Zweiblättriger Lotos | Die Egoisten
Die zweiblättrige Lotosblume- das „hinaufgehobene Geruchsorgan“
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Aus: Rudolf Steiner „Die Weltgeschichte in anthroposophischer Beleuchtung“ Vortrag in Dornach, 12.1.1924


Sie sehen, etwas anderes tritt da ein, etwas, was nun wirklich dem ganzen abendländischen Anschauen ähnlicher ist als dasjenige, was man oftmals aus dem Morgenlande herübernimmt. Auch das Morgenland hat ja dieses Konzentrieren auf die Nasenwurzel, dieses Konzentrieren auf den Punkt zwischen den Augenbrauen. Damit wird der Ort angegeben. Aber in Wahrheit ist es dieses Konzentrieren auf jenen kleinen Menschen, der da drinnen liegt und der astralisch erfasst wird. Und wird er astralisch erfasst, wird tatsächlich eine Meditation so gestaltet, dass man etwas erfasst in jener Gegend, die damit bezeichnet worden ist, so ist es, wie wenn man in jener Gegend einen kleinen Menschen innerlich wie embryonal ausbilden wollte. Diese Anleitung hat der Schüler bekommen in jener kleinen Schule, tatsächlich eine Art embryonale Ausbildung eines kleinen Menschen in einem stark konzentrierten Gedanken.

Dadurch bekamen die Schüler, die dazu die Fähigkeit hatten, die zweiblättrige Lotosblume ausgebildet. Dann wurde ihnen gesagt: Das Tier bildet die Dinge hinunter zu demjenigen, was ein wärme-elektromagnetisches Fluidum ist. Der Mensch bildet dasjenige, was hier sitzt und was im Groben nur als Geruchssinn erscheint, aber in das herüberspielt die Fähigkeit, die Tätigkeit des Auges, der Mensch bildet es aus ins Astralische hinein. Dadurch aber bekommt er die Fähigkeit, nicht bloß jenes Fluidum zu verfolgen, sondern eine fortwährende Wechselwirkung hervorzurufen mit dem Astrallichte, und wahrzunehmen mit der zweiblättrigen Lotosblume, was der Mensch fortwährend sein ganzes Leben hindurch ins Astrallicht hineinschreibt. Der Hund riecht nur dasjenige, was geblieben ist, was da ist. Der Mensch verfährt anders. Indem er mit seiner zweiblättrigen Lotosblume sich bewegt, auch dann, wenn er mit ihr nicht wahrnehmen kann, schreibt er fortwährend alles dasjenige, was in seinen Gedanken ist, in das Astrallicht hinein. Das befähigt ihn dann nur, das, was er hineinschreibt, eben zu verfolgen, wahrzunehmen, und auch anderes damit wahrzunehmen, namentlich den wahren Unterschied von Gut und Böse.

Auf diese Art waren tatsächlich da noch Nachklänge vorhanden an uralte Weisheitsschätze, die in Rudimenten auch praktisch noch gelehrt wurden. Und das zeigt uns, was eigentlich alles verlorengegangen ist unter dem Einfluss der materialistischen Strömungen, die in der starken Weise um die Mitte des neunzehnten Jahrhunderts dann eingesetzt haben. Denn solche Dinge, wie ich sie Ihnen angedeutet habe, sind eben durchaus, wenigstens bis zu einem gewissen Grade, in gewissen, allerdings sehr einsamen und einsiedlerisch lebenden Kreisen empfunden und gewusst worden. Und auf den mannigfaltigsten Gebieten ergaben sich Erkenntnisse aus solchen Untergründen heraus, die ja später gar nicht mehr beachtet wurden, nach denen heute wiederum viele Menschen sich sehnen. Aber wegen der groben Methoden, die heute herrschen, sind ja diese Erkenntnisse zunächst für das äußere Wissen nicht wiederum erlangbar.

Nun knüpfte sich eine ganz bestimmte Lehre an dasjenige, was in dieser Weise in jenem kleinen Kreise von dem Lehrer an die Schüler herangebracht wurde. Dem Schüler wurde klargemacht: Wenn er dieses Organ gebraucht, das ein ins astralische Licht hinaufgehobenes Geruchsorgan ist, dann lernt er die wahre Stofflichkeit aller Dinge erkennen, die wahre Materie. Und wenn er erkennen lernt das Innere seines Knochensystems und dadurch in Echtheit die wirkliche Weltgeometrie, die Art und Weise, wie von den Göttern in die Welt die Kräfte hineingezeichnet werden, dann lernt er erkennen, was als Formen in den Dingen wirkt.

Willst du also einen Quarz kennenlernen seinem Stoffe nach - so sagte man dem Schüler -, dann beschaue ihn mit der zweiblättrigen Lotosblume. Willst du kennenlernen, wie seine Kristallform ist, wie der Stoff geformt ist, dann musst du diese Form aus dem Kosmos heraus begreifen mit demjenigen, was du begreifen kannst, wenn du in das Innere deines Knochensystems lebendig hineinkommst. - Oder es wurde dem Schüler klargemacht: Wenn du dein Kopforgan gebrauchst, dann lernst du erkennen, wie die substantielle Beschaffenheit einer Pflanze ist. Wenn du erleben lernst das Innere deines Knochensystemes, dann lernst du erkennen, wie eine gewisse Pflanze wächst, warum sie diese oder jene Blätterform hat, diese oder jene Blätteranordnung, warum sie die Blüten in dieser oder jener Weise entfaltet.

Also alles, was Form ist, sollte auf die eine Art, alles, was Stoff ist, sollte auf die andere Art erfasst werden. Und es ist nun wirklich interessant, dass, wenn man bis zum Aristoteles zurückkommt, man findet, dass bei ihm unterschieden wird - aber das wurde ja in späterer Zeit nur rein abstrakt gelehrt - in bezug auf alles, was es gibt, die Form und die Materie. Aber das wurde eben in der Strömung, die von Griechenland nach Europa kam, in einer ganz abstrakten Weise gelehrt, so dass man eigentlich verzweifelt an der Abstraktheit, mit der diese Dinge in den Büchern dargestellt werden schon das ganze Mittelalter hindurch, und in der Neuzeit erst, da ist es nicht mehr bloß zum Verzweifeln, da ist es schon um die Wände hinaufzukriechen, wie man die Dinge dargestellt findet. Aber geht man zu Aristoteles zurück, so findet man, dass bei ihm die Formen wirklich zurückführen auf dieses Erleben - nur ist das wiederum nach Asien herübergetragen worden -, diese wirklich innere Einsicht in die Dinge, die mit dem Kopforgan sieht dasjenige, was er die Materie in den Dingen nennt.

Aber nun weist uns die innere Erkenntnis desjenigen, was da in Griechenland gelehrt worden ist als Philosophie, es weist uns die Akasha- Chronik- mäßige Erkenntnis auf etwas hin, was ich ja natürlich nur ganz äußerlich andeuten konnte in meinen «Rätseln der Philosophie», wo ich zeigte, wie Aristoteles durchaus der Ansicht ist: Beim Menschen fließen Form und Materie ineinander, Materie ist Form, Form ist Materie. - Sie können das bei meiner Darstellung des Aristoteles in den «Rätseln der Philosophie» finden.

Aber Aristoteles hat das noch ganz anders gelehrt. Aristoteles hat gelehrt: Wenn man an die Mineralien herantritt, dann erlebt man zunächst die Form durch das Erleben des Inneren der Unterschenkelknochen, und man erlebt die Materie eben in dem Kopforgan. Die beiden sind weit voneinander. Der Mensch hält sie auseinander, Form und Materie, beim Mineralreiche die Kristallisation. Wenn der Mensch aber die Pflanze auffasst, so erlebt er die Form durch das Erleben de Inneren seiner Oberschenkel, die Materie wiederum durch das Kopforgan, durch die zweiblättrige Lotosblume. Es kommt schon näher Und erlebt der Mensch das Tier, so erlebt er die Form durch das Erleben des Inneren der Unterarmknochen, wiederum die Materie durch das Kopforgan - sehr nahe beieinander. Und erlebt der Mensch den Menschen selber, dann erlebt er die Form durch das Innere des Oberarms, der auf dem Umwege durch die Sprachbildung mit dem Gehirn selbst zusammenhängt. Ich habe öfter gerade in Einleitungen der Eurythmie davon gesprochen. Da schließt sich zusammen die zweiblättrige Lotosblume mit dem, was von dem Inneren des Oberarmes nach dem Gehirn geht. Und der Mensch erlebt namentlich in der Sprache den anderen Menschen nicht mehr nach Form und Inhalt getrennt, sondern als einen nach Form und Inhalt.

Sehen Sie, in dieser Konkretheit gab es diese Lehre noch zu Aristoteles' Zeiten. Und eine Spur davon, wie gesagt, war bis ins neunzehnte Jahrhundert vorhanden. Da ist wirklich ein Abgrund. In den vierziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts gingen im Grunde genommen diese Dinge wirklich verloren. Es ist der Abgrund da bis zum Ende des neunzehnten Jahrhunderts, wo durch die Michael-Zeit die Dinge wieder gefunden werden konnten. Da aber, indem die Menschen über diesen Abgrund schritten, schritten sie eben eigentlich über eine Schwelle. Und an dieser Schwelle steht ein Hüter. Und die Menschheit konnte ihn zunächst nicht gleichzeitig beobachten, indem sie zwischen dem Jahre 1842 und 1879 an ihm vorbeigegangen ist. Aber sie muss zu ihrem Heil nunmehr zurückschauen und ihn beachten. Denn das Nichtbeachten und das Weiterhineinleben in die folgenden Jahrhunderte, ohne ihn zu beachten, würde eben zum alleräußersten Unheile der Menschheit führen.