Sonnenberg | Die Egoisten
Hans-Peter Dieckmann:
Zu Ralf Sonnenbergs Artikel “Vergangenheit, die nicht vergehen will“


Ralf Sonnenbergs Artikel ist schon eine Herausforderung für viele Anthroposophen! Das wurde schnell an den Kommentaren auf dieser Website (nicht mehr verfügbar, M.E.) zu ihm deutlich, die von heftiger Kritik bis zu einer Reihe von erfreuten Reaktionen reichen, nach denen es endlich einmal jemand wagt, die Problematik von Rudolf Steiners Rassenlehre ungeschminkt anzusprechen, ohne dabei den differenzierten Blick auf sie und die Anthroposophie mit ihrem Initiator zu verlieren. Natürlich spielen in die Kommentare viele Erfahrungen mit den seit Jahren erhobenen Rassismusvorwürfen gegen die Anthroposophie und den Umgang von Anthroposophen mit ihnen und der Rassenlehre Rudolf Steiners hinein. Die konstruktiven Kommentare zu Ralf Sonnenbergs Artikel münden in die Frage: Wie können wir die Anthroposophie weiterentwickeln?

Es gibt ja nun einmal eine Reihe von problematischen Äußerungen Rudolf Steiners zu Rassenfrage, neben oder besser zusammen mit den vielen seiner Hauptlinie zu ihr, an die man meines Erachtens gut zur Weiterentwicklung anknüpfen kann: die Betonung der heutigen Vorrangstellung der Kulturen vor den Rassen bis hin zur sachlich prophezeiten (und von ihm gewünschten und geförderten) völligen Bedeutungslosigkeit der Rassenzugehörigkeit, an deren Stelle dann ganz die Individualität treten wird. Doch was hindert uns Anthroposophen daran, die problematischen Äußerungen Rudolf Steiners zu modifizieren, oder wenn das nicht möglich ist, sie “über Bord“ zu werfen? Es wurden in den Kommentaren schon mehrere Antworten angedeutet, die ins Positive gewendet alle zu einer Verstärkung der Erkenntnishaltung raten. Die Verstärkung der Erkenntnishaltung ist aber das Anliegen des anthroposophischen Schulungsweges (die “Philosophie der Freiheit“ eingeschlossen), aus dem nicht nur mehr Vorurteilslosigkeit, meditative Vertiefung und Verantwortungsbewusstsein erwachsen, sondern auch mehr Eigenständigkeit gegenüber Rudolf Steiner. Ich will damit sagen: in der Anthroposophie selbst liegen Möglichkeiten, ihren jeweils erreichten Stand weiter zu bringen, auch den der Erkenntnismethoden, wobei zu den Erkenntnismethoden ein sauberes “materielles Erkennen“ (siehe zu ihm Ralf Sonnenbergs Artikel) gehört. Was in den Horizont der materiellen Erkenntnis fällt, kann schon mal nicht abgerundete hellseherische Erkenntnisse ergänzen, Irrtümer von Hellsehern korrigieren und darauf hinweisen, wo sicher oder eventuell Vermischungen von Ergebnissen aus dem Hellsehen mit gewöhnlichen eigenen Meinungen und/oder Zeit bedingten Äußerungen vorliegen. Umgekehrt kann die materielle Forschung von hellseherischen Anregungen ungemein profitieren. Für aller Erkenntnisarten ist aber klar: selbst die besten Erkenntnismöglichkeiten werden von uns Menschen nicht immer voll erfüllt, egal auf welcher Ebene, auch von Eingeweihten nicht und sei es, weil sie nicht 24 Stunden am Tag Eingeweihte sind, wie Rudolf Steiner mal über sich selbst angemerkt hat. Gerade deshalb halte ich eine Erkenntniskultur für wichtig, in der man sich gegenseitig berichtigt und anregt.

Zur Weiterentwicklung von Rudolf Steiners Evolutionsbegriff*: Zu der bei ihm vor allem als progressive Stufenfolge dargestellten Evolution Richtung Individualität und offene Gesellschaftsformen, die der Individuation die notwendigen Freiräume geben, sollte man auch nach meiner Überzeugung stärker den Wert alter meistens außereuropäischer Kulturen betonen, zum Beispiel weil man 1. an ihnen für die egoistischen und materialistischen Abgleitungen in offenen Gesellschaften (auch außerhalb Europas und Amerikas) aufwachen kann, 2. weil sich bis heute aus alten spirituellen Kulturen gegenwartsrelevante Anregungen für Europäer und Amerikaner beziehen lassen, die allerdings deren Gegenwart angepasst werden müssen und 3. weil es in den alten spirituellen Kulturen durchaus fruchtbare neue Entwicklungen mit vielen Impulsen aus ihren eigenen Voraussetzungen gibt, in Asien etwa bei Sri Aurobindo und Mahatma Gandhi. In was für Abgründe eine traditionelle Haltung führen kann, welche die Evolution Richtung Individualität und offene Gesellschaften nicht würdigt, zeigt sich an Julius Evola.

Hans-Peter Dieckmann



* Zur Erweiterung des Evolutionsbegriffs von Rudolf Steiner und zur Auseinandersetzung mit seinen Ausführungen zur Rassenfrage siehe auch das Frankfurter Memorandum der Info3.