Vergewisserung | Die Egoisten
Vergewisserung

Wie verborgen, aber im Untergrund wuchernd - ein Pilz besonderer Art-, wie mächtig und determinierend ist doch der Wunsch nach Anerkennung im weitesten Sinn. Das Ich erlebt sich am Anderen. Es spiegelt und bricht sich an ihm. Ohne Anerkennung durch die Anderen könnte das Ich nicht existieren. Strategien, das, was an uns nicht sichtbar sein soll, wirkungsvoll zu tarnen, kosten einen erheblichen Anteil unserer mentalen Kraft. Es gilt das Gesetz: Ich werde gesehen, also bin ich. Dabei kann man natürlich auch ausweichen auf eine provokative Positionierung, die auf das Gegenteil von Anerkennung zielt. Auch das kann ein determinierender seelischer Reflex sein, nur eben im Spiegelbild.
Bleibt die Anerkennung aus (und eigentlich ist es nie genug), steigt man um auf die Surrogate des Feinschmeckens oder des Verschlingens, auf Selbstbestätigung und - vernebelung aller Art, auf Esoterik oder andere postpubertäre Genüsse und Ekstasen, vielleicht auch auf Verzweiflung. Wo die Anerkennung nicht hinreicht, bedarf es einer nachhaltigen Selbstbestätigung, ein Fass ohne Boden, das immer schon leer ist, wenn doch eine Anerkennung geschieht.
Das sind die einfachen Mechanismen des Ich.

Komplizierter wird die Sache, wenn tatsächlich aktiv gearbeitet wird. Bei echter geistiger Arbeit schwinden die „festen“ Standpunkte und die groben Rechthabereien. Das schon deshalb, weil man sich selbst so deutlich sieht, mitsamt den Verrenkungen, Verstellungen und Zwängen. Nicht nur einmal erscheint das, was einem an sich selbst als wertvoll und unantastbar galt, nun in einem ganz anderen Licht. Auf einmal ist das, was man eigentlich so typisch und sympathisch an sich fand, zu einem seelischen Reflex geronnen, ein Strohhalm, an den sich ein luftiges Ich einst klammerte. Von der frühen Pracht, Selbstgewissheit und Arroganz bleibt nicht viel übrig. Das sind, wie man nun weiss, Artefakte, Mechanismen- oft genug Angelschnüre und Netze, um Anerkennung zu erhaschen und sich selbst und Andere zu blenden. Was jetzt zählt, ist allein das, was man tut.

Aber in gewisser Weise sucht man zwar nicht mehr so sehr Anerkennung, sondern eine spezielle Art der Vergewisserung: Man macht seine Erfahrungen, aber es gibt für sie in unserem Erfahrungs- Kontext keinerlei Bezugspunkte; die geistige Erfahrung bleibt auch dann ein Risiko, wenn man in ihr sicherer geworden ist und Erlebnisse hat, die einen seelisch aufrichten. Daher ist es eine angenehme Erfahrung, von Anderen - und sei es in einem Buch- eine Art Bestätigung zu erhalten. Vielleicht ist dieser vorsichtige Abgleich ohnehin die beste Art, sich „esoterischer“ Literatur zu nähern. Bankei, der revolutionäre und aufsässige Zen- Meister des 17. Jahrhunderts, der mit fast allen Traditionen des Zen brach, sagte dazu:

„Ich war 26, als ich plötzlich erkannte, dass sich alle Probleme in der
Ungeborenheit lösen. Seitdem habe ich versucht, das Anderen zu vermitteln. Ich bin überall herum gekommen. Aber seit dieser Erkenntnis habe ich nicht einen einzigen Menschen getroffen, der dieser meiner Haltung entsprochen hätte. Als ich diese Erkenntnis hatte, gab es keinen weisen Lehrer um mich herum- zumindest habe ich persönlich keinen getroffen, so dass ich für meine Art des Verständnisses nie eine Vergewisserung („confirmation“) gefunden habe. Ich hatte daher schwere Zeiten. Ich habe diese Schwierigkeiten nie vergessen. Inzwischen bin ich nicht mehr sehr gesund, wie man sieht, aber ich habe dennoch ein Gelübde abgelegt, jedem, der „auf dem Weg“ ist, Vergewisserung zu gewähren. Deshalb komme ich jeden Tag, um euch zu treffen. Meine eigene Gesundheit ist angeschlagen. Aber wenn irgend jemand meint, er oder sie hätte etwas in sich verwirklicht, dann möge er oder sie doch kommen und es mir mitteilen. Ich werde es bestätigen („I´ll confirm it for you“).“

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„The Unborn. The Life and Teaching of Zen Master Bankei 1622-1693“, San Francisco 1984, Seite 41
Bildquelle (Kalligraphie von Bankei)

Bei
Wikipedia dazu: „Bankeis Lehren waren in dem Sinne revolutionär, wie sie die damals herrschenden diktatorischen gesellschaftlichen Vorstellungen, die auf dem Konfuzianismus basierten und jeden individuellen Gedanken und Ausdruck verboten, durchschnitten. Bankeis Wirken beruhte auf dem gesprochenen Wort. Seine Vorträge entsprangen einer tiefen inneren Überzeugung und waren so überzeugend und verständlich, dass sie jedermann erreichten, auch ohne Buddhist zu sein.
Seine Lehren lassen sich alle auf einen Punkt zurückführen: Den Geist loslassen, sämtliche Konzepte und Ideen aufgeben und den eigenen, ursprünglichen Geist "hier und jetzt" erfahren, ohne sich an irgend eine religiöse oder weltanschauliche Idee oder Übung zu klammern. Diesen unmittelbaren Geist hier und jetzt bezeichnete Bankei als "das Ungeborene", das immer da ist und dies auch schon immer war:
"Das Ungeborene ist nicht etwas, das durch Disziplin erreicht oder erlangt wird. Es ist nicht eine Beschaffenheit des Geistes oder religiöse Ekstase; es ist, dort wo du stehst, makellos so, wie es ist. Alles was du tun musst, um es zu erkennen ist, du selbst sein, genau wie du bist; zu tun, genau was du tust, ohne Kommentar, Befangenheit oder Urteil
."
Zitiert aus "Verrückte Wolken" (S. 123)