Selbstbestimmung | Die Egoisten
Hans-Peter Dieckmann: Erkenntnis und Selbstbestimmung



Gewöhnlich kommen wir denkend zu Erkenntnissen, aus reinem Nachdenken mit oder ohne Beobachtungsbezug. Sollte man meinen, oder? Ich finde zumindest, das wäre angebracht, denn wir wissen ja was für Urteile entstehen, wenn wir uns durch Emotionen oder zum Beispiel Begehren beeinflussen oder regelrecht hinreißen lassen. Denkend orientiert man sich mehr am Thema und bleibt beweglicher, eben weil man das Thema in den Mittelpunkt stellt und nicht sich selbst mit seinen Vorlieben. Dabei verstehe ich unter Denken noch kein meditatives Denken, sondern einfach ein alltägliches Denken, bei dem es um sachliche Klärungen geht. Selbst wenn dieses Denken keine spirituellen Erkenntnisse berücksichtigt, betätigt es sich bereits im übersubjektiven Geist und kommt ihnen damit entgegen. Zu Änderungen des Verhaltens führen seine Erkenntnisse allerdings nur, wenn sie durch Fühlen und Wollen eine genügende Zustimmung erfahren, die beim Streben nach Objektivität aber schon auf die Bereitschaft gestimmt sind, Erkenntnisse in Taten umzusetzen.

Doch wer weiß es nicht auch von sich selbst, immer gelingt das nicht: so absurd das ist. Denn was ergibt es für einen Sinn, Erkenntnisse bloße Erkenntnisse sein zu lassen! Wir wollen das nicht und haben in solchen Verfassungen trotzdem ein Stück weit unsere Selbstbestimmung verloren: an aktuelle Emotionen, Gefühlsgewohnheiten, Begehren oder Triebe und mit ihnen aufgeladene Gedanken. Auch Hellseher sind davor nicht gefeit und dann besonders betroffen, wenn sie solche Verfassungen zu wenig durchschauen. Nicht nur Fehlinterpretationen ihrer übersinnlichen Wahrnehmungen sind die Folge, sondern viel leichter als an Sinneseindrücken zugleich Wahrnehmungsverzerrungen, weil diese Verfassungen unmittelbar entstellend auf übersinnliche Wahrnehmungen einwirken.


Der anthroposophische Schulungsweg bietet viele Übungsanregungen, Einschränkungen der Selbstbestimmung vorzubeugen, sie zu stärken oder wiederzuerlangen. Besonders aus der Tagesrückschau lässt sich eine spezifizierte Fassung ableiten, die geeignet ist, direkt auf das Problem bezogen die Selbstbestimmung neu zu gewinnen: das Betrachten einer Vorstellung seiner selbst unter dem Einfluss von etwa mit Emotionen aufgeladenen Gedanken. Wie bei der Tagesrückschau ist es wichtig dabei einen Abstand herzustellen und trotzdem die Emotionen und Gedanken in der Vorstellung ganz zuzulassen. Ohne den Abstand würde man sich schnell wieder mit ihnen identifizieren und könnte sie deshalb weder untersuchen noch aufbauend bewerten. Den Blick lenkende Fragen können dafür sein: Was hat man unter dem Einfluss dieser emotionalisierten Gedanken schon alles getan? Worin besteht der Charakter der Emotionen und Gedanken? Und wo haben sie ihre seelischen Wurzeln? Die Bewertung zur ungeschminkten Betrachtung ergibt sich wie bei der Tagesrückschau gut, wenn man das Unwesentliche bzw. Unwesenhafte von dem für die Zukunft ausgemalten Wesentlichen bzw. Wesensgemäßen unterscheidet. Nach meiner Erfahrung ist es aber auch schon entspannend, sich in der emotionalisierten Verfassung von außen nur anzuschauen. Man ist dabei achtsamer als sonst, weshalb sich in dieser Entspannung allerdings meistens leicht Einsichten bilden oder empfangen lassen. Die Achtsamkeit ermöglicht eben nicht nur eine reifere eigene und mehr intuitive Denktätigkeit, sondern sie ist zugleich eine Öffnung zum Übersinnlichen. Die gewonnenen Einsichten zünden, denn sie werden erlebt und wirken tiefer läuternd auf irrationale Verfassungen als bloße Vernunftgedanken. Das befreit das Fühlen (und später entsprechend das Wollen) bei wiederholter Übung allmählich in dem Maße zum Erkennen, als es nun weniger stark in Form von Gefühlsreaktionen auf der Skala persönlicher Sympathien und Antipathien in Anspruch genommen wird. Unter anderem als nicht von Gedanken bereits geprägtes Wahrheits- und Gerechtigkeitsempfinden, als Mitfühlen und in der Ästhetik kann es dann sogar das Denken leiten.