich immer wieder ein noch tieferer Grund auftut.“ (S. 332)