Lotosblumen | Die Egoisten
Lotosblumen

Das Thema Kehlkopf-Chakra hat auch Rudolf Steiner
immer wieder angeschnitten: „Nehmen wir zum Beispiel an, man richtet als solch ergebener Mensch (als Meditant), der sich dann weiter erzieht, den Sinn auf den menschlichen Kehlkopf in irgendeiner Weise, dann erscheint einem der menschliche Kehlkopf in einer merkwürdigen Weise, wie ein Organ, das ganz im Anfang des Werdens ist, das eine große Zukunft vor sich hat, und man empfindet es unmittelbar durch das, was der Kehlkopf selber als seine Wahrheit ausspricht, dass er wie ein Same ist. Und es muss einmal– das weiß man unmittelbar durch das, was der Kehlkopf ausspricht – für die Menschheitsentwickelung etwas kommen, wo der Kehlkopf ganz umgestaltet ist, wo er so sein wird, dass, während der Mensch jetzt durch den Kehlkopf nur das Wort aus sich hervorbringt, er einmal den Menschen gebären wird. Das Organ, das künftig sich dazu entfalten wird, den ganzen Menschen hervorzubringen, wenn er vergeistigt sein wird.“ (GA 134, Seite 38f)

Die Formulierung „ganz im Anfang des Werdens“ kann ich gut teilen. Dem Kehlkopf kann, wenn man meditativ praktiziert, "Raum" entspringen, der sich ausbreitet, aber sich auch wieder in den Ursprungspunkt wie eindreht. Dieser entspringende ätherische Raum ist das eigentliche Arbeitsfeld, er weitet sich bis an die Schlafgrenze, am Ende eigentlich über sie hinaus. Es ist eine Dynamik, wie ein kleiner Sturm, den man an einem Seil festbinden will. Das Seil wird gesponnen aus unserer inhaltsleeren, reinen Aufmerksamkeit. Man merkt auch, dass sich die entspringenden und gleichzeitig saugenden Felder, die etwas atmend- Knetendes an sich haben, gegenseitig entzünden. Sie korrelieren nicht nur, sondern rufen in ihrer Berührung immer neue Dynamik hervor. Schließlich fallen sie in sich zusammen, und der Raum weitet sich, fällt wieder in sich zusammen, bildet Ansätze zu einer ätherischen Gesamtform, zu einem Raum für geistiges Leben, für die Entfaltung, für die Selbsterfahrung. So eine mögliche meditative Erfahrung.

Aber eine Form könnte nur Momentaufnahme sein, denn diese Räumlichkeit ist nicht festzumachen, da sie aus ununterbrochenem Wandel besteht. Man weiss, man kann sich nur mit der Anstrengung im Sinne von Konzentration in der reinen Dynamik halten; normalerweise schläft man hier ein. Aber zugleich ist hier nichts anstrengend, die übliche sensorische Verortung und Verarbeitung ist gar nicht zu bemerken. Man ist an einer Kraft, die schafft, nicht an einem zerbrechlichen neuronalen Spiegelbild tätig.

Man schlüpft dort hinein wie in einen Handschuh. In dem Augenblick, in dem man es tut, geht man ins lebendige Denken hinein. Es ist eine Formkraft. Man bemerkt, dass man sie handhaben kann. Es fühlt sich noch etwas ungeschickt und grob an, aber man kann denkend- phänomenal, wie von innen her, von der Dynamik aus, zum Beispiel Naturobjekte oder auch Mantren ausfüllen. Man wird dann selbst zu Blatt, Wurzel und Blüte (oder zu einem Gebet), man füllt es von innen aus. Die sonst auf den tatsächlichen physischen Leib bezogenen Empfindungen können konkrete Wuchsformen jeder Pflanze nachempfinden, ja nachbilden. Damit können sich immer weitere geistige Forschungsaufgaben ergeben.

Heide Oehms
schreibt dazu: „Rudolf Steiner beschreibt in dem genannten Kapitel "Über einige Wirkungen der Einweihung" "Veränderungen im so genannten Seelenorganismus" (S.115).

Dieser wird im Verlauf der Übungen regelmäßiger gegliedert. Er ist ein Gebilde, welches vom Inneren des Kopfes bis zur Mitte des physischen Körpers verläuft. In diesem befinden sich Organe, die Lotusblumen genannt, die bei jedem Menschen vorhanden sind. Sie waren in alten Zeiten beweglich, drehten sich gegen den Uhrzeigersinn und machten damit das traumhafte Hellsehen möglich.
Beim heutigen Menschen sind sie in der Regel unbewegt, und dadurch ist er von der geistigen Welt abgeschnitten. Die Aufgabe eines bewusst beschrittenen Weges liegt darin, diese Organe aus ihrem Schlafzustand durch regelmäßige Strukturierung in eine Rechtsdrehung zu versetzen, was ein wach bewusstes Hellsehen ermöglicht. Die Lotusblumen hellen sich auf und werden zu Sinnesorganen der Seele. Rudolf Steiner beginnt in seiner Beschreibung mit der sechzehn-blättrigen Lotusblume des Kehlkopfes.“

Und weiter, mehr auf das eingehend, was ich oben als „ätherischer Raum“ beschrieben habe: „Wichtig ist es, die Empfehlung ernst zu nehmen, die jeweilige Übung mit den in den esoterischen Stunden angegebenen Strömungen abzuschließen. Diese sind solange vorzunehmen, bis sie spürbar werden. Ein leises Strömen im Ätherleibe wird wahrnehmbar. Zuerst soll der Mittelpunkt an der Stirn erscheinen. Später wird der Mittelpunkt in den Kehlkopf verlegt und danach erst im Herzen gebildet. Dazu werden bestimmte Mantren meditiert. Es genügt nicht ein rein gedankliches Meditieren, sondern willenhaft erlebtes. Dies meint ein Einprägen bestimmter Formeln, das noch beschrieben werden soll. Die Herzlotusblume vermittelt Wahrnehmungen der Seelenwärme und Seelenkälte, ebenso ein tiefes Verständnis für Naturvorgänge: Wachsen und Vergehen, die ebenso Seelenwärme und -kälte ausströmen.“
(Heide Oehms)

Das religiös- moralische Empfinden entwickelt sich weniger durch gezielte Übungen, sondern steigt von selbst wie von unten auf; es ist ja die Essenz des Seins und man muss einfach dorthin kommen. Es ist die Wahrheitssphäre. Hier atmet der Geist mit sich selbst. Man tut nichts persönlich dazu und bringt nichts mit. Das ist eigentlich auch nicht nötig, weil das Religiöse in dieser Sphäre einfach die Realität ist, das Sein selbst.

Hier ist es egal, wer man ist, es gibt keinerlei Qualifikation, nichts Mitgebrachtes. Entweder man betritt diese Sphäre oder man tut es nicht. Man kann (vermutlich) ein sagenhaftes Karma haben, eine wahre Glücks- Marie sein, aber hier an diesem Punkt ist "alles neu". Man kommt nur "neu" hinein, es geht nicht anders. Hier sind alle Menschen gleich und auch wahr.