Schulungsweg Garvelmann | Die Egoisten
Wolfgang Garvelmann: Der esoterische Schulungsweg der Anthroposophie - Gedanken, Beobachtungen, Erfahrungen – im Hinblick auf Erfolge

Wir können wissen – als durch eine Geisteswissenschaft geschulte Zeitgenossen – dass wir in dem Zeitalter der „Bewusstseinsseele“ leben. Aber was ist diese Bewusstseinsseele eigentlich? Sie wird oft als ein Bindeglied beschrieben zwischen dem rein sinnlichen Alltagsbewusstsein, das gewöhnlich als die einzige uns zugängliche Bewusstseinsform gilt, und den Stufen eines „übersinnlichen“ Bewusstseins, das von spirituellen Weltanschauungen postuliert wird oder – in seltenen Fällen – von einzelnen Mitgliedern dieser esoterischen Gruppen bereits praktiziert wird.
Die Fähigkeit, Bindeglied zu einer übersinnlichen geistigen Welt sein zu können, setzt allerdings eine Beobachtungsfähigkeit für subtile innerseelische Prozesse in der eigenen Innenschau voraus, weil die Bewusstseinsanforderungen für die geistige Welt konträr entgegengesetzt sind unserer sinnlichen Erfahrungswelt. Um ein grobes Beispiel zu geben: In unserer sinnlichen Welt dient der Schwache dem Starken. In der geistigen Welt dient – dem moralischen Evolutionsprinzip entsprechend – der Starke dem Schwachen. „Das Schwache wird das Starke besiegen. Das ist die geheime Erleuchtung“.

Nun ist in unserer Zivilisation von einem tatsächlichen Übergang zu einem spirituellen Bewusstsein kaum etwas zu bemerken, indessen zeigen sich erweiterte Fähigkeiten zu einer Handhabung subtiler psychischer Prozesse fast allabendlich im Fernsehen. Man vergleiche doch einmal die Hollywood- oder Ufa-filme von der Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts mit den neueren etwas anspruchsvolleren Unterhaltungsfilmen. Von der Betonung der Sexualität ganz abgesehen: Welch ein Weg nur in Jahrzehnten! Dort auf uns sentimental und naiv-rührselig, aber ästhetisch aufpoliert wirkende Liebes- oder Freundschafts- schnulzen – heute vielschichtige, beziehungsreiche, möglichst realistisch dargestellte Problemfälle ohne Garantie für ein happy end. Die gesamte inzwischen salonfähig gewordene Psychoanalyse ist verarbeitet, wirkt innerseelisch auf die Seelenstruktur des Betrachters und wird also der oben genannten Funktion der Bewusstseinsseele gerecht – nur leider nicht im Sinne einer Subtilität nach oben zu den Göttern, sondern, wie heute üblich, nach unten in die „Abgründe der Seelen“ hinein. Wir stehen also vor dem Phänomen, dass ein evolutionsbedingter – mit anderen Worten: gottgewollter - Entwicklungsprozess zu einem positiven oder aber auch negativen Ergebnis kommen kann.

Rudolf Steiner waren diese Möglichkeiten von Anfang an wohl bewusst. „Und kein Tag vergeht, an dem die Meister nicht die Warnung deutlich ertönen lassen: Seid vorsichtig, bedenkt die Unreife eures Zeitalters. Ihr habt Kinder vor euch, und es ist euer Schicksal, dass ihr Kindern die hohen Geheimlehren mitteilen müsst. Seid gewärtig, dass ihr durch eure Worte Bösewichter erzieht.“ (9.1.1905 an Marie v. Sivers , GA 262 S.48) Daraus ergibt sich uns nun die Frage - nach gut 100 Jahren Existenz des anthroposophischen Schulungsweges wohl berechtigt - wie diese „Selbsterziehungs-Ratschläge“ auf die Anhänger Rudolf Steiners gewirkt und welche Ergebnisse sie gebracht haben. Denn er musste natürlich bei Beginn seiner Lehrtätigkeit sofort auch die Wege anzeigen, die in die von Ihm dargestellte geistige Welt führen. Darum ging eine seiner ersten esoterischen Veröffentlichungen 1904 um das Thema „Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten ?“, zunächst in Form von Einzelaufsätzen, dann bald als Buch.

Dieses Buch beginnt mit einer völligen religiösen Neutralität – allerdings mit der moralischen Forderung nach der seelischen Grundstimmung der Devotion, also einer zur Andacht fähigen Gemütslage. Das ist ein Ärgernis für manche moderne Menschen geworden - ist aber die Voraussetzung für Fortschritte. Diese Devotion ist das Suchen und Annehmen der Tatsache, dass die geistige Welt ihrem Wesen nach moralisch ist, dass ein erkennendes Leben in ihr nur möglich ist, wenn ihr mit Ehrfurcht begegnet wird. Damit hat Steiner aber schon das Zentrum seiner Aufgabe berührt: Den Menschen wiederum zu verbinden mit seiner göttlichen Ursprungswelt, sodass er sich wiederum als Bürger zweier Welten fühlen kann. „Wiederum“ - denn für alle vergangenen Kulturen und für alle Religionen ist es eine Selbstverständlichkeit, den Ursprung des Menschen in die Götterwelt zu versetzen.

Die Entwicklung devotioneller Fähigkeiten bedeutet also, sich bewegen lernen in einem entsprechenden Milieu, in einer Welt, deren Atmosphäre in Liebe besteht und in gegenseitiger Förderung – kurz: aus reiner Moral – in der Terminologie des Neuen Testamentes: „Wenn ihr nicht werdet wie Kinder, werdet ihr nicht in die Gotteswelt kommen“ (Math. 18). Kleine Kinder, von Zivilisationsansprüchen noch nicht geprägt, sind von Natur aus vertrauend und verehrend.

Wie bekannt, folgen in „Wie erlangt man...“ dann völlig unspektakuläre Übungsratschläge, etwa intensives, konzentriert-sinnendes Anschauen von Naturdingen, aber auch von eigenen Gedanken und Empfindungen, die sehr bald zu überraschenden Ergebnissen führen können – z.B. wenn im Anschauen einer keimenden oder sprossenden Pflanze völlig neue Vitalitäts-erlebnisse erfolgen. - In schlichter, aber unmissverständlicher Sprache werden gedankliche und handlungsgemässe Konzentrationsübungen beschrieben, die Herstellung innerer Seelenruhe angeregt und die Notwendigkeit eines positiven, alles Gute beachtende Lebensstils sowie die Fruchtbarkeit eines völlig vorurteilsfreien Denkens und Erfahrens angeregt. Diese Seelentugenden sind dann wenig später in Steiners Schulungsstunden als die „Sechs Übungen“ exakter charakterisiert aufgetaucht als „Allgemeine Anforderungen, die ein jeder an sich selbst stellen muss, der eine okkulte Entwicklung durchmachen will“ (in GA 267). Mit diesem Titel ist schon alles gesagt, und wer sein bisheriges Bemühen frustriert als erfolglos erlebt hat, möchte sich fragen, ob er gewissenhaft diesen 6-Monate-Kurs absolviert hat.

Rudolf Steiner hat einen letzten Versuch, seine vertrauenden Anhänger zu eigenen esoterischen Erkenntnissen zu führen, damit begonnen sie hinzuweisen auf die Hemmnisse, die in den Abgründen der eigenen Seele zu finden sind. (In den sogenannten. Klassenstunden.) Diese geradezu dämonisch wirkenden Gegebenheiten haben allerdings kaum Beachtung gefunden.

Damit also hat Steiner schon sehr früh eine scheinbar in sich geschlossene Entwicklungsmethode empfohlen. Aber wie verblüffend damals wie heute, dass er wenige Jahre später anlässlich der Uraufführung seines vierten Mysteriendramas verlauten ließ: (In GA 147 „Die Geheimnisse der Schwelle“, 7. Vortr.): „Nun ist mancherlei zu beobachten bei diesem Hineinwachsen in die geistigen Welten. Nehmen wir zunächst, um uns gut zu verständigen, sozusagen das ideale normale Hinaufleben in die geistige Welt, also ein Hinaufleben, das bei einer Seele eintreten würde, die gar keine irgendwie gearteten Störungen hätte. Man kann schon sagen, eine solche Seele gibt es kaum. Das ist der Grund, warum ich bestrebt war, nicht nur im allgemeinen den geistigen Pfad zu schildern, sondern ihn auch so dramatisch darzustellen, wie es geschehen ist, weil jede Seele von einem bestimmten Ausgangspunkt ausgeht, und deshalb ein normaler idealer Aufstieg eigentlich nicht vorhanden sein kann. Jede Seele hat ihren individuellen geistigen Pfad...

Dort übrigens unter „Hinweise“ die Ankündigung eines 5. Dramas, das dann aber nicht mehr erscheinen konnte. Diese Ankündigung dürfte z. B. auch geeignet sein, die These Judith von Halles zu bestätigen, dass ursprünglich sieben Mysteriendramen geplant gewesen seien. Auch erweist diese Textstelle, welch ein Unsinn es ist, einen „richtigen“ anthroposophischen Entwicklungsweg zu postulieren – wie es in der anthroposophischen Gesellschaft des öfteren geschehen ist und derzeit in einer massiven Ablehnung der o.g. Autorin noch geschieht. Im 8. Vortrag des o.g. Zyklus, also schon 11 Jahre vor dem oben angedeuteten Hinweis auf dämonische Eigenkräfte in den Klassenstunden, kommt Steiner auf die rätselhafte Gestalt des „Hüters der Schwelle“ zu sprechen, der nicht nur den unreifen Eintritt in die geistige Welt verwehrt, sondern auch den unvorbereiteten Menschen davor bewahrt, diese dämonischen Eigenkräfte zu erleben.

Unbewusst stehen wir jede Nacht vor ihm. Und dieser Hüter der Schwelle ist eigentlich ein recht grosser Wohltäter, dass er sich nicht sehen lässt, denn die Menschen würden ihn nicht ertragen. Was wir unbewusst in jeder Nacht der Tatsache nach erleben, zum Wissen zu bringen, heisst eigentlich, die Begegnung mit dem Hüter der Schwelle zu haben. Für gewöhnlich gehen die Menschen so weit, dass sie gerade bis zu der Grenze kommen, wo sozusagen der Hüter der Schwelle steht. In solchem Augenblick aber tritt mit den Seelen etwas sehr Eigentümliches ein. Die Seele erlebt nämlich diesen Augenblick im Dämmerzustand zwischen Bewusstheit und Unbewusstheit, sie lässt ihn nicht ganz zum Bewusstsein kommen. Die Seele neigt dazu, an der Grenze sich selber zu sehen, wie sie ist, wie sie hängt an der physischen Welt mit ihren Schwächen und Mängeln. Aber die Seele kann das nicht ertragen, und noch früher, als der ganze Vorgang zum Bewusstsein kommen kann, betäubt sich sozusagen diese Seele das Bewusstsein durch den Abscheu, den sie hat. Und solche Momente, wo die Seele ihr Bewusstsein betäubt, sind die besten Angriffspunkte für die ahrimanischen Wesenheiten. Wir kommen in der Tat hin zum Hüter der Schwelle, indem mit einer ganz besonderen Stärke und Kraft sich z.B. unser Selbstgefühl ausgebildet hat. Dieses Selbstgefühl müssen wir erstarken, wenn wir uns in die geistige Welt hinauf leben wollen. Mit der Erkraftung unseres Selbstgefühls erkraften sich auch alle Neigungen und Gewohnheiten, die Schwächen und Vorurteile, die sonst in der äusseren Welt durch Erziehung, durch Gewöhnung, durch die äussere Kultur in Ihren Grenzen zurückgehalten werden. An der Schwelle der geistigen Welt machen sich von innen heraus die luziferischen Impulse recht geltend, und, indem die Menschenseele die Tendenz hat, sich zu betäuben, verbindet sich sogleich Luzifer mit Ahriman, und die Folge ist dann, dass dem Menschen der Eintritt in die geistige Welt verwehrt wird.“ - - -
Hier schon sind also wesentliche Faktoren für ein Versagen der Schulungsbemühungen sehr aufschlussreich von Rudolf Steiner selbst aufgezeigt worden.

Wenn der Verfasser nun als einen weiteren wichtigen Faktor für eine esoterische Seelenentwicklung eine Bekanntschaft mit der Psychiatrie, also der naturwissenschaftlichen Seelenheilkunde, empfiehlt, wird er in ein Wespennetz stechen. Er muss es dennoch tun, denn er anerkennt die Bereicherung durch ein Medizinstudium, das ihm zuteil wurde, und speziell der Erfahrungen, die ihm eine ausreichend lange Tätigkeit in der Psychiatrie gebracht hat. Es geht dabei nicht um ein lehrbuchmässiges Studieren der psychiatrischen Erkrankungen und Symptome, sondern um den persönlichen Umgang mit den betroffenen Menschen und intensive Gesprächserfahrungen. Nur dadurch wird dem Zuhörenden die eigentliche Seelenstruktur des Kranken anschaulich, und nur dadurch erfährt es etwas von der suggestiven Kraft von überwertigen Ideen bis hin zu Wahnvorstellungen, von denen er sich bald selbst bedroht fühlt. In seinem „Heilpädagogischen Kurs“ deutet Steiner auf die Tatsache hin, dass der Therapeut alle ihm entgegenkommenden seelischen Anomalien in beginnender, andeutender Form in sich selbst erleben kann und muss, wenn er dem aus innerer Erkenntnis heraus etwas Heilendes entgegenstellen soll. (GA 317, 1.Vortr.) „Man muss sich ganz klar darüber sein... irgendwo in einer Ecke sitzt bei jedem Menschen... eine sogenannte Unnormalität
Zu den unabdingbaren Bedingungen für eine esoterische Schulung gehört das Bemühen um die Ehrlichkeit, solche Unnormalitäten in sich selbst objektiv anschauen zu lernen. Aber diese Ehrlichkeit ist nur sehr mühsam zu erringen, und gerade hier liegen die schwersten Stolpersteine in Gestalt von Illusionen über sich selbst. Man beobachte doch nur, wie gründlich man die Fehler von anderen rügt, die gleichen eigenen aber liebevoll entschuldigt oder verdrängt.

Im sozialen Leben indessen ist die Kenntnis der Macht der oben bereits erwähnten Suggestibilitätsphänomene, also der seelische Beeinflussbarkeitsmöglichkeiten, unverzichtbar. Ihre geradezu kriminelle Handhabung in Politik und Werbung wird allmählich durchschaubar – weniger aber ihre Rolle im alltäglichen menschlichen Zusammenleben. Hier liefert die Psychiatrie und auch die Psychologie reichlich Anschauungsmaterial, wenn festgestellt werden muss, wie eine überwertige Idee oder gar eine Wahnvorstellung von der Umgebung eines Kranken, speziell von der Familie, übernommen wird und welche Konsequenzen das hat. Oft genügt nur eine unbedachte, unbegründete und leicht überprüfbare Gerüchtebildung, um Schicksale zu zerstören. Interessanterweise fallen auch hochgebildete Menschen auf Gerüchte herein, die einem klaren Denken völlig unglaubbar und unbeweisbar erscheinen müssten, allein durch das Groteske ihrer Behauptungen.

Leider hat sich herausgestellt, dass auch unsere Anthroposophische Gesellschaft als eine Schicksalsgemeinschaft von solchen Einflüssen nicht verschont wird. Sei es durch die Entstehung einer gruppenseelenhaften, elitär kühl ästhetisierenden Gemeinschaftsmentalität, sei es durch Katastrophen, die nach jahrzehntelangen Heilungsphasen immer wieder neue Wunden aufreissen und die Erfüllung der eigentlichen Aufgaben verhindern. Ich denke an die z.T. selbsterlebten Anfeindungen von Ita Wegman, einer der engsten Mitarbeiterinnen von Rudolf Steiner, an den Kampf gegen den Nachlassverein, der dem Goetheanum für Jahre die Bücher Rudolf Steiners entzog, und jetzt derzeit die völlig aufgebauschten Querelen um Judith von Halle, welcher Machtgier und spirituelle Verführung unterstellt werden bis zu einer direkten Verweigerung von klärenden Gesprächen mit ihr. All diese genannten Geschehnisse wären zweifellos zu heilen gewesen durch eine tolerante Gesprächsbereitschaft und durch die Ehrlichkeit der Herzen, die in sich selbst den eigenen Neid und die eigene Eifersucht erkannt hätten – stattdessen aber die ideologischen Notwendigkeiten einer Wahrheitsverteidigung vorschoben – möglicherweise sogar durch eine „naive“, weil unerkannte und unkontrollierte, Inspiration durch geistfeindliche Mächte.

Damit bin ich also zum eigentlichen Thema dieser Betrachtung vorgestossen, den Wirkungen, die der nun über hundertjährige esoterische Schulungsweg Rudolf Steines erbracht hat. Man muss hier vorsichtig sein, denn bis etwa Ende des vorigen Jahrhunderts gab es eine absolute Tabuisierung von eigenen inneren Erfahrungen – gültig war nur, was Steiner gesagt hatte, und das brachte manchen innerlich Erlebenden zum Schweigen. Am ehesten sind die Erfahrungen in der elementaren Welt bekannt und anerkannt worden. Aber von aussen gesehen, auch im Hinblick auf die Sekundärliteratur, scheint die Wirkung recht bescheiden. Eigentlich sind die Gründe alle schon genannt worden – von Rudolf Steiner selbst in den beiden angeführten ausführlichen Zitaten. Es ist, kurz gesagt, das Hängenbleiben in der Stufe der luziferischen Selbsterkraftung, die nicht überwunden wurde, um durchzustossen zu dem eigentlichen Ziel: dem von Christus gegebenen Höheren Ich. 1913, als der Vortrag gehalten wurde, konnte Rudolf Steiner noch auf den weiteren Fortschritt seiner Schüler hoffen – aber dann blieb alles doch bei den Reifezuständen des vierten Mysteriendramas stehen, auch die Gesellschaft. - Die hier luziferisch genannte Erkraftung des Selbstgefühls ist dem Schüler wohl bewusst. Er weiss, dass ein inniger Zusammenhang besteht zwischen diesem Selbstgefühl und seinen sozialen Bedürfnissen und seinem Verhalten. – Geschichte und Ethnologie lehren, dass mit der Zunahme der zivilisatorischen Möglichkeiten die ursprünglich sozialen Zusammenhänge im Sippen- und Volksbewusstsein sich lockerten zugunsten eines gesteigerten Individualbewusstseins, also Selbstgefühls. Dies aber ist seiner Natur nach asozial, denn es hängt unmittelbar mit Machtbedürfnissen zusammen, die nur zum Nachteil der Umgebung, also der anderen Iche, zu befriedigen sind, die aber ihrerseits unter gleichem Bedürfnisdruck stehen. Der anthroposophische Entwicklungsweg, selbst wenn er zunächst nur in interessiertem Literaturstudium besteht, steigert das Ichgefühl sehr, befriedigt die Selbstfindungswünsche. Das ist bald zu erleben, vor allem, wenn die Bewusstseinskräfte durch Konzentrationsübungen gesteigert werden. Man muss lernen, dies zu beobachten und zu unterscheiden von einem Selbsterleben, das gleichsam brüderlich verwandt ist mit dem Selbstgefühl der Mitmenschen. Auf diese Weise lernt man dann allmählich begreifen, dass es ein anderes Ich gibt, das in der Seele als höher platziert erlebt wird und identisch ist den Ichen der Mitmenschen. Allmählich wird es erlebt als ein Geschenk der geistigen Welt, das wunderbarerweise aber doch das unverwechselbare eigene Ich beinhaltet. Es darf vielleicht auch erkannt werden als das Ich des Christus – wodurch begreiflich wird, warum Steiner den Christus auch den „Menschheitsrepräsentant“ nennt. - Bis es so weit ist, vergehen wohl Jahre, in denen Fehler auf Fehler auf dem Entwicklungswege gemacht werden, und in denen wir offensichtlich noch immer drinnen stecken.

Das Zitat schloss mit einem Hinweis auf Luzifer und Ahriman. Damit ist angesprochen die hintergründige Wirkung nichtchristlicher Widersachermächte, wie sie Steiner in seinen Mysteriendramen dargestellt hat - und wie sie bisher unerkannt und ungenannt auch in den psychiatrischen Phänomenen ihre Rolle spielen. Die Intensität dieser Einflüsse bleibt uns meist verborgen, aber lässt nicht Steiner die Hauptfigur seiner Dramen – Thomasius – zum Okkultmörder werden, so wie Goethe seinen Faust unter dem Einfluss des Mephistopheles zum Mörder an Gretchens Bruder macht? („Nur zugestossen – ich pariere!“) Es muss der esoterische Schüler nicht nur die „Höheren Welten“ kennenlernen, sondern auch die Abgründe der Unterwelt - sogar die Begegnung mit der absolut bösen antichristlichen Macht ist karmisch mit der individuellen Christusoffenbarung verbunden. Denn seit Hitlers Einbruch in das Menschheitsschicksal wirkt die „Schule des Sorat“ verstärkt in der Gegenwart, und dem muss der christliche Geistesschüler in der Zukunft etwas entgegensetzen können, und er muss erkennen, dass diese Mächte auch bis in seine eigene körperliche Konstitution eine Rolle spielen – ja, dass er sie selbst als Bestandteile des eigenen körperlichen, seelischen und geistigen Seins erfahren kann – nicht anders, wie es im manichäischen Christentume schon sehr früh erkannt worden war. Im Hinblick auf Luzifer und Ahriman hat Steiner immer das Bild des Wagebalkens gebraucht, in dessen eine Wagschale Luzifer die erdenflüchtige Geistesbegeisterung legt und Ahriman in dessen andere seine erdenschwere Materie- und Mammongier. Dazwischen habe der Mensch im Drehpunkte des Wagebalkens, im Hypomochlion den christlichen Ausgleich selbst zu finden. Man vergleiche einmal die Härte und Schwere der hier nur so knapp dargestellten spirituellen Forderungen und Notwendigkeiten mit der Kunst des Schönschreibens, Totschweigens und Problemverdrängens unserer offiziellen Gesellschaftsorgane. Der um Klarsicht Ringende vermisst, um es kurz zu sagen, die immer wieder von Rudolf Steiner eingeforderte Ehrlichkeit, die allein der Wahrheit dient und keinerlei Rücksicht nimmt auf kollegiale oder genossenschaftliche Verbindlichkeiten.

Es liegt nahe, dass unbequemen Ehrlichkeits-Bedürftigen sehr bald der Ruf eines „Feindes der Anthroposophie“ angehängt wird. Wie viele Ausschlüsse der Tüchtigsten in der Gesellschaft hat es schon gegeben, wohl oft die intensivst Liebenden der Anthroposophie. Immerhin, die Zeichen eines Erwachen aus kollektiven Illusionen mehren sich. Ich erinnere z.B. als eine aufrüttelnd ehrliche Veröffentlichung den Aufsatz von: Lorenzo Ravagli „Anthroposophische Mythologeme – oder wie man mit dem Hammer denkt“ im „Jahrbuch für anthroposophische Kritik 1994“ - was dann natürlich als nicht diskutabel abgetan wurde. Und neuerdings gibt es von Gerhard v. Beckerath „Rudolf Steiners Leidensweg“ (Verlag für Anthroposophie). Und von Andreas Laudert „Abschied von der Gemeinde“ (Futurum-Verlag) ein Buch, das allerdings von Manchem als „allzu direkt“ empfunden wird. Laudert ist offensichtlich ein Souverän im Bereich der Bewusstseinsseele, ein „Tänzer“ zwischen den Sphären im Sinne von Nietzsches Zarathustra, und wird sicher von allen Nicht-Tänzern niedergemacht werden. (Rudolf Steiner zu den Heilpädagogen: „Werden Sie doch Tänzer! (GA 317, 10. Vortr.) - Und dann natürlich die Bücher von Judith von Halle, die anstelle von Kritik den Leser für Rudolf Steiner erneut enthusiasmieren will und ihn durch ihre eigenen Fähigkeiten bestätigen möchte..

Kann nach dieser niederschmetternden Bestandsaufnahme noch Heilend-Positives gesagt werden? Man versuche einmal, den atmosphärisch-aurischen Kontrast zu erspüren zwischen gutgeführten anthroposophischen und ebenso gut geführten nicht-anthroposophischen sozialen oder therapeutischen Einrichtungen. Danke, Rudolf Steiner – wieviel Menschliches holst Du heraus auch aus Menschen ohne „tiefere Einweihung“! Denn auch die wissen: Die finstersten Schatten gibt es nur dort, wo das hellste Licht strahlt. Die Hölle kämpft am erbittertsten gegen die Wahrheit.

Und auch können sie wissen: Rudolf Steiner hat in seinen letzten Lebens- und Vortragsjahren gerungen und geradezu gefleht um die Erarbeitung und Pflege eines „Herzdenkens“ innerhalb einer verantwortungsbewussten brüderlichen Gemeinschaft.
„So beginnt Anthroposophie überall mit Wissenschaft, belebt ihre
Vorstellungen künstlerisch und endet mit religiöser Vertiefung.“
(Vortr. 30.1.23. GA 257, „Anthropos. Gemeinschaftsbildung“).
„Endet mit religiösen Vertiefung“, in deren Mitte Christus steht. Das Daseinselement des Christentums ist die Liebe – daran soll der Christ zu erkennen sein. Ist es unzumutbar, sich im Falle von Streitigkeiten zu klärenden Gesprächen zusammen zu setzen?

Auf die völlige religiöse Offenheit und Neutralität des Erkenntnisbuches „Wie erlangt man...“ wurde schon hingewiesen. Zunächst geht es, wie wir gesehen haben, um eine Kräftigung des Selbstgefühls – wobei allerdings Luzifer kräftig nachhilft, sodass „dieses“ Ich dann allmählich als provisorisch und modellhaft empfunden wird. Es wird auch allmählich der Unterschied seines Lichtglanzes zu dem Glanze des oben „Christus-Ich“ genannten Seeleninhaltes erkannt werden – dieser ist sehr viel weniger aufdringlich - wie denn Christus in einer allmählich zu erlernenden „Unterscheidung der Geister“ dadurch erkannt und identifiziert werden kann, dass er sich – im Gegensatz zu den Dämonen – nie aufdrängt.

Gestehen wir uns also, dass wir stehen geblieben sind auf der ersten spirituellen Schülerstufe: einer hochwillkommenen Erkraftung unseres Selbstgefühls - wobei aber unser Blick noch nicht Luzifer als den Herren dieser egoistischen Sphäre erkennt. Damit allerdings verfehlen wir den Sinn unseres Dasein: ein freier Gehilfe der Götter zu werden, verfehlen unseren Auftrag in entscheidender Weltenstunde. Gerade dieses Freilassen bzw. Freigelassen-Werden ist ja für moderne, meist nicht religiös geprägte Menschen der Grund, warum sie sich – mit Begeisterung – der Anthroposophie anschliessen. Dann liegt es allerdings nahe, dass sie zur Vermeidung alles weiteren moralischen Druckes das christliche Element aus der Anthroposophie heraus. d.h. wegreformieren wollen, meist auf das Frühwerk Steiners hinweisend, als dieser sich zunächst selbst von katechetischen Fesseln befreien musste. Es ist leichter, Steiner auf eigene Augenhöhe zu verkleinern, als zu versuchen, sich selbst zu seiner Höhe zu erheben.

Zu den subtilen Faktoren unserer Gesellschaftsmentalität gehören auch noch meist unberücksichtigte Nischenphänomene. Das Internet z.B., in dem man zunächst völlig anonym seine Meinungen mit mehr oder weniger Gleichgesinnten austauschen kann, kann zu verblüffenden, ungewohnten Ehrlichkeitsbezeugungen führen – es gibt etliche in sich geschlossene anthroposophische Listen, in denen man erfahren kann, an welchen Ticks und Fixierungen Steiner bzw. besser: seine Kritiker - gelitten haben.. Auch lohnt sich das Studium von Kleinanzeigen, um „Steiner“ näher zu kommen – etwa wenn er für seine neue jetzige Inkarnation – übrigens eine nicht unauffällige Persönlichkeit - um Zuwendungen und Beachtung bittet. Und ähnliches, wenngleich subtiler, lässt sich auch auf anderem Niveau beobachten. Auch das passt ja noch gut in unsere von Ahriman und Luzifer abgesteckten und verminten Seelenregionen.

Wolfgang Garvelmann 22. Juli 2011