Nicht- Bemühen | Die Egoisten
Der Augenblick des vollkommenen Nicht- Bemühens


Die Ruhe finden, sollte kein Problem sein, denn sie ist ja da. In der Mitte unseres Lebens wartet eine zeitlose Ebene. Es ist wohl auch so, dass jeder Mensch das weiss, denn man kommt aus dieser Ruhe und man wird auch wieder in sie eingehen. Jede Nacht ruht man in ihr, denn nur aus ihr kann Lebendiges entspringen. Sie ist unser Regenerationsquell, die Essenz unseres Seins.

Es sollte kein Rätsel sein, sie zu entdecken. Sie ist der zelluläre Puls, die Ordnung unserer reinen Existenz. Dennoch sind selbst unsere Bemühungen, sie zu greifen, hektisch. Wir leben in einer Blase, die aus Selbstgefühlen besteht. Die Welt, so wie wir sie sehen, ist aus dem Spiegeln der Innenoberfläche dieser Blase gebildet und geprägt. Es ist eine Art mittelalterlicher Glaube, die Welt sei so, wie wir sie sehen. Dabei ist der grösste Teil dessen, was uns geschieht, Teil einer Selbstinszenierung, in der wir selbst gefangen sind.

Es ist gut, die Ruhe zu suchen, aber zunächst ist es ein paradoxer Wunsch. Die Blase wünscht sich, nicht mehr Blase zu sein. Dabei hat sie vor nichts anderem mehr Angst, als nur einen Augenblick nicht zu sein. Man muss mächtige Hilfskonstruktionen aufbringen, Religiöses, Mystisches, Ideologisches, um eine Möglichkeit zu finden, all diese selbstbezogenen Gefühligkeiten und Konstrukte für einen Augenblick zu überwinden. Es geht dabei aber nicht um die religiösen, mystischen, ideologischen Inhalte, mit denen wir uns umgeben mögen, sondern um die Anstrengung, derer es bedarf, sich damit zu beschäftigen und es auch wieder zu überwinden.

Es gibt in diesen paradoxen Anstrengungen doch kurze Momente des Aufmerkens. Es gibt einen Augenblick jenseits der Verkrampfungen, Anstrengungen und Bemühungen. Es ist der paradoxe Augenblick des vollkommenen Nicht- Bemühens, des konzentrierten Loslassens. So etwas passiert einem zufällig, mehr oder weniger. Man darf es als Geschenk auffassen. Man kann es auch - im anthroposophischen Sprachduktus- als „Umkehrung des Willens“ bezeichnen.

Ich habe das als ganz junger Erwachsener einmal erlebt, als ich von einer Darmgrippe geschüttelt in einer Krypta in Florenz ein Konzert hörte. Wenn man die Ruhe einmal gefunden hat, erinnert man sich an sie. Wir kommen ja aus ihr, wir haben es nur zeitweilig vergessen. Einen Augenblick des vollkommenen Einklangs kann einem nie mehr jemand nehmen, nicht einmal man selbst. Man weiss nun, dass es das gibt. Aber wie findet man den Zugang? Man kann einen solchen Augenblick nicht einfach rekonstruieren. Es war dieser Augenblick, man kann ihn nicht kopieren. Wie kann man etwas derart Flüchtiges wie einen Augenblick wieder erhaschen?

Es bedarf dann einiger Mühen, das Nicht-Bemühen so zu entwickeln, dass man in jedem Augenblick in die Zeitlosigkeit wechseln kann, und selbst bei fortgeschrittenen Personen türmen sich immer neue innere Widerstände dagegen auf. Man erlebt das ja nicht als Fortschritt, sondern auch als Selbstentlarvung. Jeder Fortschritt ist in dieser Hinsicht auch ein Rückschritt, da man immer archaischere, simple seelische Muster in sich entdeckt. Der ganze ideologische Überbau ist nichts gegen die Simplizität, mit der man sich selbst zurecht strickt. Diese Erkenntnis macht bescheiden. Sie macht auch das verrückte Strampeln der Leute um uns herum verständlich. Empathie ist die Erkenntnis, dass man genauso verstrickt ist. Wir stecken jeder für sich in seiner Blase fest.

Aber wenn die Ruhe etwas Raum in uns findet, wenn der bebende seelische Apparat regelmäßiger und dauerhafter ruhig wird, dann ist es schon, als ob etwas greifen würde- die Schwingungen der Ruhe stammen aus unseren biologischen Tiefen. Wenn wir diese berühren können, ruhen wir am Pulsen unserer Quellen. Wenn wir der Ruhe erlauben können, sich in unserem Handeln zu entfalten, lösen sich die Wände der Blase etwas auf- nicht und bei niemandem gänzlich, aber sie werden immerhin porös.

Das Fußfassen der Ruhe in unserem Handeln ist das Erwachen des Geistselbst.