Lasse tragen deine Seele | Die Egoisten
Hans-Peter Dieckmann:
Lasse tragen deine Seele von meiner starken Kraft

Wenn ich Achtsamkeit zu meinem Meditationsthema mache, weiß ich eigenständig vorweg, was Achtsamkeit bedeutet. Ich verstehe Achtsamkeit ja als Idee, um von dieser Idee ausgehend, Achtsamkeit als meine Bewusstseinshaltung zu erzeugen. Immer wieder erschließen sich mir allerdings neue Grade von Achtsamkeit, manchmal (bildhaft ausgedrückt) mit “an ihren Rändern“ erspürten Bewusstseinsgrenzen, die ich dann aber deutlich als vorläufig erfahre. Vor den “Rändern stehend“ erscheinen sie wie Schwellen, die es zu überschreiten gilt: jedoch als mein Aufklaren für sie, womit sie einfach fortfallen; nicht als das Zurücklegen einer räumlichen Strecke. Bei voller Einstiegskonzentration vergesse ich meinen Körper in diesem Prozess und werde zu meinem jeweiligen Achtsamkeitslevel, aber wenn ich darin gefestigt bin, kann ich gut zugleich meinen Körper und genauso gut auch eventuell auftretende Gedanken und Gefühle ins Bewusstsein nehmen. Dank meiner Achtsamkeitswarte beobachte ich sie nun weniger verflochten und Lösungen und Entspannungen entstehen wohltuend aus jedem Durchschauen bis über die Meditationszeiten hinaus.


Ein neues Meditationsthema

Rudolf Steiners Meditation “Lasse tragen deine Seele von meiner starken Kraft“ bin ich in einem Meditationskreis begegnet. Sie ist eigentlich eine von ihm an einen spirituellen Schüler gegebene individuelle Morgenmeditation, die aber so allgemein aufgebaut ist, dass ich sie für jeden Interessierten geeignet halte. Im Wechsel mit der zur Achtsamkeit übe ich “Lasse tragen deine Seele von meiner starken Kraft“ inzwischen auch alleine. Bei den Monatstreffen wird der Meditationsspruch Satz für Satz mit stillen Zeiten nach jedem angesagt, aber jedes Kreismitglied meditiert für sich in der Runde. Die gesprochenen Sätze behindern nach meiner Erfahrung und den Erfahrungsberichten der anderen Kreismitglieder nicht ihre Umsetzung auf eine geistige Ebene. Hier der Meditationsspruch:

(Man stelle sich vor, H-P.D.):

Ein Stern über dem Haupte.
Christus spricht aus dem Stern:

Lasse tragen
Deine Seele
Von meiner starken Kraft.

Ich bin bei dir
Ich bin in dir
Ich bin für dich
Ich bin dein Ich.


Seelenruhe (als innere Stille und Empfangshaltung hervorrufen, H-P.D.)


(Aus Seelenübungen I, GA 267, S. 412)

Ich kann mich in diesen Meditationsspruch nicht wie in die Achtsamkeit ohne übernommene Angaben vertiefen. Denn alles von meinem Wissen über den Christus verdanke ich den Evangelien und einigen Darlegungen zu ihnen, besonders Rudolf Steiners (nach eigenem Bekunden nicht abgeschlossenen) und Georg Kühlewinds (natürlich auch nicht abgeschlossenen) Forschungsergebnissen! Aber sie bringen die Quelle in Resonanz, da sie etwas von ihr in gedanklicher Form “verzaubert“ enthalten, woraus sich dann neue Wahrnehmungen und Einsichten ergeben. Ich erfahre jedoch auch bereits das Meditieren des Bekannten als wertvoll, denn dabei verinnerliche ich mein Wissen mehr als beim Textstudium.


Hinweise auf mein Üben dieser Christus-Meditation

In den vorgestellten Stern über mir sehe ich den Christus als den Logos des Urbeginns hinein, der von sich sagte: Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben, so wie ich während meiner Meditationen jeweils in der Lage bin, ihn als diesen Logos nach seinem freiwilligen Leiden, seinem Tod und seiner Auferstehung für die Menschheit und die Erde mit allen ihr verbunden Wesen zu verstehen.

“Lasse tragen deine Seele von meiner starken Kraft“: Ich gehe dazu über, mir zu dieser Ansprache meine je aktuelle seelische Verfassung bewusst zu machen, ganz ungeschminkt, wobei ich meine Achtsamkeit vom Körper weg rein auf mein Seelenleben verlagere. Lädt Christus mich dazu nicht ein? Ja, er bietet mir sogar seine Kraft an, meine ganze Seele, nicht nur ihre reifen Anteile, zu tragen. Das ist das Klima, in dem wirkliche seelische Öffnungen möglich sind. Ich finde seine Haltung nicht selbstverständlich – und kann aufatmen.

“Ich bin bei dir“: Den Christus vergegenwärtige ich mir nun als meinen freundschaftlichen Begleiter. Er steht für mich (und jedes andere Wesen, denke ich mit) bereit. Er drängt sich nicht auf. Er bietet an: sein Vorbild wirkt dabei auf mich wie der beste Rat.

“Ich bin in dir“: Sicher lebt der Christus in allen meinen Wesensgliedern, aber wie verschieden: je bewusster sie mir sind, desto mehr muss ich ihn zur Wirksamkeit einladen oder bringen. Doch was wird nicht alles in den mir unbewussten Tiefen meines Wesens weise im Geist des Logos bewirkt, als notwendige Bedingung meiner seelischen Existenz: zum Beispiel für das Zusammenspiel meines physischen Leibes mit meinem Lebens- und Astralkörper, in das sich allerdings auch mein belastendes Karma eingeprägt hat. Natürlich entspreche ich längst nicht in jeder Hinsicht (und individualisiert) dem vom Logos geschaffenen Urbild des Menschen, an dem sich dieses Wirken orientiert, ist hierzu meine ernste Selbsterkenntnis. Aber aus ihr entspringt meine Sehnsucht nach Verwandlung, der stark mein Impuls zum Loslassen von allen durch mich zu verantwortenden Entstellungen erwächst.

“Ich bin für dich“: Welch eine Bejahung! Von Meditation zu Meditation antworte ich auf sie mit reiner Freude, gerade weil ich nicht nur mich, sondern ebenso jedes andere Wesen angesprochen fühle. Diese Ansprache stiftet Sinn: die Welt muss nicht überwunden werden; der Christus eröffnet durch sein “Ich bin für dich“ vielmehr Entfaltungsräume, ihre Unvollkommenheiten emporzuheben.

“Ich bin dein Ich“: Ja, mein innerstes Wesen ist eins mit dem Christus-Logos. In ihm liegt die großartige Quelle meiner Möglichkeiten zur schöpferischen Selbstinitiative, zur Anfangsfähigkeit (wie Georg Kühlewind sie nannte) oder zum Urbeginnen: in welcher Situation auch immer. Es hängt nur von mir ab, ob ich sie betätige. Auf meine Art versetze ich mich jetzt in die Christushaltung. Mein Atem wird weit: voller Zustimmung für alle Wesen, ja ich vollziehe (in der Vorstellung) ihre Freuden und Leiden, ihre Stärken und Schwächen als meine mit – und doch nur in Form eines erlebten Vorgriffs. Aber es sind diese Vorgriffe, die mich ihrer vollen Realität näher bringen.

“Seelenruhe“: Je besser es mir gelingt, das eben Meditierte fallen zu lassen, um eine Empfangsbereitschaft bei innerer Stille herzustellen, desto mehr kann sich dieser Stille erschließen. Das Meditationsthema in der gerade durchlebten Fassung grundiert aber meine Empfangsstimmung und spricht im Übersinnlichen an, was ihm verwandt ist. Etwas beginnt sich zum Thema zu melden, das ich nicht allein hervorbringe, oft in Verbindung mit Selbsterkenntnishinweisen. So war der Hauptzug der während dieser Meditation auftretenden Imaginationen zunächst überraschend für mich: fast alle Chakra-Bereiche erfuhr und erfahre ich immer wieder mit Bezug auf ihre Stellung zu meinem physischen Leib und manchmal dazu oder erst später ein wenig von der belebenden und öffnenden Kraft, die zu dieser Erfahrung (neben meinen eigenen Bemühungen) beiträgt. Dabei treten mir die Chakra-Bereiche entscheidend als Lokalisationen je verschiedener ätherischer und astralischer Verfassungen zwar nur anfänglich ins Bewusstsein (am umfangreichsten an den Zentren Stirn und Herz), weniger als Wahrnehmungsorgane, aber deutlich genug, um mich (als Ich) klar im vollen Spektrum des Menschlichen zu erleben. Die Spanne des Christus umfasst das Vollmenschliche, weshalb schon sein Bild, wenn man sich intensiv mit ihm verbindet, zur Entwicklung des ganzen Menschen anregt: zur Überschreitung des Alltagsbewusstseins ohne jede einseitige Spiritualität. Das braucht Achtsamkeit. Was ich aus diesen Erfahrungen mache, liegt in meiner Initiative.