Aletheia | Die Egoisten
Aletheia


„Das ganze Neue Testament steht ja im Zeichen der Aletheia, der Unverborgenheit…“, schreibt Georg Kühlewind in „Das Reich Gottes“ (S. 65). Aber schon im Leben Christi bestand ja das Problem seiner Zeitgenossenschaft darin, dass das sich enthüllende Wesen missverstanden und nicht (oder kaum) erkannt wurde. Die Erwartung an den Messias gestaltete sich „ganz äußerlich“: „Man erwartete und hoffte auf ein äusseres Reich, eine äussere Veränderung der Welt, der Umstände, des Lebens.“ Nicht nur Judas, der zu Unrecht Vielgescholtene, erhoffte ja in Jesus einen Sozialrevolutionär. Eingepfercht zwischen Besatzern und einer allmächtigen religiösen Kaste erwartete nicht nur Judas einen politischen Ruck: Am ersten Sonntag der Karwoche wünschte das ganze Volk eine politische und soziale Kehrtwendung von Christus, als dieser umjubelt und frenetisch empfangen in Jerusalem einritt. Das „innere Königtum“ Christi wurde nicht gesehen.

Wem wollte man das verübeln? Wie können wir die verborgene Intentionalität erfassen?
Wir müssten uns
erinnern. Denn die Fähigkeit, Intentionalität rein geistig zu erfassen, hatten wir als Kleinkinder. Anders als durch Symbiose, durch Aufnehmen im Sinne der Aletheia kann kein Kind Sprache erlernen. Die Begriffe sind anders gar nicht zu erlernen als eben dadurch, denn das Kind kann weder Definitionen noch sprachliche Herleitungen verstehen. Es erfasst die Bedeutung von Begriffen einzig durch Aufnahme der Intention des Sprechenden.

Diese „empfangende Aufmerksamkeit“ (Kühlewind) steht dem Erwachsenen nicht mehr von selbst zur Verfügung. Aletheia kann nur durch „Wandlung der menschlichen Fähigkeiten“ realisiert werden. Das verborgene „innere Königtum“ bezieht sich nun allerdings auch auf uns selbst. Wir sind uns selbst zum Rätsel geworden.

Nun war in Bezug auf Christus die Stunde seines grössten Triumpfes - der Einritt in Jerusalem- gleichzeitig auch die Stunde des tiefsten Missverständnisses. Vielleicht ist das auch so in unseren persönlichen Biografien. Vielleicht stehen wir uns gerade dann am fernsten, wenn die Erfolge am grössten sind. Nicht umsonst gilt das Bonmot, dass die grössten persönlichen Katastrophen entweder im Scheitern unserer Intentionen oder aber eben in deren Realisation liegen. Umjubelt, anerkannt, gefeiert stehen wir uns fremd gegenüber.

Die Unverborgenheit lebt in der Stille, auch wenn man in ihr ganz öffentlich wirkt. Sie ist allerdings auch nicht - ein weiteres Missverständnis - abhängig von einer „Überwindung des Ich“ im Sinne alter Mysterien und fernöstlicher Praktiken: Man verliert das „Ich-bin-Prinzip“ nicht, „im Gegenteil: Das Königtum bedeutet, dass die
erneuerte (sic!) Fähigkeit des Empfangens der oberen Botschaften gerade durch die Individualisierung der bisher überbewussten Logoskräfte, durch die entstehende höhere Ichhaftigkeit vor sich geht.“ (Kühlewind, dito)