Zypresse | Die Egoisten
Hans-Peter Dieckmann: Der Zypressenbaum im Hof



“Der Zypressenbaum im Hof“ ist ein Meditationssatz von Georg Kühlewind. Ich kann mir den Baum als blaue Säulenzypresse vorstellen, aber auch grün oder gold-gelb, um mich dann auf meine Vorstellung zu konzentrieren, mit der ich die blaue Säulenzypresse mitten in einen Hof voller Sonnenlicht stelle, der von weiß getünchten Häusern begrenzt wird. Ich kann, also habe ich die Wahl, auch in Bezug auf die Gestaltung des Hofes. Mir fallen meine Gestaltungsmöglichkeiten auf, doch schnell richte ich meinen Fokus wieder auf das Thema, wobei aber mitschwingt, dass es meine Gestaltungsmöglichkeiten auch begrenzt. Es geht schließlich um einen Zypressenbaum im Hof, nicht um eine Birke auf freiem Feld. Beim Denkblick auf meine Zypressen- und Hofwahl beginnt mir etwas von deren Urbildern durchzuschimmern, die sich verschieden konkretisieren lassen. Nur warum habe ich mich für eine blaue Säulenzypresse und diesen mediterranen Hof entschieden? Eindeutig weil ich sie besonders liebe, fällt mir jetzt auf. Dabei bin ich mir nun auch bewusst, dass ich im Hintergrund Antipathiegebärden vollzogen habe, denn meine Wahl war eine Bevorzugung. Je mehr ich mich wieder von mir fort und in Richtung Urbildersphäre bewege, desto stärker verwandeln sich meine Ablehnungen in reine Möglichkeiten, für die ich mich genauso gut entscheiden könnte. Ich bin eben nicht mehr der Vorstellende vom Beginn meiner Übung, mit dem Durchschimmern des Urbildhaften des Meditationsthemas habe ich zugleich für mich mehr Freiraum gewonnen.

Soll ich mich auf den Weg in die Urbildsphäre aller Zypressen begeben: vom Abbild über seine Umbildungen mit ihrem Inbild und schließlich zum Urbild pur? Meine erste Vorstellung einer Zypresse war ein Abbild ihres Urbildes. Zu dem Abbild hatte ich schon verschiedene Umbildungen angedacht, wobei ich mich am mitgedachten Inbild aller Zypressen orientierte, das eigentlich schon ihr Urbild ist, aber noch von allen Zypressenformen losgelöst erfahren werden kann.

Ich entscheide mich anders und konzentriere mich so auf meine Haltung zum Zypressenbaum im Hof, dass ich mit dem Denkblick auf diese Szene meine schon gewonnene Losgelöstheit von Sympathien und Antipathien noch verstärke. Erst damit beginnt das eigentliche Meditieren. Während ich diese Szene und Loslösung fortlaufend hervorbringe, bin ich mir meiner Denkbewegung dabei bewusst und unterbreche diesen Vorgang nicht mehr wie vorher durch Reflexionen, was zu einem Wechsel von Nachdenken und meditativen Momenten führte. Der Zypressenbaum im Hof ist der Zypressenbaum im Hof, bildet sich immer mehr heraus, denn ich lege ja nichts mehr in die Szene hinein, sondern schenke ihr meine Bewusstheit, in der sie sich selbst offenbaren kann. Je intensiver meine Konzentration ist, desto mehr entwickeln sich zum Denken mein Mitfühlen und Mitwollen. Trotzdem ist das Meditationsthema nun nur noch meine Gelegenheit, diese Haltung zu erzeugen. Ich weiß um ihren Wert für den Alltag und für höhere Bewusstseinsstufen.