Reines Beobachten | Die Egoisten
Das „reine Beobachten“


Nein, dieser Begriff stammt diesmal nicht von den üblichen Verdächtigen- er wird vielmehr im Buddhismus als ein Aspekt der "Achtsamkeit" betrachtet:

"Das Reine Beobachten lässt die Dinge zunächst selber sprechen; es erlaubt ihnen, sich gleichsam auszusprechen. Es lässt sie ausreden, ohne sie durch ein voreiliges abschliessendes Urteil zu unterbrechen, wenn sie noch so vieles zu sagen haben. Weil das Reine Beobachten die Dinge immer neu sieht, ohne die nivellierende Wirkung gewohnheitsmässiger Urteile, deshalb werden die Dinge auch häufiger Neues zu sagen haben. Das geduldige Innehalten beim Reinen Beobachten eröffnet manchmal gleichsam mühelos tiefe Einblicke und erschliesst verborgene Beziehungen, die sich dem ungeduldigen Zerren eines allzu aggressiven Intellekts versagen. Das entweder vorschnelle oder gewohnheitsmäßige Be- werten oder Be-handeln der Dinge (in Tat und Gedanke) versperrt oft wichtige Erkenntnisquellen. Der westliche Geist muss vom östlichen wieder lernen, sich auch rein empfangend verhalten zu können und dies nicht nur als ein Mittel der Stillewerdung, sondern auch der Erkenntnis."

Hier irrt der Autor, Herr
Nyanaponika (Geistestraining durch Achtsamkeit. Buddhistische Handbibliothek, Stammbach 2007, 9. Auflage), indem er doch etwas pauschalisiert. Fasst man unter den "westlichen Geist" auch das Werk Rudolf Steiners, stösst man in diesem Zusammenhang schnell auf dessen so genannte "Nebenübungen". Rudolf Steiner schreibt (und es wirkt wie eine Ergänzung zu den Beschreibungen Nyanaponikas):

"Das Denken in Verbindung mit dem Willen erfährt eine gewisse Reifung, wenn man versucht, sich niemals durch etwas, was man erlebt oder erfahren hat, die unbefangene Empfänglichkeit für neue Erlebnisse rauben zu lassen. Für den Geistesschüler soll der Gedanke seine Bedeutung ganz verlieren: «Das habe ich noch nie gehört, das glaube ich nicht.» Er soll während einer gewissen Zeit geradezu überall darauf ausgehen, sich bei jeder Gelegenheit von einem jeglichen Dinge und Wesen Neues sagen zu lassen. Von jedem Luftzug, von jedem Baumblatt, von jeglichem Lallen eines Kindes kann man lernen, wenn man bereit ist, einen Gesichtspunkt in Anwendung zu bringen, den man bisher nicht in Anwendung gebracht hat." (R. Steiner, Die Geheimwissenschaft im Umriss)

Man sieht daran gut, dass die "Nebenübungen" eigentlich den Aspekt der Achtsamkeit in den anthroposophischen Kontext einführen- als einen wichtigen konstitutiven Teil des anthroposophischen meditativen Lebens. Steiner nennt es eben nicht "Reines Beobachten", sondern "Unbefangene Empfänglichkeit". Man versteht beide Autoren ganz gut. Es geht ja im Kern um die Frage nach einer meditativen Haltung im Alltag. In der "Empfänglichkeit" ohne voreiliges Urteilen, aber nicht passiv, sondern in einer zurück genommenen Aufmerksamkeit, also einer erhöhten Intensität treffen sich quasi zwei Kulturen. Denn im Alltag bewährt sich die Meditation. Wäre Letztere nur etwas für sonntägliche Selbstbeschönigungen, würde sie sich im Alltag rasch von selbst zugrunde richten. Man merkt dann schon, wie schwer es doch ist, den eigenen Reaktionsmustern und Erregungspotentialen zu entkommen. Die "Empfänglichkeit" ist ja extrem kommunikativ, ihrem Wesen nach- sie sucht die offene Begegnung, den Austausch, das Gespräch. Sie begibt sich ganz und gar in den Alltag hinein und bewährt sich darinnen. Das wiederum hat Rückwirkungen auf das meditative Leben: Wer sich bewährt, steht einfach anders da. Er schiebt nichts vor und macht sich nichts vor. Er passt durchs Schlüsselloch des Geistes, weil er sich auf das Andere einlassen kann.