Rand der Wolken | Die Egoisten
Am Rand der Wolken

Georg Kühlewind hat gelegentlich vom „Funken des Logos“ gesprochen, der „hier“, „im Fleisch“, in jedem von uns „da“ ist - fähig zum Neuanfang in jedem Augenblick. Selbst in scheinbar finalen und unausweichlichen Augenblicken und in absoluter Perspektivlosigkeit kann diese Kraft in uns „beginnen“. Der Trost liegt nicht in unmittelbar veränderten Umständen, sondern in einer anderen Haltung. Sobald sich die eigene Perspektive weitet, indem sie aus der Ruhe heraus eingenommen wird, können sich passende Schritte zeigen. Sobald die Situation so, wie sie ist, angenommen wird, verliert sie die Maske ihrer Unbeweglichkeit und Unabänderlichkeit.

Die Kraft, wenn sie einmal entdeckt wird, führt bis an den Rand des Schlafs. Sich dort zu halten kann nur aus ureigener Konzentration geschafft werden. Es ist dies die Vernunft, die bestehen kann, wenn ihr dazu die vertrauten Grundlage fehlen. Hier muss sie aus sich bestehen, nicht angelehnt an Konstrukte, Vorstellungen und Denkgewohnheiten.

An der Grenze stellt man sich auf raues Wetter ein. Man bewegt sich am Rand einer Wolkenwand. Aber natürlich geht es nicht um meteorologische Zusammenhänge, sondern um die Scheidewand zwischen Licht und Dunkel- zwischen dem, was man an Bewusstheit aufzubringen vermag und dem, in das man versinkt. Wir sind nur so weit, so energisch und so bewusstseinsklar, wie wir eben sind. Mit den Körpergrenzen im biologischen Sinne hat das nicht unbedingt etwas zu tun, sondern mit den Grenzen unserer inneren Kraft. Hier gibt es keinen Stillstand und keine Wiederholung. Was man hat, behält man nicht und dort, wo man sicher ist, verliert man den Boden.

Wir gehen den Wolkenrand entlang- es ist eine Wand von einer Höhe und Tiefe, die mein Fassungsvermögen übersteigt. Wenn man genau hinsieht, bemerkt man, dass sich in der Wand Kräfte ballen, die aus sich selbst immer weitere Wolken entspringen lassen. Die Dynamik hat etwas, dass man „Quellen des Lebens“ dazu sagen mag. Es ist nichts Beängstigendes dabei. Das stellt man sich nur so vor. Der Quell, der sich selbst entspringt und aus nichts gespeist wird, wandert aus dem Gesichtsfeld, aber es wachsen weitere, immer neue aus dem Nebel.

Das ist die Schwelle. Oder eine davon. Man geht benetzt von ihr zurück, erfrischt, erholt, beschenkt. Rudolf Steiner sagte zu den Wolken: „Wir richten den Blick aufwärts und sehen, wie in dem Luftförmigen, in dem ja allerdings die Geister der Bewegung, die Dynamis walten, wie da am Werke sind die Cherubime, damit das Wässerige, das aus dem Bereiche der Geister der Weisheit,
der Kyriotetes aufsteigt, sich zu Wolken ballen kann. (GA 122, Seite120)

Man kann die Schwelle nicht überschreiten, aber man kann sie verinnerlichen. Man kann den Quell in der Mitte entspringen lassen, eine individuell getönte Kraft, die sich im Augenblick ihres Entstehens in Gefühl verwandelt. Es ist nur eine andere Stimmung, eine andere Ebene. In der Tiefe ziehen die Wale vorbei wie riesige Schemen. Sie sind das Gefühl, das sich selbst genug ist. Ein Gefühl, das keine Resonanz ist auf irgendein Ereignis, sondern ein Strom, der aus sich heraus entsteht.

Je näher man der Wolkenwand rückt, desto mehr kann und muss man sich im Alltag begründen. Dass die Aufgaben klarer vor Augen stehen, liegt wohl vor allem daran, dass der innere Blick sich klärt: Die Befangenheiten, das Bestehenwollen, das Aufrührende und Sich-selbst-Berührende, die stumme, verbissene innere Wolkenwand, ist dünn geworden und lässt Licht und Luft in die Dinge, die man anfängt. Und die sind stimmiger als früher, passen sich ein in das, was sich in die Situation fügt. Darum geht es ja: Fügsam zu sein in das, was anliegt; nicht Ausgedachtes, nicht herbei Gesehntes, sondern purer Realismus. Es ist eine gegenseitige Verankerung, nach außen wie nach innen.

Geistige Erfahrung ist die Vernunft, die sich ihrer selbst bewusst wird, aber sich einfügen kann in die Dinge- eine die Komplexität von Prozessen einsehende und sie mit sanftem Willen mit gestaltende Vernunft.