Das dritte Auge | Die Egoisten
Michael Eggert: Das dritte Auge
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Vorbemerkung

In den sechziger Jahren hat Dietrich Boie über die Zirbeldrüse gearbeitet und nach jahrelanger, von Freunden, Organisationen und Spendern gesponserter Arbeit das Buch "Das erste Auge" herausgebracht [1] , das heute wohl vergessen ist. Unterstützt wurde er damals von der Arbeitsgemeinschaft anthroposophischer Ärzte. Erstes Auge nennt er dieses Organ wegen seiner Bedeutung in der menschlichen Vorgeschichte: Weil "die Zirbeldrüse einst dem Menschenvorfahren die erste Brücke zur Sinneswelt schlug". Die Zirbeldrüse hat - das ist der Inhalt dieses Artikels- unterschiedliche Funktionen in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. In der Zukunft wird sie sich zum Organ des hellsichtigen ätherischen Schauens weiterentwickeln. Ihr Weg ist - in wechselnder Funktionalität für den Menschen - der einer Metamorphose.



Der Pinienzapfen

Die Zirbeldrüse ist heute - obwohl immer noch eine ganze Reihe von Aspekten ihrer Funktionalität als nicht geklärt erscheinen - bekannt als lichtempfindliches Organ, das auch mit der Steuerung bestimmter hormoneller Prozesse verbunden ist. Sie liegt am Dach des Zwischenhirns, ist von pinienzapfenförmiger ("Pinealorgan") Gestalt und hat etwa 12 mm Länge, 8 mm Breite und 4 mm Dicke. Die Spitze zeigt nach hinten unten. Systematische Forschungen werden erst seit den 40er Jahren des 20. Jahrhunderts angestellt. Es besteht gar kein Zweifel darüber, dass die Zirbeldrüse tatsächlich funktionell arbeitet. Immer wieder wurde bei diesem Organ an eines "des 6. Sinnes" gedacht. In den klassisch-griechischen medizinischen Schulen wurde es als Organ der geistig-seelischen Tätigkeit des Menschen angesehen. Diese Zusammenhänge will Dietrich Boie wenigstens ein Stück weit in seiner Arbeit verifizieren.



Der Zyklop

Es gibt eine Reihe von Äußerungen Rudolf Steiners über die Zirbeldrüse, die deren Bedeutung beleuchten, bevor der Mensch die eigentlich menschliche Gestalt annahm. Nach diesen Angaben muss die vormenschliche Gestalt für unsere Auffassung einigermaßen abenteuerliche Formen gehabt haben. Im Gegensatz zu den eigentlich tierischen Gestalten sollen diese Formen wesentlich weicher und bildsamer, aber deshalb auch entwicklungsfähiger gewesen sein. Die Tiere werden in dieser Sicht als in der Evolution früher "fertige" Organismen angesehen werden, die zwar stets schon optimal an ihre Umgebung angepasst " deshalb aber auch in der Evolution weniger flexibel waren. Die frühe Prägung innerhalb ihrer Arten führte zu einer gewissen evolutionären Erstarrung. In der von Steiner so bezeichneten hyperboräischen Zeit waren die menschlichen Vorformen pflanzenartige "Wärmegebilde", die ähnlich einer Blüte vorzustellen sind und die von inn
en heraus leuchtfähig waren.[2] In dieser Zeit gab es bereits eine rudimentäre Form eines seelischen Innenerlebens dieser Wesen. Diese Gebilde nahmen die Bewegungen um sich herum in einer Weise auf, dass sie diese nachvollzogen. Sie bildeten sie zunächst nur nach. Diese Kelche sind daher als "ein einziges Gehörorgan" vorstellbar. Später begannen auch Eindrücke des Hell und Dunkel eine innere empfindsame Reflektion zu erzeugen. Es entstanden "unbestimmte Gefühle" daran, die sich in "traumhaften Bildern" im Inneren fortsetzten. Diese Bilder bestanden vor allem in inneren Farbempfindungen, die aber rein innerlich hervorgerufen wurden und lediglich unterschieden zwischen angenehm und unangenehm. In dieser Zeit entwickelte sich für dieses Wahrnehmen, bei dem es noch keine Trennung zwischen Innen und Außen gab, eine Art Organ, das wohl mit einem lichtempfindlicher Fühler zu bezeichnen ist. Rudolf Steiner nennt es ein "heute nicht mehr vorhandenes Auge". In den Mythen der Frühzeit tauchte dises Ur-Auge auf in der Gestalt des Zyklopen. 
In der weiteren Entwicklung bis weit in die so genannte lemurische Zeit hinein wurde dieses Licht-Fühlorgan, das Seelisches unmittelbar mit den Wahrnehmungen verknüpft hatte, allmählich abgelöst durch die Entwicklung der Augen. Durch diese wurde das wahrzunehmen gelernt, was tatsächlich farbig um die Wesen herum vor sich ging. Damit verbunden waren leiblich weitgehende evolutionäre Schritte - auch im Sinne einer Individualisierung. Aus den leuchtenden, im Wasser schwebenden Blütenwesen waren molchartige Gestalten geworden.



Wie eine Laterne

In weiteren Vorträgen [3] spezifiziert Steiner diese Ausführungen weiter. Er sagt, dass die Augen zwar von vornherein angelegt, aber nicht aktiv gewesen wären.
Die Augen öffneten sich in dem Maß, in dem das Organ, das wir heute rudimentär als Zirbeldrüse kennen, seine Funktion einstellte. Die frühen Formen der Zirbeldrüse sind vorstellbar als das universelle Sinnesorgan. Schwimmende Wesen trugen aus ihrem Schädel herausragend diesen sich nach außen öffnenden Fühler -wie eine Laterne. Die Wesen konnten damit Lichtwahrnehmungen haben, über weite Entfernungen hinweg Temperaturunterschiede bemerken, aber wohl auch Gefahren und unangenehme äußere Erscheinungen differenzieren. Dieser Fühler war ein allgemeines Wahrnehmungsorgan, ohne weitere Differenzierung. Bei bestimmten Sonnenstellungen vermittelte er dem Körper, da -Sinnesempfänglichkeit und Fortpflanzungsfähigkeit eines waren, Impulse, sich zu reproduzieren. Diese Wesen reproduzierten sich auf ungeschlechtliche Weise. Rudolf Steiner weist darauf hin, dass diese archaischen Zusammenhänge zwischen Lichteinwirkung, Sonnenstand und Reproduzierbarkeit sich bei bestimmten Meerestieren (z.B. Palolowürmer) bis heute erhalten haben.
Die sich im Laufe der Lemuris entwickelnden Molchformen lebten in den Mythen fort im Bild des Drachen. Die Fontanelle, die beim Neugeborenen auch heute geöffnet ist, bezeichnet die Stelle, an der dieses zum kleinen Zapfen degenerierte Organ in diesen frühen Zeiten aus dem Schädel ragte.



Fluchtreflexe, Licht und Keimdrüsen

Viele niedere Wirbeltiere, insbesondere Amphibien, besitzen ein Nebeneinander von Augenfunktion und Aktivitäten des Pinealauges. Experimente beweisen, dass bei Eidechsen, denen dieses Organ operativ entfernt worden ist, die Fluchtreflexe erheblich reduziert sind. Zudem entwickeln sich diese geschädigten Tiere weniger, erkranken schneller und setzen sich wesentlich intensiver direkter Sonnen- und Wärmewirkung aus. Es gibt auch eine Wechselwirkung zwischen der Veränderung der Hautfarbe und der Funktionalität des pinealen Licht-Wärmeorgans. Da die Zirbeldrüse unter der Haut des Schädels liegt, handelt es sich um eine reine Hell-Dunkel-Wahrnehmung, nicht um eine differenzierte optische Wahrnehmung. Bei den Säugetieren gibt es diese Funktionen überhaupt nicht mehr. Hier ist die Funktion der Zirbeldrüse vollkommen abgelöst durch die Augen. Das Pinealorgan hat sich bei den Säugetieren zu einer rein innersekretorischen Drüse umgewandelt, die die Produktion des Melatonins steuert. Dieses Hormon wirkt auf Keimdrüsen, Schilddrüse, Hypophyse und Nebennieren. Beim Menschen enthält die Zirbeldrüse außerdem hohe Anteile von Serotonin. Zu betonen ist, dass das Licht bei Säugetieren und Menschen nicht mehr unmittelbar auf die Zirbeldrüse einwirkt. Die Bildung des Melatonins in der Zirbeldrüse bedarf also der Wahrnehmung des Lichts durch die Augen. Andererseits ist die Wirkung des Lichtorgans Zirbeldrüse durch die Bildung des Melatonins auf die Keimdrüsen erhalten geblieben. -Die Höhe des Melatoningehaltes beeinflusst die Tätigkeit der Keimdrüsen [4] . Die Zirbeldrüse koordiniert also -im Sinne einer biologischen Uhr- nach wie vor biologische Rhythmen des Menschen mit dem Licht- also mit dem Wechsel von Tag und Nacht. Sie tut dies aber nicht allein, und sie kann es auch nur mit Einschränkung- der Mensch ist in der Lage,  seine Rhythmen zu individualisieren und sich von den kosmischen Rhythmen des Lebens auch zu emanzipieren.



Neunaugen

Das dritte Auge hat seine einstige Bedeutung weitgehend verloren. Rudolf Steiner sieht in dessen archaischen Vorformen nicht nur das Ur-Wahrnehmungsorgan, sondern den Keim der gesamten Gehirnentwicklung. Aus dem ursprünglichen Vibrationsfühler wurde ein Lichtorgan, das immer deutlichere und individuellere seelische Eindrücke vermittelte. Im Gegensatz zu den Augen, die dem individuellen Wesen zumindest ansatzweise ein fokussierbares Äußeres -  -das Andere - gegenüberstellen, witterte dieses umfassende Sinnesorgan wohl das Seelische der gesamten Umgebung, ohne dass es in den Wesen zu einer differenzierten Wahrnehmung hätte kommen können. Mit der Entwicklung des Sehsinns verkümmerte das Licht-Wärmeorgan. Beim Übergang vom Larven- ins Fischstadium der Neunaugen kann auch heute noch das Verschwinden des archaischen Scheitelauges hin zu den entwicklungsgeschichtlich späteren seitlichen Augen der entwickelten Fische beobachtet werden.



Kleine Steinchen

Eine weitere Beobachtung der Physiologie der Zirbeldrüse zeigt, dass sie in sich den sogenannten Zirbelsand bildet. Sie ist damit das einzige Organ, in de
m Steinbildung -Mineralisierung- nicht als krankhafter Prozess zu verstehen ist. Dieser Zirbelsand kann sogar die Größe einer Erbse erreichen. Er ist korallenartig oder gewinnt oft die Form einer kleinen Brombeere. Die Menge dieser Steine nimmt mit dem Alter zu, ist aber nicht immer nachzuweisen. Es gibt ein ursprüngliches Teil, das kein Calcium enthält - um das sich aber herum allmählich Kalk ablagert. Die Zirbeldrüsen von Kindern zeigen sehr selten solche Steinbildungen. Die Steinchen lagern sich vorwiegend in der Spitze der Zirbeldrüse an. Sie haben die Konsistenz etwa von Knorpel. Mit diesen Ablagerungen wird die Zirbeldrüse im Röntgenbild sichtbar. Der Schatten der Steine liegt genau in der Mitte des Schädels. Bildlich gesprochen, entwickelt sich inmitten der Rudimente dieses alten Wahrnehmungsorgans also eine Art kristalliner Struktur. Die Frage ist, ob dieser Steinbildung auch eine Funktion zuzuordnen sein könnte


Ätherische Salz- und Bewusstseinsbildung

Die Bildung des Gehirns und der Nerven insgesamt kann anthroposophisch als ein  Prozess der Salzbildung bezeichnet werden. Aus "dem flüssigen Zustande heraus" werden diese "festen Organe" herausgeformt. Dieser Übergang kann als ein Rückzug der reinen, organgebundenen Lebenskräfte (Ätherleib) verstanden werden.

Nach diesem Rückzug der Lebenskräfte ist das Gewebe der Nervenzellen nicht mehr in der Lage, sich zu vermehren oder zu regenerieren. Dieses Ersterben scheint unabdingbare Voraussetzung dafür zu sein, dass sich Gewebe "zur Sinneswelt und zum Denken hin" [5] orientieren kann. Im Denken und Wahrnehmen hat das Organische keinen Platz: Die Lebensorganisation weicht, "wenn die Tätigkeit des Denkens auftritt, zurück; sie hebt ihre eigene Tätigkeit auf, sie macht einen Platz frei; und an dem freigewordenen Platz tritt das Denken auf" [6] .

Diesen ätherischen Salzbildeprozess zur "Raumschaffung" für das Denken, das den gesamten Nerven- und Gehirnprozess betrifft,  tritt in der Zirbeldrüse exemplarisch und zentral auf. Es gibt Äußerungen von Rudolf Steiner [7] , die sich so verstehen lassen, als würde dieser gesamte Salzbildeprozess von der Zirbeldrüse gesteuert. Die Zirbeldrüse hat also anscheinend eine bisher weitgehend übersehene zentrale Bedeutung für die Bewusstseinsentfaltung überhaupt. Sie macht, wenn man sie in diesem Sinne versteht, die "Bildekräfte des Gehirns leibfrei" [8]


Die nicht mehr organgebundenen ätherischen Kräfte, die in diesem Sinne damit leibfrei geworden sind, werden damit zu potentiellen Kräften des Bewusstseins, die sich an den "versalzten" leiblichen Organen spiegeln können. Diese freien ätherischen Gestalten können damit ergriffen werden. Besonders signifikant zeigt sich dieser Prozess beim allmählichen Übergang zur Schulreife des Kindes bis hin zum siebten Leb
ensjahr. Der Prozess der Kristallisierung der Zirbeldrüse setzt sich aber, wie oben erwähnt wurde, weiter bis ins Alter hinein fort. Der Mensch hat also zwei Gestalten seines Lebenskräfteleibes: Eine organgebundene - und eine leibfreie, die dem Gedächtnis, dem Denken und der Wahrnehmung dienen kann.

Speziell der Zirbeldrüse, die Rudolf Steiner auch als "kleinen, edlen Teil des Gehirns" [9] bezeichnet hat, kommt dabei eine besondere Veredelung und Verfeinerung zu. Die Entwicklung dieses Wahrnehmungsorgans steht erst am Anfang. Dietrich Boie vermutet, dass hier der Ansatz der Arbeit des "bewussten Ich am physischen Leibe" ansetzt: Aus diesem "innersten Kern seines Wesens heraus" ist er in der Lage, "seine Schalen oder Hüllen diesem Kern gemäss" [10] umzugestalten. Das in diesem Sinne umgestaltete individuelle Seelische wird von Rudolf Steiner Geistselbst genannt. In den kristallinen Salzprozessen der Zirbeldrüse, in "diesem mineralischen Einschluss liegt eigentlich der Geistesmensch" [11]


Metamorphose

Die bisher geschilderten Vorgänge und Verwandlungsprozesse des Lichtorgans sind im Bild einer Metamorphose zu erfassen: Das elementarste, archaischste Wahrnehmungsorgan von Urformen des menschlichen Leibes ist im Laufe der Evolution überwunden worden. Es ist bei Säugetieren und Menschen zu einer endokrinen Drüse geworden, mit der hormonelle Prozesse gesteuert werden. Zugleich hat aber in diesem pinealen Organ im Menschen eine Entwicklung stattgefunden, die durch die "Kristallisation" oder Salzbildung zu beschreiben ist. Dient dieser Prozess der Befreiung leibgebundener Kräfte ganz allgemein im Menschen der Bewusstseinsbildung, so tritt dieser Prozess in der Zirbeldrüse in besonders feiner und reiner Form auf. Es stellt sich die Frage,  welche Art von Bewusstseinsprozessen dann hiermit angesprochen sein könnten.


Die Insel der Edelsteine

Okkult betrachtet, entspricht das Pinealorgan nicht dem Chakra, das man gemeinhin mit dem dritten Auge auf der Stirn verbindet. Der abgebildete Buddha aus Burma beschreibt die Lage dieses okkulten Wahrnehmungsorgans: Zapfenartig ragt es von der Fontanelle aus nach oben. Dieses Organ entspricht in der östlichen Tradition also nicht der zweiblättrigen Lotosblüte im Stirnbereich des Hauptes, sondern der tausendblättrigen [12] . "Die organische Grundlage dieser Lotosblume ist die Zirbeldrüse (Epiphyse), ein in alten Zeiten sehr regsames Organ, welches beim heutigen Menschen verkümmert ist. Durch den Schulungsweg wird dieses wieder entwickelt und zum hellsichtigen Organ werden.(...) Im Scheitelchakra sind wir mit allen himmlischen Hierarchien bis hinauf zum göttlichen Urgrund verbunden. Auch der persönliche Engel wirkt über diesen Strom..." [13] .

Aus Äußerungen Rudolf Steiners zu diesem Zusammenhang wird aber auch deutlich, dass dieses Scheitelchakra nicht nur nicht mit der physischen Zirbeldrüse gleichzusetzen ist, sondern dass es stets zusammenwirkt mit der Hypophyse: "Wenn die Schleimdrüse (Hypophyse) die Zirbeldrüse (Epiphyse) mit goldenen Fäden umströmt, dann ist der Zeitpunkt gekommen, wo die Umwandlung des Astralkörpers zum Geistselbst" [14] fortgeschritten ist.

In der okkulten Tradition wird festgestellt, dass die "Zirbeldrüse (..) zur Region der "1000-blättrigen"" gehört, "der nach seiner Lage im Haupt auch Scheitellotus genannt wird. Die Yogalehre sagt, dass Sahasrara am Ende des mittleren Rückenmarkstromes (Sushumna) liegt. Der Strom war von "Feuernatur"; er ist saturnisch und führt auch zu dessen Zentrum unter dem Scheitel im Hinterhaupt. Im Gegensatz zu den anderen Chakras haben die Blätter, auch wenn Bewusstsein in die Zentren geschickt wird, die Tendenz nach unten. Die Tonsur der Mönche hat wahrscheinlich mit dem äußeren Ansatzpunkt des Zentrums zu tun" [15]. Auch dieser Autor bestätigt: "Die Zirbeldrüse ist nach den Geheimlehren verschiedener Schule ein verkümmertes Leuchtorgan, der Rest jenes dritten Auges des Menschen (Parietalauge). Es ragte über das Haupt hinaus und ist nach der Verfleischlichung der Gehirnprotuberanzen zu den "Lappen" nach innen genommen worden. Es ist heute ein kirschkerngroßes Gebilde, das seiner Auferweckung harret" [16] . Schwärmerisch führt Bohm weiter aus: "Dieser Lotos war so etwas wie ein Zeugungsorgan der Götter. Er wurde von außen geschlossen, als sich die Götter zurückzogen. Von innen her, vom Menschen aus, muss dies Dach der Welt geöffnet werden".

Bemerkenswert erscheint mir, dass diese, aus östlichen Traditionen gespeisten Bilder, auch darin mit dem oben bezüglich der "Kristallisation" und "Versalzung" Geschriebenen zusammenklingen, als dort vom Yogi, der seine Erleuchtung in der tausendblättrigen Lotosblume findet so gesprochen wird: Er finde dann die ""Insel der Edelsteine" in seinem Haupt" [17] , den "juwelengeschmückten Altar" oder den "Thron des Guru". Der "edle Stein", der "Kristall", das "Salz" inmitten des uralten Lichtorgans wurde hier also prophetisch bereits erfasst.



Die Ätherisation des Blutes

In der östlichen okkulten Tradition wird in Zusammenhang mit der tausendblättrigen Lotosblume davon gesprochen, dass "man es mit zwei polaren Strömungen zu tun hat". Obwohl das Blut vom Herzen abwärts fließe, ströme eine davon nach oben. Sie wird vorgestellt als "um das Rückenmark aufwärts" strömend. Es handelt sich um vegetative Kräfte, die dem Menschen nur wenig bewusst sind. Dagegen ströme "der andere Strom vom oberen Pol des Ordnung und Erkenntnis schaffenden inneren Lichtes". Diese Ströme begegnen sich im Herzen und erzeugen Wärme und "weisheitsvolle Einsicht". Die von unten strömenden Kräfte werden in dem Bild des Feigenbaums imaginiert. Die erwachende Herzregion wird von Bohm als der Bereich des "Sohnes", der eigentlichen Christuskräfte bezeichnet.

Dennoch können die aus den östlichen Traditionen geschilderten Strömungen als nicht mehr zeitgemäß bezeichnet werden. Denn die der traditionellen Kundalinikraft entsprechende aufsteigende Linie ist, wie auch Bohm feststellt, von unklarem Seelischen und unbewusst Affektivem durchsetzt. Sie ist daher heute wenig geeignet, dazu zu dienen, dass die reinsten Kräfte sich im Organ des Scheitels verbinden könnten. Man kann heute jedenfalls von diesen Kundalinikräften nicht ausgehen.

Rudolf Steiner beschreibt dagegen einen reinen Strom, der aus dem Freiwerden der organgebundenen ätherischen Kräfte im Blut ausgeht. Der Prozess beginnt im Bereich des Herzens nach oben: "Das physische Blut "ätherisiert" sich, es verwandelt sich zurück in Äther" [18] . "Der Strom des ätherisierten Blutes umströmt und umsprüht während des Wachzustandes fortwährend die Zirbeldrüse. Ohne diesen Strom, der von der Zirbeldrüse aus auf das ganze Gehirn wirkt und über die physische Umgrenzung des Kopfes ausstrahlt, wäre der Mensch unfähig,
Gedanken zu denken, die über die Bedürfnisse seines Leibes hinausgehen". Es sind dies die nicht mehr organgebundenen ätherischen Kräfte, die die Grundlage bilden für Wahrnehmung und Bewusstsein überhaupt. Damit wird der Ätherleib dem physischen Leib gegenüber selbständig " eine Entwicklung, die von Generation zu Generation fortschreitet: Ein Exkarnationsprozess.

Der freigewordene "Ätherkopf" wird von der Zirbeldrüse wie von einer Spitze gehalten; sie bildet das Zentrum. Bei dem Bilden von Erinnerungsvorstellungen wird von dieser aus eine Bewegung "nach unten" eingeleitet, in der die erworbenen Vorstellungen wieder in die leibgebundenen ätherischen Kräfte hinein eingebunden werden. Eine weitere Strömung von unten nach oben ist weniger ätherischer Natur; sie bringt vielmehr die organischen " unbewussten- Wahrnehmungen bis zu einem gewissen "geringen- Grad zum Bewusstsein. Dieser Informationsfluss kulminiert in der Hypophyse und regt hormonelle Steuerungsprozesse an. Die Hypophyse ist daher der "Außenposten" des sympathischen Nervensystems im Gehirn. Die Hypophyse repräsentiert also eigentlich die innerleiblichen, organgebundenen Prozesse, die Epiphyse die leibfreien Bewusstseinsprozesse.

Im Zusammenspiel zwischen Hypo- und Epiphyse begegnen sich also eigentlich Leib und Geist des Menschen, freie und gebundene Lebensenergien. Zu Recht wird die Lösung des existentiellen Widerspruchs zwischen diesen Polen in der Entfaltung des Scheitelchakras als eine dem heutigen Menschen noch recht fern liegende Aufgabe bezeichnet. Er wäre heute gut beschäftigt mit der Erfahrung der reinen Lebensströmen, wie sie in der Ätherisation des Blutes geschehen. Denn diese "reine Ätherströmung" ist durchaus auch "durchsetzt und getrübt von den Wirkungen der Irrtümer, Gewohnheiten, Affekte, Leidenschaften" [19] . Andererseits führt die Wahrnehmung und bewusste Sammlung dieser Ätherströme " zunächst vor dem Stirnchakra " auch zu Erfahrungen, die Mut zu den ersten Schritten in einen persönlichen meditativen Erfahrungsweg hinein machen. Damit verbunden sind die Möglichkeit einer leibfreien Erfahrung der eigenen Entität. ‹berhaupt liegt in der Entwicklung und Selbständigwerdung des "Ätherkopfs" heute die "neue, zu dem Ichbewusstsein hinzutretende Fähigkeit, die ätherische Umgebung mit dem selbständig gewordenen Ätherleib wahrzunehmen" [20] , begründet. Zu dieser "ätherischen Umgebung" gehört wohl auch der heilende, erhebende und auch tröstende Auferstandene.


Apokalypse now

Merkwürdig klingt das ja schon, wenn Steiner sich anschickt, Hinweise darauf zu geben, "gewisse Organe im Innern zu entwickeln" [21] . Aber erstens sind diese Mitschriften von esoterischen Stunden für Suchende, Übende und Sich- Schulende im Nachhinein als Zusammenfassungen entstanden, und zweitens mag man durch die Merkwürdigkeiten hindurch doch auf Faszinierendes schauen, was er über unser Thema zu sagen hat. Schließlich will er uns befähigen, "die höheren Welten selbst zu erleben".
Die erste Lektion klingt einfach: Organe entstehen nur durch Tätigkeit. Er veranschaulicht das am Beispiel der Entwicklung der Augen, was uns sofort in unser Thema führt:

"Es gab eine Zeit, wo wir alle noch keine Augen hatten. Damals bewegte sich der Mensch schwebend- schwimmend in einem wässrigen Urmeere. Da hatte er, um sich zu orientieren, ein Organ, das heute nur noch als Rudiment vorhanden ist. Es ist dies die sogenannte Zirbeldrüse. Sie liegt oben auf der Mitte des Kopfes, etwas nach innen gestülpt. Bei manchen Tieren kann man sie sehen, wenn man die Schädeldecke abhebt. Mit diesem Organ konnte der Mensch der Vorzeit wahrnehmen, ob er sich einem nützlichen oder schädlichen Dinge näherte. Vor allem war es ein Organ zur Wahrnehmung von Wärme oder Kälte. Wenn damals die Sonne auf die Erde herabschien, so konnte der Mensch sie zwar nicht sehen, aber die Zirbeldrüse zog ihn hin zu den Stellen des wässrigen Meeres, wo die Sonne das Wasser erwärmte. Und diese Wärme gab ihm ein Gefühl großer Seligkeit. An solchen Stellen verweilte der Mensch lange und kam weit an die Oberfläche, so dass die Sonnen strahlen ihn treffen konnten. Und dadurch, dass die Sonnenstrahlen direkt auf seinen Körper fielen, wurden unsere heutigen Augen gebildet. Zweierlei war also nötig, damit Augen entstehen konnten: Einmal musste die Sonne herabscheinen, andererseits aber mussten die Menschen auch herzuschwimmen zu den von der Sonne erwärmten Stellen und sich der Sonne aussetzen. Hätten die damaligen Menschen das nicht getan, sondern sich gesagt: Ich will nur das entwickeln, was schon in mir liegt -, so hätten sie zwar eine immer größere Zirbeldrüse entwickeln können, ein Scheusal von einem Organ, aber Augen hätten sie nie bekommen". [22]

Dieser didaktisch- methodische Hinweis kommt an: Es kann sich nur etwas tun, wenn man etwas dafür tut. Im gleichen Zusammenhang aber kommt er auch unvermittelt ins apokalyptische Fahrwasser und spricht kryptisch über die Zukunft der Zirbeldrüse:

"Jedes Organ, das eine Vergangenheit hatte, wird auch eine Zukunft haben. Auch die Zirbeldrüse wird in der Zukunft wieder ein wichtiges Organ. Und diejenigen, die in den esoterischen Schulen sind, arbeiten schon jetzt an ihrer Ausbildung. Die Übungen, die wir erhalten, wirken nicht nur auf den Astral- und Ätherleib, sondern auch auf die Zirbeldrüse. Und wenn die Wirkung sehr eingreifend wird, so geht sie von der Zirbeldrüse aus in die Lymphgefäße und von da ins Blut. Aber nicht nur diejenigen, die jetzt okkulte Übungen machen, werden in der Zukunft eine ausgebildete Zirbeldrüse haben, sondern alle Menschen. Und bei den Menschen, die die böse Rasse ausmachen werden, wird sie ein Organ für die schlimmsten und schrecklichsten Impulse sein und so groß sein, dass sie den größten Teil des Leibes ausmacht. Wie man viele Mücken aus der Entfernung als Mückenschwarm sieht, so würde man dann, da so viele drüsenartige Menschenkörper auf der Erde herumwandeln werden, die Erde selbst als eine große Drüse vom Weltenraum aus schauen können. Bei denjenigen aber, die ihre Zirbeldrüse in richtiger Weise ausbilden, wird sie ein sehr edles und vollkommenes Organ sein" [23]  


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[1] Dietrich Boie, Das erste Auge. Ein Bild des Zirbelorgans aus Naturwissenschaft, Anthroposophie, Geschichte und Medizin. Stuttgart 1968
[2] Rudolf Steiner, Vortrag vom 9.9.1908
[3] 24.9.1907 und 11.8.1908
[4] Boie, S. 26
[5] D.B., S. 42
[6] Rudolf Steiner, Philosophie der Freiheit, Kap. IX
[7] Vortrag 24.10.1922 in Dornach
[8] D.B. S. 46
[9] Vortrag vom 25.3.1913 in Den Haag
[10] D.B. S. 47
[11] Vortrag vom 28.10.1923 in Dornach
[12] auch achtblättrige oder Scheitelchakra genannt
[13] Heide Oehms, "Gesetzmäßigkeiten der Geistesschulung", in L. Ravagli (Hrsg): Jahrbuch für anthroposophische Kritik 1997
[14] Rudolf Steiner, GA 264, S. 196
[15] Werner Bohm, "Chakras- Lebenskräfte und Bewusstseinszentren im Menschen", München 1953
[16] Werner Bohm, "Chakras"
[17] Werner Bohm
[18] Boie, S. 55
[19] Boie, S. 57
[20] Boie, S. 52
[21] Rudolf Steiner, "Anweisungen für eine esoterische Schulung", GA 245
[22] "Anweisungen..." S. 104
[23] "Anweisungen...." S. 105