Reines Denken | Die Egoisten
Hans-Peter Dieckmann: Das reine Denken

Immer mal wieder wird auf dieser Website das reine Denken erwähnt. Doch was bedeutet es im Sinne der Anthroposophie? In Anknüpfung an den ersten Teilsatz einer Ruhe-Meditation von Rudolf Steiner “Ich trage Ruhe in mir, …“ (1) möchte ich zu dieser Frage einige Hinweise geben.

Für den Einstieg in die Ruhe-Meditation wird es nach meinem Überblick oft als hilfreich empfunden, wenn man sich Ruhe-Situationen oder einen Menschen, den man als in sich ruhend kennt, vorstellt, um die daran erlebte Ruhe danach auf sich zu übertragen. Ruhe-Situationen können zum Beispiel sein: eine Stille im Wald, in der Wüste, am Strand, oder die Stille und Ungestörtheit eines Zimmers. Natürlich kann man auch sofort eine Vorstellung bilden, bei der man sich von Ruhe durchdrungen sieht. Das sind (erinnerte oder geschaffene) Vorstellungen von äußerer, fremder oder eigener Ruhe, welche die Idee der Ruhe bildhaft umkleiden und spezialisieren. Die Idee der Ruhe umfasst dagegen gedanklich alles, was Ruhe ausmacht. Ein Stück weit wird sie bei jeder Ruhe-Vorstellung bereits mitgedacht. Um sie rein als Idee zu denken, muss man sie von allen Sinneselementen lösen, was vielen Menschen schwer fällt, weil ihr Erleben und deshalb ihr Wirklichkeits- und Selbstverständnis einseitig an die Sinneswelt gebunden sind. Indem man den Fokus seiner Aufmerksamkeit von der bildhaften Einkleidung der Ruhe auf ihre Bedeutung verlagert, nähert man sich der Ruhe-Idee, die – im zweiten Schritt – bei voller Konzentration auf die Bedeutung dann allein aufleuchtet. Wem es gelingt, sich voll auf die Ruhe-Idee zu konzentrieren, ruft Ruhe zugleich als Gefühl und bald auch als Wille hervor.

Damit das Denken der Ruhe (und jeder anderen Idee) als reines Denken verlaufen kann, muss man es zugleich von seinen schon veranlagten Emotionen, Begehren, Trieben und Instinkten unabhängig halten. Man bewegt das reine Denken eben aus der Klarheit voll durchschauter Gedanken, wobei nur noch ein höheres Fühlen und Wollen mitwirken. (2) Die Unabhängigkeit von seinen schon veranlagten Emotionen, Begehren, Trieben und Instinkten sollte nach meiner Erfahrung ohne jede Unterdrückung angestrebt werden, wobei man zunächst auf mehr Achtsamkeit im Umgang mit ihnen und später auf ihre Reifung zielt. Die Denkeinsichten bilden dafür einen wirksamen Ansatz. Das reine Denken verläuft außerdem frei von jeder Sprache. Solange man sich etwa das Wort Ruhe innerlich vorsagt, betätigt man sich nicht ausschließlich geistig, sondern benutzt ein wenig seine Sprachorgane und legt die Ruhe-Idee eventuell auf eine bestimmte Sprachauffassung von ihr fest.

Das reine Denken wird weiter entwickelt, wenn man sich die Denktätigkeit zu den Denkinhalten bewusst macht, wofür sich länger andauernde und wiederholte Konzentrationen auf nur eine Idee gut eignen. Sie trainieren die Denktätigkeit bzw. den Denkwillen besser als das schnelle Wechseln von Gedanke zu Gedanke. Die Denktätigkeit wird zusammen mit den Denkinhalten bemerkt. Spätestens dann bestätigt sich als Erfahrung, was Rudolf Steiner für das reine Denken oft dargestellt hat: es verläuft vom Gehirn gelöst, man weitet sich über seine Körpergrenzen hinweg aus und kann sich nun sagen: “Wenn du im Denken richtig drinnen lebst, lebst du, wenn auch zunächst auf eine unbestimmte Weise, im Weltall.“ (3) Man erfasst dabei die Weltgeheimnisse allmählich an einem Zipfel, wie es Rudolf Steiner in seiner “Philosophie der Freiheit“ ausgedrückt hat, denn man hat sich über die Sinnesbeobachtungen in Richtung auf ihre geistigen Gründe erhoben. Doch da der Eingang in die eigentliche Geistesforschung durch das imaginative, inspirative und intuitive Erkennen noch nicht erreicht ist, erschließt sich das Übersinnliche erst in Form von selbst hervorgebrachten und empfangenen Gedanken. Das sonst punktuelle Ich-Erleben (von dem aus man sich von der Sinneswelt umgeben erfährt) ist aber bereits mit einem mehr sphärischen vertauscht, so dass man jetzt vom geistigen Umkreis auf sich schaut. Man wird sich Objekt, so Rudolf Steiner, wobei man nach ihm (was überprüfbar ist) mit dem nun betätigten Denken “geistige Fühlfäden“ (4) in sich hineinstrecken kann und dabei vertiefte Selbsterkenntnisse gewinnt.

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Quellen

1 Rudolf Steiner, Mantrische Sprüche – Seelenübungen II (GA 268)

Ich trage Ruhe in mir,
Ich trage in mir selbst
Die Kräfte, die mich stärken.
Ich will mich erfüllen
Mit dieser Kräfte Wärme,
Ich will mich durchdringen
Mit meines Willens Macht.
Und fühlen will ich
Wie Ruhe sich ergießt
Durch all mein Sein,
Wenn ich mich stärke,
Die Ruhe als Kraft
In mir zu finden
Durch meines Strebens Macht.

2 Rudolf Steiner charakterisierte dieses höhere Fühlen und Wollen
in seiner “Philosophie der Freiheit“ als Kraft der Liebe in geistiger Art.

3 Rudolf Steiner, Mysteriengestaltungen (GA 232); zitiert nach Otto Palmers “Rudolf Steiner
über seine Philosophie der Freiheit“, S. 44 – 46

4 ebenda