Sprituell rational | Die Egoisten
Spirituelle Rationalität


Bei weiteren, gemächlichen Wanderungen durch die Literatur um Buddhismus, Sri Aurobindo, Achtsamkeit und speziell um die burmesische Satipatthana- Methode stösst man unentwegt auf Aussagen, die einen bewegen, die man aber auch in sich bewegen muss. In diesen reifen, ausgeprägten spirituellen Richtungen - die Achtsamkeitsübungen der Satipatthana- Richtungen sind etwa so alt wie die Anthroposophie- findet man Bezüge, die man für sich aber entwickeln und reifen lassen muss. Hans- Peter Dieckmann hat hier im Blog bereits ausführlich über Sri Aurobindo geschrieben, ich habe bereits die Achtsamkeitsübungen aus Burma angesprochen. Auf letztere (Nyanaponika, "Geistestraining durch Achtsamkeit") möchte ich heute erneut eingehen.

Dies deshalb, weil diese Art der Achtsamkeits- Übungen etwas Besonderes für mich darstellt, nämlich ein Muster von spiritueller Rationalität und Ökonomie. Man lässt sich hier nicht auf Spekulationen, "geistige Erlebnisse" oder innere Bilderfluten ein, man mag keine "schnellen Resultate" (Nyanaponika, S. 101) und klassifiziert sensationelle "Erlebnisse" als "innere Unruhe". Es geht um "Spitzenergebnisse in Konzentration, Achtsamkeit und Einsicht" einerseits und um eine Einbettung in den Alltag andererseits. Der Ansatz liegt - im Gegensatz zum anthroposophischen- in schlichten Atemübungen oder der aufmerksamen Wahrnehmung von anderen körperlichen Zuständen- die unspektakuläre, reduzierte und vorsichtige Arbeitshaltung ist aber durchaus ähnlich. In anthroposophischen Zusammenhängen tauchen natürlich auch immer wieder Exzesse auf, die für sich mit sensationellen, trompetenstossartigen oder mit Engelbildern verzierten Schilderungen werben. Hier wie dort- kulturunabhängig- ist in der meditativen Arbeit eben relativ früh mit solchen archaischen, atavistischen und oft auch illusionären Nebeneinflüssen zu rechnen, die allerdings hier wie dort mit bezwingender Unmittelbarkeit auftreten und das Glimmen einer inneren Taschenlampe mit einer globalen Erleuchtung verwechseln. So schildert das auch Nyanaponika (dito):

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Im Übungsverlauf mögen aber auch andere Erfahrungen auftreten, denen gegenüber weit größere Vorsicht und Zurückhaltung angebracht sind. Bei stärkerer Konzentration (und bei manchen Personen schon früher) stellen sich manchmal innere Lichtwahrnehmungen ein, sei es von geringerer oder größerer Intensität, wie sie von Meditierenden verschiedener Religionen erlebt und beschrieben wurden. Auch die Bilderwelt des Unbewußten mag durch stärkere Konzentration angeregt werden, und einfache und komplizierte Bildvorstellungen mögen ins Bewußtsein treten. Mystiker haben oft in solche Licht- und Bildwahrnehmungen ihre eigenen Glaubensvorstellungen projiziert.

Der Jünger der Achtsamkeitsschulung aber begegne all dem, schon beim ersten Auftreten, mit einer kurzen, nüchternen Feststellung ("Licht", "Ein-bildung") und wende sich sofort wieder seinem Übungsobjekt zu, ohne weitere Gedanken oder Gefühlen über jene Eindrücke Raum zu geben. Wenn aber diese Eindrücke oder die Gedanken darüber andauern, so unterbreche man die Übung, bis jene Vorstellungen geschwunden sind oder sich die Gedanken beschwichtigt haben.

Man wisse, daß es sich auch hierbei nur um psychologische Phänomene, um Nebenerscheinungen geistiger Konzentration handelt, die keineswegs bei allen Meditierenden auftreten. Man braucht also solche Licht- und Bildvorstellungen weder zu fürchten, noch soll man auf sie, als vermeintliche "mystische Erfahrungen", stolz sein. Im allgemeinen aber bietet die hier dargelegte Geistesschulung in Rechter Aufmerksamkeit wenig Nährboden für solche Phänomene.
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Herrlich. Da wird kurz und knapp die Luft aus dem Ballon gelassen.